9punkt - Die Debattenrundschau

Autoritäre Kuratierung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.02.2020. Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, erklärt in der SZ, dass ihn Besucher immer häufiger mit geschichtsrevisionistischen Positionen konfrontieren. In der NZZ verteidigt Jan-Werner Müller den Liberalismus, der "kein exklusives Luxusgut für die Starken der Gesellschaft" sei. Facebook-Kritiker Roger McNamee fordert bei heise.de ein Verbot von Algorithmen, die in sozialen Netzen Emotionen verstärken. "Terre des Femmes" warnt laut emma.de, dass auch in Deutschland lebende Mädchen Genitalverstümmelungen erleiden.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.02.2020 finden Sie hier

Internet

Roger McNamee, einst Facebook-Investor, ist mit dem Buch "Die Facebook-Gefahr" zum Facebook-Kritiker geworden. Im Gespräch mit Monika Ermert von heise.de fordert er ein Gesetz zum Verbot von Algorithmen, die Emotionen verstärken: "Das Grundproblem ist, dass das Geschäftsmodell auf die Monopolisierung von Aufmerksamkeit gerichtet ist. Die Firmen setzen dazu Amplifizierungs-Algorithmen ein, um den Leuten genau die Inhalte zu präsentieren, mit denen sie sie am besten auf der Plattform festhalten können. Für die meisten Leute gilt, dass sie am ehesten dranbleiben, wenn sie wütend sind oder Angst haben. Also bekommen wir Hate Speech, Desinformation und Verschwörungstheorien. Genau da muss die Regulierung ansetzen. (...) Wer digitales Gift verbreitet, sollte ökonomisch genauso zur Verantwortung gezogen werden, wie derjenige, der chemische Gifte in Umlauf bringt."

Die Demokratieforscher Christopher Walker, Shanthi Kalathil und Jessica Ludwig vom National Endowment for Democracy (NED) (einem einst von Ronald Reagan gegründeten Thinktank) warnen in der FAZ vor "wechselseitiger technologischer Abhängigkeit zwischen Demokratien und autoritären Regimen". Die Überwachungstechnologien in "scharfen Regimes" wie China und Russland könnten mit den Plattformen verschmelzen und auch die Demokratien unterhöhlen: "Im Kontext der neuen Technologien zielt scharfe Macht darauf ab, das Ökosystem, in dem Informationen und Ideen zirkulieren, grundlegend zu verändern. Sollten die größten autoritären Staaten noch weiteren Einfluss auf die Plattformen gewinnen, über die Menschen in aller Welt Informationen erhalten und teilen, werden höchstwahrscheinlich noch weiterreichende Formen 'autoritärer Kuratierung' entstehen, wie man dies nennen könnte. Unter diesen Umständen wird man noch präzisere Algorithmen entwickeln, die sicherstellen, dass unerwünschte politische Inhalte vor den Augen der Nutzer verborgen bleiben." Den Artikel kann man im Original hier herunterladen.
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Ideen

Angesichts des Debakels in Thüringen plädiert der Politologe Frank Decker in der SZ dafür, Regierungschefs künftig in offener Abstimmung zu wählen. "So richtig und wichtig es ist, dass die Abgeordneten frei entscheiden können und nur ihrem Gewissen unterworfen sind, so werden sie doch zugleich als Vertreter einer politischen Partei gewählt. Damit sind sie auch deren Willen und dem Willen ihrer Wähler verpflichtet. Das freie Mandat gibt ihnen die Möglichkeit und das Recht, sich von diesem Willen jederzeit zu entfernen. Ob das politisch gerechtfertigt ist, muss der Wähler allerdings nachvollziehen können. Das geht nur, wenn die Abgeordneten ihr Abstimmungsverhalten öffentlich sichtbar machen, dieses also nicht im Verborgenen stattfindet.

Nein, Liberalismus ist kein Luxus globalisierungsfreundlicher Eliten, erklärt in der NZZ der Politologe Jan-Werner Müller und wehrt sich dabei gegen Kritik von rechts wie von links: Jeder hat ein Interesse an einem autonomen Leben, auch die Benachteiligten, und auch diejenigen, welche nicht einem Ideal maximaler Selbstentfaltung nacheifern wollen. Anders als es die rechte Kritik will, ist Liberalismus kein Frontalangriff auf traditionelle Kulturen; anders als es die linke Kritik meint, muss Liberalismus nicht für die Macht privater Institutionen blind sein. Dies sind nicht ideologische Trümmer, aus denen sich nichts mehr bauen lässt; es sind immer noch Fundamente."

Man soll Links- und Rechtsextremismus nicht miteinander gleichsetzen, meint Maximilian Fuhrmann vom Bremer Institut für Interkulturelle Studien im Tagesspiegel nach den Thüringer Scharmützeln: "Rechtsextremismus bedeutet stets ein hohes Maß an sozialer Ungleichheit und Unfreiheit - zumindest für jene, die den Gleichheitsvorstellungen nicht entsprechen. Linksextremismus bedeutet qua Definition das Eintreten für ein hohes Maß an sozialer Gleichheit. Dies kann mit einem hohen Maß an Unfreiheit als auch an Freiheit einhergehen." Na, kann ja nichts mehr schiefgehen.
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Politik

Der Politologe Xiaoyu Lu ist in Wuhan - und darf die Stadt wegen des Coronavirus nicht verlassen. In der FAZ berichtet er über eine Stadt unter Quarantäne: "Die Menschen in Wuhan haben ihre Heimatstadt verloren - die in der Stadt lebenden ebenso wie die außerhalb feststeckenden. Die Stadt ist inzwischen in Teile zerbrochen und in isolierte Areale unterteilt - ohne Organisation und ohne ein Gemeinschaftsgefühl. Wir müssen uns auf Gerüchte in den sozialen Medien verlassen, um herauszufinden, was ein Stück weiter die Straße hinunter geschah." Xiaoyu Lu berichtet auch im Chinachannel über Wuhan im Zeichen des Coronavirus.
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Stichwörter: Coronavirus, China, Wuhan

Geschichte

Gedenkstätten und Museen, die der Erinnerungen an die Verbrechen der Nazis gewidmet sind, werden immer häufiger mit Besuchern konfrontiert, die diese Verbrechen klein zu reden versuchen, erzählt Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, im Interview mit der SZ. Seiner Ansicht nach haben die "ständigen geschichtsrevisionistischen Provokationen aus den Reihen der AfD" das Klima verändert: "Das sind in der Regel gezielte Versuche, den Gedenkstätten-Besuch für geschichtsrevisionistische Provokationen zu missbrauchen. Es wirkt oft, als wäre das mit ungesundem Halbwissen gezielt vorbereitet worden. Es geht solchen Besuchern darum, eine Gruppenführung durch die Gedenkstätte zu stören oder die Diskurshoheit zu erlangen. Das geschieht sehr viel häufiger als früher, aber es ist nicht die tägliche Regel. Es geht von einer Minderheit aus, aber diese Minderheit wird lauter, größer und aggressiver."

In der NZZ erinnert die Slawistin Renate Lachmann daran, dass die Existenz der ersten Gulags in der Sowjetunion im Westen oft geleugnet wurde. In Russland wurde die eigene Gewaltgeschichte nie aufgearbeitet: "Aber nicht nur Verleugnung und Rechtfertigung, sondern auch die generelle Weigerung, sich konkretes historisches Wissen über den Stalinismus anzueignen, lassen das Ziel unerreichbar erscheinen, ein gesellschaftliches Bewusstsein für das Geschehen zu schaffen und einen Gedächtnisraum für den die russische Geschichte so stark belastenden Abschnitt zu öffnen. Die Versuche, Entdeckungen von Massengräbern und Erschießungsstätten publik zu machen und eine historische Erfassung des Lagergeschehens zu ermöglichen, werden von Memorial gleichwohl nicht aufgegeben, ebenso wenig wie die Tradition von Gedächtnisveranstaltungen."
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Gesellschaft

Manuela Heim unterhält sich mit der amerikanischen Journalistin Antje Joel, die ein autobiografisches Buch über häusliche Gewalt geschrieben hat. In zwei Ehen wurden ihre Männer gewalttätig. Die häufigste Frage, die ihr begegnet, sagt sie, sei die Frage "warum bist du nicht früher gegangen?" Aber so einfach ist das nicht: "Selbst in der vermeintlichen Ruhephase, in der die Gewalt nicht eskaliert, übt der Mann Kontrolle aus. Und selbst wenn die Frauen 'einfach gehen', wie sieht die Zukunft aus? Es gibt zu wenig Frauenhausplätze, 60 Prozent der Väter zahlen keinen Unterhalt. 'Einfach gehen' bedeutet häufig, dass Frauen lange, lange Zeit an der Armutsgrenze leben müssen. Aber jetzt kommt das größte Hindernis: 75 Prozent der massivsten Angriffe gegen Frauen, Mord inklusive, erfolgen in der Trennungsphase oder nachdem die Frau gegangen ist. Es sind nämlich die Männer, die nicht gehen. Sie lassen die Frauen nicht in Ruhe. Das ist ja auch klar, wenn man versteht, was häusliche Gewalt, also Zwangskontrolle ist."

Auch in Deutschland gibt es immer mehr Frauen, die Genitalverstümmelungen erleiden mussten, weil die Einwanderung aus betroffenen Ländern gestiegen ist, berichtet Annika Ross unter Bezug auf einen Bericht der Organisation "Terre des Femmes" in emma.de. Und die Tradition wird in sogenannten "Ferienbeschneidungen", für die die Mädchen ausgeflogen werden, fortgeführt: "Terre des Femmes warnt zudem vor der Verlagerung des grausamen Rituals in Kliniken in Asien und Nordafrika. 'Diese führt dazu, dass der Eingriff verharmlost wird und sogar Akzeptanz findet, weil er ja von medizinischem Fachpersonal durchgeführt wird. Es gibt sogar Bestrebungen, die medikalisierte Verstümmelung als Kompromiss zu legalisieren!', sagt Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von Terre des Femmes." Ross empfiehlt zum Thema den Film "In Search", der in dieser Woche in den Kinos startet. Auf Zeit online erzählt eine Somalierin von den Beschneidungspraktiken in ihrem Land.
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Medien

Im Interview mit der NZZ überlegt der Kabarettist Dieter Nuhr, warum Jan Böhmermanns Ziegenficker-Witz über Erdogan kein Problem und ein Signal für die Meinungsfreiheit ist, sein Greta-Witz aber einen Shitstorm auslöste: "Böhmermann macht seine Witze exakt dem politischen Zeitgeist entsprechend, während meine diesem Zeitgeist oft widerstehen oder sich ihm widersetzen. Das ist der einzige Unterschied. Gerade durch meine Unabhängigkeit bin ich halt für viele auch ein Feindbild. Während der Glaube weit verbreitet ist, man habe die Lösung, die Wahrheit. Und jeder, der sich dem widersetze, sei nicht andersdenkend, sondern einer, der sich der Wahrheit widersetze. Das trägt quasireligiöse Züge. Dass man sich der Erlösung widersetzt, wird ungern gesehen bei Gläubigen. Das ist rechts außen wie links außen exakt so."
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Stichwörter: Nuhr, Dieter

Wissenschaft

Man kann den zunehmenden englischen Sprachgebrauch an deutschen Universitäten kritisieren, ohne sich dabei mit der AfD gemein zu machen, schreiben in der SZ die Romanistinnen Lidia Becker und Elvira Narvaja de Arnoux, beide keine deutschen Muttersprachlerinnen. Die Bevorzugung des Englischen sei dem Ideal einer Mehrsprachigkeit der Wissenschaften nicht förderlich, sondern eher einem neoliberalen Wissenschaftsbild: "Die Wissenschaftslandschaft braucht eine gleichberechtigte Förderung mehrerer Sprachen. Nur so können innovative Ansätze jenseits des Mainstreams gedeihen. Nur eine mehrsprachige Wissenschaft mit vielen Zentren ist wirklich international. Damit die Weltwissenschaft plural bleibt, muss das Deutsche als eine der größten, traditionsreichsten Wissenschaftssprachen an deutschen Hochschulen eine zentrale Rolle spielen und auch im Ausland gefördert werden. Chauvinistische Argumente im Sinne der AfD ... müssen dabei entschieden zurückgewiesen werden."
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Stichwörter: Wissenschaftssprache, AfD