9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.06.2024. In einem SZ-Essay fürchtet die in Kopenhagen lebende Autorin Kathrine Tschemerinsky, dass liberale und säkulare Juden nach dem 7. Oktober nirgends mehr einen Ort haben, in Israel nicht, und auch nicht in der Diaspora. Auch Zeruya Shalev macht sich in einem FAS-Essay größte Sorgen um Israel. Der moldawische Künstler Alexandru Cosmescu erzählt in "Bilder und Zeiten", wie sich die moldawische Identität zusammensetzt. Der Tagesspiegel erzählt, wie Olaf Scholz die Trump-Regierung bezirzte, um Nord Stream 2 doch noch durchzukriegen.
21.06.2024. Die Ruhrbarone raten zu einer robusten Politik gegen den "Raumkampf" an Universitäten und Kulturinstitutionen. Fiebrige Stimmung diagnostizeren die Medien in Frankreich: Bernard-Henri Lévy ruft in Le Point auf, gegen die "doppelte populistische Infamie" zu stimmen. Der ungarische Soziologe Tibor Dessewffy warnt Europa im Tagesspiegel vor dem "Budapester Handbuch" der populistischen Rechten. Bülent Mumay erklärt in der FAZ, wie Erdogan die Europäer sehr sehr nervös machen könnte.
20.06.2024. Europa ist aus seinem Nachkriegs-Schlummer erwacht, stellt Peter Sloterdijk in der Zeit fest, jetzt gilt es, sich von "ängstlicher Blanko-Scheck-Politik" zu verabschieden. Der Imperialismus ist lebendig wie nie, schreibt Jürgen Osterhammel in der FAZ, vor allem der russische. Es ist unmöglich, Frieden mit Terroristen zu schließen, weiß Fania Oz-Salzberger bei IPG. Zeit Online wartet sehnlich darauf, dass der klassische Liberalismus seinen Kampf gegen linken Autoritarismus wieder aufnimmt.
19.06.2024. Das eigentliche Ziel der Regierung Netanjahus sei die Annexion des Westjordanlands, glaubt Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, in der FR. In der SZ befürchtet der Historiker Frank Bösch, dass China uns künftig sanktionieren könnte. In der taz rät der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch den Pazifisten hierzulande, in Moskau gegen den Krieg zu demonstrieren. Die NZZ porträtiert den georgischen Schattenpräsidenten Bidsina Iwanischwili, einen waschechten Putinisten, der die Bevölkerung narkotisiert. Und die FAZ wirft einen kritischen Blick auf das Institut für Islamische Theologie an der HU.
18.06.2024. In der NZZ wirft der Soziologe Gilles Kepel Europa vor, den Islamismus zu lange toleriert zu haben. In der FAZ hat der Menschenrechtler Oleg Orlow den Glauben an die russische Zivilgesellschaft noch nicht verloren: Immerhin leisten noch mehr Menschen Widerstand als zu spätsowjetischen Zeiten. Der Kapitalismus ist Schuld, dass sich die progressive Linke als Opfer sieht, meint Eva Illouz in der SZ. Ebenfalls in der FAZ denkt der Demokratieforscher Torben Lütjen über die polarisierte USA nach. FR und SZ gratulieren Jürgen Habermas zum 95.
17.06.2024. Viel sagt das Rassemblement National nicht über seine kulturpolitischen Ideen, auf kommunaler Ebene hat es sich aber durchaus als Elefant im Porzellanladen erwiesen, erzählt die FAZ. Die taz schildert die Kompromisse, die die verschiedenen Strömungen der "neuen Volksfront" in Frankreich machen mussten, um eine Allianz eingehen zu können. In der NZZ zeichnet der Historiker Volker Ullrich am Beispiel Hitlers nach, wie leicht Demokratie in eine Diktatur umkippen kann. Zornig verteidigt die FAZ die italienische Küche gegen ihren Kritiker Alberto Grandi.
15.06.2024. "Angekündigter Selbstmord einer Nation." Bernard-Henri Lévy bekennt auf Twitter seine Bestürzung über Macrons Auflösung der Nationalversammlung und den Pakt der gemäßigten Linken mit dem Populisten Jean-Luc Mélenchon. Eduard Louis hofft in Zeit online dagegen auf die Wiederholung der "Volksfront". Aber ist sie radikal genug? Unterdessen spielt sich im Sudan eine "gespenstische Tragödie" ab, über die der Spiegel berichtet. In der FAZ beschreibt der Historiker Stephan Malinowski erinnerungspolitische Konzepte à la Claudia Roth als "Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit".
14.06.2024. In der FAZ erklärt der Historiker Nicolas Roussellier, worauf die Macronsche Auflösung der Nationalversammlung hinauslaufen könnte: auf einen schwachen Ministerpräsidenten der extremen Rechten, dem eine wutentbrannte Linke gegenübersteht. An deutschen Unis kursieren im Kontext der Pro-Hamas-Proteste weitere Professorenbriefe, diesmal fordern sie den Rücktritt von Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger, die FAZ berichtet. Eva Illouz wiederholt in der Berliner Zeitung ihre Kritik an der westlichen Linken - und an der israelischen Regierung.
13.06.2024. Die Jugend ist nach rechts gerückt- in der SZ glaubt Heinz Bude, es sei an der Zeit, mehr über "Heimat" und die "Zugehörigkeit zur Gesellschaft" zu diskutieren. Die NZZ enttarnt Putins Mär von einem gescheiterten Friedensvertrag in Istanbul. In der FAZ versucht Matthias Platzeck den Wahlerfolg der Rechten im Osten zu erklären. In der Zeit streiten der Fluchtforscher Marcus Engler und der Migrationsexperte Gerald Knaus hitzig über die Abschiebung von Geflüchteten nach Ruanda. Das neue Konzerthaus in München wird nun doch nicht wie geplant realisiert - die SZ ist fassunglos.
12.06.2024. Der Osten wird sich dem Westen nicht weiter angleichen, meint Steffen Mau bei Spon, zu stark wirken "Osttrotz" und "Oststolz". Die SZ (aber nicht die FAZ) erinnert an Frank Schirrmacher, der vor zehn Jahren gestorben ist. Auf Spon wirft der Historiker Martin Schulze Wessel seinem Kollegen Jörg Baberowski mangelnde Faktenkenntnis und Empathielosigkeit gegenüber der Ukraine vor. Im Tagesspiegel antwortet Peter R. Neumann auf die Frage, ob Sahra Wagenknecht links oder rechts ist: "Beides!"