9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
August 2026
21.08.2026. Russland tötet systematisch Zivilisten, und es attackiert systematisch die ukrainische Kultur, stellt der Tagesspiegel fest. Der entlassene Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow ruft unterdessen laut SZ zu Neuwahlen in der Ukraine auf. Was russische Kultur ausmacht, wird jetzt im Ausland von Exilanten definiert, sagte Irina Scherbakowa bei den "Tagen des Exils". Berlin ist zwar nicht mehr arm, aber auch nicht mehr sexy, stellt die FAZ fest.
20.08.2026. Der Rechtsphilosoph Uwe Volkmann wundert sich in der FAZ, wie wenig die Befürworter eines AfD-Verbotsverfahrens über die Folgen eines Sieges nachdenken. Der Historiker Volker Weiß warnt in der SZ: Die DDR-Folklore der AfD ist fake. Im Tagesspiegel erklärt der Neuköllner Bürgermeister Martin Hikel, warum er den Begriff des "antimuslimischen Rassismus" nicht benutzt. Die Zeit sieht in der Affäre Jason Arday vor allem einen Schuldigen: die Universität Cambridge.
19.08.2026. Die Aufregung um das Spiegel-Cover über Ulrich Siegmund zeigt vor allem wie ratlos alle dem Aufstieg der AfD gegenüberstehen, meint ein deprimierter Claus Leggewie in der FR. Die SZ feiert Alexandria Ocasio-Cortez als das neue Gesicht von "Woke 2.0". Morddrohungen des israelischen Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir sorgen für Empörung. Die Arday-Tragödie entwickelt sich zu einem bizarren Kulturkampf. Und: KI ist jetzt Gott, lernt die FAZ.
18.08.2026. Dreht sich der Ukraine-Krieg erneut zu Ungunsten der Ukraine? Der Militärhistoriker Alexander Gogun beziffert in der taz die vielen Toten der letzten Monate - und den Bevölkerungsschwund im Land. In Russland wird unterdessen der letzte Oppositionelle, Lew Schlosberg, für zwölf Jahre eingekerkert - Mediazona druckt seine Rede vor Gericht. Der Rechtspopulismus entzaubert sich, sobald er an der Regierung ist - sollte man ihn also lassen, fragt der britische Schriftsteller David Szalay in der NZZ. Mit Staunen versenkt sich der Spectator in das "islamische Kurrikulum" an der Uni Cambridge.
17.08.2026. In der FAZ schreibt Ines Geipel über die ungeheuer massive Tradition des Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt, die bis in die DDR zurückreicht. In der SZ wirft Marieke Reimann den demokratischen Parteien vor, die Wähler im Osten nicht richtig anzusprechen. In Zeit online fragt der belarussische Autor Viktor Martinowitsch: "Wenn niemand mehr an das Gute glaubt, was ist damit gewonnen?" Der Fall Jason Arday beschäftigt die Medien weiter.
15.08.2026. Die NSDAP ist in der Weimarer Republik mehrfach verboten worden, erinnert Heinrich August Winkler in der FR. Auch wenn die Situation heute nicht vergleichbar ist, rät Winkler dringend von der Idee eines AfD-Verbots ab. Ebenfalls in der FR malt Kai Langer von der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt die Folgen eines AfD-Siegs in dem Land aus. Der Cambridger Soziologe Jason Arday, über dessen Plagiate und Lebensgeschichte in den letzten Wochen weltweit gestritten wurde, ist tot aufgefunden worden, meldet unter anderem der Guardian. An der Uni Cambridge, der Uni Darwins, wird heute auch "Kreationismus" gelehrt, enthüllt Richard Dawkins auf Twitter.
14.08.2026. Berlin und Warschau feiern 35 Jahre Städtepartnerschaft - aber nur eine der beiden Städte weist eine echte Dynamik auf, konstatiert die taz. Die FAZ bekennt ihren Ärger über die ständige Bewirtschaftung der ostdeutschen Opferseelen. Ungarn hat sein Gesicht schon jetzt deutlich verändert, freut sich die NZZ - aber wo sind Orbans Milliarden? Die SZ antwortet mit einem deutlichen Jein auf die Frage, ob die AfD verboten gehört. Nicht das Geschlecht, sondern die soziale Lage entscheidet darüber, wer einsam ist, meint Slate.
13.08.2026. Die SZ gruselt sich vor den antiisraelischen "Vibeshifts" bei amerikanischen Demokraten und deutschen Linken. Die FAZ diagnostiziert einen Tea-Party-Moment bei den Demokraten. Die Zeit lernt aus dem Parteiprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt, dass diese den "Schuldkult" der Deutschen für eine "Identitätsstörung" verantwortlich macht. In der taz warnt Andreas Petrik, Professor für Politikdidaktik, vor linker Gewaltromantik. In der FR erzählt der Historiker Martin Sabrow, warum die DDR unbedingt eine Mauer bauen wollte.
12.08.2026. Zeit online denkt über die Exklusivität des "Mekka-Verteidigungspakts" nach. Der Sicherheitsexperte Peter R. Neumann erklärt in der SZ, warum Islamismus sowohl links als auch rechts ist. Die NZZ besucht in Korea buddhistische Hotspots der Partnersuche. Die taz fürchtet die neue Macht der Geheimdienste in Deutschland.
11.08.2026. Leider könnte es bei den französischen Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr dazu kommen, dass sich eine Rechtsextreme und ein Linksextremer gegenüberstehen, fürchtet Daniel Cohn-Bendit in Le Point - und dann "ist der Sieg von Marine Le Pen sicher". Die Russen verfolgen die Einwohner Charkiws inzwischen mit "first person view"-Drohnen, erzählt Sergei Gerasimow in der NZZ, ein "Wandel von der allgemeinen Massenvernichtung hin zum individualisierten Mord". Zornig schreibt John McWhorter im City-Journal über den Fall Jason Arday. Und Navid Kermani kriegt in der FAZ eine Standpauke von einem Generalleutnant.
10.08.2026. Soziologie ist gar nicht so links, allenfalls sozialdemokratisch, erwidern Stephan Lessenich und Sarah Nies in Zeit online zur jüngsten Soziologiedebatte. Warum werden eigentlich so viele Hoffnungen auf humanoide Roboter gesetzt, fragt die FAZ auf ihren Wirtschaftsseiten. Die Medien untersuchen weiter das woke Münchhausen-Syndrom an der Uni Cambridge. In der NZZ erklärt Susanne Schröter, wie das "Dritte Geschlecht" in vielen muslimischen Ländern die Machtverhältnisse eher zementiert.
08.08.2026. Die französische Philosophin Joëlle Zask erklärt in der NZZ, warum "Megafeuer" wie in Frankreich nicht nur auf die Ausbeutung der Natur zurückzuführen sind, sondern auch auf den Verlust "traditioneller Feuerkulturen". Erzählungen wie die der angeblichen "Sarajevo-Safari" verbreiten sich so schnell, weil sie ein Bedürfnis nach Elitenhass und Geschichtsrevisionismus bedienen, meint der bosnische Schriftsteller Miljenko Jergović in der FAS. Die taz berichtet, wie sich Kulturinstitutionen in Sachsen-Anhalt auf eine AfD-Regierung vorbereiten. Die FR gratuliert Arno Widmann zum Achtzigsten.
07.08.2026. Die bewaffnete Drohne auf dem Leipziger Flughafen ist nur ein letzter Beweis, meint Zeit online: Deutschland muss verstehen, dass Russland es als Feind betrachtet. In Südasien protestiert die Jugend, beobachtet die FAZ - aber dieser Protest ist Ausdruck einer Hoffnung. Im Gazastreifen gibt es durchaus Proteste gegen die Hamas - aber wo ist die propalästinensische Bewegung außerhalb von Gaza, die eine Anknüpfung ermöglicht, fragt die Jüdische Allgemeine. Das ganze englischsprachige Netz ist voll mit der Geschichte des Hochstaplers Jason Arday, dem jüngsten schwarzen Professor in Cambridge, dem alle alles glaubten.
06.08.2026. Das neue Asylrecht der EU steht vor allem für mehr Zwang und De-facto-Haft für Asylsuchende, kritisiert in der taz Katharina Grote vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Marokko erhebt eigentlich schon immer Anspruch auf Spaniens Exklaven Ceuta und Melilla, erinnert die NZZ. Lukaschenko schläft nachts schlechter als ich, ist der belarusische Oppositionelle Mikalaj Statkewitsch in der Zeit überzeugt. Ebenfalls in der Zeit warnt der Rechtsphilosoph Christoph Möllers: Es ist ganz einfach, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit einzuschränken.
05.08.2026. Die Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa liest für die SZ im "Wörterbuch des Krieges" von grausigen Verbrechen innerhalb der russischen Armee. Irina Scherbakowa erzählt in der taz, wie in Russland die Kategorie der "Rechtlosen" wieder eingeführt wird. Der Politikwissenschaftler Monty Ott sucht in der FAZ nach einem linken Zionismus. Außerdem fordert die FAZ den Historiker Götz Aly auf zu erklären, warum er nun doch für ein AfD-Verbot wäre. KI regiert uns schon seit dem 18. Jahrhundert, behauptet Peter Sloterdijk im Tagesspiegel: Man nannte sie nur anders. Der neue Antisemitismus ist der alte Neid auf Juden, meint Michael Wolffsohn in der NZZ.
04.08.2026. Warum hat sich Europa immer noch nicht entschlossen, russische Oligarchen konsequent zu sanktionieren, fragt sich ein entgeisterter Garri Kasparow in der Welt. In der FAZ stellt der Politologe Christian Stecker angesichts einer fragmentierten Politiklandschaft die Fünfprozentklausel in Frage. In Zeit online schildert der Germanist Steffen Martus die immer weiter zunehmende Macht der Literaturagenten. Und die FAZ hat herausgefunden: Man kann bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zwar Programmbeschwerde einlegen - aber es wird nix bringen.
03.08.2026. Die Briten erinnern sich mit Schrecken an den Skandal um die Mohammed-Karikaturen, wie eine Szene mit Jacob Rees-Mogg im Oxford Union Club zeigt. In Zeit online schlägt Thomas Piketty eine globale Vermögenssteuer für Milliardäre vor, mit der man nachhaltige Energie finanzieren könnte. Die Krise von Ceuta ist beendet - es gibt Dutzende Tote und die Frage, was die politischen Akteure trieb. Zeit online fragt, ob die Flüchtlinge nicht das Recht gehabt hätten, politisches Asyl zu beantragen. Die taz staunt über die Seelenverwandtschaft von Heidegger und Beuys. Und kontext fragt: Wie steht's um den Qualitätsjournalismus um Ulm herum.
01.08.2026. Die FAZ besucht das ehemalige Gulag-Museum in Moskau, das nun einer ganz neuen Geschichtserzählung gewidmet ist - der Sowjetunion als Opfer eines westlichen Genozids. Die Menschen in der DDR wollten vor 1989 nicht unbedingt Freiheit und Demokratie - sie wollten nur ein Ende der DDR, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk in der taz. Es wäre falsch, die Verbindungslinie zwischen Islam und Islamismus zu leugnen, mahnt der Blogger Murat Kayman im Tagesspiegel.