9punkt - Die Debattenrundschau

Für herumstreunende Touristen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.04.2018. Politico.eu beschreibt, wie Schweden zu einem der Länder mit der schlimmsten Kriminalität in Europa wurde. Und Spiegel online weiß, warum es in London so brutal zugeht. Bei tichyseinblick.de beschreibt Hamed Abdel-Samad sämtliche Fallstricke der Integration in einem Absatz. Franz Walter stellt in der FAZ die Idee der Zivilgesellschaft in Frage. Und nebenbei stirbt wegen überhöhter Mieten "das Konzept Stadt", klagen taz und FAS. Da ist es doch besser, gar nicht erst geboren zu werden, meint Théophile de Giraud in Zeit online.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.04.2018 finden Sie hier

Ideen

Zivilgesellschaft ist nicht an sich etwas Gutes, legt der Politologe Franz Walter auf der Gegenwart-Seite der FAZ dar - und belegt es mit dem in Vereinen und Verbänden organisierten Antisemitismus nach der Gründung des Deutschen Reichs: "Der Antisemitismus, der sich mit der Gründerkrise wieder neu konstituierte, konnte nur deshalb von langer Dauer bleiben und jederzeit in entsprechenden Konstellationen revitalisiert, gar (eliminatorisch) radikalisiert werden, weil Pfarrer, Lehrer, Professoren und Studenten ihn mit der Autorität ihres Bildungsstatus im Organisationskosmos einer neuen Zivilgesellschaft multiplizieren und verfestigen konnten."

Tobias Haberkorn hat sich für die Zeit mit dem Belgier Théophile de Giraud auseinandergesetzt. Ob der nun Satiriker oder ernsthafter Aktivist ist, scheint Haberkorn selbst nicht ganz klar zu sein. Sicher ist, dass er als Sprachrohr einer online kommunizierenden Bewegung auftritt, die sich für die "Reduzierung der Bevölkerungszahl" einsetzt - und das nicht nur aus ökologischen Gründen, so Haberkorn: "Der Kern seines Denkens ist der philosophische Antinatalismus, das heißt eine Ethik, die zu begründen versucht, warum das Leben prinzipiell niemandem zuzumuten sei. ... Erstens sei der Schmerz, den man im Leben erleide, immer intensiver und anhaltender als das Wohlgefühl, sagt de Giraud. 'Vergleichen Sie mal eine Migräne mit einem Orgasmus.' Zweitens sei das Unglück immer schon präsenter als das Glück: 'Es ist viel schwieriger und unwahrscheinlicher, glücklich zu werden, als unglücklich zu sein.' Drittens brächten Glücks- und Unglücksempfinden ein jeweils anderes Zeitgefühl mit sich: 'Unglück dehnt die Zeit, Glück komprimiert sie.' In der Summe ergebe das eine Existenz, die man besser gar nicht erst anfangen sollte. Glücklich ist, wer nicht geboren wird."

Europa

Ganz nebenbei und entgegen allen Klischees vom "Volksheim" - und von Schweden-Krimis wohl kaum thematisiert - ist Schweden zu einem der Länder mit der höchsten Kriminalitätsrate in Europa geworden, schreibt Paulina Neuding bei politico.eu: "Mordfälle in Zusammenhang mit Bandenkriminalität, die hauptsächlich Männer mit Migrationshintergrund in den Parallelgesellschaften betreffen, sind von vier im Jahr in den frühen Neunzigern auf rund 40 im letzten Jahr angestiegen... Kriminalität in Schweden liegt nun weit über dem europäischen Durchschnitt. Sozialer Aufuhr mit angesteckten Autos, Angriffen auf Rettungskräfte und Tumulten ist zu einem häufigen Phänomen geworden."

Noch brutaler geht es laut einem Spiegel-online-Bericht von Sascha Zastiral in London zu, wo allein bisher in diesem Jahr 48 Menschen durch kriminielle Gewalt ums Leben kamen - meist in Zusammenhang mit Drogenkriminalität. "In den vergangenen zwei Monaten sind in London mehr Menschen gewaltsam zu Tode gekommen als in New York - und das zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte." Die Gewalt sei auf Sparmaßnahmen bei der Polizei zurückzuführen.

Gesellschaft

"Das Konzept Stadt ist quasi tot", fürchtet Gereon Asmuth in der taz nach der Demo gegen den "Mietenwahnsinn" in Berlin: "München, Köln, Hamburg kann man als Mieterstadt längst vergessen, in Berlin gibt es dank noch existierender Altmietverträge ein paar bezahlbare Oasen. Aber auch die deutsche Hauptstadt katapultiert sich gerade auf eine Ebene mit Paris und London, in deren Zentren sich selbst Angehörige der Mittelschicht allenfalls mit Zweit- oder Drittjob noch eine Minibutze leisten können. Gewöhnlich aber sind sie längst vertrieben an den Rand der Städte. Und das Schlimmste daran ist: Es gilt als normal."

Drastisch beschreibt auch Niklas Maak in der FAS die Folgen der Preisexplosion in den Städten: "Nach einer Studie der Berliner Humboldt-Universität mussten einkommensschwache Haushalte knapp 40 Prozent ihres Einkommens für die Bruttokaltmiete aufbringen; in München muss man mehr als das Doppelte des Durchschnittseinkommens verdienen, um neu gekauftes Wohneigentum aus dem laufenden Einkommen zu finanzieren - wozu nur zwei Prozent aller Haushalte in der Lage sind. Selbst das klassische Bürgertum kann sich die Stadt nicht mehr leisten und wird an die Peripherie gedrängt; die Zentren verkommen zu begehbaren Anlagedepots mit ein paar Folklorerummelbuden für herumstreunende Touristen."

Das Blog tichyseinblick.de bringt einen Auszug aus Hamed Abdel-Samads neuem Buch "Integration - Ein Protokoll des Scheiterns". "Die Diskussion ist vielfach geprägt von Maulkörben. Die Politik und die exportorientierte Wirtschaft wollen arabische Investoren nicht verärgern. Die verkrampfte Streitkultur, der moralische Zeigefinger, die Demagogie von links und rechts verhindern ebenfalls eine kritische Debatte über Islam und Integration. Viele Muslime halten kritische Töne schnell für Rassismus und Ausdruck von Islamophobie und reagieren beleidigt oder diskursunfähig. Und die Mehrheitsgesellschaft an sich hat nach wie vor Probleme, selbst Migranten mit einem deutschen Pass als Deutsche zu betrachten."
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Religion

In der FAS beschreibt Bahareh Ebrahimi das strenge Regime an iranischen Mädchenschulen: "Das Beispiel der Mädchenschule zeigt, dass viele Frauen dort ihre Macht nicht dazu nutzen, eine frauenfreundlichere Politik einzuleiten. Oft ist das Gegenteil der Fall, auch wenn es selbstverständlich auch Ausnahmen couragierter Lehrerinnen gibt. In einem Zirkel der Unterdrückung werden die Unterdrückten manchmal selbst zu Unterdrückern, hier also zu Unterdrückerinnen."
Stichwörter: Iran