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22.06.2024. In einem SZ-Essay fürchtet die in Kopenhagen lebende Autorin Kathrine Tschemerinsky, dass liberale und säkulare Juden nach dem 7. Oktober nirgends mehr einen Ort haben, in Israel nicht, und auch nicht in der Diaspora. Auch Zeruya Shalev macht sich in einem FAS-Essay größte Sorgen um Israel. Der moldawische Künstler Alexandru Cosmescu erzählt in "Bilder und Zeiten", wie sich die moldawische Identität zusammensetzt. Der Tagesspiegel erzählt, wie Olaf Scholz die Trump-Regierung bezirzte, um Nord Stream 2 doch noch durchzukriegen.
Die in Kopenhagen lebende jüdische Autorin Kathrine Tschemerinskybeschreibt in einem bedeutenden Essay für die SZ ein bitteres Paradoxon, in das Juden nach dem 7. Oktober geraten sind. Sie nennt es "das Gefühl, dass wir uns in einer neuen Zeit befinden, in der kein gelobtes Land mehr existiert". Einerseits stellt der Terror der Hamas die Idee Israels als Zufluchtort für alle Juden in Frage, andererseits wird diese Idee aber auch durch die fundamentalistischen und rechtsextremen Tendenzen unter Israelis problematisch: Tschemerinskys Angst ist, "dass das, was gerade geschieht, nicht allein eine lokale israelische Angelegenheit sein könnte. Sondern Teil eines historischen Wandels, der sich auf Juden in der ganzen Welt auswirken wird, insbesondere auf diejenigen, die sich als liberal und säkular betrachten." Anderen geht es besser, wie sie auf einer Pro-Hamas-Demo in Kopenhagen bemerkte: "Was an diesem Tag den stärksten Eindruck bei mir hinterließ, war die Atmosphäre. Männer, Frauen und Kinder strömten an uns vorbei, sie trugen Kufija-Schals, Schilder und palästinensische Fahnen. Ich war beeindruckt, wie freudig erregt alle wirkten, als glaubten sie an eine Zukunft - ganz im Gegensatz zu uns, die wir so gut darin geworden sind, uns in Mauerblümchen zu verwandeln, und beim Gedanken an die Zukunft zu erzittern."
Auch Zeruya Shalev macht sich in der FAS größte Sorgen um die Zukunft Israels. Einerseits schreibt sie: "Es war klar, dass Israel gezwungen war, hart zu reagieren, nicht aus Rache oder um den Gazastreifen zu erobern, sondern um seine Bevölkerung zu verteidigen und die Geiseln freizubekommen." Andererseits wirft sie Netanjahu vor, nicht auf amerikanische Friedensvorschläge einzugehen, weil es ihm nur im sich selbst gehe. "Noch nie stand der Staat Israel vor einer so dramatischen Entscheidung, der Entscheidung zwischen Leben und Selbstmord," so Shalev. "Sogar das Militär empfiehlt inzwischen öffentlich, den Krieg zu stoppen, um die Geiseln freizubekommen, aber Netanjahu hat Angst und versucht Zeit zu schinden. Doch in diesen Monaten wird bei uns die Zeit in Blut gemessen." Auf die Palästinenser, die die Hamas großteils unterstützen, setzt sie nicht viele Hoffnungen, hofft aber, dass sie in einem eigenen Staat sozusagen abklingen.
Außerdem: Jens Kastner versucht in der taz, dem aktuellen Rechtsruck in Europa mit neueren und älteren Faschismustheorien der Kritischen Theorie auf die Spur zu kommen. In "Bilder und Zeiten" der FAZ philosophiert der Bernhard Schlink über die "neue Gefühlskultur". Im Tagesspiegel berichtet Gregor Dotzauer über Benjamin Lectures der Philosophin Lea Ypi im Haus der Kulturen der Welt und und lässt sich von ihr in eine ideenhistorische Neuigkeit, den "moralischem Sozialismus", einführen.
Nach dem 7. Oktober haben wir erlebt, dass das Verbrechen und seine Leugnung im digitalen Zeitalter parallel stattfinden. Kaum feiern sich die Verbrecher der Hamas in ihren eigenen Videos, stehen schon Intellektuelle und Journalisten bereit, die die Berichte bezweifeln. Michael Hanfeld denkt in der FAZ über diese Überblendung von Realität und Lüge nach. Israel ist nicht das einzige Beispiel: "Dieses Muster der Wirklichkeitszersetzung erleben wir seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine jeden Tag. Der Angriff wird zur Verteidigung erklärt, das Opfer zum Täter. Verbrechen mit genozidalem Charakter werden frisch nach der Tat von der russischen Propaganda geleugnet."
Neue Studien zeigen die Verwicklung der Demeter-Landwirschaft und der Anthroposophie in den Nationalsozialismus, berichtet Stefan Hunglinger in der taz. Als genuin nationalsozialistisch lässt sich die Anthroposophie zwar nicht beschreiben, es gab Verbote und Verfolgungen. Aber Erhard Bartsch, Gründervater des Demeter-Verbandes,versuchte sich sehr aktiv anzupassen: "Der weit größte Teil der NS-Elite stand dem 'Stickstoff-Syndikat' nahe, das zunächst unter der Führung der BASF, später der I.G. Farben, den Einsatz von Kunstdünger in der 'Erzeugungsschlacht' propagierte. Allein Chemiekritiker wie der 'Stellvertreter des Führers' Rudolf Heß, 'Reichsführer SS' Heinrich Himmler und 'Reichsernährungsminister' Walther Darré hingen der Idee einer 'ursprünglichen' Landwirtschaft ohne Kunstdünger an. Bartsch und seine Mitstreiter sahen darin eine Chance, nicht verboten zu werden. Und aus der Nische herauszukommen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Linker Antisemitismus hat eine sehr lange Tradition, lernttaz-Autor Philipp Lenhard in Olaf Kistenmachers Buch "Gegen den Geist des Sozialismus". Der Historiker hat dafür vor allem die KP-Zeitung Rote Fahne ausgewertet: "Wenn die Rote Fahne schon 1925 den Zionismus als 'Kettenhund des englischen Imperialismus' geißelte, so war das bereits ein Ausdruck genau jener antiimperialistischen Ideologie, die auch heute noch trotzkistische, stalinistische und postkolonialistische Israelfeinde in den Gaza-Encampments beseelt. Der Antizionismus der Komintern ging so weit, zeigt Kistenmacher, dass sogar die antijüdische Gewaltserie im Mandatsgebiet Palästina, der 1929 insgesamt 133 vor allem nichtzionistische Juden zum Opfer fielen, von der Roten Fahne als Aufstand 'gegen die Hintermänner des Zionismus' gerechtfertigt wurde." Bestellen Sie bei eichendorff21!Der 23. Juni 1524 wird als Beginn der Bauernkriege betrachtet. Arno Widmann kommt in der FR darauf zurück und erzählt auch, wie er sich mit Hilfe von Peter Blickles kleinem, "ungeheuer informativen" Bändchen "Der Bauernkrieg - Die Revolution des Gemeinen Mannes" von den Romantisierungen Ernst Blochs und anderer befreite: "Die Mehrheit der Bauern wollte nicht mehr als die Rechte wieder haben, die man ihnen genommen hatte. Genau darum war der Bauernkrieg auch mehr als ein Bauernkrieg. Es kam auch in den Städten zu Aufständen."
Wie kompliziert das mit den Identitäten ist, wie geklittert sie sind, ohne darum weniger real zu sein, erfährt man in einem höchst instruktiven Gespräch, das Yelizaveta Landenberger für die virtuelle FAZ-Beilage "Bilder und Zeiten" mit dem Künstler Alexandru Cosmescu aus der Republik Moldau führt. Er erzählt, wie das, was wir heute "Moldau" nennen, entstanden ist: "In Moldau fing alles damit an, dass die Sowjetunion 1924 gewissermaßen künstlich die Moldawische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) schuf, als autonomen Teil innerhalb der Sowjetrepublik. Als die Sowjetunion in Folge des Molotow-Ribbentrop-Pakts Teile Bessarabiens besetzte, wurden diese mit der Moldawischen ASSR zur Moldawischen Sozialistischen Sowjetrepublik fusioniert - ihre territorialen Dimensionen entsprechen der heutigen Republik Moldau. Der rumänische Dialekt, der dort gesprochen wurde, diente den Sowjets als Basis für die Erfindung einer neuen Literatursprache, die sie 'Moldawisch' nannten. Mittels dieser Sprache wollten sie eine neue Identität kreieren, die sich von der rumänischen unterscheidet - und so den Einfluss aus Rumänien unterbinden."
Fast verzweifelt klingt dieser Tweet von Bernard-Henri Lévy über die Stimmung in einem zwischen zwei Populismen eingeklemmten Frankreich. "Hass. Überall Hass. Vor allem gegen Macron (warum?), die Eliten ('losgelöst'), die Parteien ('alle verrottet'). Vorsicht. Wer Hass sät, erntet den Sturm (LFI und RN, der Bürgerkrieg als Programm, das Debakel als Ende). Eine Lösung: Mäßigung, dringend."
La haine. Partout la haine. Notamment contre #Macron (pourquoi?), les élites ("déconnectées"), les partis ("tous pourris"). Attention! Qui sème la haine récolte la tempête (#LFI, #RN, la guerre civile pour programme, la débâcle pour issue). Une solution: la modération (urgent).
Eine Reportergruppe erzählt im Tagesspiegel, basierend auf einer Recherche des Handelsblatts, wie aktiv Olaf Scholz noch als Finanzminister die Verwirklichung des deutsch-russischen Pipeline-Projekts Nord Stream 2 betrieb - noch aktiver als bisher bekannt, und dies bis unmittelbar vor Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. In einem bekannt gewordenen internen Vermerk bot Scholz der Trump-Regierung an, "eine Milliarde Euro deutsches Steuergeld in Anlandeterminals für Flüssiggas an der norddeutschen Küste zu investieren. Die Bedingung: Washington lässt seine Sanktionen gegen Nord Stream 2 fallen."
17 Autorinnen und Autoren aus der Sparte Pädagogik des Herder-Verlags haben sich in einem offenen Brief dagegen gewendet, dass der Verlag auch islamismuskritische Bücher, etwa von Susanne Schröter publiziert, und dass in dem Verlag auch einige Bücher gegen "woke" Ideologie polemisieren. Überdies sei die Zeitschrift Cicero (die bisher noch nicht als rechtsextrem aufgefallen ist) an einigen Büchern beteiligt. Der Verlag hat die Pädagoginnen zum Gespräch eingeladen, über das Matthias Meisner, selbst Autor der Herder-Verlags, in der FRberichtet. "Ist der Verlag aufmerksam genug für die von rechts ausgehende Bedrohung der Demokratie? Die 17 Kritiker, die die Debatte dazu angestoßen haben, waren sich nach dem Treffen mit den Programmleitern Politik und Geschichte sowie Pädagogik und Kinderbuch, Patrick Oelze und Jochen Fähndrich, weiterhin unsicher."
Außerdem: Fatina Keilani berichtet in der NZZ, dass der Börsenverein vom kleinen Lau-Verlag Corona-Fördermittel zurückfordert, weil ein Buch im Programm des Verlags unter dem Verdacht des Rechtsextremismus stehe.
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