9punkt - Die Debattenrundschau

Der AK.Unbehagen hat Christa Wolf gelesen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.11.2019. In einem Dossier zu 30 Jahren Mauerfall erinnert die taz an das geistige Kleingärtnertum der westdeutschen Linken, die den 9. November vor allem als ästhetische Zumutung empfand. In der Welt stellt Richard Herzinger klar, dass der Westen die weltweiten Demokratiebewegungen nicht zu viel unterstützt, sondern zu wenig. FR und ZeitOnline blicken über den Eisernen Vorhang, den Präsident Putin vor seinem russischen Internet hochzieht. Die SZ lächelt freundlich in die Kameras von Alicem. Und die FAZ fragt: Machen Smartphone nur kurzsichtig oder auch dick und doof?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.11.2019 finden Sie hier

Geschichte

Die taz wartet schon heute mit einem Dossier zu 30 Jahren Mauerfall auf. Die westdeutsche Linke empfand den 9. November ein Affront, erinnert Stefan Reinecke an ein ziemlich peinliches "geistiges Kleingärtnertum": Revolten gegen Autokraten mochte diese Linke gern, aber bitte keine Revolution vor der eigenen Haustür, und schon gar nicht für Parlamentarismus und Kapitalismus: "Vor allem Jüngere empfanden die Vereinigung als ästhetische Zumutung, als Störung und narzisstische Kränkung. Man fand die Verwandten aus dem Osten mit ihren stonewashed Jeans, den kuriosen Frisuren, dem kindlichen Glauben an die Marktwirtschaft und den stinkenden Trabis peinlich. Ihre grauen Städte ohne Migranten, denen man die Kriegsschäden noch ansah, erinnerten uns an das, was wir hinter uns gelassen hatte: unsere Kindheit. Die Gier, mit der sie sich auf die Konsumgüter stürzten, war uncool. Sie erinnerte an die Fress-, Kauf- und Reisewellen der 50er Jahre. Die DDR-Intellektuellen erschienen uns teutonisch ernst. Der popkulturelle Hedonismus und das ironische Spiel mit den Zeichen, das die Westdeutschen als Abstandhalter zwischen sich und der Welt benutzten, waren dem Osten fremd."

Weiteres: Katrin Gottschalk erzählt am Beispiel des Frauen*bildungszentrums Dresden, gegen welche Widerstände und Anfeindungen sich die ostdeutsche Frauenbewegung behaupten musste. Zumindest der literatrische Feminismus werde aber gerade auch von Jüngeren wiederentdeckt: "Der AK.Unbehagen hat Christa Wolf gelesen, ihre Formung von weiblicher Subjektivität analysiert. Die Leipziger Schauspielerin Elisa Ueberschär liest regelmäßig aus 'Franziska Linkerhand' von Brigitte Reimann vor, aus der Geschichte einer jungen Architektin, die Wohnungen für den neuen Menschen bauen will. Sie knallt hart gegen die real existierenden Plattenbauten." Johannes Nichelmann, Autor des Buches "Nachwendekinder", tastet sich in anhaltende familiäre Konfliktkonstellationen vor. Simone Schramm zeichnet Erfahrungen von Vertragsarbeitern auf.
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Überwachung

Moskau will das russische Internet, das Runet, vom Rest der digitalen Welt abkoppeln. Auf ZeitOnline erklärt Lisa Hegemann, wie der Eiserne Vorhang funktionieren soll. In der FR ahnt Viktor Funk, dass die Kappung zwar mit dem Schutz gegen äußere Bedrohung begründet wird, sich aber vor allem gegen die Kritik im Innern richten dürfte: "Russlands Opposition hat im Prinzip keine anderen 'Waffen' als Informationen. Sie schafft es nicht, genug Menschen für große Demonstrationen zu mobilisieren, sie ist innerhalb politischer Institutionen marginalisiert. Kaum eine gesellschaftskritische NGO kann noch im Land agieren, ohne sich als 'ausländischer Agent' selbst beschimpfen zu müssen. Youtube, Twitter, Facebook, Instagram, kritische, im Ausland ansässige digitale Medien, sind im Prinzip alles, was ab und an einige Tausend Unzufriedene auf die Straße bringt. Dabei ist der Unmut in der Bevölkerung groß."

Frankreich will seinen Bürgerinnen und Bürgern eine digitale Identität verpassen. Über die App Alicem können sie ihre Steuererklärung erledigen oder ihr Auto ummelden - sofern sie ihr Gesicht haben scannen lassen. Mehrere Autoren sehen in der SZ vor allem in der Kombination von hochauflösenden Kameras und selbstlernenden Algorithmen die große Gefahr: "In der Debatte über Gesichtserkennung geraten oft zwei Anwendungen durcheinander: Gesichtsidentifikation und Gesichtsverifikation. Die Gesichtsidentifikation ist echte Überwachungstechnik. Mit Software verstärkte Kameras filmen Menschen, etwa im öffentlichen Raum, und gleichen deren Gesichter mit Datenbanken ab. Das beängstigende Szenario: Das System verfolgt Menschen selbständig durch die Stadt. Das Gesicht wird zur Wanze. Als Rohstoff könnten dabei auch Fotos dienen, wie sie Frankreich nun erfasst."
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Ideen

In der Welt ärgert sich Richard Herzinger einmal mehr über die Geostrategen und Realpolitiker unter den Autoren, die - illusionslos nüchtern - fordern, der Westen solle aufhören, andere Länder zu seinen Werten bekehren zu wollen. Also Herfried Münkler und seine Frau Marina Münkler, Thomas Kleine-Brockhoff, aber auch Heinrich August Winkler: "Dass sich der Westen, jenseits schöner Worte, seit Ende des Kalten Krieges in übertriebener Weise der 'Bekehrung' nicht westlicher Weltteile gewidmet hätte, ist ein Mythos, der von eingefleischten Gegnern einer universalistischen Ausrichtung der Außenpolitik westlicher Demokratien in die Welt gesetzt wurde. Statt den Mythologen nach dem Munde zu reden, gilt es klarzumachen: Es sind autoritäre Regime wie die Chinas und Russlands, die ihrer eigenen Bevölkerung und anderen mit Gewalt ihre 'Werte' aufzwingen, und keineswegs der Westen, dessen Werte im Gegenteil von Demokratiebewegungen rund um die Welt immer wieder mit Vehemenz und großer Opferbereitschaft eingeklagt werden. Sie müssen vom Westen nicht erst 'bekehrt' werden. Ihr Problem ist vielmehr, dass sie von ihm allzu oft im Stich gelassen werden."
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Politik

Im Tagesspiegel gibt der amerikanische Politikwissenschaftler Roberto Suro den europäischen Regierungen eine einschlägige Erkenntnis für ihre Flüchtlingspolitik mit auf den Weg: "Abschreckung funktioniert so lange, bis sie es nicht mehr tut." Er kann es auch ausführlicher erklären: "Damit Abschreckung funktioniert, müssten zwei Dinge gegeben sein: Die Personen, auf die sie abzielt, müssten rationale Entscheidungen treffen, die auf einer fundierten Analyse von Kosten und Nutzen beruht. Und sie müssten davon überzeugt sein, dass die Verteilung von Kosten und Nutzen nach nachvollziehbaren Regeln geschieht, die als fair empfunden werden. Berliner kaufen einen BVG-Fahrschein, weil sie wissen, dass Schwarzfahren womöglich teuer und peinlich ist. Und sie glauben an die soziale Übereinkunft, das Schwarzfahren tabu ist. Für viele Migranten, die nach Europa oder in die USA reisen, treffen diese Voraussetzungen nicht zu."
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Gesellschaft

In der FAZ ärgert sich Wolfgang Krischke über die Halbherzigkeit, mit der Hamburgs Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank den AfD-Gründer und altneuen Wirtschaftsprof Bernd Lucke gegen die Angriffe von Studierenden verteidigt. Auch die Spitzfindigkeiten des Uni-Präsidenten Dieter Lenzen gehen ihm gegen den Strich: "In einem Gastbeitrag für das Hamburger Abendblatt beklagt sich Dieter Lenzen über einen 'Brei von Halbgewusstem und Halbverdautem', der über den Köpfen ausgeschüttet werde. Zu diesem Brei zählt er auch die Ansicht, die Störaktionen seien ein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Tatsächlich, so Lenzen, gehe es allein um Wissenschaftsfreiheit, denn nur wissenschaftliche Erkenntnisse, nicht politische Meinungen dürften Gegenstand akademischer Lehre sein."
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Internet

Noch kann die Wissenschaft die Folgen einer digitalen Überfettung nicht nachweisen, räumt Joachim Müller-Jung in der FAZ ein, begrüßt aber umso mehr, dass Wissenschaftler und Mediziner auf Konfrontationskurs gehen, um den Smartphone bei Kindern zu zügeln: Bereits jetzt sei ein Drittel der Kinder und die Hälfte der Studenten kurzsichtig, betont Müller-Jung, und: "Fast achtzig Prozent der befragten Kinderärzte berichteten von 'sozialen Auffälligkeiten', die sich in den vergangenen fünf Jahren verstärkt hätten, zwei Drittel von vermehrtem Übergewicht und Lernstörungen. Man erkennt an solchen Symptom-Beschreibungen: Es geht womöglich erst einmal gar nicht darum, was die Smartphones direkt in den Köpfen anrichten, sondern darum, was die Kinder und Jugendlichen nicht machen, solange sie auf den Bildschirm starren. Sie gehen zum Beispiel nicht auf den Sportplatz und nicht in die Natur."
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Stichwörter: Digitalisierung

Medien

Die überregionalen Zeitungen boomen in den USA, doch die Lokalzeitungen stecken in einer schweren Krise, betont die amerikanische Journalistin Ann Marie Lipinski im Interview mit Judith Sevinç Basad in der NZZ. Unterhalb der Washingtoner Wahrnehmungsschwelle wuchern Ignoranz und Fake News: "Anders als die großen Blätter haben die lokalen nicht vom Trump-Bump profitiert. Ganz im Gegenteil. Die Mitarbeiterzahlen derart zurück, dass die Redaktionen nicht mehr in der Lage sind, über die Geschehnisse vor Ort zu berichten. Darüber mache ich mir Sorgen: Wer berichtet in den Gemeinden, wer behält die Regierungen im Blick? Eine Studie belegte vor kurzem, was passiert, wenn lokale Regierungen nicht mehr von der Presse überwacht werden. Wenn sich die Politik unbeobachtet fühlt, hat das direkte Auswirkungen auf die Demokratie: Es gehen weniger Menschen wählen, und die Korruption steigt an."

Gestern haben Silke und Holger Friedrich offiziell den Berliner Verlag übernommen, in ihrer neuen Berliner Zeitung berichten sie von ersten Schritten. Holger Friedrich etwa beschreibt, wie er den Clash von 440 Jahren Zeitungswissen und 44 Jahre Digitalisierung erlebte: "Als die Nachrichten über den Anschlag in Halle hereinkamen, war ich zufällig im Newsroom und habe beobachtet, wie eine Gruppe von Redakteuren binnen weniger Minuten eine unklare Informationslage in eine klare Nachrichtenlage übersetzt hat. Es wurde auf Basis einer Nullfehlertoleranz gearbeitet. In diesem Moment habe ich verstanden, warum die Digitalisierungsbemühungen in all den Medienhäusern, ob Spiegel, FAZ oder woanders, scheitern mussten, weil diese Güte an Prozessqualität aus 440 Jahren mit 44 Jahren Erfahrung nicht kompatibel ist. Noch nicht. Wir haben eine sehr spannende Aufgabe vor uns."
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