9punkt - Die Debattenrundschau

Aufgeregtes Spontan-Ich

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.01.2014. In der FAZ fragt Dietmar Dath, was Pornografie ist, wenn sie wirklich aussieht - aber nicht ist. In der NZZ trauert Martin R. Dean um jene Gatekeeper, die der nun ausschließlich mit ihrer Selbstdarstellung befassten Bevölkerung einst den Stil enbläuten. Von Saudi Arabien zur Ukraine: Techcrunch prangert die immer dreisteren digitalen Hundeleinen der Regierungen an. Memri stellt ein Dossier über Dieudonnés panideologischen Antisemtismus zusammen. 

Überwachung

Überall wird berichtet, dass ukrainische Demonstranten per SMS von der Polizei verwarnt werden. Sie steht damit nicht allein, schreibt Gregory Ferenstein in Techcrunch: "Regierungen in der ganzen Welt, inklusive den USA werden bei der Ortung von Abweichlern und Demonstranten immer dreister. Laut USA Today hat die Polizei von Miami dem Stadtrat mitgeteilt, das sie für diesen Zweck eine eigene Technologie angeschafft hat. Bis vor kurzem hielt Saudi Arabien seine Frauen, wenn sie das Land verlassen wollten, an einer digitalen Hundeleine, die ihre Ehemänner über jeden Schritt informierte."

Bei einer Pressekonferenz mit dem vielversprechenden Titel "Zombie-Bügeleisen aus der Hölle - das dunkle Internet der (Haushalts-) Dinge" eröffnen die NRW-Piraten Daniel Schwerdt, Lukas Lamla, Nico Kern und Joachim Paul den Anwesenden Journalisten, dass jeglicher Mailverkehr mit Landtagsabgeordneten der NSA im Klartext vorliegt, berichtet Andreas Wyputta in der taz: "Der Zugang zum Intranet des Landtags werde noch immer mithilfe des US-Unternehmens RSA Security gesichert - dabei hätten die Enthüllungen von Edward Snowden ergeben, dass der Geheimdienst NSA der Firma 10 Millionen Dollar gezahlt hat, um Zugriff auf das Verschlüsselungssystem zu erhalten. Außerdem laufe sämtlicher Mailverkehr des Landtags - auch der von Büro zu Büro - über Server des Google-Dienstleisters Postini - und sei damit ebenfalls einsehbar."
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Gesellschaft

Früher war der Stil Ausdruck des Charakters, heute ist er ein rein äußerlicher Bestandteil der Selbstdarstellung, schreibt der Schweizer Schriftsteller Martin R. Dean in einem wehmütigen Essay in der NZZ. Schuld daran ist, natürlich, das Internet: "Es wirkt als Schleusenöffner. Wo die 'Gatekeeper' des Anstands und des guten Geschmacks fehlen, kommt es zur permanenten Vermischung von privater und öffentlicher Sphäre, wobei meistens kein zufrieden in sich ruhendes, sondern zu oft ein aufgeregtes Spontan-Ich sich zu Wort meldet. Die leichte Möglichkeit der Veräußerung von Affekten, zu der die neuen Kommunikationsmedien einladen, verhindert, dass die 'innere Natur' bearbeitet, geschweige denn, dass sie überhaupt noch reflektiert wird. In den ungebremsten Hassausbrüchen in Blogs und Internetforen findet ein 'Unselbst' seine Bühne, das die Möglichkeit zur Contenance verloren hat."

Dietmar Dath macht sich in der FAZ Gedanken über Pornografie im Netz, die inzwischen so präsent ist, dass sie eine globale sexuelle Bildsprache festgelegt hat. Soll man sie ignorieren oder sein "Unterscheidungsvermögen ausbilden", wie es der Comicautor Alan Moore vorschlägt? Und was ist mit sexuellen Darstellungen, die - von Menschen ausgeführt - verboten sind, wenn sie von Animationen ausgeführt werden, die von Menschen nicht mehr zu unterscheiden sind? "So wird unter westlichen Fans japanischer sexualisierter Zeichen- und sonstiger Trickdarstellung ('Hentai') bereits diskutiert, ob Kinderpornografie nicht zu legalisieren wäre, wenn denn jeweils nachgewiesen werden kann, dass kein reales Kind zu Schaden kommt." (Mehr über Hentais erfahren Sie beim Vice Magazine.)

Das Unheimliche am Fall Dieudonné ist ja, dass er - über seinen Antisemitismus - eine Fusion rechtsextremer, postkolonialer, linker und islamischer Extremismen herstellt. Die "Quenelle" ist ihr Symbol. Die israelische Organisation Memri hat ein nützliches Dossier über Dieudonnés antisemtische Äußerungen und Spektakel zusammengestellt: "The quenelle appears to have rallied anti-Jewish sentiment among people of all backgrounds, from the extreme right to Muslims. However, along with promulgating his 'anti-Zionist' views and mocking and denigrating the Holocaust, Dieudonné is also promoting joining Islam as a means of fighting Zionism. On Iran's Sahar TV in September 2013, he said: 'The time has come to form a united front against Zionism."

Außerdem: Die Zeit hat heute - durch alle Ressorts verstreut - eine Artikelreihe mit zwölf, zum Teil ganzseitigen, Porträts von Heldinnen der Redaktion: Dazu gehören die Kosmonautin Walentina Tereschkowa, die Fotografin Gerda Taro und die Kinderbuchautorin Enid Blyton.
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Urheberrecht

In Ohio wurde ein Mann, der eine Google Glass-Brille trug, während einer Vorführung aus dem Kinosaal abgeführt und beschuldigt, den Film mit der in die Brille eingebauten Kamera mitgefilmt zu haben, berichtet Patrick Beuth auf Zeit Online. Der amerikanische Filmverband MPAA schätzt die Datenbrille allerdings nicht als ernsthafte Bedrohung ein: "Das hat vermutlich technische Gründe: Der Akku von Glass hält nur etwa 45 Minuten durch, wenn die Videofunktion eingeschaltet ist. Zudem ist die Kamera weniger leistungsfähig als die eines guten Smartphones. Der Verband täte gut daran, das den Kinobetreibern klarzumachen."

Außerdem ist Christian Wildhagens großer FAZ-Artikel über Richard Wagners "Parsifal" und das Urheberrecht, von dem wir gestern berichteten, heute online zu lesen.
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Europa

(Via Cory Doctorow) Das Blog mostlysignssomeportents.tumblr.com präsentiert in einer übersichtlichen Grafik alle repressiven Maßnahmen, Weisungen und Gesetze, die die ukrainische Regierung erlassen hat - hier nur ein Ausriss. In voller Größe können Sie die Grafik hier sehen:





Gawker bringt eine ganze Serie eindrucksvoller Reportagefotos von den Protesten in der Ukraine.
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Stichwörter: Cory Doctorow, Gawker, Ukraine

Medien

Auf der Medienseite der FAZ erklärt Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner im Interview, warum Springer seine Regionalzeitungen verkauft hat: "Wir wollen Marktführer sein und Medien mit Alleinstellungsmerkmal verlegen. Das ging bei den Regionalzeitungen aufgrund kartellrechtlicher Beschränkungen nicht. Das Kartellamt hat uns Übernahmen, Mehrheits- und sogar Minderheitsbeteiligungen untersagt."

Ebenfalls auf der Medienseite der FAZ findet sich ein freundlicher Bericht von Frank Pergande über den Prozess wegen Steuerbetrugs gegen den ehemaligen Zeit-Chef Theo Sommer: "Im Verfahren war auch zu erfahren, dass Sommer seine Lebenserinnerungen schreibt."
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Ideen

Die im März erscheinenden "Schwarzen Hefte" Martin Heideggers haben bereits reichlich Wirbel wegen antisemitischer Äußerungen ausgelöst. Das bislang verschollen geglaubte Heft von 1945/46 lag bei dem Literaturprofessor Silvio Vietta in Heidelberg, dessen Mutter Dory ein Verhältnis mit Heidegger hatte, berichten Alexander Cammann und Adam Soboczynski in der Zeit. Falls der kurze Auszug das Knackigste ist, was das Heft zu bieten hat, ist es wohl eher eine Enttäuschung. Heidegger schreibt über den Entzug seiner Lehrerlaubnis an der Uni Freiburg: "Die Frage nach dem Recht zu solchem Vorgehen möchte ich nicht stellen - nur die nach dem Geschmack..." Für Heidegger, so die Zeit-Autoren, war das Lehrverbot eben keine "Frage der politischen Moral, denn Demokratie und Faschismus sind Teil ein und derselben Seinsvergessenheit, für die er an früherer Stelle der Schwarzen Hefte besonders die Juden verantwortlich macht."
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