9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Angst. Angst. Und Druck. Druck

08.09.2023. Jürgen Roth erzählt in der FAZ, wie ihn kriminell eingesetzte KI zu einer Marionette machte. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich Indien demnächst in Bharat umbenennt, meint die Welt: Aber wie weit soll die Dekolonisierung noch gehen, erstreckt sie sich demnächst auch auf das metrische System? In der NZZ schreibt Pascal Bruckner einen Nachruf auf die  Russlandhistorikerin Hélène Carrère d'Encausse, deren Geschichte nebenbei das französische Trauma der Kollaboration illustriert. hpd.de zeigt, wie die neuen amerikanischen Abtreibungsgesetze die Sterblichkeitsrate von Müttern steigen lässt.

Zuwachs von vier Prozent

07.09.2023. In der NZZ berichtet Irina Rastorgujewa über den historischen Wahn, der jetzt zur offiziellen Geschichte in russischen Schulbüchern gemacht wird. Die New York Times bringt erste Informationen über den Angriff auf die Stadt Kostjantyniwka. Der Tagesspiegel spricht mit dem  israelisch-arabischen Stammzellforscher Jacob Hanna, dem es gelungen ist, ein menschliches Embryo zu züchten. Es wird weiter über die Folgen der Aiwanger-Affäre gestritten.

Skandal-Garanten

06.09.2023. Es braucht mehr politische Teilhabe um den Rechtsruck nicht nur im Osten aufzuhalten, meint Lukas Rietzschel, der in der FAZ außerdem ein AfD-Verbot fordert. Besser wäre es, die AfD als Landesverräter im Dienste des Putinismus brandmarken, meint Richard Herzinger in seinem Blog. Die Medien sollten häufiger mal mit Handwerksmeisterinnen und Zahnärztinnen sprechen, fordert Leander Steinkopf in der Welt. Charlie Hebdo bringt einen Appell gegen Dänemarks neues Blasphemiegesetz.

Noch schwächer als die Sowjetunion

05.09.2023. Kleinere Länder lassen sich nicht mehr einfach "Einflusssphären" zuordnen - diese Lektion sollte die EU aus dem Ukrainekrieg mitnehmen, fordert die Politikwissenschaftlerin Veronica Anghel in der taz. Die Friedensbewegung hat das Nachdenken über Frieden in der Ukraine in Verruf gebracht, ärgert sich die NZZ. Ebenfalls in der NZZ skizziert die die Politologin Nina L. Chruschtschowa das postmoderne Wertedurcheinander in Russland. FAZ und taz hoffen auf ein Restitutionsgesetz für NS-Raubkunst, das die Limbach-Kommission nach zwanzig Jahren endlich fordert.

Höchster Champagner-Konsum je Kopf

04.09.2023. Die taz fragt fünf Jahre nach der Hetzjagd auf Migranten in Chemnitz: Wann beginnt endlich der Prozess gegen die Täter? Konservatismus und Ökologie sind kein Widerspruch, versichert in der NZZ der Philosoph Edward Kanterian. Die Konservativen müssten nur etwas langfristiger denken. Die FAZ erzählt, wie sich die Familie Bongo die Reichtümer Gabuns unter den Nagel gerissen hat. Die NZZ erklärt, warum die nigrische Elite Russland als Befreiungsmacht sieht. Ab heute dürfen in Berlin auch Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichten, hpd sammelt dazu kritische Stimmen säkularer Muslime.

Ein Ziel, das alle vor Augen haben

02.09.2023. Rechtes Denken war in den Achtzigern keine Randerscheinung der Generation Golf, erinnern taz und Spiegel im Fall Aiwanger. Und wie ist heute mit rechtem Denken umzugehen? Ein AfD-Verbot bringt jedenfalls nichts, glaubt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer in der SZ. Sein Kollege Steffen Mau plädiert ebenda für ein gesamtgesellschaftliches Projekt. Israel steuert auf eine radikale Theokratie zu, warnt Deborah Feldman im FAS-Gespräch. Und im Tagesspiegel erzählt die in Xinjiang geborene Kasachin Sayragul Sauytbay, wie Chinas KP sie noch im schwedischen Exil drangsaliert.

Dieses imaginäre Mauerwerk

01.09.2023. Längst "überfällig" nennen die  Historiker Kornelia Kończal und Stephan Lehnstaedt im Tagesspiegel das in Berlin geplante "Deutsch-Polnische Haus". Alle freuen sich, dass der Berliner Senat die Zentralbibliothek ins Haus der Galeries Lafayette stecken will, die Berliner Zeitung fragt nach dem Preis. In der FAZ fragt die Buchwissenschaftlerin Corinna Norrick-Rühl: Was machen die Konzernverlage mit der Literatur, und was macht Tiktok mit den Konzernverlagen?

Zumindest irgendetwas

31.08.2023. Das Schlaraffenland ist zwar noch nicht abgebrannt, warnt Michel Friedman in der SZ, aber viele kleinere Feuer wüten bereits. So gut wie alle NGOs in Europa machen sich große Sorgen, berichtet die taz, denn viele von ihnen werden von George Soros' "Open Society Foundation" unterstützt, die sich jetzt aus Europa zurückzieht. In der Zeit erzählt Roberto Saviano das Leben Jewgeni Prigoschins als Drehbuch für eine Fernsehserie, fürchtet aber, dass kein Sender so eine wilde Geschichte abgenommen hätte. Und in taz und FAZ macht sich der Journalismus über sich selbst Gedanken.

Zu viel Wunschdenken

30.08.2023. In Russland steht jetzt nicht nur die "heroische Geschichte des russischen Staates" auf dem Lehrplan, sondern auch das Werfen mit Granaten, berichtet die taz. Die FAZ ist skeptisch, ob die Vermeidungsstrategie im geplanten "Deutsch-Polnischen Haus" in Berlin am Ende aufgeht. Auf Quantara erzählt eine junge Syrerin von den Versuchen, dem syrischen "Massengrab" zu entkommen. Im Iran wird derweil das Gesetz "Hijab und Keuschheit" geplant, das Haftstrafen, Arbeits-und Reiseverbote für Frauen vorsieht, die sich weigern Kopftuch zu tragen. Und im Spiegel wirft Deborah Feldman den Deutschen ein "zwanghaftes Verhältnis" zum Judentum vor.

Darin wohnt ein Hologrammmädchen

29.08.2023. Die Revolution in der Ukraine war eine PR-Nummer, behauptet allen Ernstes im Weserkurier der SPD-Politiker Günter Verheugen. FAZ und Uebermedien fragen, warum die SZ ihre Aiwanger-Reportage literarisieren musste. Wie nützlich, aber auch unheimlich KI-gesteuerte Sexroboter sein können, erklärt der Maschinenethiker Oliver Bendel in der FAZ. "Wir zuerst" ist das Wesen des Faschismus, das gilt für rechte, aber auch für linke Identitätspolitik, meint der Dramaturg Bernd Stegemann in der Welt.