9punkt - Die Debattenrundschau

Deutlich fahleres Licht

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.04.2018. Könnte es sein, dass das "postfaktische Zeitalter" ein düsterer Wiedergänger der Postmoderne ist, fragt Albrecht Koschorke in der NZZ. Europäische Journalisten recherchieren gemeinsam zum Mord an ihrer Kollegin Daphne Caruana Galizia  - die Familie der maltesischen Journalistin erhebt unter anderem im Guardian schwere Vorwürfe. Nach der Aussage einer Cambridge-Analytica-Mitarbeiterin könnte sich der Facebook-Skandal ausweiten, berichtet Meedia. Und die FDP zeigt, wie sie ihren Säkularismus mit ihrer Toleranz unter ein Kopftuch bringt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2018 finden Sie hier

Ideen

Könnte es sein, dass das "postfaktische Zeitalter" ein "düsterer Wiedergänger der Postmoderne (ist), die dadurch selbst in Misskredit gerät", fragt der Konstanzer Literaturwissenschaftler Abrecht Koschorke in der NZZ. Es ist vor allem die von Poststrukturalisten gelehrte gleiche Gültigkeit verschiedener "Wahrheiten", die aufs schiefe Terrain geführt habe. Und es stellt sich heraus, dass der Poststrukturalismus von Voraussetzungen gelebt habe, die er alles andere als pries - einer liberalen Ordnung nämlich: "Was ist, wenn man es nicht mit der Eigenrealität bedrohter Regenwaldvölker, sondern von gefühlten Mehrheiten und deren zunehmender Militanz zu tun hat? Angesichts einer offen bildungs- und wissenschaftsfeindlichen Regierungsagenda in den USA und anderen von Rechtspopulisten regierten Ländern rückt die Maxime, verfestigte Wahrheiten zu destabilisieren und unterschiedlichen Wissenskulturen ihr Recht zu belassen, in ein deutlich fahleres Licht."
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Politik

Im Guardian greift die indische Autorin Anuradha Roy den Fall eines achtjährigen muslimischen Mädchens auf, das von Hindus über Tage systematisch gequält, vergewaltigt und zuletzt ermordet wurde - ein Fall der Indien erschüttert und laut Roy Ausdruck eines entfesselten und zugleich von der Regierung stillschweigend geförderten Hindunationalismus ist: "In den ländlichen Gebieten Nordindiens führt dies zu der Vergewaltigung von Frauen, um die Dominanz der höheren Kasten sowie männliche und religiöse Vorherrschaft zu demonstrieren. Die vorsintflutliche Unterteilung innerhalb der indischen Gesellschaft wurde nie schärfer befürtwortet. Das rücksichtslose Streben der BJP, den patriarchalischen Hinduismus zu konsolidieren, schreibt den Frauen vor, was sie anziehen können, den Familien, was sie essen können, und den jungen Menschen, wen sie heiraten dürfen."
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Geschichte

Tobias Blanken weist in einem geduldigen Artikel auf medium.com nach, wie problematisch die Aussage ist, es gebe heute mehr Sklaven als zur Zeit des Sklavenhandels - mit dieser Aussage betreibt die Dokumentarfilmerin Kathrin Hartmann Reklame für ihren Film "Die grüne Lüge". Der von NGOs benutzte Begriff der "Modern Slavery" sei schließlich (übrigens mit guten Gründen) "deutlich breiter definiert als der klassische Begriff der Sklaverei. Um es konkret zu verdeutlichen: Leibeigenschaft  -  die damals weit verbreitet war  -  wurde zur Zeit des Sklavenhandels nicht unter dem Begriff der Sklaverei subsumiert, würde man jedoch die Definition von modern slavery heranziehen, fiele Leibeigenschaft jedoch darunter. Gleiches gilt natürlich auch für Kinderarbeit und Zwangsehen, zwei Phänomene, die zur Zeit des Sklavenhandels auch weit verbreitet waren, aber ausschließlich bei der heutigen modern slavery berücksichtigt werden."
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Medien

Der Pianist Igor Levit gehört zu den Musikern, die nach der Echo-Verleihung an zwei antisemitische Rapper ihren Echo zurückgegeben haben. In "Kultur heute" - einer Dlf-Sendung, die sonst ein sehr gemäßigtes Wohlbehagen bereitet - fragte die Moderatorin: "Andererseits - Sie twittern sehr viel, und Sie twittern in letzter Zeit auch jeden Tag einen jüdischen Witz. Das müssen Sie uns mal erklären, wie das zusammenpasst." Gabriel Yoran ist bei den uebermedien entgeistert: "Das ist sie also, meine verkorkste Heimat." Levit "soll allen Ernstes erklären, wie sich sein Twittern jüdischer Witze mit Kritik an einem Preis für Verächtlichmachung von Auschwitz-Häftlingen verträgt. Was ist das für ein furchtbares Land, in dem ein führendes, seriöses Medium solche Fragen stellt?"
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Überwachung

Die bayerische Landesregierung plant eine strikte Überwachung psychisch Kranker, die weit über die bisherige Praxis hinausgeht, schreibt Felicitas Wilke bei Zeit online. Psychisch Kranke, die von Verwandten zu ihrem eigenen Schutz in Heime eingewiesen werden, sollen polizeilich registiert werden. Und "die Pläne der Staatsregierung gehen noch weiter. Sie sehen vor, dass die Daten der psychisch Erkrankten an eine Zentralstelle weitergegeben und in einer Unterbringungsdatei mindestens fünf Jahre gespeichert werden. Darunter fallen zum Beispiel die Diagnose, die damals bei der Patientin oder dem Patienten gestellt wurde, der Befund und die Therapie, die eingeleitet wurde. Andere Behörden, darunter Verwaltung, Sicherheit und Justiz, sollen Zugang zu dieser Datei erhalten." Auch Christian Geyer berichtet in der FAZ über das Thema.
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Stichwörter: Psychiatrie, Bayern

Europa

Europäische Journalisten haben sich zusammengeschlossen, um den Mord an ihrer Kollegin Daphne Caruana Galizia aufzuklären. Die Familie erhebt nach einem Bericht Juliette Garsides und Stephanie Kirchgaessners im Guardian schwere Vorwürfe: "In einem ersten großen Interview nach dem Tod seiner Frau durch eine Autobombe sagt Peter Caruana Galizia, dass politische Interessen die Polizeiuntersuchung blockierten. Er fürchte, dass der Mastermind nie vor Gericht gestellt wird: 'Für uns ist klar, dass die drei bisher festgenommen Männer nur Auftragsmörder waren, die von einer dritten Partei angeheuert wurden', sagt er. 'Meine Söhne und ich bezweifeln, dass unsere Regierung wirklich herausfinden will, wer sie sandte, denn sie hat Angst, dass diese Person ihr sehr nahe stehen könnte. Aus diesem Grund könnte es sein, dass wir die Wahrheit niemals kennen werden."

Auch sueddeutsche.de hat ein großes Dossier zu dem Mord online gestellt.
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Internet

Was bisher über den Cambridge-Analytica-Skandal bekannt ist, könnte nur die Spitze des Eisbergs sein, meint Nils Jacobsen in Meedia, nachdem er sich die Aussage Brittany Kaisers, die einst bei Cambridge Analytica arbeitete, vor dem Britischen Parlament angehört hat: "So hätte Cambridge Analytica auch die Daten anderer Umfrage-Apps für seine Zwecke gesammelt und analysiert - darunter eine App namens 'Sex Compass'. 'Ich glaube, es kann als sicher gelten, dass die Anzahl der Facebook-Nutzer, deren Daten durch Praktiken wie von Aleksandr Kogan (der die App 'This is your Digital Life' entwickelte) kompromittiert wurden, viel größer ist als 87 Millionen und Cambridge Analytica und noch andere, nicht miteinander verbundene Firmen und Kampagnen in diese Aktivitäten involviert waren', erklärt Kaiser in ihrem Statement, das Business Insider vorliegt." Hier ihre Aussage vor dem britischen Unterhaus.

Außerdem: In der SZ beleuchtet Adrian Lobe die Zusammenarbeit zwischen Google und Polizeien.
Archiv: Internet

Gesellschaft

Für die NZZ hat Sarah Pines Werbestreifen von Dior und Co sowie neuere Disneykassenschlager wie "Frozen" gesichtet und kommt zu dem Schluss, dass sie #metoo vorweggenommen haben: "Frauen, die konsumieren, und junge Mädchen, die Trickfilme schauen, werden an eine neue Art von Frausein herangeführt - an eine, die den Mann nicht mehr braucht. ... Langsam sickert die Botschaft durch: Die Zeiten des Retters und Ernährers sind passé. Allein haben Frauen viel mehr Spaß. Sie können endlich wieder Kinder sein, mit dem iPhone spielen, Push-ups braucht's auch keine mehr."

Kopftuchverbote
würden nur den Zugriff des Staats auf die Menschen erhöhen, schreibt Jasamin Ulfat, die selbst ein Kopftuch trägt, es aber ihrer kleinen Tochter nicht vor der Religionsmündigkeit erlauben würde, in der taz: "Was anfangs nur das Leben 'der Fremden' einschränken soll, könnte irgendwann auch Auswirkungen auf einen selbst haben. So macht das Burkaverbot in Österreich bereits das Tragen eines Schals schwer, sobald dieser im Winter auch über den Mund gezogen wird. Kann ich irgendwann meinem Kind keine Schlumpfmütze mehr aufsetzen, weil das zu sehr nach Kopftuch aussieht? Eine Gesetzesänderung sollte wirklich die letzte Maßnahme sein, nicht die erste."

Zum laut lachen ist dieses Plakat der FDP, das ein fröhliches kleines Mädchen mit Kopftuch zeigt, um die eigene Toleranz zu illustrieren - und für eine angeblich säkulare Politik zu werben.

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