Efeu - Die Kulturrundschau

Glücklich paralysiert bis wippend

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10.02.2020. Die Feuilletons applaudieren in ersten Reaktionen dem großen Gewinner der Oscar-Nacht: Bong Joon Hos Klassenkampf-Film "Parasite". Die SZ sieht im Bucerius-Kunstforum, dass David Hockney nicht nur knallige Oberflächen beherrschte, sondern auch die Tiefe des Grand Canyons. Die taz labt sich an Laibachs donnerndem Heiner-Müller-Musical "Wir sind das Volk". Der Schriftsteller Robert Posser erzählt im Standard von seiner Reise in den Libanon.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2020 finden Sie hier

Film

Klassenunterschiede und Klamauk: Bong Joon Hos "Parasite"

In der Nacht wurden die Oscars verliehen - hier alle Auszeichnungen im Überblick. Der große Gewinner des Abends: Bong Joon Ho, der nicht nur für Drehbuch und Regie gleich zwei Oscars erhalten hat, sondern dessen "Parasite" (unsere Kritik) zudem nicht nur als bester internationaler, sondern darüber hinaus auch als bester Film ausgezeichnet wurde - eine Sensation in der Geschichte der Academy Awards, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt: Denn zum ersten Mal in deren Geschichte hat ein nicht-englischsprachiger Film die begehrteste Auszeichnung erhalten. Der Film ist ein Paradebeispiel für das südkoreanische Kino, das seit vielen Jahren auf hohem Niveau Filme liefert, schreibt Anke Leweke auf ZeitOnline: "Seit Jahren versetzt dieses Kino die Gäste internationaler Festivals in eine Art Schockzustand: halb Erstarrung, halb Nachdenklichkeit. ... Vielleicht hat sich das südkoreanische Kino mit Bong Joon Hoos 'Parasite' das schönste Geschenk zum hundertsten Geburtstag gemacht. Der Film über eine Familie aus der Unterschicht, die eine Neureichenfamilie unterwandert, ist die Synthese der großen Themen und kulturellen und historischen Prägungen: Messerscharf gezeichnete Klassenunterschiede, subversiver Klamauk, pittoreske Gewalt - vereint in einer eleganten Genre-Erzählung." Hier Bong Joon Hos so bescheidene, wie emotionale Dankesrede für die Auszeichnung als bester Regisseur:


Weiteres zu den Oscars: David Hugendick würdigt auf ZeitOnline Joaquin Phoenix, der für "Joker" (unsere Kritik) als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde. Wenke Husmann porträtiert Scarlett Johansson, die in diesem Jahr für zwei Oscars nominiert war. Für den Standard erkundigt sich Bert Rebhandl bei der Cutterin Monica Willi, wie man sich Alltag und Arbeit eines Academy-Mitglieds vorstellen muss. Peter Huber fordert in der Presse, dass die Gala künftig wieder moderiert sein soll. Die Zeit bringt eine Fotostrecke vom ziemlich gewöhnlichen Alltag, der auf dem Hollywood Boulevard herrscht, wenn dort mal keine Oscarverleihung stattfindet.

Weiteres: Ilya Khrzhanovskiys für die Berlinale als Weltpremiere angekündigter Film "Dau.Natascha" lief in allerdings angeblich abgewandelter Version bereits im Januar in Paris, muss Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz zu ihrer Verwunderung feststellen. Gunda Bartels plaudert für den Tagesspiegel mit dem Schauspieler Samuel Finzi, der Anke Engelke als Berlinale-Moderator ablöst.

Besprochen werden Agnès Vardas "Varda par Agnès" (Jungle World, Tagesspiegel, unsere Berlinale-Kritik hier), Ulrich Köhlers und Henner Wincklers "Das freiwillige Jahr" (Freitag), die nunmehr auch synchronisiert vorliegende dritte Staffel der Amazon-Serie "The Marvelous Mrs. Maisel" (taz), die Apple-Serie "Little America" (Freitag) und neue Heimveröffentlichungen, darunter eine DVD von Claude Chabrols "Alice" - "ein sehr unbekannter, mysteriöser Film", meint SZ-Kritiker Fritz Göttler.
Archiv: Film

Kunst

David Hockney: Man in Shower in Beverly Hills, 1964, © David Hockney, Tate

Viel Oberflächenfetischismus und Westküsten-Libertinage durfte SZ-Kritiker Alexander Menden in der David-Hockney-Retrospektive im Bucerius-Kunstforum in Hamburg genießen, aber nicht nur. Hockney konnte nicht nur knallige Farben und kalifornisches Licht, betont Menden: "Besonders gut arbeitet die Ausstellung unter der Rubrik 'Moving Focus' seine permanente Beschäftigung mit Perspektive heraus. Die Konvention des Fluchtpunktes, die Illusion einer gemalten Dreidimensionalität, hatte er schon früh infrage gestellt. In den Achtzigerjahren entstehen im Innenhof des Hotels Romano Angeles im mexikanischen Acatlán großformatige farbige Grafiken, die verschiedene Blickwinkel in ein einziges Bild übernehmen. Diese Herangehensweise gipfelt in den Neunzigerjahren in Werken wie 'A Closer Grand Canyon' (1997), einem riesigen, flachen Landschaftstableau, das aus 60 Einzelleinwänden zusammengesetzt ist. Zoom, Froschperspektive und Panoramawinkel vereinen sich hier in einer Landschaftsdarstellung, in der sich die Meisterschaft dieses Künstlers manifestiert."

Vielleicht das erste Letzte: Plautilla Nellis "Abendmahl" im Museo Santa Maria Novella. Foto: Advancing Women Artists Foundation


In Florenz wurde das vielleicht erste von einer Frau gemalte "Abendmahl" restauriert. Es stammt aus dem Jahr 1560 von der Nonne Plautilla Nelli, und angesichts ihres energischen, entschlossenen Pinselstrichs kann Felicitas Witte in der FAZ nicht erkennen, dass Frauen anders malen als Männer. Aber halt, die Kunsthistorikerin Penny Howard stößt auf einen Unterschied: "Es gibt viel zu essen und zu trinken auf dem Tisch und Plautilla zeigt die Schüsseln aus edlem Porzellan - bei Ghirlandaios Abendmahl zum Beispiel sieht der Tisch eher karg aus und das Geschirr schlicht."

Archiv: Kunst

Bühne

Klangkonzeptkunst à la Laibach: "Wir sind das Volk" im Hebbel am Ufer. Foto: Dorothea Tuch

Mit Texten von Heiner Müller und der slowenischen Martialkunstband Laibach hat Anja Quickert im Berliner HAU das Grusical "Wir sind das Volk" inszeniert. taz-Kritikerin Doris Akrap fühlte sich pudelwohl, so schön eingekesselt zwischen Laibachs Bombastsound und Projektionen von Stacheldraht und Hakenkreuz: "Gedichte wie 'Seife in Bayreuth', in der Müller den Ort als Geburtsort von Auschwitz bezeichnet, und Theoretischeres wie 'Herakles 2 oder die Hydra', in dem der Erzähler begreift, dass er selbst Teil des Monstrums ist, dem er zu entkommen versucht. Zwischen diesen großartigen Auftritten wird aus archaischen Trommelfeuerwerkern und Höllenstreichern ein martialischer Gewitterkrach, die den Laibach-Sänger Milan Fras ankündigen. Dieser lässt gewohnt stoisch und in Fantasieuniform seine diabolische Stimme eines Untoten Heiner-Müller-Sätze sagen: 'Ich bin der Engel der Verzweiflung', 'Mein Hass gehört mir', 'Ordnung und Disziplin'." Nachtkritikerin Elena Philipp fand mehr Gefallen an den Passagen, die von der Müller Ehrfurcht wegführten und dem Abend etwas Irres, Überdrehtes gaben. Doris Meierhenrich (Berliner Zeitung) bescherten die knurrenden Höllenmaschinisten von Laibach einen "gnadenlosen Ritt durch das Fantasma des Deutschseins, das nur Fremdheit produziert und Identitäten zerbricht".

In der FR schreibt Petra Kohse sehr liebevoll zum Tod des exzessiven Schauspielers Volker Spengler, der sich nie ins Bild fügte, sondern es immer störte, wie Kohse betont: "Die hoheitsvolle, maximal absturzgefährdete Anmaßung, die er ausstrahlen konnte, die elefantöse Zartheit, entgleiste Fröhlichkeit, lauernde Verletzlichkeit, trotzige Herrschsucht oder triefäugige Melancholie - wo Volker Spengler war, war mehr als Theater, da war Zirkus im Sinne allerhöchster Künstlichkeit und dringlichster Menschlichkeit, Peinlichkeiten aller Art inbegriffen." Nachrufe gibt es auch in Tsp und FAZ. Der Standard meldet zudem den Tod der Opernsängerin Mirella Freni.

Besprochen werden Annabelle Lopez Ochoas "Frida"-Choreografie für Het Nationale Ballett (bei der sich FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster "zwei Stunden lang auf eine sehr exquisite, hübsche Weise" langweilte), Brit Bartkowiaks Inszenierung von Goethes "Werther" als poppige Komödie am Staatstheater Mainz (Nachtkritik) und Heiner Müllers "Umsiedlerin" in der Regie von Milan Peschel am Staatstheater Schwerin (Nachtkritik).
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Archiv: Bühne

Literatur

Der Standard bringt eine große Reisereportage des Schriftstellers Robert Prosser aus dem Libanon. Er berichtet von seiner Begegnung mit Rami, seinem Fahrer, der in Boston Musik studiert hatte, in Texas als Übersetzer tätig war und Prosser von Mahler vorschwärmt. "Als wir zu unserer Unterkunft fuhren, waren auf den Straßen einzig Soldaten zu sehen. Sie patrouillierten an Kreuzungen oder bewachten Kasernen, lehnten an Geschützfahrzeugen. Viel Armee, bemerkte ich. Rami winkte ab. Das Militär ist nicht wichtig, sagt er, sondern die Hisbollah. Sie sei der wahre Staat. Mächtig, da vom Iran unterstützt. Viele wünschten sich einen Krieg zwischen den USA und dem Iran, da das ein Ende der Hisbollah bedeute. ... Seit der Teilnahme am Syrienkrieg schwindet der Nimbus als Guerillabewegung, der der Hisbollah in der arabischen Welt anhaftet. Vorher stimmte die ideologische Positionierung als Gegenpol zu Israel, die Allianz mit Assad jedoch bedingt ein Dilemma: Wie kann man rechtfertigen, in Syrien gegen andere Muslime zu kämpfen?"

Außerdem: Im Guardian hält es Kenan Malik in der Debatte um die amerikanische Autorin Jeanine Cummins, die sich herausnahm, über mexikanische Migranten zu schreiben, mit Zadie Smith: Die Vorstellung, man dürfe nur noch über Menschen schreiben, die einem in Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft und politischer Überzeugung gleich sind, beleidigt jede Intelligenz: "Let us not create gated cultures in which only those of the right identity have permission to use their imaginations." Für das ZeitMagazin hat Khuê Phạm ein großes Gespräch mit der zwischen Nigeria und den USA pendelnden Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie geführt. Robert Stockhammer (Freitag) und Andreas Isenschmid (Zeit) gratulieren J.M. Coetzee zum 80. Geburtstag, den der Schriftsteller gestern feiern konnte.

Besprochen werden Marion Messinas "Fehlstart" (taz, Tagesspiegel), Sigrid Nunez' "Der Freund" (Zeit), Thomas Brussigs "Die Verwandelten" (Tagesspiegel), David Nicholls' "Sweet Sorrow" (Dlf Kultur), Alex Falkners "Silberflut" (Tagesspiegel), Michael Borchards Buch über David Ben-Gurion und Konrad Adenauer (Dlf Kultur) und Monika Helfers "Die Bagage" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Mathias Mayer über Albrecht Haushofers "Fidelio":

"Ein Kerker. Einer, der das Böse will.
Ein Todgeweihter. Kämpfend, eine Frau.
..."
Archiv: Literatur

Architektur

Donald Trump möchte per Dekret alle Bundesbauten der USA zukünftig in einem "klassischen" Stil gestaltet sehen, stöhnt Gerhard Matzig in der SZ. Damit würden die aus der Kennedy-Ära stammenden Richtlinien aufgehoben, nach denen Architekten für die Gestaltung eines Gebäudes zuständig seien, nicht die Regierung: "Schon vor der Wahl in das mächtigste Amt der Welt war klar, dass der gelernte Immobilienspekulant Anhänger einer peinigend banalen Schwundstufe der Glitzermoderne ist. Mit Glas außen und zum Fremdschämen angeberischem Marmor innen. Als Trump, der die Baukunst angeblich verehrt, sie aber mit Design verwechselt, Ende der Neunzigerjahre aus dem Gulf and Western Building den über den Central Park aufragenden 'Trump International Hotel and Tower' machte, schrieb der amerikanische Architekturkritiker Herbert Muschamp vernichtend über die durch Trump aufgehübschte Fassade, nun habe ein respektabler Bau einen 'Partyfummel' übergezogen."
Archiv: Architektur

Design

Besprochen wird die große Charlotte-Perriand-Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton in Paris (taz, mehr dazu bereits hier und dort).
Archiv: Design

Musik

Von kleineren Inkompatibilitäten zwischen E-Musikbetrieb und Clubkultur schreibt SZ-Kritiker Jan Kedves in seinem Bericht vom Strom-Festival, für das die Berliner Philharmonie ausnahmsweise mal schwerst elektronisch beschallt wurde. Dort, wo das übliche Publikum auf ungefilterten Zugang zu feinsten Klangnuancen Wert legt, fanden hier Oropax im Foyer reißenden Absatz, während die Holzvertäfelung des Saals unter den wummenden Bässen ein wenig Späne lassen musste. Musikalisch gab es viel Routine und Kitsch - "dafür aber Ryoji Ikeda aus Japan: fantastisch! Er lässt, geduckt hinter sein Laptop, den Großen Saal zum Kernspintomografen werden. Man fühlt sich wie in die Röhre geschoben und von Drill- und Böllersounds durchschossen. Ikeda reichert sie mit ordentlich Funk und Groove an. Das Publikum: glücklich paralysiert bis wippend."

Noch eine Premiere: In Abu Dhabi wurde erstmals Beethovens Neunte aufgeführt, berichtet Albrecht Selge in der FAZ. Dirigiert von Sylvain Cambreling war diese Neunte "weder flauschig noch stumpf, sondern von der Erhabenheit des Kamels und der Schärfe des Falken, nämlich standfest und unbeirrbar, klar proportioniert und zielgerichtet kantig." Und wer hat die Reise, die diesen schönen Platz des Ereignisses auf der Aufmacherseite des FAZ-Feuilletons ermöglichte, bezahlt? Aktualisierung vom 13. Februar: Selge hat auf die Frage bei Twitter geantwortet: "Ich bin auf Einladung der Symphoniker Hamburg mitgereist (wie bei derartigen Orchestertourneen heutzutage üblich). Auf das, was ich darüber schreibe, wurde kein Einfluss genommen."

Weiteres: Im Standard spricht Ljubiša Tošić mit dem Trompeter Wynton Marsalis. Für die taz porträtiert Judith Poppe die äthiopisch-stämmige Sängerin Eden Alene, die beim kommenden Eurovision Song Contest für Israel antreten wird. Außerdem spricht in der FAZ Hans-Jürgen Becker mit Giovanni Antonini über Hadyn, dessen gesammelte Sinfonien der Dirigent bis 2032 aufnehmen will.

Besprochen werden das neue Album von Algiers (eine Band mit "Power und Geltungsbewusstsein", meint Jaen Paersch in der taz), ein Konzert der Mezzosopranistin Lucile Richardot mit dem Ensemble Correspondances (Tagesspiegel) sowie Tyshawn Soreys und Marilyn Crispells Live-CD "The Adornment of Time", die laut FAZ-Kritiker Ulrich Rüdenauer "in eine furiose Klangexplosion" mündet (eine weitere Kritik findet sich in Pitchfork).
Archiv: Musik