9punkt - Die Debattenrundschau

In der Falle

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.04.2018. Horst Seehofers Idee von der "christlich-jüdischen Prägung" Deutschlands stößt weder bei Claudius Seidl in der FAS noch bei Necla Kelek auf Zustimmung. Der Theologe Johann Hinrich Claussen beteuert in der SZ: Wenn man die "vage Spiritualität" hinzuzählt, steht es gar nicht so schlecht ums Christentum. Emily Bell ist sich im Niemanlab sicher: Nur öffentlich-rechtliche Medien können die Öffentlichkeit retten. Le Monde stellt eine Untersuchung vor, die eine starke Hinwendung junger Muslime zur Religion belegt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.04.2018 finden Sie hier

Religion

Mit dem Christentum geht es in Deutschland bergab, immer weniger Menschen glauben daran, das sagen die Meinungsforscher. Der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen wehrt in der SZ die Untergangsszenarien ab: "Indem die Allensbacher und mit ihnen empirische Religionssoziologen dieser Linie folgen und eine orthodoxe Doktrin zum 'Kernbestand des Christentums' erklären, alles andere an gelebter Religion jedoch als 'vage Spiritualität' abtun, ist es ihnen kaum möglich, die Komplexität und die Ambivalenz der Säkularisierung oder die Legitimität individualisierter Religiosität wahrzunehmen. Auch die Fokussierung auf traditionelle Frömmigkeitspraktiken wie Gottesdienst oder Tischgebet führt dazu, dass eine theologisch und kirchlich definierte Christlichkeit als Norm aufgestellt wird, der schon die meisten Kirchenmitglieder nicht entsprechen. Dann aber wäre der Niedergang des Christentums nicht zuletzt der eigenen Definition geschuldet."

Ideen

In einem Artikel gegen Horst Seehofers Beschwörung der "christlich-jüdischen" Tradition Deutschland erinnert FAS-Redakteur Claudius Seidl daran, dass die Trennung von Staat und Religion keineswegs kirchengewollt war, sondern über Jahrhunderte erkämpft wurde: "Insofern schließt die Rede von der 'jüdisch-christlichen Prägung' nicht nur den Islam aus - was ja der eigentliche Zweck dieser Behauptung ist. Auch Aufklärung und Atheismus, auch die, gerade in der deutschen Literaturgeschichte, so wichtige Sehnsucht nach jenem heitereren Himmel, in welchem die menschlicheren Götter der Griechen wohnen, werden von dieser Rede, wenn nicht ausgeschlossen, dann doch zu den Apokryphen einer Tradition, deren Kanon angeblich jüdisch-christlich ist."

Auch Necla Kelek sieht die europäische Kultur nicht durch die "jüdisch-christliche Prägung" definiert, wie sie in der Allgemeinen Zeitung darlegt: "Was macht denn die deutsche oder europäische Kultur aus?  Zum einen ist es die Demokratie, das heißt die Teilhabe des Bürgers an institutionellen Entscheidungen und dabei die Gleichheit der Bürgerinnen und Bürger. Zum Zweiten die universelle Gültigkeit der Menschenrechte, das Recht auf individuelle Freiheit und Unverletzlichkeit der Person; und drittens das Prinzip der Wissenschaftlichkeit, also der schlichte Ansatz, 'richtig' und 'falsch' jenseits religiösen Glaubens aufgrund wissenschaftlichen Forschens zu entscheiden. Diese Grundlagen der europäischen Kultur sind Errungenschaften der hellenistisch-römischen Antike und haben keine religiöse Natur."

In der NZZ macht der indische Autor Pankaj Mishra gleich ganz kurzen Prozess mit dem Westen, seinem Ideal der Aufklärung und der liberalen Demokratie. Kann nicht halten, wird nicht halten, meint er. Und hat bisher auch nur gehalten, weil wir von den Früchten des Imperialismus zehren: "Imperialismus, Ausbeutung und Sklaverei haben einen ebenso großen Anteil am hiesigen Wohlstand wie die industrielle Innovation. Das zu ignorieren, ist gefährlich", mahnt er. "Denn: Weder Indien noch irgendein anderes aufsteigendes Land kann heute noch Territorien und Ressourcen erobern. Das ist passé. Die Fantasie des Wohlstands aber, der für einige wenige Länder aus dieser spezifischen Phase resultierte, ist in allen Köpfen verankert. Die ganze Welt ist darin gefangen und sitzt in der Falle."

Medien

Die Journalismusprofessorin und einstige Digitalchefin des Guardian Emily Bell bezweifelt im Gespräch mit Anders Hofseth im Niemanlab, dass die meisten privaten Medien noch ein nachhaltiges Geschäftsmodell im Netz finden - für sie läuft alles auf die öffentlich-rechtlichen Medien hinaus: "Im Moment glaube ich, dass öffentlich-rechtliche Medien eine wichtigere Rolle spielen als jemals seit dem Zweiten Weltkrieg." Und bei den privaten Medien gilt ihre Skepsis nicht allein der Refinanzierbarkeit: "Gleichzeitig denke ich, dass kommerzielle Firmen, die ihre Inhaber befriedigen müssen, nicht notwendig die besten sind, wenn es darum geht zu entscheiden, welches Format im Ökosystem der Kommunikation den Leuten am besten dient. Vielleicht sind sie sogar die am wenigsten geeigneten, so etwas zu entscheiden."
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Gesellschaft

Violaine Morin unterhält sich für Le Monde mit der Soziologin Anne Muxel und ihrem Kollegen Olivier Galland, die bei 7.000 Jugendlichen in Frankreich eine Studie über Radikalisierung durchgeführt haben und beunruhigende Ergebnisse vorlegen: "Diese Untersuchung zeigt in der Tat eine kulturelle Spaltung zwischen jungen Muslimen und Nicht-Muslimen. Die Muslime kehren massiv zur religiösen Praxis zurück, während es bei den anderen Jugendlichen eine starke Säkularisierung gibt. Beim Thema kultureller Liberalismus, den wir mit Fragen zur Homosexualität und zur Rolle der Frauen gemessen haben, ist der Abstand zwischen jenen, die sich als Muslime definieren, und den anderen groß."

Kulturpolitik

Die zahlreichen Direktoren des Humboldt-Forums sollten sich nicht mit dem Argument, dass Deutschland erst seit 1880 Kolonialmacht gewesen sei, aus der Restitutionsdebatte heraushalten, meint Lorenz Rollhäuser in der taz: "Die Berliner Afrika-Sammlung bestand bis 1880 aus gerade mal 3.361 Objekten. Erst danach wuchs sie exponenziell bis zum Ende der deutschen Kolonialzeit auf das bald Zwanzigfache: 55.079 Objekte."

Europa

Die Times hat üble antisemitische Äußerungen in Facebook-Gruppen recherchiert, die Jeremy Corbyn nahestehen (Daniel Zylbersztajn berichtet in der taz). Das Argument, dass dies nur geschehe, um Corbyn zu schaden, lässt Dominic Johnson in der taz nicht gelten: "Dazu kann man nur sagen: Gut, dass es solche Kampagnen gibt. Denn wenn es Corbyn schadet, Antisemiten aus seinem Umfeld zu entfernen, stimmt etwas ganz grundsätzlich nicht."

Zum Nachweis, dass die französisch-bulgarische Intellektuelle Julia Kristeva tatsächlich als IM für den bulgarischen Geheimdienst gearbeitet hat, wurden nun die entsprechenden Akten von der zuständigen Lustrationskommission freigegeben. Ulrich M. Schmid hat sie für die NZZ durchgesehen und findet nichts wirklich schlimmes. Geschmacklosigkeiten, ja, aber keine Denunziation. Insgesamt sei ihre Spitzeltätigkeit so wenig gehaltvoll gewesen, dass der Geheimdienst die Zusammenarbeit nach zwei Jahren einstellte. Warum ist sie dann aber so empört über die Veröffentlichung und behauptet, ihr ganzes Werk werde desavouiert? "Das ist natürlich Unsinn. Beschädigt wird nicht ihr Œuvre, sondern ihr Selbstbild, das sie in den vergangenen Jahrzehnten sorgfältig konstruiert hat", meint Schmid. Dennoch sieht er ihre Beschäftigung mit dem "weiblichen Genie" jetzt neu: "Kristeva berief sich explizit auf Duras, als sie meinte, man könne 'politischen Horror' in 'private Melancholie' sublimieren. Im Licht der Publikation ihrer Geheimdienstakte erhält dieser Gedanke eine neue Brisanz. Ihre politische Selbstkompromittierung wäre dann der Auslöser für eine melancholische Grundhaltung."

Geschichte

Die taz startet eine Serie zu 1968. Jan Feddersen versucht, das Phänomen in einem Eröffnungsessay zu fassen: "68 war, die in London lehrende Historikerin Christina von Hodenberg hat dies in ihrem aktuellen Buch 'Das andere Achtundsechzig' akribisch aus den Quellen jener Jahre destilliert, in puncto Sozialismushoffnungen und Kommunismussehnsüchten nicht einmal gut gequirlter Unsinn. Was es war, sollte sich erst in den siebziger Jahren mit Macht zeigen - das war tatsächlich die Erosion, Konservative würden sagen: Zerstörung der Verhältnisse des Zusammenlebens. Frauen nahmen sich nicht mehr als Rippen ihrer Adame wahr, sondern als eigenständige, selbstbestimmte Personen."
Stichwörter: 50 Jahre 1968, 68er