Efeu - Die Kulturrundschau

Von Elefanten nichts zu hören

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21.07.2026. Die FAZ feiert 150 Jahre Bayreuther Festspiele: Katharina Wagner erzählt, warum ein Teil des Familien-Nachlasses für die Forschung freigegeben wird. Dirigent Christian Thielemann gibt Tipps für eine gute Wagner-Aufführung: man achte auf die Mendelssohn-Einflüsse. Die taz denkt beim Betrachten der Milieu-Fotografien von Shamal Shabazz wehmütig an das New York der Achtziger zurück. Die SZ dankt den Kinogöttern, dass Christopher Nolans "Odyssee"-Film die Kinokassen füllt. Die Welt vermisst die Zeiten als große Stars noch "mythische Wesen" waren. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2026 finden Sie hier

Bühne

Die FAZ bringt heute ein Dossier anlässlich des 150. Geburtstags der Bayreuther Festspiele

Im Interview mit Jan Brachmann äußert sich Katharina Wagner, Urenkelin von Richard Wagner und künstlerische Leiterin der Festspiele, noch einmal zu der Debatte um die Absage einer Veranstaltung mit Michel Friedman, die nun doch stattfindet (unsere Resümees). Die Auseinandersetzung mit Wagners Antisemitismus sei eine Hauptaufgabe der Bayreuther Festspiele, die man auf vielen Ebenen angehe und die niemals abgeschlossen sei. Zu diesem Zweck hat die Familie nun auch den Großteil des Wagner- Nachlass zur Forschung freigegeben, lesen wir: "Nahezu alle Teile der Familie haben ihre Nachlässe der Forschung zugänglich gemacht. Ein Teil steht bislang noch nicht zur Verfügung, aber der weit überwiegende Teil kann heute wissenschaftlich ausgewertet werden. Für mich ist das ein wichtiges Zeichen von Transparenz. Natürlich trifft es mich, wenn die Ernsthaftigkeit dieser Bemühungen infrage gestellt wird. Gleichzeitig weiß ich, dass Vertrauen nicht durch Erklärungen entsteht, sondern durch konsequentes Handeln."

Die musikalischen Herausforderungen einer Wagner-Aufführung erklärt Christian Thielemann, der dieses Jahr den "Ring" dirigiert, im Interview mit Clemens Haustein. Wagner habe sich bei der Musik ausführlich von seinen Kollegen "inspirieren" lassen, meint Thielemann: "Zugespitzt gesagt: Die halben 'Meistersinger' sind von Mendelssohn. Wenn Sie die gelungenen Wagner-Aufnahmen nehmen, von Hans Knappertsbusch, Herbert von Karajan oder Wilhelm Furtwängler, dann ist diese Inspiration Wagners immer zu hören. Und dabei ergibt sich mehr oder weniger von allein auch ein sängerfreundliches Klangbild: Der Text bleibt verständlich. Nehmen Sie den 'Walkürenritt': Das sind junge, lebenslustige Frauen, die sich da treffen und offenbar einen Heidenspaß haben. Warum diese Musik oft so elefantenhaft gespielt wird, ist mir unerfindlich. Ich sehe in dem Rhythmus, der diese Episode bestimmt, etwas Tänzerisches. Bei Knappertsbusch ist von Elefanten nichts zu hören."

Hier also der "Walkürenritt" unter Knappertsbusch:



Außerdem: Erstmals wird dieses Jahre Richard Wagners "Rienzi" im Bayreuther Festspielhaus gespielt, der Dramaturg Markus Kiesel erzählt, warum Hitler diese Oper besonders mochte. Robin Passon schaut Marcus Lobbes über die Schulter, der die diesjährige Aufführung des "Rings" künstlerisch mitgestaltet und dabei auch KI verwendet! Weitere Interviews gibts mit der "Rienzi"-Dirigentin Nathalie Stutzmann, mit der Sopranistin Camilla Nylund über ihre Rolle als Brünhilde und mit Georg Zeppenfeld über seine Rolle als Gurnemanz im "Parsifal".

Weiteres: In der NZZ resümiert Michael Stallknecht den Streit um die Entlassung des ehemaligen Salzburger Festspiel-Intendanten Markus Hinterhäuser (unsere Resümees).
Archiv: Bühne

Kunst

Jamel Shabazz, The Righteous Brothers, NYC 1981 © Jamel Shabazz, Courtesy Galerie Bene Taschen, Köln

Beinahe wehmütig blickt Bettina Maria Brosowsky in der taz auf die "fotografischen Sozialstudien" von Jamal Shabazz, die das Museum für Fotografie in Braunschweig in einer Ausstellung zeigt. Die große Qualität von Shabazz' Fotos, die sich vorrangig der Schwarzen- und Latino-Community widmen, liegt in der Geduld und der Empathie, die er für die Porträtierten aufbringt, meint Brosowsky, im Gegensatz zu den schnellen Momentaufnahmen der klassischen Street-Photography: "Viele seiner Serien ab den 1980er Jahren haben mittlerweile zeitgeschichtliche Dimension erlangt. Heute nicht mehr akzeptiert ist die einst so selbstverständliche Nutzung des öffentlichen Raums, der Straßen und kommunalen Infrastruktur wie der Subway als Bühne der Selbstinszenierung. Der obligate, immer größer werdende Ghettoblaster fürs gemeinsame, mobile Musikhören oder die Break Dance-Performance auf der Straße, das Posen mit Auto, Moped und neuster Mode oder auch nur das Kinderspielen auf dem großstädtischen Pflaster sind weitgehend der Kommerzialisierung, Reglementierung und Überwachung des öffentlichen Lebens gewichen - aber auch einer bewusst vollzogenen Individualisierungstendenz."

Besprochen wird die Ausstellung "Rauschen", die Werke aus dem Zentrum für Kunstausstellungen (ZfK) der DDR, zugänglich macht und in der ifa-Galerie Berlin stattfindet (taz).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Shabazz, Jamal, New York

Film

Muse, singe mir vom Jubel des Filmkritikers, der den Kinogöttern auf Knien dafür dankt, dass Christopher Nolans "Die Odyssee" (unsere Kritik) an den Kassen nicht etwa unterging, sondern höchst erfolgreich in See stach. Mit einem Budget von 250 Millionen Dollar war das "für einen Film, der keine Fortsetzung ist und nicht auf einem Comic beruht, doch eine sehr teure Wette", schreibt also David Steinitz in der SZ. Zum Glück kommt das Publikum weltweit in Scharen, "denn immer, wenn ein besonders gewagtes und gleichzeitig besonders teures Projekt floppt, werden die Studios noch vorsichtiger, was noch mehr 'Super Mario' und 'Toy Story 6' bedeutet. Wenn 'Die Odyssee' gut läuft, ist das also auch eine gute Nachricht für Menschen, denen der Film selbst völlig egal ist, die sich aber grundsätzlich über mehr Erwachsenenfilme aus Hollywood freuen würden."

Weiteres: Nur folgerichtig, dass man für eine "Odyssee" selbst durch Europa reist, wird sich Marian Wilhelm vom Standard gedacht haben und ist extra nach Prag gefahren, wo sich auf dem europäischen Festland eine von nur zwei verbliebenen Möglichkeiten bietet, Christopher Nolans "The Odyssee" im intendierten IMAX-70mm-Format zu sehen: "In Kombination mit einem steil angelegten Saal und modernem Raumklang ist die Immersion spürbar gesteigert." Im Standard-Gespräch ist der Altphilologe Georg Danek von Nolans "Odyssee" zwar alles in allem durchaus beeindruckt, stellt aber auch mit einem gewissen Kummer fest, dass dem listenreichen und begnadeten Redner Odysseus jeder Witz ausgetrieben wurde: "Er ist eigentlich durchgehend betrübt." Selina Hellfritsch ärgert sich derweil in der taz darüber, dass Nolans Film trotz Appellen, dies nicht zu tun, auch in der von Marokko besetzten Westsahara gedreht wurde. Besprochen wird Isabel Schneiders und Eva Müllers Dokumentarfilm "Was haben wir gelacht" über den Sexismus in der TV-Comedy der Neunzigerjahre (NZZ).
Archiv: Film

Literatur

Marcus Hammerschmitt fiel aus allen Wolken, als die beim gemütlichen Beisammensein im Biergarten um ihn versammelten Zunftkollegen ringsum begeistert von ihren KI-Experimenten zu plaudern begannen, erzählt der Schriftsteller in der Jungle World. Nicht nur, dass hier im Grunde Schriftsteller von Plagiaten schwärmen, fuchst ihn: "Erzählerinnen und Erzähler haben nun einmal die Pflicht, Lösungen für narrative Probleme zu finden, die sie sich selbst gestellt haben. Das ist die eigentliche Grundlage dafür, dass sie sich ein Publikum überhaupt wünschen können. ... Die KI, so wie sie heute benutzt wird, ist kein einfaches Produktivitätstool wie die Schreibmaschine oder der Computer. Sie ist etwas völlig anderes: ein frontaler Angriff auf die menschliche, subjektiv verantwortete Fähigkeit, intellektuell und gestalterisch auf die Welt zu reagieren. Sie zersetzt nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit (siehe KI-gefälschte Holocaust-Bilder) und über die Neuformatierung, Verarmung und Verblödung der Vorstellungskraft auch die Zukunft. Mit anderen Worten, sie ist eine von uns selbst auf maschinellem Weg erzeugte mentale Pest."

Besprochen werden unter anderem Stephan Thomes "Besser als nie" (FR), Anthony Josephs Gedichtband "Haunting the Black Air" (taz), Tiffany Watt Smiths "Gute Freundin, schlechte Freundin. Ein Jahrhundert weiblicher Freundschaft" (taz) und Stanislaw Vincenz' "Auf der Suche nach dem Taubenbuch des Baal Schem Tow" (NZZ).
Archiv: Literatur

Musik

Frank Jöricke vermisst in der Welt die großen Stars. Klar, was Aufmerksamkeit und Umsatz betrifft, gibt es auch heute noch welche - was er meint, ist der Star als unnahbares, geradezu mythisches Wesen. "Der Star war ein Leitstern. Er führte uns vor Augen, dass unser vermeintliches Schicksal kein Schicksal war. Dass wir jederzeit Dinge verändern konnten. Und sei es nur die Haarfarbe, um unsere Eltern zu schocken. ... Heute sind Stars vielfach Plaudertaschen, die fremden Journalisten und vor allem ihren sozialen Medien alles erzählen, was man eigentlich nur dem besten Freund oder der besten Freundin anvertraut. Ob Billie Eilish oder Miley Cyrus, Bad Bunny oder Taylor Swift, sie alle gehen mit ihren psychischen Problemen hausieren. Das macht sie nahbar und normal. Sie werden zu Menschen wie du und ich - und hören auf, Stars zu sein. Und das ist jammerschade."

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Besprochen werden Christoph Sators Buch "La Vie en Rose" über Frankreich im Spiegel seiner Chansons (Standard), Dearys Album "Birding" (FR), die von der inklusiven Initiative "IckmachWelle" herausgegebene Dancefloor-Compilation "Superbrains Vol. 2" (taz) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Für mich" von Jugo Ürdens (Standard).
Archiv: Musik
Stichwörter: Stars