Zygmunt Bauman

Retrotopia

Cover: Retrotopia
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017
ISBN 9783518073315
Kartoniert, 220 Seiten, 16,00 EUR

Klappentext

Aus dem Polnischen von Frank Jakubzik. "Make America great again", lautet der Leitspruch des amtierenden US-Präsidenten. Nicht "vorwärts" soll es gehen, wie Barack Obama noch im Wahlkampf von 2012 versprochen hatte, sondern zurück zu alter Größe. Die Menschen scheinen die Hoffnung auf ein besseres Leben in der Zukunft aufgegeben zu haben und wenden sich stattdessen einer angeblich guten alten Zeit zu. In seinem letzten zu Lebzeiten vollendeten Buch untersucht der große Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman die Gründe für diese globale Epidemie der Nostalgie. Gut fünfhundert Jahre nach der Veröffentlichung von Thomas Morus' "Utopia", so seine These, haben die Nationalstaaten die Fähigkeit eingebüßt, ihre Versprechen auf Wohlstand und Sicherheit einzulösen. Wer in einer globalisierten Welt nach Orientierung sucht, der richtet seinen Blick daher nicht länger auf einen als Ideal verklärten Ort - einen topos -, sondern in eine untote Vergangenheit.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.02.2018

Eine anregende Lektüre verspricht Rezensent Stefan Hochgesand, der Zygmunt Baumans Thesen nur unterstützen kann: An die Stelle der Utopie, einer Hoffnung auf eine dereinst eintretende gloriose Zukunft, sei die Retrotopie getreten, ein Zeitalter der Nastalgie, ein Anknüpfen an "Antworten, die schon gestern gescheitert sind", etwa den Nationalismus oder das Stammesdenken. Allzuviele wissenschaftliche Belege findet Hochgesand für Baumans These zwar nicht - er sei halt der Mann fürs große Ganze - , auch wendet er ein, dass die Sehnsucht nach dem Goldenen Zeitalter ungefähr so alt ist wie die menschliche Denkfähigkeit, trotzdem stimmt er Bauman in der akuten Diagnose zu. Geradezu den Schlaf raube einem die Einsicht, dass wir neu in ein Hobbessches Zeitalter eines Krieges aller gegen alle eingetreten seien. Und das Internet macht die Sache selbstverständlich nicht besser. Also:unbedingt lesen und erschauern!

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.02.2018

Dass die Gegenwart nicht gerade positiv wahrgenommen wird, lernt Rezensent Thomas Speckmann im letzten Buch des jüngst verstorbenen Soziologen Zygmunt Bauman. Einen sehnsüchtigen Blick zurück in gute alte Zeiten angesichts mangelnder Hoffnung auf ein besseres Leben diagnostiziere er der Menschheit, liest der Kritiker, der Baumans Erklärungen durchaus schlüssig findet: Geplatzte Versprechungen der Nationalstaaten auf Wohlstand und Sicherheit und zunehmende Orientierungslosigkeit in einer globalisierten Welt sind die großen Herausforderungen unserer Zeit, erfährt der Rezensent, der Bauman das Fehlen eines Lösungsansatzes nicht übel nimmt. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.02.2018

Gerald Wagner hat Respekt vor Zygmunt Bauman, seinem Erleben und Erleiden eines schweren Jahrhunderts und seinem soziologischen Werk, in dem sich das niederschlage. Baumans letztes Buch allerdings ist für Wagner ein schwaches. Baumans starken Worte der Empörung gegen den Verlust von Utopien in allen Ehren, meint er, aber die Liste der Anklagen, deprimiert den Rezensenten nur. Zu wenig Differenzierung, Diskursivität, Argumente und empirische Belege bietet der Autor, findet Wagner. Und Raum für Einwände und Zweifel an der totalen Hoffnungslosigkeit gestatte er sich auch nicht. Das Buch erscheint ihm mehr als Polemik, keinesfalls aber als soziologisches Werk.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.01.2018

Rezensent Dirk Pilz liest die düstere Gegenwartsdiagnose des Soziologen Zygmunt Bauman mit gemischten Gefühlen. Wenig überraschend findet er zunächst die Feststellung des Autors, dass wir uns in einer Zwickmühle befinden, wenn wir auf der einen Seite Grenzen durchlässiger zu machen wünschen und uns andererseits ins Private zurückziehen möchten. Wenn Bauman nachzuweisen versucht, dass gesellschaftliche Verbesserungen und Lösungen für eine unkontrollierte Globalisierung nicht im Gestern zu finden sind, staunt Pilz zwar über die unterschiedlichen Gebiete, die der Autor beackert, im Einzelnen jedoch findet er Bauman nicht immer überzeugend. Sein Lösungsvorschlag, die Kultur des Dialogs zu fördern, scheint Pilz allzu knapp.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.01.2018

Rezensent Franz Schuh hat dieses letzte Buch des 2017 verstorbenen Soziologen Zygmunt Bauman mit Gewinn gelesen. Baumans anhand von Thomas Morus' "Utopia" entwickelte These einer Ausrichtung der Gegenwart, die sich nicht mehr auf Zukunftsideen beruft, sondern aus einem Gefühl der Nostalgie die verlorene Vergangenheit beschwört, findet Schuh auch mit Blick auf die gegenwärtige amerikanische Politik so überzeugend wie eindringlich. Große Zusammenhänge kann ihm der Autor ebenso vermitteln wie die Gefahren einer solchen "Retrotopia".