9punkt - Die Debattenrundschau

Die Legende des väterlichen Retters

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.01.2014. In der NZZ ist die Autorin Mansura Eseddin fassungslos über die Rückkehr der ägyptischen Revolution an den Nullpunkt. Bernard-Henri Lévy rauft sich in Le Point die Haare über die arabische Liga, die angesichts der Gewalt in ihrer Region nur eine Gefahr für den Frieden erkennt: Israel. Die FAZ erzählt, wie der Wagner-Clan einmal wegen Urheberrechten in den Streik trat. Auch in Frankreich wird über Sterbehilfe diskutiert. Und die Welt begrüßt den neuen Perlentaucher.

Politik

Die Schriftstellerin Mansura Eseddin schickt der NZZ ein erschütterndes Stimmunsgbild aus Ägypten, wo die Revolution ihre Kinder zu fressen begonnen hat: "Von Anfang an hatten die jungen Revolutionäre durch ihre Parolen und Stellungnahmen ihr Verlangen bekundet, einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen und aus der erstickenden Hierarchie der ägyptischen Gesellschaft auszubrechen... Paradoxerweise ist jedoch das genaue Gegenteil dessen geschehen, was sich die jungen Demonstranten erhofft hatten. Nicht die Väter starben; stattdessen sahen wir in den vergangenen drei Jahren, wie die Söhne liquidiert und ihre Leichname verstümmelt wurden, während die Legende des 'väterlichen Retters' auferstand: Nichts zeigt dies deutlicher als die Leidenschaft, mit der Millionen von Ägyptern General Abdelfatah as-Sisi anhimmeln."

Reiner Wandler portätiert in der taz die beiden tunesischen Rapper-Stars Lil'K und Weld el 15, die von der Straße heißgeliebt und von den Behörden drakonisch verfolgt werden: "'Wir glaubten, dass es in diesem Land eine Revolution gegeben hat, aber in Wirklichkeit haben wir nur eine Regierung zu Fall gebracht. Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße", rappt Weld el 15 und lebt im Song seine Gewaltfantasien gegen die Polizisten aus. Er träumt davon, sie zu schlagen, sexuell zu erniedrigen, ihre Mütter zum Weinen zu bringen." Dafür wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Die Unesco hat eine vom Wiesenthal-Zentrum vorbereitete Ausstellung über die Geschichte Israels abgesagt, nachdem 22 arabische Länder protestiert hatten. Bernard-Henri Lévy stöhnt in seinem Notizblog für Le Point auf: "Schweigen wir über die Blindheit einer arabischen Liga, die angesichts der nuklearen Gefahr aus dem Iran, der Erstarrung der ägyptischen Revolution, der Niederschlagung jeglicher demokratischen Regung in Bahrein und den Emiraten und, last not least, dem Massaker an 130.000 Syrern, verübt vom liebenswerten Baschar Al-Assad, immer nur eine Gefahr für die Region sieht: Israel, immer wieder Israel."

Und im Guardian natürlich die Berichte zu Kriegsverbrechen in Syrien, die mit schockierenden Fotos und großen Zahlen vor der Syrien-Konferenz dem Assad-Regime Folter und Mord vorwerfen.
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Kulturpolitik

Richard Wagner wäre heute sicher auf der Seite der Urheberrechtsfundamentalisten. Seinen "Parsifal" wollte er nur in Bayreuth aufgeführt sehen. Aber just vor dem Ersten Weltkrieg wurden die Rechte frei, und eine riesige "Parsifal"-Welle setzte ein, erzählt Christian Wildhagen in der FAZ: "Schon der Verzicht auf Festspiele im Jubeljahr 1913, zu Wagners hundertstem Geburtstag, war eine Trotzreaktion der Familie gewesen, nachdem diese zum zweiten Mal mit ihrem Vorhaben gescheitert war, sich die ererbten Rechte an Wagners Werken gesetzlich verlängern zu lassen - über die damals geltende Schutzfrist von dreißig Jahren nach dem Tod des Urhebers hinaus."

Cornelia Lütkemeier unterhält sich in der FAZ mit Gisela Geiger, der Leiterin des Museums Penzberg, die selbst zwei Beltracchi-Fälschungen aufgesessen ist, über Konsequenzen aus dem Skandal: Sie fordert eine Vernetzung von Experten und Gutachten, die sich nicht auf Stilkritik beschränken, sondern obligatorisch auch naturwissenschaftliche Methoden einschließen.

Überwachung

Edward Snowden weist Vorwürfe zurück, er sei ein russischer Spion. Erhoben worden waren sie von einem republikanischen Politiker, berichtet Jane Mayer im New Yorker, die Snowden offenbar über verschlüsselte Mails interviewen konnte. "Er betonte, dass er 'klar und unzweideutig allein gehandelt hat, ohne Hilfe durch wen auch immer, geschweige denn einer Regierung.'... In den neun Monaten seit Snowdens ersten Interventionen hat es eine Menge Spekulationen über seine Beweggründe gegeben. Aber die New York Times schrieb diese Woche, dass ein FBI-Repräsentant zu dem Ergebnis kam, das Mister Snowden allein handelte und bisher hat die Behörde keinerlei Material veröffentlicht, dass auf eine Zusammenarbeit mit Staaten oder Gehimdiensten hinweist."

Die taz hat einen Artikel von Friedrich Kittler aus dem Jahr 1986 online gestellt, in dem sich der Medientheoretiker mit James Bamfords Buch "NSA" (48 DM!) auseinandersetzt: "Bamfords NSA-Anatomie schreibt in die Gegenwart fort, was Derridas Die Postkarte von Sokrates bis an Freud und jenseits und Pynchons Versteigerung von No. 49 das Trystero-Komplott nannte. 'Das Abfangen von Korrespondenz', bemerkt ein Schulungsredner am britischen GCHQ, historischer als US-Kollegen und ihr Sachbuchschreiber, 'ist so alt wie die Korrespondenz selbst'. Nur blieb Kryptoanalyse, das Entschlüsseln von Codes und Chiffren, solange Handwerk (mit Bleistift und Rasterpapier), wie das Monopol auf Datenspeicherung und -Übertragung beim Medium Schrift lag, Befehle und Gedichte also denselben Kanal durchlaufen mußten."

Außerdem: Hannah Lühmann berichtet in der FAZ, das die Universität Rostock Edward Snowden die Ehrendoktorwürde geben will: "Sie würde Snowdens Beitrag symbolisch dort situieren, wo er anzusiedeln ist: in der Sphäre der Produktion wirkungsmächtigen Wissens."
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Medien

Marc Reichwein begutachtet in der Welt den neuen Perlentaucher - Schlenker am Schluss: "Für den Traffic der Website dürfte sich die neue Taktung positiv auswirken. Wir lernen? Mindestens zweimal täglich Feuilleton klicken. Morgens Efeu. Abends Aronal, äh 'Spätaffäre'".

Ebenfalls in der Welt nimmt Alan Posener das Scharmützel zwischen Jakob Augstein und den "Antideutschen" aufs Korn. Letztere wollen eine Lesung Augsteins sabotieren wegen seiner antiisraelischen Äußerungen.
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Gesellschaft

Auch in Frankreich wird zur Zeit über Beihilfe zum Selbstmord diskutiert (die in Deutschland per Gesetz verboten werden soll). Libération bringt eine ziemlich erschütternde Betroffenengeschichte eines Angehörigen: Cédric Terzi erzählt, dass seine Mutter die Hilfe eine Schweizer Organisation beanspruchte und bekam, obwohl sie körperlich nicht krank war. Von ihm erwartete sie, dass er sie begleite, was er nicht über sich brachte: Mit diesem Wunsch "hat mich meine Mutter in ihr Vorhaben hineingezogen. Je mehr Zeit verging, desto weniger war ich fähig, ihr die Hilfe zu geben, die sie verlangte. Zugleich konnte ich dem Drama nicht einfach zuschauen, ohne etwas zu tun. Meine Verzweiflung war so groß, dass sie mir die Kraft gab, etwas zu tun, was ich mir nie vorstellen konnte. Ich habe an einen Richter geschrieben, damit er meine Mutter eine psychiatrische Behandlung auferlegt." Aber seine Mutter konnte ihren Plan verwirklichen - und die Familie schnitt ihn wegen seiner angeblich mangelnden Solidarität.

Georg Seeßlen überlegt in einem Debattentext in der taz, wie eine linke Kulturkritik aussehen könnte, die nicht in Kulturpessimismus abgleitet und - mit Bourdieu - die Klassen mitdenkt: "Ich weiß nur, was ich auf gar keinen Fall sein möchte: Ein Besserer, der etwas Schlechteres missbilligt und das in sarkastische Worte kleidet. Teil einer 'gehobenen', mehr oder weniger linken Mittelstandskultur, die eine 'Unterschichtkultur' verachtet. Mindestens so notwendig, wie die Objekte der Kulturkritik so präzis als möglich zu treffen, ist es, eine genaue politische Grammatik der Kritik zu entwickeln: Ich will auch keiner sein, der das Falsche und Wertlose kritisiert, weil er so genau weiß, was das Richtige und Wertvolle wäre. Jede Kulturkritik, die etwas zu sagen hat, bezieht den Kritiker und seine Kultur mit ein."
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Weiteres

Marc Zitzmann beschreibt in der NZZ die ideologischen Konstellationen im mittlerweile rechtsextremen Kosmos des französischen Komikers Dieudonné.

Silke Burmester hat in der taz noch einige Fragen zur "Steuerverkürzung", wie es im vornehmen Fall eines Theo Sommers heißt, der sich wegen selbiger heute vor einem Hamburger Gericht verantworten muss.
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