9punkt - Die Debattenrundschau

Gelegentlich ein Sprengstoffgürtel

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.08.2018. Chemnitz kocht knapp noch, aber Sarrazin wird auch schon wieder heiß. Seine in einem neuen Buch geäußerte Kritik am Islam ist nicht fundiert, sind sich alle einig. Die SZ wirft ihm gar vor, den Koran nicht auf arabisch zu lesen. In der Zeit versteht Wolfgang Streeck alle Linken und besonders Sahra Wagenknecht, die um ihre "traditionelle, regional geerdete Lebensweise fürchten". In der NZZ  prangert Kacem El Ghazzali den Neokolonialismus all jener an, die Menschenrechte für eine westliche Spezialität halten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2018 finden Sie hier

Ideen

Wolfgang Streeck antwortet in der Zeit empört auf Colin Crouch, der letzte Woche Sarah Wagenknechts Sammlungsbewegung "Aufstehen"als fremdenfeindlich kritisiert hatte und lieber auf eine modernisierte SPD setzt (unsere Zusammenfassung): "Ist Fremdenfeind, wer Einwanderer als Konkurrenten um Arbeits-, Kita- und Wohnplätze erlebt und deshalb Einwanderung begrenzt sehen will? Wer für seine Kinder funktionsfähige öffentliche Schulen braucht, weil er nicht umziehen oder auf private Schulen ausweichen will oder kann? Wer um seine traditionelle, regional geerdete Lebensweise fürchtet? Wer zwischen erwünschten und unerwünschten Neuankömmlingen unterscheiden will?"

Die Islamwissenschaftlerin Johanna Pink verreißt in der Zeit Thilo Sarrazins neues Buch "Feindliche Übernahme" wie zu erwarten als unfundiert und pauschal, ohne allzu skandalöse Stellen zu zitieren: "In einer überwältigenden Vortäuschung von Sachlichkeit präsentiert er die Begründung dafür, warum das in 'Deutschland schafft sich ab' geschilderte Schreckgespenst auf nichts anderes als den Islam zurückgehe." Schwächen findet sie gerade bei Sarrazins Steckenpferd, der Demografie: "So führt er wiederholt die Nettoreproduktionsrate mehrheitlich muslimischer Länder des subsaharischen Afrikas an, ohne zu erwähnen, dass es um mehrheitlich christliche Länder dieser Region wie etwa die Demokratische Republik Kongo nicht besser bestellt ist. Seine selektiven Statistiken ergänzt Sarrazin darüber hinaus noch um die unzutreffende Behauptung, dass in Ländern wie Tansania, Nigeria und Äthiopien die muslimische Minderheit zu einer Mehrheit geworden sei."

Viel polemischer schreibt Sonja Zekri in der SZ, obwohl sie sich vorgenommen hat, "sine ira et studio" zu schreiben. Für sie disqualifiziert sich Sarrazin schon, weil er den Koran nicht auf arabisch lesen kann (womit auch die meisten Muslime als Gesprächspartner bei dem Thema ausfielen). Dann wirft sie ihm aber wieder vor, dass er den Koran wörtlich nimmt: "Nun gibt es durchaus Muslime, die - wie Sarrazin - jede Historisierung und Kontextualisierung noch der blutrünstigsten Stellen ablehnen. Allerdings nicht sehr viele. Sie tragen meist lange Bärte und gelegentlich einen Sprengstoffgürtel."

Weitere Kritiken von Eren Güvercin im Freitag, Torsten Krauel in der Welt, Bert Rebhandl im Standard.

Für radikale, antiwestliche Linke ist "der weiße Mann" oder "der Westen" längst zur Projektionsfläche für die Erbsünde geworden, schreibt der marokkanische Schriftsteller Kacem El Ghazzali in der NZZ. Dabei entsorge die Linke Menschenrechte gleich mit: "Menschenrechte sind keine universellen Rechte, die für alle Menschen gleichermaßen gelten, sondern nichts anderes als ein Mittel des Westens, um imperialistische Ambitionen durchzusetzen. Und Verteidiger der Universalität der Menschenrechte in den Gesellschaften der Dritten Welt sind keine mutige Verbündete, sondern 'Verräter, die ihre Kultur hassen'. Die Leugnung der Universalität der Menschenrechte ebnet den Weg zur Tyrannei und Unfreiheit."
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Gesellschaft

Sandra Kegel unterhält sich für die FAZ mit dem Chemnitzer Buchhändler Klaus Kowalke, der sehr eindringlich die - schon seit langem - aufgeputsche Stimmung in der Stadt beschreibt. Auch wegen eine notorisch knieweichen Polizei und Politik könnten Rechtsextremisten wesentlich mehr Demonstranten mobilisieren als die eigentlich majoritären Demokraten: "Es herrscht Angst, blanke Angst. Und die ist begründet. Einige Kunden sagten mir, dass sie sich wegen der geringen Anzahl von Polizeikräften nicht mehr sicher fühlten, um sich offen zu positionieren. In ihrer Wahrnehmung hat der Schutz der Polizei bei den Gegendemonstrationen gefehlt. Wer will schon einem Mob von 7.000 Menschen gegenübertreten?"

Laut Polizeistatistiken seit der Wiedervereinigung ist rechtsextreme Gewalt im Osten proportional höher als im Westen, schreibt Frank Jansen im Tagesspiegel und glaubt: "Westdeutschland hat 40 Jahre Demokratie-Vorsprung. Die vier Jahrzehnte nach der Nazizeit haben Ressentiments gegen Migranten, Juden, Schwule und andere Bevölkerungsgruppen gedämpft. Die Beißhemmung ist stärker als im Osten, der viel länger, von 1933 bis 1989, von autoritärer, aggressiv engstirniger Staatsgewalt geprägt wurde. Rassismus ist in Westköpfen auch weit verbreitet, aber die Neigung zur gewaltsamen Entladung ist weniger stark, wie die Polizeizahlen seit 1990 zeigen." Und: "Die brachialen Angriffe in den 1990er Jahren auf Unterkünfte von Asylbewerbern und auf Migranten überhaupt sind in Ostdeutschland nur punktuell aufgearbeitet worden. Die jungen glatzköpfigen Schläger von damals sind heute Familienväter, Onkel, vielleicht auch schon Opas."
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Politik

Die mexikanische Staatspartei der Institutionalisierten Revolution ist aus den Ämtern gefegt worden. Andrés Manuel López Obrador gilt als erster nicht korrupter Präsident seit Jahrzehnten, auch sein Kabinett macht Hoffnung, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Anne Huffschmid in der taz. Allerdings preist  Lopez Obrador als Strategie gegen den "Drogenstaat"  eine Strategie der "Versöhnung", und nicht der Gerechtigkeit oder der Aufarbeitung: "Fatal wird der Leitspruch der 'Versöhnung' angesichts der Gewaltkatastrophe, die das Land seit einer Dekade überzieht. Von ihr zeugen über 200.000 Todesopfer sowie rund 37.000 Verschwundene, mehr als in allen südamerikanischen Militärdiktaturen zusammen. Bis zu seinem Amtsantritt im Dezember muss der künftige Präsident eine Strategie der 'Befriedung' vorlegen. Für einen Neuanfang, so behauptet López Obrador, 'müssen wir lernen zu vergeben'."
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Europa

Die meisten britischen  Juden sind sich inzwischen einig, dass die corbynistische Labour-Partei antisemitisch ist, schreibt David Patrikarakos bei politico.eu. Das Problem ist nur, dass es Corbyn bei Wahlen nicht schaden wird: "Die aktuellen  Enthüllungen über Corbyn bringen eigentlich nichts Neues - seine Ansichten waren weithin bekannt, bevor das Thema in diesem Sommer hochkam. Und doch haben sie ihn nicht abgehalten, zwei Wahlen um den Vorsitz zu gewinnen und bei den Wahlen 2017 bestens abzuschneiden. Unter den britschen Juden, mit denen ich gesprochen habe, ist die größte Sorge, dass der Antisemitismus als derart nischenhaft und die Skandale als so abseitig gesehen werden, dass normale Wähler mit diesem Problem gar nichts anfangen können."
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Stichwörter: Corbyn, Jeremy, Labour

Kulturmarkt

Florian Illies wird neuer Rowohlt-Verleger und will laut Spiegel Online "Bücher verlegen, von denen die Menschen träumen." Die Feuilletons träumen gleich mit: Illies, aktuell Chef des Auktionshauses Griesebach und Zeit-Herausgeber, verheiße Aufbruchsstimmung für die angeschlagene Buchbranche, glauben etwa Mara Delius in der Welt und Volker Weidermann bei Spiegel Online.

In  der SZ ist Felix Stephan allerdings skeptisch: "Die Ära der großen Verlegerpersönlichkeiten, die inhaltlich stringente und erfolgreiche Programme entwickeln, andererseits aber in der Öffentlichkeit als Kommentatoren, Gastgeber und Stichwortgeber auftreten, Debatten prägen und einem Verlag buchstäblich ein Gesicht geben, neigt sich dem Ende zu." Außerdem meint er: "Die Frage wird sein, ob es erstens überhaupt an den fehlenden Verlegerpersönlichkeiten liegt, dass die Zielgruppe für Buchverlage kleiner wird, schließlich mussten weder Unseld noch Krüger je mit Facebook, Instagram und Twitch um die Aufmerksamkeitsbudget konkurrieren. Und ob die bewährte Illies-Formel, die im unbeschwerten, zuversichtlichen Materialismus der Neunziger- und Nullerjahre alles abgeräumt hat, auch in der refundamentalisierten Gegenwart verfängt."
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Urheberrecht

Die Verwerterindustrien behaupten "kreativ" zu sein und gar für die Urheber zu sprechen, schreibt Berthold Seliger bei Konkret mit Blick auf das womöglich kommende europäische Leistungsschutzrecht. Dabei haben "die Lobbyisten der Kulturindustrie und ihre politischen Helfershelfer das Urheberrecht, das ja eigentlich die Kreativen schützen und ihnen zu gerechten Einkünften verhelfen soll, längst in ein Verwerterrecht für zum Beispiel Plattenfirmen oder Verlage umgewandelt. Die lassen sich weitgehende oder gar ausschließliche Nutzungsrechte übertragen und sind so an die Stelle der Urheber getreten; dabei genießt die Verwertungsindustrie praktisch den gleichen Schutz für die erworbenen Nutzungsrechte wie die Schöpfer der Werke, für die das Urheberrecht eigentlich eingerichtet wurde." Das EU-Parlament hat vor einigen Wochen gegen das Leistungsschutzrecht und auch Urploadfilter gestimmt. Die endgültige Entscheidung soll noch im September fallen.
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