9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

In all ihrer Visionslosigkeit

04.07.2024. Die Juden stehen bei der Wahl in Frankreich vor einem schlimmen moralischen Dilemma - an ihnen "kristallisiert sich wieder einmal die Krise der Demokratie heraus", schreibt Eva Illouz in der Zeit. Der Philosoph Tim Henning warnt in der Welt davor, die Wissenschaftsfreiheit einzugrenzen. In der FR verkündet Colin Crouch die neue Devise der britischen Politik: Don't Mention the Brexit. Das Supreme Court Urteil hat auch gute Seiten, meint Manfred Berg in der SZ - es schadet trotzdem der amerikanischen Demokratie. Der Rücktritt der Regierung in Kenia ist alternativlos, erfährt die FR von einer Demonstrantin.

Die Straßen sehen geleckt aus

03.07.2024. Die linke Kulturszene in Frankreich beschäftigt sich lieber mit den eigenen Befindlichkeiten, als sich den großen Fragen der Bevölkerung zu stellen, ärgert sich die SZ.  "Zur Wissenschaftsfreiheit gehört der Verzicht auf politischen Aktivismus", ruft Michael Wolffsohn in der Welt. In der FR stellen die Rechtsphilosophin Netta Barak-Corren und der Historiker Danny Orbach einen Leitfaden für ein Nachkriegs-Gaza vor. Kommt nach der Antidiskriminierungsklausel jetzt die Anti-Antisemitismusklausel, fragt die taz nach einer Tagung.

Rette sich, wer kann

02.07.2024. Die französischen Wahlergebnisse verdüstern die Stimmung noch mehr. Auch externe Faktoren spielten eine Rolle für Macrons Debakel, meint Claus Leggewie in der taz und meint damit Angela Merkels und Olaf Scholz' totale Indifferenz gegenüber Macrons Vorschlägen zu Europa. Pascal Bruckner fürchtet in der NZZ die krasse wirtschaftliche Ignoranz beider populistischer Fraktionen in Frankreich. Alle warnen, dass die glatte neue Fassade des RN den alten Extremismus nur schlecht verbirgt. Wir schlafwandeln nicht, wir gehen sehenden Auges in die Katastrophe, resümiert Gustav Seibt in der SZ

Fantasie eines normalen Lebens

01.07.2024. Die extreme Rechte steht vor den Toren der Macht, konstatiert entsetzt Le Monde nach der ersten Runde der Nationalwahlen in Frankreich. Und Österreich? Steht kurz vor einer ebenso rechten FPÖ-Regierung, warnt die nicht minder entsetzte Philosophin Lisz Hirn im Tagesspiegel. In der NZZ weiß Herfried Münkler, wie man den Nahen Osten befrieden könnte: Erst den Ukrainekrieg gewinnen, dann die Mullahs im Iran und schließlich eine Zweistaatenlösung für die Palästinenser und Israel. Die SZ warnt vor einer neuen Runde Kolonialismus, diesmal durch Datenklau der Tech-Giganten. Die Ruhrbarone fragen: Wie reagieren eigentlich die Unterstützer der "Initiative Weltoffenheit" auf den 7. Oktober?

Der Elefant im Raum bleibt im Dunklen

29.06.2024. Wenn der RN an die Macht kommt, droht ein sozialer Bürgerkrieg, befürchtet im Tagesspiegel der Politikwissenschaftler Frédéric Sawicki. Die Franzosen beharren zu sehr auf ihrem depressiven Trotz, um sich vom Schamanen Macron heilen zu lassen, glaubt Peter Sloterdijk, der sich in der FR weniger Sorgen um Europa als um "aufgeblasene Kunstprodukte" wie Russland und China macht. In der SZ ermutigt Ahmad Milad Karimi, Professor für Islamische Philosophie, Muslime, Haltung gegen Islamismus zu zeigen. Die Flüchtlinge im Gazastreifen müssen sofort nach Hause zurückkehren, fordert Omri Boehm, der in der FAS vor einer "ethnischen Säuberung" warnt.

Eiskalter Humanismus

28.06.2024. Große Panik nach der ersten TV-Debatte des amerikanischen Wahlkampfs: Ist Joe Biden noch als Präsidentschaftskandidat geeignet, fragt die New York Times. Auch individuelle Freiheit ist ein Zwang, meint Rechtsprofessor Christoph Möllers im Tagesspiegel, auch mit Blick auf die Klimapolitik. In Le Point erläutert der Historiker Iannis Roder Jean-Luc Mélenchons Begriff des "residuellen" Antisemitismus. Die Ruhrbarone porträtieren Andreas Görgen. Die FAZ interviewt Thomas Meyer über die Zionistin Hannah Arendt.

Die Vergangenheit ist die neue Zukunft

27.06.2024. Warum sehnen sich die Menschen nach einer glorreichen Vergangenheit, wie sie Populisten propagieren, fragt der Schriftsteller Georgi Gospodinov in der Zeit: Weil ihre Zukunft so düster aussieht, antwortet er. Gibt es einen deutschen "Schuldkult" in Bezug auf Israel? So ein Quatsch, ruft die SZ. Die Zeit blickt außerdem besorgt auf den um sich greifenden Boykott israelischer Universitäten. Im Tagesspiegel findet Don Winslow, man müsse auch angesicht eines Donald Trump nicht ständig den Untergang prophezeien. Der Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff analysiert auf Zeit Online die Bildsprache von Wiki-Leaks.

Ein Frieden, der den Namen verdient

26.06.2024. Die Erleichterung ist groß: Julien Assange ist frei. Während er selbst und auch die US-Regierung klar als Gewinner aus der Affäre herausgehen, macht Zeit Online eine große Verliererin aus: die Pressefreiheit. Es sind vor allem jüdische Stimmen, die sich gegen die französische Linke unter Jean-Luc Mélenchon richten: der Autor Boris Cyrulnik fühlt sich an die dreißiger Jahre erinnert, sagt er im Gespräch mit La Tribune. "La France Insoumise ist eine antisemitische Partei", warnt auch  Bernard-Henri Levy in der SZ . Die Feuilletons freuen sich über die Verleihung des Friedenspreises an Anne Applebaum.

Stolz auf die eigene Staatsferne

25.06.2024. Julian Assange ist frei! Er hat sich mit dem amerikanischen Justizministerium auf einen Deal geeinigt, berichtet die FAZ. Der Spiegel porträtiert die angesagte linke Theoretikern Lea Ypi und weiß danach immer noch nicht, was ihr "moralischer Sozialismus" sein soll. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats Olaf Zimmermann hat den Kulturbetrieb als "extrem exklusiv" bezeichnet: Die SZ ist empört. In der FAZ analysiert Wolfgang Matz das Scheitern Emmanuel Macrons.

Anwendung des mildesten Mittels

24.06.2024. Wer die Morde der Hamas als Befreiungstaten ansieht verdient den Vergleich mit rechtsextremen Holocaustleugnern, die seinerzeit die Attentäter des 11. September als Helden feierten, findet Jan-Philipp Reemtsma in der FAZ. Serge Klarsfeld hat bekannt, er würde Rassemblement national wählen, falls die einzige Alternative ein Kandidat von Mélenchons La France Insoumise wäre. In der taz sieht es Beate Klarsfeld ganz genauso. In insider.ru warnt  der russische Schriftsteller Boris Akunin: Putin ist nicht mittelmäßig. Die Berliner Zeitung bringt den Beitrag eines DDR-Juristen, der findet, dass es die Ukraine mit der Selbstverteidigung übertreibt.