9punkt - Die Debattenrundschau

Die von uns gemachten Regeln

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.07.2026. Das Vertrauen der Europäer in die Nato war ein Maginot-Linie-Denken, konstatiert Ivan Krastev in der NZZ - aber die Zeit der Kriege war nie vorbei. Der Rücktritt Jens Spahns als Fraktionsvorsitzender der CDU ist richtig, finden die meisten Zeitungen. Der Holocaust lässt sich nicht aus dem Kolonialismus erklären, insistiert Richard Evans in der NZZ. In der SZ erklärt Matthias Brandt seinen Abscheu vor Uwe Steimles Stauffenberg-Vergleichen. Wenn die Nazis bei Sachsens Jugend wieder en vogue sind, liegt das auch am Bildungssystem, sagt die Autorin Manuela Müller im Tagesspiegel.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2026 finden Sie hier

Europa

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust glaubten die Europäer die Zeit der Kriege sei vorbei, meint der Politologe Ivan Krastev in der NZZ (der Artikel erschien ursprünglich in der IWM Post). Heute ist klar, dass dem nicht so ist, allerdings muss Europa sich auch trauen, politische Konsequenzen zu ziehen und sich nicht mehr allein auf die Nato verlassen: "Angesichts des Zerfalls der europäischen Ordnung nach dem Kalten Krieg und der realen Gefahr einer Schwächung des transatlantischen Bündnisses muss man sich fragen, ob zukünftige Historiker nicht zu dem Schluss kommen werden, dass das Vertrauen Europas in die Nato dem Maginot-Linie-Denken gleichkam - als etwas, das ein falsches Sicherheitsgefühl schuf und den Kontinent daran hinderte, sich auf existenzielle Herausforderungen vorzubereiten. Auch wenn die Nato für die Verteidigung Europas nach wie vor von zentraler Bedeutung ist, sollte Europa nicht seinem Mangel an Vorstellungskraft zum Opfer fallen. Die Aufstockung der Verteidigungshaushalte ist ein notwendiger Schritt auf dem Weg zu einem souveränen Europa - doch das allein wird nicht ausreichen. Haushalte führen keine Kriege."

Jens Spahn ist als Chef der Unionsfraktion im Bundestag zurückgetreten, und das ist richtig so, kommentiert Sabine am Orde in der taz: "Spahn darf nicht ungestraft deutsches Recht umgehen und die eigenen Parteibeschlüsse sowie die in der Vergangenheit persönlich gemachten Aussagen ignorieren, ganz nach dem Motto: Die von uns gemachten Regeln gelten für mich nicht. Das sollte ohnehin klar sein, ist aber besonders wichtig in einer Zeit, in der die CDU um ihre Glaubwürdigkeit kämpft und sich in der Gesellschaft die Meinung breitmacht, dass "die da oben" ohnehin machen, was sie wollen." Hier am Ordes ausführlicher Bericht.

Spahn hatte als Politiker gegen Leihmutterschaften votiert, sah aber kein Problem darin, für sich selbst eine Ausnahme zu machen. Einsicht in diese Diskrepanz zeigt sein Rücktrittsschreiben nicht - er bringt nur seine persönliche Belastung vor: "Mir ist in den letzten Tagen bewusst geworden, dass mein persönliches Glück, gemeinsam mit meinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht vereinbar ist mit meinem politischen Amt. Denn der Spagat zwischen meiner privaten Entscheidung zu einem Kind durch Leihmutterschaft und der nachvollziehbaren Erwartung an mich als Vorsitzenden unserer Fraktion ist größer geworden, als ich es erwartet hatte." Nachzulesen ist das Schreiben hier.

Auch Jasper von Altenbockum von der FAZ findet Spahns Rücktritt richtig: "Öffentlich blieb er ein Gegner, privat aber war er längst ein Befürworter. Seine Partei führte er damit hinters Licht, so intim die Angelegenheit auch sein mag. Es wäre falsch zu sagen, dass Spahn für den richtigen Zeitpunkt der Mut fehlte. Daran mangelt es ihm nicht, und er hat schon ganz andere Konflikte durchgestanden. Viel mehr spricht dafür, dass er die Sache politisch auf die leichte Schulter nahm. Die Partei aber vor vollendete Tatsachen zu stellen, war ein Vertrauensbruch." Der Abschied ist nicht für immer, glaubt Hubert Spiegel: "Ein Spitzenpolitiker, der sein Amt aufgibt und seine Karriere aufs Spiel setzt, um sich einen Kinderwunsch zu erfüllen, das ist der Stoff, aus dem sich Legenden schnitzen lassen." Respekt für Spahns Rücktritt empfindet Welt-Autor Thomas Schmid.
Archiv: Europa

Geschichte

In der NZZ betrachtet der Historiker Richard J. Evans im Gespräch mit Marc Tribelhorn den Historikerstreit im Lichte heutiger Debatten über Postkolonialismus, die die Singularität des Holocaust anzweifeln. Kann man die Shoah tatsächlich als Fortführung der Kolonialverbrechen verstehen? Ganz klar nein, so Evans: "Man kann in der kolonialen Gewalt Vorläufer der NS-Verbrechen im Osten sehen, als sogenannte slawische Untermenschen aus dem Weg geräumt werden mussten, um Platz für deutsche Siedler zu schaffen. Sie wurden als Zwangsarbeiter unterdrückt, ausgebeutet und getötet. Die deportierten Juden hingegen sind aus einem einzigen Grund ermordet worden: weil sie Juden waren. Es ist die Auslöschung aller Angehörigen einer pseudowissenschaftlich definierten Rasse. Das ist der entscheidende Unterschied."

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1974 veröffentlichte der jüdische Schriftsteller und Denker H. G. Adler mit "Der verwaltete Mensch", das der S. Fischer Verlag jetzt neu herausgegeben hat, ein grundlegendes Werk zum Holocaust, das die Rolle der Bürokratie bei der Vorbereitung und Umsetzung der Verschleppung und massenhaften Ermordung der Juden im Nationalsozialismus beschreibt. Entstanden war das Buch, nachdem das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) Adler 1958 eingeladen hatte, "eine Arbeit nach eigener Wahl" aus seinem deutsch-jüdischen "Themenkreis" zu verfassen. Im ersten Teil des Vorworts von Götz Aly lesen Sie, wer H.G. Adler war, im zweiten Teil, warum das IfZ seine Arbeit damals ablehnte: In einem Brief von 1987 an Saul Friedländer unterstellte Martin Broszat, damals Leiter des IfZ, "den von Deutschland Verfolgten, 'vor allem auch jüdischen Menschen', sie würden, anders als er, der im Selbstbild vermeintlich Objektive, 'auf einer mythischen Form des Erinnerns beharren'. Weshalb es nicht-jüdische Historiker immer wieder mit einer 'gegenläufigen, geschichtsvergröbernden Erinnerung unter den Geschädigten und Verfolgten des NS-Regimes und ihren Nachkommen zu tun' bekommen würden. Der Briefwechsel zwischen Broszat und Friedländer war von vorneherein zur Veröffentlichung gedacht und erschien ein Jahr später in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte. Neben Friedländer meinte Broszat damit jüdische Kollegen wie Yehuda Bauer (1926 - 2024), H. G. Adler, Joseph Wulf, Léon Poliakov, Otto Dov Kulka (1933 - 2021), Raul Hilberg und andere. In derselben Tonlage hatte Broszat drei Jahre zuvor, 1984, auf der Stuttgarter Konferenz 'Der Mord an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg - Entschlussbildung und Verwirklichung' argumentiert und den erstmals nach Deutschland eingeladenen Kollegen Hilberg, Bauer und Friedländer vorgehalten, sie brächten eine Leidenschaftlichkeit in die Debatte hinein, der 'wesentliche außerwissenschaftliche Gründe' eigen seien. Im Klartext: Deutsche Historiker, die noch im Nationalsozialismus einen Teil ihrer Sozialisation und geistigen Prägung erfahren hatten, fühlten sich jüdischer Geschichtsvergröberung ausgesetzt und betrachteten die Interventionen der 'Geschädigten und Verfolgten des NS-Regimes und ihrer Nachkommen' als Hemmnis für jegliche objektive Geschichtsschreibung."
Archiv: Geschichte

Ideen

Rechtshistoriker Peter Oestmann setzt die FAZ-Debatte um "zivilen Ungehorsam" fort. Entstanden war sie, als FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube sich über jene "Antifachisten" lustig gemacht hatte, die der AfD den Parteitag blockieren wollten, wenn sie auch leider zu spät aufgestanden waren (unser Resümee). Der Jurist Ralf Michaels und die Medienwissenschaftlerin Anne Gräfe hatten den "zivilen Ungehorsam" dennoch verteidigt (unser Resümee). Oestmann hält an den Schönheiten des "formalen Normgehorsams" fest, auch gegen die beschworenen Lehren aus der Geschichte: "Es gibt freilich eine andere Lehre aus der Geschichte, die bei dem Kampf gegen das Böse zu kurz kommt: Diejenigen Juristen, die Normgeltung und Normbefolgung unabhängig von politisch-moralischen Überzeugungen zum obersten Grundsatz erklären, stehen und standen historisch oft für Rechtsstaatlichkeit und Freiheit ein. Wer dagegen übergeordnete Gemeinschaftsinteressen anführt, den toten Buchstaben gegen das pralle Leben ausspielt, höhlt die Gesetzesbindung aus und verfolgt andere, jedenfalls keine rechtlich anerkannten Interessen."
Archiv: Ideen
Stichwörter: Ziviler Ungehorsam

Gesellschaft

Die Fußball-WM endet in einer schönen Geste:

Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts erlaubt, aber immer noch nicht gesetzlich geregelt. Der Palliativmediziner Martin Neukirchen schildert auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ die heiklen Grauzonen des Themas, weist auf die Nöte auch der Angehörigen und auf Entwicklungen in den Niederlanden und Kanada hin. Das alles sollte berücksichtigt werden, so Neukirchen: "Wünschenswert wäre ein Rahmen, der eine zuverlässige Überprüfung der Freiverantwortlichkeit sicherstellt. Er sollte die Selbstbestimmung der Menschen schützen, die sich freiverantwortlich für eine Suizidassistenz entscheiden. Und er sollte auch denjenigen, die ihnen beim Suizid assistieren, Orientierung und eine größtmögliche Sicherheit geben. Ebenfalls wichtig ist ein gesetzlich verpflichtender Eintrag aller Suizidassistenzen in ein Register, um aus dem, was passiert, lernen zu können."

In der SZ kommentiert der Schauspieler Matthias Brandt den Auftritt des Kabarettisten Uwe Steimle bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Dessau-Roßlau, wo dieser unter anderem über die Tötung von Friedrich Merz "Witze" machte (unser Resümee). Wo denn ein Stauffenberg sei, wenn man ihn brauche, fragte Steimle mit Blick auf Merz, später fantasierte er darüber, Angela Merkel "an die Wand zu stellen." Für Brandt sind diese Worte "schändlich und niederträchtig" und auch mit Blick auf den Jahrestag des Stauffenberg-Attentats zu verurteilen: "Das Wort von der Wand ist kein unschuldiges. Das vom Hängen ebenfalls nicht. Und der Name Stauffenberg steht nicht zur freien Verfügung. Es kommt hinzu, dass diese Sätze bei einer Veranstaltung der AfD fielen, einer Partei, in der seit Jahren versucht wird, die Geschichte Nazideutschlands umzudeuten, zu verkleinern oder als lästig abzuschütteln. Vertreter dieser Partei stellen sich selbst frech als Widerstandskämpfer dar, während sie demokratische Institutionen verächtlich machen und politische Gegner zu Feinden erklären. Der Ort, an dem ein Satz ausgesprochen wurde, gehört zu seinem Inhalt. Die Menschen auf der Bühne in Dessau wussten, wo sie saßen. Und wer vor ihnen saß. Welche Wirkung ein solcher Satz dort haben würde, wussten sie ebenfalls."

Buch in der Debatte 

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Die Autorin Manuela Müller, die ein Buch über den Aufschwung des Rechtsextremismus in Ostdeutschland geschrieben hat, teilt im Tagesspiegel-Interview mit Gunda Bartels ihre Beobachtungen über eine Jugend in Sachsen, bei der rechte Tendenzen in Mode sind. Woran liegt es? "Ich bin keine Soziologin, die die Gründe für Radikalisierung theoretisch erklärt. Ich kann nur über die Menschen sprechen, die ich während meiner Recherchen getroffen habe, und da ist Bildung schon ein Schlüssel. Wir haben in Sachsen ein Schulsystem - und das halte ich für fatal -, das Schüler nach der vierten Klasse in gute und schlechte trennt. Die einen gehen auf das Gymnasium, die anderen in die Oberschule. Damit trennen wir auch Milieus. Wir trennen gesellschaftliche Gruppen, die eigentlich zusammengehören. Wir wollen Integration und Vielfalt, aber die Oberschulen liegen in bestimmten Wohngebieten und die Gymnasien in anderen. Dadurch fehlt ein Korrektiv."
Archiv: Gesellschaft