9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Juli 2026
31.07.2026. Warum versucht niemand, endlich ein Verbotsverfahren gegen die AfD einzuleiten, fragt in der SZ der Historiker Norbert Frei. Die Welt fragt hingegen, wie islamistische Gefährder aus Deutschland vertrieben werden könnten. Das ZDF hat laut FAZ kräftigen Ärger mit der Deutschen Bahn - wegen einer Reportage, die für diese recht peinlich ist. Wie politisch Archäologie ist, erfährt man ebenfalls in der FAZ von Harald Meller, Direktor des Museums für Vorgeschichte in Halle, der erklärt, warum Otto der Große kein "deutscher" Kaiser war, auch wenn die AfD es gern so hätte. In der NZZ fordert Richard C. Schneider mehr Selbstbefragung von der deutschen Gesellschaft.
30.07.2026. Im Tagesspiegel erklärt der Verfassungsrechtler Hans-Jürgen Papier, wie man einer AfD-Landesregierung juristisch Grenzen setzen kann. In der Jungle World erklärt der Historiker Benjamin Zachariah, warum der Identitätsdiskurs der Postkolonialisten bei völkisch denkenden Autokraten beliebt ist. Die Zeit beschreibt Queerfeindlichkeit als globales Problem. In der Welt fragt Güner Balci: Wo bleiben die Regenbogenflaggen an den Moscheen?
29.07.2026. Während sich die westliche Kultur durch das Verlegen von Büchern auszeichnete, scheint sich Künstliche Intelligenz auf das Zerlegen von Büchern spezialisieren zu wollen, berichtet die NZZ. "Destruktiv gescannt" wird dabei vor allem das "Moderne Antiquariat", ergänzt die Welt. Das CSD-Attentat beschäftigt die Medien weiter - der Attentäter war einer von 9.110 Menschen, die in Deutschland dem "gewaltorientierten islamistischen Personenpotenzial" zugerechnet werden, so die FAZ. Die Erinnerung an den Gulag ist mit der Schließung des Moskauer Gulag-Museums in Russland nun endgültig abgeschafft, erzählt Hubertus Knabe in seinem Blog.
28.07.2026. Die Queer-Bewegung hat den Islamismus viel zu lange ignoriert, kritisiert die taz. Auch die deutschen Behörden verschließen die Augen vor einem institutionalisierten Islam hierzulande, der offen für Extreme ist, meint Güner Balci in der SZ. Ein Teil unserer Freiheit ist längst verlorengegangen, warnt Ahmad Mansour in der NZZ. In der taz wirft die britisch-bangladeschische Forscherin Zara Rahman den Deutschen vor, sie würden im Umgang mit den Muslimen ihre "schlimmsten Fehler wiederholen". In der Türkei wurde eine neue Partei gegründet, die Erdogan die Stirn bieten könnte - vorausgesetzt, ihre Mitglieder landen nicht alle im Gefängnis, berichtet die SZ.
27.07.2026. Das islamistische Attentat auf den Berliner CSD löst schockierte, ratlose und vorhersehbare Reaktionen aus. Der bei der Festnahme erschossene Täter ist in Berlin aufgewachsen und sozialisiert. "Islamistische Homofeindlichkeit" werde systematisch kleingeredet, vor allem von SPD, Grünen und Linkspartei, kritisiert Extremismusforscher Hendrik Hansen im Tagesspiegel. taz und SZ warnen vor eine Instrumentalisierung des Attentats von rechts. Die Soziologen Armin Nassehi und Irmhild Saake fragen in Zeit online nicht, ob Soziologe generell gesehen links sei - sondern warum das so ist.
25.07.2026. Die Zeitungen diskutieren weiter über Leihmutterschaft: Die amerikanische Soziologin Heather Jacobson plädiert bei Zeit Online dafür, Leihmutterschaft als Arbeit zu begreifen, der Rechtswissenschaftler Klaus Ferdinand Gärditz legt in der FAZ dar, wie das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper an die Grenzen von Gemeinwohlbelangen stößt. In der FAS erkennt Götz Aly Parallelen zwischen den Methoden Hitlers und der AfD. Der will Wolfram Weimer in der Welt mit einer Rückbesinnung auf die "großen Traditionslinien Deutschlands" entgegentreten. Und in der NZZ setzt sich Sergej Gerassimow für den Erhalt der russischen Sprache in der Ukraine ein.
24.07.2026. Es will hier zwar niemand hören: Aber auch Russland war und ist eine Kolonialmacht, stellt die taz fest. In Frankreich treiben es linke Antisemiten so weit, dass selbst Linke dagegen protestieren, notiert Nora Bussigny in Le Point nach einem Angriff auf die DJane Barbara Butch. Die NZZ klopft Pierre Bourdieu, die FR Hannah Arendt auf ihre Aktualität ab. Die EU hat eine Strafe gegen Google verhängt, richtig so, findet die SZ, aber die europäische Abhängigkeit ist damit nicht beendet.
23.07.2026. Sind Leihmütter überhaupt Mütter? In den USA sind sie nur noch Surrogatträger, berichtet die FAZ. Die größte Sorge für Leihmütter sei nicht, das Kind abgeben zu müssen, sondern es nicht abgeben zu können, informiert die Familientherapeutin Petra Thorn in der Zeit. Weniger Bürokratie für die Wirtschaft, aber mehr Bürokratie für die Armen? Das ist ein autoritärer Staatsumbau, kritisiert der Soziologe Dominik Piétron in der taz. Ähnlich sieht das in der FAZ der Staatsrechtler Friedrich Schoch bei der geplanten Änderung des Informationsfreiheitsgesetzes. In Frankreich fragt Le Point: "Warum stimmen unsere Kinder für Mélenchon?"
22.07.2026. Navid Kermani fordert in seiner Rede zum feierlichen Gelöbnis die Rekruten auf, sich - anders als Bundeskanzler Friedrich Merz - immer ans Grundgesetz zu halten. In der SZ kritisiert die Verfassungsrechtlerin Sophie Schönberger den Graubereich, den die Altparteien bei der öffentlichen Finanzierung von Parteienstiftungen und der politischen Bildungsarbeit geschaffen haben, und den jetzt auch die AfD nutzt. In der New York Times sieht Omer Bartov schon eine Armee entrechteter palästinensischer Sklaven in Gaza die Häuser reicher Amerikaner und Juden putzen. Die taz schildert, wie sich die queere Community zerlegt: Und immer geht es um Israel.
21.07.2026. "Man darf Frauen nicht gegen ihren erklärten Willen vor sich selbst schützen", sagt die verhinderte Bundesverfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf in Zeit online und plädiert darum für eine Zulassung von Leihmutterschaft. In Le Point staunt Kamel Daoud über eine Rede des burkinischen Junta-Chefs Ibrahim Traoré, der in einer Rede die Geschichte des arabischen Sklavenhandels anprangerte. Die FR blickt auf Jürgen Habermas' Eröffnung des "Historikerstreits" vor vierzig Jahren zurück. Die taz fragt, ob die "Baseballschlägerjahre" in Sachsen-Anhalt je vorübergingen.
20.07.2026. Das Vertrauen der Europäer in die Nato war ein Maginot-Linie-Denken, konstatiert Ivan Krastev in der NZZ - aber die Zeit der Kriege war nie vorbei. Der Rücktritt Jens Spahns als Fraktionsvorsitzender der CDU ist richtig, finden die meisten Zeitungen. Der Holocaust lässt sich nicht aus dem Kolonialismus erklären, insistiert Richard Evans in der NZZ. In der SZ erklärt Matthias Brandt seinen Abscheu vor Uwe Steimles Stauffenberg-Vergleichen. Wenn die Nazis bei Sachsens Jugend wieder en vogue sind, liegt das auch am Bildungssystem, sagt die Autorin Manuela Müller im Tagesspiegel.
18.07.2026. Geschichte und Gegenwart lassen sich schwer trennen: Die NZZ beleuchtet den Geschichtsstreit zwischen Polen und der Ukraine, der die Gegenwart der beiden Länder vergiftet. Die FAZ forscht in der Vergangenheit des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic, der sich einst seiner Verdienste um die Belagerung Sarajewos brüstete. Gewiss, Tucker Carlson ist rechts, konzediert die taz, aber hat er bei Israel nicht recht?
17.07.2026. In allen Zeitungen wird darüber diskutiert, dass sich Jens Spahn im Ausland über die deutschen Gesetze zu Leihmutterschaft hinwegsetzte und sich einen kleinen Sohn zulegte. Politisch hatte er sich selbst dagegen ausgesprochen. Der AfD-Chef von Sachsen-Anhalt wünscht sich eine "neutrale" Berichterstattung - die FAZ antwortet mit einer Art Brief. Zum Mandela-Gedenktag ruft die ausländerfeindliche "March and March" zu weiteren Aktionen gegen Migranten auf, berichtet ebenfalls die FAZ. Das Humboldtforum wird fünf - so richtig froh ist der Tagesspiegel immer noch nicht damit.
16.07.2026. Kamel Daoud erklärt im Interview mit der NZZ, was die Linke falsch macht im Umgang mit dem Islam in Europa. Ägypten wird von einer Militärdiktatur regiert, erklärt der Aktivist Hossam el-Hamalawy in der FR, warum unterstützen es ausgerechnet Deutschland und Frankreich? Die SZ berichtet über die gescheiterte Wahlreform Giorgia Melonis, die FAZ über die antiukrainische Stimmung in Polen und die Zeit über ein Geheimtreffen deutscher Politiker mit russischen in Baku.
15.07.2026. Droht ein neuer Faschismus in Deutschland? Durs Grünbein will in der FAZ nicht über den Begriff diskutieren, sondern die Zeichen lesen - wie die jüngsten Attacken der AfD gegen das Bauhaus. Die FR findet Gemeinsamkeiten zwischen den Ideen der Tech-Giganten und denen des Futurismus. Marine Le Pen präsentiert sich als Jeanne d'Arc, ist aber nur eine Betrügerin, meint in der NZZ der Philosoph Pascal Bruckner. In der SZ analysiert Herfried Münkler die Strategie des Iran im Krieg mit den USA. In der taz warnt der Analyst Robin Yassin-Kassab davor, die Kriegsverbrechen in Syrien unaufgearbeitet zu lassen.
14.07.2026. Die Jüdische Allgemeine zitiert Bernard-Henri Lévy: Die fehlende Unterstützung für Israel wird als Schande in die Geschichte eingehen. In der FR bleibt Eva von Redecker dabei: Es droht Faschismus, und man kann sich nicht "Antifaschist" nennen, wenn man nicht Demos gegen Israel unterstützt. Was soll der Westen tun? Letztlich wird er Putin den Sieg gewähren, prognostiziert Viktor Jerofejew in der FAZ und scheint das ganz ok zu finden. Wie umgehen mit Traumata - fragen sich Deutsche fünf Jahre nach der Ahrtalflut und Franzosen zehn Jahre nach dem Attentat von Nizza.
13.07.2026. In der taz wehrt sich die aserbeidschanische Autorin Nika Musavi gegen eine erzwungene Dekolonialisierung ihrer russischen Muttersprache. In der FAZ bedauert Jan Philipp Reemtsma die Denkfaulheit seiner Kritiker. In der NZZ erklärt der Essayist Hussein Aboubakr Mansour, warum Konservative und Liberale mehr gemeinsam haben, als sie denken. Bei Zeit online unterstützt die Philosophie-Professorin Rahel Jaeggi die Enteignung von Immobilien, die sie nicht als Umverteilung betrachtet, sondern als Transformation von Eigentum.
11.07.2026. In der SZ warnt Anne Applebaum: Wenn es den Republikanern gelingt, bei den Zwischenwahlen zu manipulieren - dann war's das mit den freien Wahlen in den USA. Viele in Deutschland (und ganz besonders die taz) sind stolz und gerührt, dass sich sich als "Antifaschisten" den "Faschisten" entgegenstellen. Aber im Perlentaucher und in der Welt gibt es Zweifel an diesem idyllischen Selbstbild. Bei den Grünen haben einige Männer eigenmächtig angefangen, über Männlichkeitsbilder zu diskutieren - die Partei ist laut FAS entsetzt. Das "Problem Deutschland" ist zurück, fürchtet die NZZ - und es stärkt die Rechtspopulisten in Frankreich und Polen.
10.07.2026. In der FR spricht Harald Jähner über die Geschichte der Vertriebenen - sie wurden gehasst, aber sie waren auch Agenten der Modernisierung. Die NZZ betrachtet die Radikalisierung der Demokratischen Partei in den USA mit Sorge. Sorge auch bei der SZ - über die alarmierenden Zahlen des Börsenvereins zum Buchmarkt. Und über den Deutschlandfunk.
09.07.2026. Marine Le Pen ist zwar in zweiter Instanz verurteilt, aber sie darf kandidieren - und sie hat wohl die größten Aussichten, Frankreichs nächste Präsidentin zu werden, fürchtet Le Point. Die FAZ hofft dagegen, dass ihr die Wähler ihre finanziellen Mauscheleien nicht verzeihen. Die Fußball-WM ist mehr oder weniger eine französische Angelegenheit, konstatiert die taz: 99 der nominierten Spieler sind auf französischem Boden geboren, auch wenn sie für Algerien, Haiti, die DR Kongo und Senegal spielen. Im philomag skizziert der palästinensische Aktivist Hamza Howidy einen künftigen Frieden. Die SZ beschreibt die gefährlichen Umtriebe des Rechtspopulismus in Polen.
08.07.2026. Die FAZ warnt die Ukraine und Polen: Ihr geschichtspolitischer Streit nützt nur Putin. So leicht sind die USA nicht auf Linie, auch nicht auf eine faschistische, zu bringen, meint in der FR der Amerikanist Philipp Gassert, in Deutschland wäre das einfacher. Zeit online ahnt, dass der Tod Ali Khameneis, der jetzt zum Märtyrer gekürt wurde, für die technokratischen Kader der iranischen Revolutionsgarde ein Segen war. Die SZ warnt vor einer Gamifizierung des Drohnenkriegs. Die NZZ erinnert an die Grande Dame der Sterbeforschung, Elisabeth Kübler-Ross, die heute hundert geworden wäre.
07.07.2026. Die taz hat eine kleine, aber nicht unwichtige Beobachtung gemacht: In Russland spricht man nicht mehr von "Spezialoperation", sondern von "Krieg". Die FAZ erzählt unterdessen, wie erfolgreich die Ukraine etwa auf der Krim kämpft. Jürgen Kaube in der FAZ und Thomas Schmid in der Welt wenden sich gegen die "Faschismus"-Vokabel, die den Blick auf die AfD eher versperre als schärfe. In der sudanesischen Frontstadt El Obeid droht ein Blutbad, warnt die taz. Die SZ erzählt, wie die Maga-Bewegung die amerikanische Geschichte vom Thema der Sklaverei reinigen will.
06.07.2026. Die Skepsis gegenüber Trumps Amerika wächst: Hält das System der Checks and Balances noch? Selbst einigen Gerichtsurteilen, die das zu belegen scheinen, traut die SZ nicht. In der FAZ befürchtet der Ökonom Adam Posen einen Niedergang der USA durch Trumps offene Korruption. Der Parteitag der AfD belegte eine weitere Radikalisierung - die Zeitungen fragen, wie die Partei das mit ihrer angeblichen Koalitionsfähigkeit in Einklang bringen will. In der FAZ schreibt der einstige SPD-Politiker Michael Roth über die Krise des Bundestags.
04.07.2026. Die USA feiern heute 250 Jahre Unabhängigkeit, doch gute Stimmung will nicht so richtig aufkommen: Die FAZ erinnert daran, dass die amerikanische Verfassung schon von Beginn an das Potenzial zur "Selbstzerstörung" in sich trug. Auch der Historiker Joseph J. Ellis sieht in der FR viele heutige Probleme schon damals angelegt, zum Beispiel den Rassismus. Der Journalist Andrej Zacharow erklärt in der FAS, warum der russische Staat bald in eine "Cyberpunk-Dystopie" abstürzen könnte. Das russische Staatswesen beruht auf einer Fake-Identität, schreibt derweil der Politologe Andrew Chakhoyan in der NZZ.
03.07.2026. Die Bundesregierung will das Informationsfreiheitsgesetz quasi abschaffen - in der taz protestiert Arne Semsrott von "fragdenstaat.de". Netzpolitik schließt sich an. In Zeit online prangert der Politiologe Markus Linden eine neue Querfront gegen die Vergangenheitsbewältigung an. In der FR erklärt Nancy Fraser, wie sie eine "explizit antineoliberale Linke formulieren und den Kreislauf Biden-Trump durchbrechen" will.
02.07.2026. Linke Kulturkritik hat Deutschland positiv verändert, aber heute ist der Kulturbetrieb so verknöchert, wie er früher war, meint in der FAZ der CDU-Politiker Rüdiger Kruse und skizziert als Gegenprogramm eine konservative Kulturpolitik. In der taz diagnostiziert der Menschenrechtsexperte John Stauffer einen Rechtsruck in Schweden. Der Tagesspiegel liest eine Studie der Soziologin Celine Teney zur Frage, warum so viele Menschen AfD wählen. Wir stehen heute vor vergleichbaren Herausforderungen wie die Weimarer Republik, ist der Historiker Eckart Conze im Interview mit der Zeit überzeugt.
01.07.2026. Der Guardian sucht bei Googles DeepMind nach einer KI mit ethischen Werten. Thomas Schmid interpretiert den Erfolg der AfD als Manifestation eines Unmut gegen den zähen Fluss der Alternativlosigkeit. Die NZZ erkennt angesichts der ausländerfeindlichen Proteste in Südafrika und Libyen: Das Unbehagen gegenüber Migration ist global. Die Welt fragt sich angesichts des neuen Code of Ethics des Internationale Museumsverband (ICOM), welche Rolle Kunst eigentlich hier noch spielt.