9punkt - Die Debattenrundschau

Abstrakte Süd-Süd-Solidarität

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.07.2026. "Man darf Frauen nicht gegen ihren erklärten Willen vor sich selbst schützen", sagt die verhinderte Bundesverfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf in Zeit online und plädiert darum für eine Zulassung von Leihmutterschaft.  In Le Point staunt Kamel Daoud über eine Rede des burkinischen Junta-Chefs Ibrahim Traoré, der in einer Rede die Geschichte des arabischen Sklavenhandels anprangerte. Die FR blickt auf Jürgen Habermas' Eröffnung des "Historikerstreits" vor vierzig Jahren zurück. Die taz fragt, ob die "Baseballschlägerjahre" in Sachsen-Anhalt je vorübergingen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2026 finden Sie hier

Gesellschaft

Aufreger in den sozialen Medien ist Kaja Klapsas und Heinrich Wefings Zeit-online-Interview mit der verhinderten Bundesverfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf zur Frage der Leihmutterschaft, in der die Juristin ein recht utilitaristisches Weltbild offenbart. Dass Frauen für diesen Handel ausgebeutet werden, beschäftigt sie nicht so sehr wie eine mögliche Einschränkung ihrer Freiheit. "Die Union spricht mit dem Verbot der Leihmutterschaft und übrigens auch der Eizellspende in Deutschland Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung ab. Sie will einen paternalistischen Staat, der am besten weiß, was für Frauen und auch für potenzielle Leihmütter gut ist. Unser Grundgesetz ist aber eine freiheitliche Verfassung, die auf dem Menschenbild des selbstbestimmt und autonom handelnden Individuums beruht. Und das gilt selbstverständlich auch für Frauen. Deswegen ist es wirklich schade, dass Herr Spahn nicht die Kraft und den Mut aufgebracht hat, seine Haltung zur Leihmutterschaft nun öffentlich zu korrigieren." Zur Frage der Ausbeutung versetzt sie trocken: "Man darf Frauen und insofern auch Leihmütter nicht gegen ihren erklärten Willen vor sich selbst schützen." Spahn wirft sie allenfalls vor, dass er seine Position zur Leihmutterschaft nicht öffentlich revidiert hat.

Die "Gesellschaft für Freiheitsrechte", eine von Stiftungen und Spendern geförderte Organisation der Zivilgesellschaft, hat ein Gutachten zur Frage "Ist die Alternative für Deutschland verfassungswidrig" herausgebracht (Antwort des Gutachtens: ja, hier als pdf-Dokument). Wer dies Gutachten unterstützt, ist "linksgrün", wer es kritisch sieht, wird in den sozialen Medien in AfD-Nähe gerückt, klagen die Rechtsprofessorin Elisa Hoven und ihr Kollege Marco Vöhringer in der Welt. Das sei Gift für die wissenschaftliche Debatte, die in einer Demokratie über so etwas Gravierendes wie ein Parteiverbot zu führen wäre, meinen sie, und plädieren für eine Versachlichung. "Wissenschaftliche Auseinandersetzungen dürfen nicht entlang politischer Lagergrenzen geführt oder zur bloßen Legitimierung verbotspolitischer Präferenzen instrumentalisiert werden. Gerade wegen der Eingriffsintensität eines Parteiverbots liegt es im gemeinsamen Interesse, die Diskussion darüber frei von ideologischer Zuschreibung zu führen. Zu viel steht für die demokratische Ordnung auf dem Spiel, als dass die notwendige juristische und gesellschaftliche Auseinandersetzung durch politische Verdächtigungen und ideologische Verengungen überlagert werden sollte."
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Politik

Es gibt auch Aufgeregtheiten in den sozialen Medien, die hierzulande niemand bemerkt. Der algerisch-französische Autor Kamel Daoud ("Huris") greift in seiner Kolumne für Le Point eine Rede des Chefs der Junta von Burkina Faso, Ibrahim Traoré, auf. Er hat etwas in diesen Ländern Unerhörtes getan und darauf wütende Reaktionen geerntet: Er hat die Versklavung von Afrikanern durch Araber angeprangert. Bevor er auf den transatlantischen Sklavenhandel zu sprechen kam, der wohl dokumentiert ist, sagte er: "Wir haben tausend Jahre und mehr Sklaverei mit den Arabern durchgemacht. Der letzte Sklavenmarkt hat 1962 in Medina geschlossen. Man hat die Männer kastriert, damit sie keine Kinder bekommen." Besonders scharfe Reaktionen, so Daoud, kamen aus Mauretanien, wo Sklaverei trotz des offiziellen Verbots bis heute praktiziert wird. Der transatlantische Sklavenhandel sei Gegenstand von Erinnerungsarbeit, so Daoud, und "hat den von den Arabern fast sieben Jahrhunderte lang betriebenen Sklavenhandel fast völlig in den Hintergrund gedrängt. Letzterer bleibt ein Tabu, wenn nicht gar eine Nebensächlichkeit. Die Unabhängigkeitskämpfe, die - von Fanon bis zum Südafrika Mandelas - die Afrikaner angesichts der Kolonialisierung zu Kampfbrüdern der arabischen Länder machten, haben diese Geschichte ausgelöscht. Diese militante Verwirrung, genährt durch 'dekoloniale' Diskurse, die von allen Staaten unterschiedslos verwendet werden, hat dazu beigetragen, diesen Handel unter einer abstrakten Süd-Süd-Solidarität zu verschleiern. Die Eliten der sogenannten arabischen Länder haben diesen Handel kaum hinterfragt, und der Wille zur Verschleierung zeigt sich noch immer, wenn man die Reaktionen betrachtet, die Traorés Äußerungen bei muslimischen Religionsführern auslösen."

Ein Ausschnitt von Traorés Rede mit französischen Untertiteln ist hier zu sehen. Traoré kündigt an, 800 Islam-Studenten, die in arabischen Ländern studieren, zurückzuholen, "weil nicht einer von ihnen einen Beruf lernt" und sie alle nur die Scharia verbreiten sollen, dann folgt die Passage über die arabische Sklaverei:

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Europa

Die freie Journalistin Dana Müller stammt aus einem Dorf in Sachsen-Anhalt und lebt jetzt in Berlin. Aber sie hat noch viele Verbindungen in ihre Heimat, wo bekanntlich demnächst eine AfD-Regierung übernehmen könnte, und fürchtet in der taz, dass die "Baseballschlägerjahre" (mehr hier), also die Neunziger, nie wirklich vorbeigegangen sind. "Es gab Dorffeste, da wurden lauthals Nazi-Lieder gesungen, während die Anwohner:innen fröhlich mitschunkelten. Und vor einer Grufti-Disko lauerten regelmäßig Schlägerhorden den Feiernden auf. Was wurde wohl aus den Baseballschläger-Trupps dieser Zeit, die im Übrigen nicht nur aus Männern bestanden? Damals tat man das als jugendliche Subkultur ab, als ein unschönes Problem im Osten. Dabei nutzten rechte Kameradschaften und Parteien den Mauerfall blitzschnell, um ihre Propagandamaterialien an Jugendeinrichtungen und an Schulen zu verteilen. Und die desorientierten Teenager:innen mit ihren arbeitslos gewordenen Eltern fielen darauf rein, während die Erwachsenen wegschauten."

Kurz vor dem 90. Geburtstag von Vaclav Havel steht die Vaclav-Havel-Bibliothek vor dem Aus, was mit Streitigkeiten innerhalb des Verwaltungsrats - mehrere Mitglieder sind ausgetreten, Havels Witwe sei der Sache "müde - mit dem Chef der Bibliothek, dem Ökonomen Tomas Sedlacek, zu tun hat, schreibt Viktoria Großmann in der SZ. "Der Schriftsteller Jachym Topol, langjähriger Mitarbeiter der Bibliothek, kritisierte Sedlaceks 'seltsame esoterische Visionen' und warf ihm vor, Havel 'wie einen Artikel' zu behandeln, 'mit dem man Geld machen kann'. Sedlacek hatte Havel als 'größtes tschechisches Exportgut' beschrieben. Es sei für ihn nicht zu ertragen, sagte Topol, dass 'aus Havel so eine Art Micky Maus' werde."
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Geschichte

In der FR blickt Michael Hesse auf den Beginn des "Historikerstreits" zurück, der am 11. Juli sozusagen offiziell anfing, als der Philosoph Jürgen Habermas in der Zeit auf den FAZ-Artikel des Historikers Ernst Nolte mit dem Titel "Eine Vergangenheit, die nicht vergehen will" reagierte. "Nolte versuche hier nicht weniger als eine Aufhebung der Singularität des Holocaust", so Habermas in seiner Antwort. "Die NS-Verbrechen sollten ihre Einzigartigkeit verlieren. (...) Eine Historisierung dürfe nicht dem politischen Zweck dienen, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen zu wollen. Was er ablehnte, war, dass revisionistische Historiker den Versuch unternehmen konnten, deutsche Geschichte zur 'Aufmöbelung' einer traditionellen deutschen Nationalidentität zu benutzen. Er erinnerte dabei an die unglückselige Rolle deutscher Geschichtsschreibung in einer staatstragenden und nationalistischen Funktion, wie es sie im 19. Jahrhundert gegeben habe. Nach 1945 habe sich diese Tradition überwinden lassen. 'Die moralische Katastrophe bietet auch eine Chance', schrieb Habermas."
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Religion

Eric Kirschbaum geht in der Welt der Frage nach, "warum die katholische Kirche in den USA wächst". Ein Faktor liegt dabei auf der Hand: Die katholische Kirche in den USA ist heute von den Latinos geprägt, Nebenbei gibt es eine kleine aber einflussreiche Bewegung weißer Konvertiten, zu der J.D. Vance gehört. Politisch ist die Angelegenheit widersprüchlich: "Weiße Katholiken wählen mehrheitlich republikanisch. Viele Latino-Katholiken lehnen Trumps harte Rhetorik gegen Einwanderer ab, unterstützten ihn aber bei der Wahl im Jahr 2024 wegen seiner Wirtschafts-, Familien- oder Gesellschaftspolitik. Gerade das unterschätzten viele Demokraten, vor allem in wichtigen Bundesstaaten wie Texas und Florida. Vielleicht wiederholt sich hier lediglich amerikanische Geschichte. Im 19. Jahrhundert galten irische Katholiken vielen Amerikanern als Gefahr für die protestantisch geprägte Republik. Später traf ähnliches Misstrauen Italiener, Polen und andere katholische Einwanderer."
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Stichwörter: Katholische Kirche

Ideen

Die KI hat gegenüber dem Menschen den Vorteil, dass sie nichts fühlen kann, konstatiert der Philosoph Slavoj Žižek in der Welt. Doch es sei wichtig zu sehen, dass die emotionale Kälte der KI dem Menschen nicht ganz fremd sei. "Menschliches Mitgefühl, Leiden und so weiter können von der KI zu ihren eigenen Zwecken reguliert und ausgenutzt werden - der einzige Weg, zu einer Art Gleichheit mit der KI zu gelangen, besteht darin, den Fokus auf das unmenschliche Subjekt zu richten, das ein unehelicher Nachkomme der Menschheit ist. Anstatt von der monströsen Kälte von KI-Agenten fasziniert zu sein, sollten wir uns bewusst werden, dass diese monströse Kälte bereits im Innersten unseres Selbst vorhanden und inaktiv ist, in der Leere eines Subjekts, das Hegel als 'sich selbst bezogene Negativität' und Freud als 'Todestrieb' bezeichnet hat."
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