9punkt - Die Debattenrundschau

Wollknäuel, Geschirr und andere Haushaltsgegenstände

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.08.2018. Heute holen die Zeitungen zu Chemnitz nochmal aus. In der Welt erklärt Ines Geipel, wie "das Faschistoide" unter der Käseglocke der DDR-Öffentlichkeit gedeihen konnte. In der SZ erinnert Jan Kuhlbrodt daran, wie schon in der DDR die ausländischen Vertragsarbeiter rassistisch gemobbt wurden. Bei Spiegel online erinnert Jan Fleischhauer an die Hamburger Krawalle vor einem Jahr und den "schwarzen Block", der der Presse mindestens so übel mitspielt wie die Rechtsextremisten. Außerdem: Youtube zensiert Arte.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.08.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Die Zeitungen suchen weiterhin nach Erklärungen für die Ausschreitungen in Chemnitz. Im Welt-Interview glaubt die einst von der Stasi bespitzelte Schriftstellerin und Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Ines Geipel: "Die DDR hat das Faschistoide vierzig Jahre lang konserviert. Sie hat Vergangenheitspolitik gemacht und keine Bewältigung des Nationalsozialismus. Das hat sie nie interessiert. Die Kommunisten wollten die Macht. Die Generation der Kriegskinder, die Aufbaugeneration, war in der Mehrheit Jungnazis, mit Hurra und Hitler im Kopf. Das ist die eigentliche Hassgeneration, die die Mauerkinder und Wendekinder hart geprägt hat. Und diese beiden Ost- Generationen machen jetzt ihr Ding in Chemnitz. Das große Fascho-Heimatfest. Sie berufen sich auf die Bürgerrechtler, auf Bärbel Bohley und wollen den Systembruch. Eine widerliche Enteignung von Geschichte."

AfD-Wähler und Demonstranten in Chemnitz oder bei Pegida pauschal als Rechtsextreme zu bezeichnen, ist "Hetze von oben", meint ebenfalls in der Welt der in Sachsen aufgewachsene Autor und Psychiater Hans-Joachim Maaz in Richtung Bundesregierung und Medien: "Ich hätte es mir nicht mehr vorstellen können, dass unter demokratischen Verhältnissen bestimmte Gruppen, die politisch nicht korrekt sind, ausgegrenzt werden. Aber in den letzten Jahren gab es diese gesellschaftliche Atmosphäre. Diese Diktatur von Political Correctness macht mir Angst, weil ich das aus DDR-Zeiten kenne. Ich habe mich damals gesehnt nach Demokratie. Dass man zuhört, wenn jemand eine andere Meinung hat. Die kann man ja auch blöd finden, aber wenn man zuhört, ist man daran zu verstehen, warum dieser Mensch so denkt. Das habe ich mir unter demokratischen Verhältnissen vorgestellt und das hat es auch gegeben. Aber das wurde in den letzten Jahren immer schlechter, DDR Nummer zwei kann man fast sagen."

Im Feuilleton-Aufmacher der SZ erinnert sich der 1966 geborene Schriftsteller Jan Kuhlbrodt an seine Jugend in Chemnitz und an die schon damals "besorgten Bürger" in ihren Kleingartenanlagen: "Alles außerhalb der Norm, die sie natürlich selbst verkörperten und beim sonntäglichen Frühschoppen auslebten, schien sie zu provozieren. Auch die vietnamesischen, kubanischen, angolanischen oder mosambikanischen Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter, die von der Administration kaserniert in separaten Wohnblocks untergebracht waren, und die von den Biertrinkern Fidschis, Guppys und Kohlen genannt wurden."

Ganz so krass erscheinen dem Spiegel-online-Kolumnisten Jan Fleischhauer die Chemnitzer Ausschreitungen gar nicht, jedenfalls nicht, wenn man sich etwa an die Hamburger Krawalle vor einem Jahr zurückerinnert: Und "es ist übrigens auch nicht so, dass die Presse immer wohlgelitten war. Wo der schwarze Block aufmarschierte, war man gut beraten, sich nicht als Medienvertreter erkennen zu geben. Die taz war gerade noch geduldet. Wer vom Spiegel oder von der Frankfurter Allgemeinen kam, galt als Vertreter der 'bürgerlichen Schweinepresse' und musste mit Prügel rechnen."

In der Berliner Zeitung erinnert Steven Geyer all jene, die der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin die Schuld an den Ausschreitungen geben: "Zu den Pegida-Demos kamen Zehntausende nach Dresden, bevor man von einer 'Flüchtlingskrise' sprach: Ende 2014. In Rostock beklatschten Bürger einen Brandanschlag auf vietnamesische Vertragsarbeiter: 1992. In Hoyerswerda beteiligten sich Hunderte Anwohner an Angriffen auf Ausländerwohnheime und Polizei: 1991." Für ZeitOnline haben Vanessa Vu und Johannes Grunert mit Menschen gesprochen, die in Chemnitz von Alltagsrassismus betroffen sind. Und in der FAZ fragt Jürgen Kaube angesichts einer sächsischen Polizei, die das rechte Auge zudrückt: "Wie kann es gelingen, die politische Neutralität der Exekutive und eine homogene Unnachsichtigkeit gegen Straftäter durchzusetzen?"
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Ideen

Mit Blick auf Rechtspopulismus, Rekonstruktionsarchitektur und den allgemeinen Nostalgietrend und nach der Lektüre der Bücher von Mark Lilla, Zygmunt Bauman und Valentin Groebner zum Thema diagnostiziert Nils Markwardt bei ZeitOnline einen neuen "Retrofetischismus". Den habe es allerdings immer gegeben, meint er und betont aber, dass im Hinblick auf geschichtspolitische Wiederholungen Geschichtlichkeit nicht ausgeblendet werden dürfe: "In der Reinszenierung von Geschichte kommen stetig neue Elemente dazu, während andere gleichzeitig herausfallen, sodass das Ergebnis dieser Wiederholung sich gewissermaßen auf einer höheren Stufe befindet. Das zeigt sich etwa dann, wenn vormals marginalisierte Akteure - etwa Frauen und Migranten - und zuvor vergessene, unterdrückte oder ausgeblendete Traditionen, etwa die von Minderheiten oder Zugezogenen, in die kollektive Erinnerung mit aufgenommen und gewürdigt werden. Diese Form der Wiederholung ist also einerseits offen und verweist damit andererseits indirekt auf ihre eigene Gemachtheit. Mit ihr ließe sich die historische Identität einer multikulturellen Gesellschaft erzeugen, eine Identität etwa, in der Christentum, Judentum und Islam, in der Kartoffeln, Kreplach und Kebab nebeneinander existieren."
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Religion

"Wenn es sich von Kindheit an zeigt, kann man noch viel tun, durch Psychiatrie, um zu sehen, wie die Dinge sind", riet Papst Franziskus katholischen Eltern, deren Kinder "homosexuelle Tendenzen" aufweisen. (Unser Resümee und das Zitat im Wortlaut bei huffpo.fr). Das haben die Medien ganz falsch verstanden, winkt im FR-Interview der Sprecher der AG "Homosexuelle und Kirche", Michael Brinkschröder, die Kritik an der Äußerung ab: "Es ging um Eltern, die nicht wissen, wie sie mit ihrem schwulen Sohn oder ihrer lesbischen Tochter umgehen sollen. Dafür können Psychiater eine kompetente Adresse sein, um sich zu informieren. Er hat also die Eltern zum Psychiater geschickt, nicht die Kinder." Und wieso glaubt der Papst, das bei Kindern noch was zu machen sei, bei Erwachsenen aber nicht? In slate.fr erzählt Alesandre Masson, was sogenannte "Konversionstherapien" bei schwulen und lesbischen Jugendlichen, die zu "Psychiatern" geschickt werden, anrichten.
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Politik

Liest man den Meinungsartikel des Linguisten Djouroukoro Diallo in der NZZ über den einst als Hoffnung geltenden malischen Präsidenten Ibrahim Boubacar Keita, könnte man auf die Idee kommen, dass nicht allein westlicher Neokolonialismus zu den Fluchtursachen in Afrika gehört: "Die Menschen im Land mussten zusehen, wie der Präsident den Versuchungen der Macht erlag. Prioritär wäre gewesen, den Staat und seine Institutionen zu stärken. Doch floss sehr viel Geld in die Entourage des Präsidenten und seiner Familie, was die Spielräume erheblich einengte. Der Unmut der Bevölkerung wuchs, sie konnte nicht begreifen, warum der 'Bourgeois IBK' sich ein Luxusflugzeug zulegen musste, während die schlecht ausgerüsteten eigenen Soldaten an der Front regelmäßig von den Islamisten niedergemetzelt wurden. "
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Stichwörter: Mali

Kulturmarkt

(Via turi2) In der arrangierten Unordnung früherer Abbildungen in Ikea-Katalogen fanden sich stets auch eine Menge Bücher, beobachtet buchreport.de in einer viel wahrgenommen kleinen Vignette: "Geht es dagegen nach dem in diesen Tagen an circa 25 Millionen deutsche Haushalte verteilten 300-Seiten-Katalog 2019, spielen Bücher nur noch eine marginale Rolle. Statt der bunten Bücherregale früherer Jahre finden sich meist nur noch in schwarzen oder weißen Umschlägen neutral gewandete Einzelstücke als marginale Accessoires. Zahlreiche der abgebildeten und explizit als 'Bücherregal' bezeichneten Möbel enthalten Wollknäuel, Geschirr und andere Haushaltsgegenstände, aber kein einziges Buch."
Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Krise des Lesens

Medien

(Via Netzpolitik) Youtube zensiert Arte. Der Sender hatte eine Dokumentation über über "Content-Moderation" bei Youtube und Facebook gemacht, eine Schattenarmee von Zensoren, meist in Manila, die im Minutentakt Bilder von Kinderpornos oder Enthauptungen aus dem Netz löschen. "Wie jede Woche hat Arte auch diesmal einen Social Media-Trailer dazu konzipiert, der vor allem für Facebook und Youtube gedacht war und den Dokumentarfilm bewerben sollte", meldet die Website des Senders: "Doch da hat sich die Katze wohl in den Schwanz gebissen: Denn ebendieser Trailer, basierend auf Bildern aus dem Dokumentarfilm, wurde von Google zensiert, dem Unternehmen, das Youtube besitzt. Der Grund: Der Clip enthalte schockierendes Bildmaterial, so erklärt es uns eine E-Mail des Absenders adwords-noreply@google.com."

Die freie, also nicht von Staatsanzeigen gepeppelte Presse in der Türkei stirbt einen weiteren Tod. Diesmal liegt es an der Wirtschaftskrise, schreibt Bülent Mümay in seiner FAZ-Kolumne: "Zahlreiche Zeitungs- und Buchverlage, die ihre Umsatzerlöse in Lira erzielen, für Importpapier aber in Dollar bezahlen müssen, sind vom Bankrott bedroht. Und, als reichte Erdogans Repressionspolitik nicht aus, sind sie nun auch noch kurz davor, in dem von ihm angerührten Wirtschaftsstrudel unterzugehen."
Archiv: Medien
Stichwörter: Türkei, Netzpolitik