9punkt - Die Debattenrundschau

Das Stichwort Christinnentum

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.03.2019. Mark Zuckerberg kündigt in einem langen Post an, bei Facebook die Privatsphäre zu respektieren. Äh naja, außer bei Werbung vielleicht, kritisiert Wired. Sascha Lobo attackiert bei Spiegel online das lasche Einknicken der SPD bei der EU-Urheberrechtsreform. Die taz gibt dem Berliner Neutralitätsgesetz nicht mehr viele Chancen. Britannien streitet über die Frage, ob muslimische Grundschüler etwas über Homosexualität erfahren sollten. Monika Maron und andere Autoren wenden sich beim Verein deutsche Sprache gegen genderneutrale Sprache.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.03.2019 finden Sie hier

Internet

Wütend kritisiert Sascha Lobo in seiner Spiegel-online-Kolumne das Einknicken der SPD beim Thema EU-Urheberrechtsreform und besonders ein Tweet, in dem sich Justizministerin Katharina Barley halbherzig von den Uploadfiltern distanziert, die die Partei jetzt mitträgt: "Die Übersetzung dieses Tweets der Justizministerin lautet: Wir wissen, es ist irgendwie falsch, aber machen trotzdem mit, weil wir doch dran glauben wollen, dass es halbrichtig sein könnte, obwohl wir versucht haben, es anders hinzukriegen, aber das hat nicht geklappt, 'trotz großer Bedenken', schade, schade, Schokolade, aber fair!"

(via BoingBoing) Nachdem die Rufe immer lauter werden, die Ausbeutung privater Daten in den sozialen Netzwerken staatlich zu regulieren, hat Mark Zuckerberg jetzt auf Facebook seine "Vision" für ein soziales Netzwerk vorgestellt, das die Privatsphäre der Nutzer respektiert: "Ich glaube, dass sich die Zukunft der Kommunikation zunehmend auf private, verschlüsselte Dienste verlagern wird, bei denen die Menschen darauf vertrauen können, dass das, was sie zueinander sagen, privat bleibt und ihre Nachrichten und Inhalte nicht für immer an ihnen kleben bleiben. Das ist die Zukunft, zu der wir beitragen wollen. Wir wollen sie so gestalten, wie wir WhatsApp entwickelt haben: auf den grundlegendsten und privatesten Anwendungsfall - Messaging - fokussieren, ihn so sicher wie möglich machen, und dann mehr Möglichkeiten für Menschen schaffen, darüber hinaus zu interagieren, einschließlich Anrufe, Video-Chats, Gruppen, Geschichten, Geschäfte, Zahlungen, Handel und letztlich eine Plattform für viele andere Arten von privaten Diensten." Anschließend erläutert er die Prinzipien, nach denen ein solche Plattform aufgebaut sein müsste.

Schöne Idee, leider hat Zuckerberg eine Kleinigkeit ausgelassen, monieren Issie Lapowsky und Nicholas Thompson in Wired: "Zuckerberg listet sechs Datenschutzgrundsätze auf, aber es gab eine eklatante Auslassung: Er sagte nichts darüber, wie Facebook in dieser auf den Datenschutz ausgerichteten Zukunft den Datenaustausch und die Anzeigenschaltung plant. Der freie Datenfluss zwischen Facebook und Drittanbietern ist es schließlich, weshalb die Medien ihre Zähne in den Konzern geschlagen haben. Vor einem Jahr erfuhren wir, dass ein Mann namens Aleksandr Kogan die Daten von Dutzenden Millionen von Nutzern missbraucht und an eine fragwürdige Politikberatungsfirma namens Cambridge Analytica geschickt hatte. Es wurde schnell klar, dass Cambridge Analytica nicht allein war und dass Facebook es Tausenden von Entwicklern ermöglicht hatte, jahrelang Daten zu sammeln. Die lockere Politik des Unternehmens bei der Datenerfassung im Laufe der Jahre hat es ihm auch ermöglicht, eines der erfolgreichsten Werbeunternehmen der Geschichte aufzubauen. Alle Daten, die das Unternehmen sammelt, helfen Werbetreibenden, Personen zu segmentieren und anzusprechen. Und es ist die unerbittliche Erhebung dieser Daten, die dazu geführt hat, dass Facebook beschuldigt wird, unangemessene Geschäfte mit Geräteherstellern und Softwarepartnern gemacht zu haben."
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Medien

Der Fall des Journalisten und Henri-Nannen-Preisträgers Dirk Gieselmann ist zwar nicht so spektakulär und abgründig wie der Fall Claas Relotius. Aber Georg Altrogge nennt bei Meedia Gründe, warum er den bisher beschwiegenen Namen des Reporters nennt, den Spiegel, SZ und Zeit jetzt nicht mehr beschäftigen wollen. Unter anderem weil diese Fakten "ganz offensichtlich bewusst falsch präsentiert hat". Aber auch wie etwa die Redaktion der Zeit mit dem Fall umgeht, behagt ihm nicht: "Die Leser werden, wie in diesen Tagen durch die Zeit im Fall Gieselmann, merkwürdig ausschnitthaft informiert. Wer sich einen Eindruck verschaffen will, um welche Fehler in welchen Artikeln es genau geht, ist auf verlorenem Posten. Die Chefredaktion von Zeit wie von Zeit Online nennt weder den Namen des Autors noch Links zu den betroffenen Texten."
Archiv: Medien
Stichwörter: Relotius, Claas

Gesellschaft

Das Land Berlin muss demnächst mit verbeamteten Lehrerinnen rechnen, die Kopftuch tragen. So scheint es nach dem Bericht Anna Klöppers in der taz. Das Land will den Fall einer Lehrerin, die auf Kopftuch besteht, vor die höchsten Instanzen bringen - Klöpper gibt der Argumentation des Landes nicht viel Chancen: "Zwar hatte das Bundesverfassungsgericht 2015 geurteilt, dass ein pauschales Verbot - wie es das Berliner Neutralitätsgesetz beinhaltet - diskriminierend sei. Es gebe allerdings auch ein Urteil aus dem Jahre 2003, in dem Karlsruhe wiederum gerade im Bereich Schule den Ländern deutlich mehr Spielraum lasse. Mit dieser Einschätzung stand die Bildungsverwaltung am Mittwoch allerdings allein da. Christian Pestalozza, Verfassungsrechtler an der Freien Universität Berlin, sagte der taz: 'Die Revision wird scheitern.'"

Auch in Engand gibt es Debatten darüber, wie man Kindern was beibringen kann. An der Parkfield Community School in Birmingham protestierten Eltern muslimischer Schüler gegen ein Programm des Lehrers Andrew Moffat, der den Kleinen mit dem "No Outsider"-Programm schon im Grundschulalter beibringen will, dass die Rechte Homosexueller von Transpersonen zu respektieren seien. Der Guardian hatte verzückt in einem Artikel berichtet, der den Lehrer im Kreis trauten Kreis mit kleinen kopftuchtragenden Mädchen zeigte - für den Guardian das Inbild der erwünschten gesellschaftlichen Vielfalt. Über die Proteste berichtete dann die Daily Mail wesentlich ausführlicher. Die Eltern zogen ihrer Kinder für einen Tag von der Schule zurück und demonstrierten gegen das "No Outsider"-Programm, das sie als Indoktrinierung empfanden. Brendan O'Neill gibt ihnen in der linken, aber an sich dezidiert antimultikulturellen Zeitschrift Spiked online recht: "In moralischen und religiösen Angelegenheiten sollten die Eltern die größere Autorität über die Kinder ausüben. Es ist entscheidend, dass die Souveränität der Familie und die Elternrechte nicht nebenbei von Beamten herabgewürdigt werden, die glauben, es besser zu wissen." Und darum hat O'Neill wohl auch bei Kopftüchern für kleine Mädchen, die an der Schule ein optionales Accessoire der Schuluniform zu sein scheinen, kein Problem.

Es geht noch düsterer als düster. Die taz stellt "eine Fallstudie Sexueller Kindesmissbrauch in Institutionen und Familien in der DDR" vor. Die Studie zeigt, wie Opfer sexuellen Missbrauchs durch die Familien in der DDR ihren Eltern weggenommen wurden - um sie im Heime zustecken, wo sie erst recht missbraucht wurden. Hier Nina Apins Bericht. Simone Schmollack kommentiert: "So etwas ist wohl nur in einer weitgehend geschlossenen Gesellschaft, wie die DDR eine war, möglich. Kinder und Jugendliche wurden für grausame Taten an ihnen selbst - begangen von Müttern, Vätern, Staatsangestellten - zusätzlich bestraft. In der Regel mit "lebenslänglich", wie sie selbst sagen."
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Ideen

Die Autoren - ja, Autoren! - Monika Maron, Wolf Schneider, Walter Krämer und Josef Kraus wenden sich in einem Aufruf beim Verein Deutsche Sprache gegen die Genderisierung der Sprache: Einer der Gründe ist ganz praktisch, dass diese Idee ohnehin nicht duchzuhalten ist: "Wie kommt der Bürgermeister dazu, sich bei den Wählerinnen und Wählern zu bedanken - ohne einzusehen, dass er sich natürlich 'Bürgerinnen- und Bürgermeister' nennen müsste? Wie lange können wir noch auf ein Einwohnerinnen- und Einwohnermeldeamt verzichten? Wie ertragen wir es, in der Fernsehwerbung täglich dutzendfach zu hören, wir sollten uns über Risiken und Nebenwirkungen bei unserm Arzt oder Apotheker informieren? Warum fehlt im Duden das Stichwort 'Christinnentum' - da er doch die Christin vom Christen unterscheidet?"

Der Romanist Gerhard Poppenberg wendet sich in der Zeit vehement gegen die Idee, postmoderne Denker hätten den Grund für heutigen Relativismus und die Beliebigkeit der Fake News gelegt: "Das Phänomen der Fake-News ist nicht das Ergebnis des postmodernen Denkens, es entsteht, wenn die darin analysierten Probleme nicht verantwortungsvoll angegangen werden."

Außerdem: Horst Günther schreibt in der NZZ den Nachruf auf den großen Rousseau-Forscher und Ideenhistoriker Jean Starobinski, der 98-jährig in seiner Heimatstadt Genf gestorben ist.
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Geschichte

Thomas Karlauf, Autor einer bekannten George-Biografie, legt jetzt eine Biografie über den George-Jünger Claus Graf Schenk von Stauffenberg vor, die ein für Zeit-Autor Jens Jessen schmerzhaft negatives Bild des Hitler-Attentäter zeichnet: "Der versuchte Tyrannenmord als reine Geste. Mit anderen Worten: Karlauf traut dem Helden seines Buches nicht, er hält ihn nach heutigen moralischen Maßstäben nicht einmal für einen Helden, bestenfalls für einen kühnen Wirrkopf. Wenn man alles argumentative Hin und Her beiseiteschiebt, ergibt sich ein Bild, das der rasanten Abwertung des konservativen deutschen Widerstands in den letzten Jahrzehnten entspricht."

Außerdem: Der Historiker Julien Reitzenstein antwortet in einer Kontroverse über eine Nazisammlung mit jüdischen Schädeln in Straßburg und die für sie verantwortlichen Täter auf einen Artikel seines Kollegen Hans-Joachim Lang in der FAZ.
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Europa

Irgendwie sind doch die anderen Schuld am Brexit, scheint der Historiker Ian Kershaw zu finden, der in Zeit einen (nicht so inspirierten) Essay zum Thema vorlegt: Die Griechenlandkrise gehöre zum Hintergrund der britischen Entscheidung. "Die rigiden Maßnahmen der Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds - allesamt keine demokratisch gewählten Einrichtungen - und das bedrohliche Wanken der Euro-Zone verstärkten die Auffassung, dass Großbritannien großes Glück habe, nicht zur Euro-Zone zu gehören, und besser daran täte, auch die EU zu verlassen."

Außerdem: Wird einst der erfolgreiche linke Journalist und Politiker François Ruffin den immer rumpelstilzchenhafteren Jean-Luc Mélenchon als Anführer der französischen Linkspopulisten ablösen, fragt John Lichfield bei politico.eu.
Archiv: Europa