9punkt - Die Debattenrundschau

Äußerst sensible Details

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.04.2018. Im Guardian fordert der Open-Software-Miterfinder Richard Stallman ein Gesetz gegen jegliche Datensammelei. Die Diskussion um die Online-Dating-Plattform Grindr zeigt, dass es dafür fast schon zu spät ist. Les Echos berichten über die Sorgen der BBC um ihr junges Publikum, das inzwischen mehr Netflix guckt. Martin Luther King war kein Revolutionär, aber er erinnerte an das Versprechen einer Revolution, sagt der französische Amerika-Historker Pap Ndiaye in Le Monde.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2018 finden Sie hier

Internet

Die schwule Online-Dating-Plattform Grindr hat Daten an externe Unternehmen weitergegeben - darunter die Information über den HIV-Status von Mitgliedern, berichtet Dinah Riese in der taz. "Es sei 'unfair', nun mit Facebook in einen Topf geworfen zu werden, sagte Bryce Case, zuständig für die Sicherheit bei Grindr. Die Daten wurden an die Unternehmen Apptimize und Localytics weitergeleitet. Diese helfen anderen Unternehmen, ihre Apps zu optimieren. Es sei keine Weitergabe gegen Geld gewesen, vielmehr hätte Grindr die Unternehmen für ihre Leistungen bezahlt, erklärte Bryce." Man wolle aber jetzt keine HIV-Daten mehr weitergeben.

Noch viel beunruhigender liest sich diese Meldung vor dem Hintergrund, dass Grindr seit jüngstem chinesischen Eignern gehört, wie Michael Rädel und Christian Knuth am 21. März bei blu.fm berichteten: "Es ist völlig unklar, warum sich chinesische Unternehmen für enorme Summen an Diensten beteiligen, die in China selbst verboten oder blockiert sind. Geht es nur um lukrative Investments oder könnte es sein, dass anhand von Daten Personenprofile, im Falle von Grindr mit äußerst sensiblen Details, angelegt werden?"
Archiv: Internet
Stichwörter: Online-Dating, Datenschutz

Überwachung

Richard Stallman, Präsident der Free Software Foundation und Urgestein der freien Softwareszene, möchte den Ärger über Facebook nutzen, die Überwachung im Internet generell - durch Firmen, aber auch durch den Staat - einzuschränken. Er schlägt im Guardian ein Gesetz vor, das das Sammeln von Daten nach dem Prinzip von Ockhams Rasiermesser reguliert: "Die Überwachung, die uns heute aufgezwungen wird, übertrifft noch die der Sowjetunion. Wir müssen sie eliminieren, um der Freiheit und Demokratie willen. Es gibt so viele Möglichkeiten, mit der Datennutzung Menschen zu verletzen, dass die sicherste Datenbank die ist, für die nie Daten gesammelt werden. Statt den Ansatz der EU weiterzuverfolgen, die im wesentlichen nur einschränken will, wie persönliche Daten genutzt werden dürfen, schlage ich ein Gesetz vor, das es Systemen verbietet, diese Daten zu sammeln. Der einfachste Weg das zu tun, der auch nicht wegen der Laune einer Regierung geändert werden kann, besteht darin, nur noch solche Systeme zuzulassen, die keine Daten über eine Person sammeln. Das Grundprinzip muss lauten: Ein System muss so gebaut werden, dass es keine Daten sammelt, wenn seine Funktion auch ohne diese Daten gewährleistet ist."
Archiv: Überwachung
Stichwörter: Stallman, Richard

Medien

Die BBC macht sich große Sorgen um ihr junges Publikum, berichtet Nicolas Madelaine in Les Echos, einer französischen Wirtschaftszeitung, unter Bezug auf den Jahresplan 2018/19 der BBC (hier als pdf-Dokument): "Die öffentlich-rechtliche Anstalt schätzt in der Tat, dass die Gruppe der 16- bis 24-Jährigen mehr Zeit auf Netflix verbringt als in allen Fernsehangeboten der BBC, inklusive der eigentlich sehr beliebten Mediathek iPlayer. Erstmals hat auch die Gruppe der 15- bis 34-Jährigen mehr Zeit in Streamingdiensten verbracht als in Radioangeboten der BBC (5 Stunden versus 4 Stunden 30 pro Woche)."
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Europa

Rudolf Balmer geht in der taz den Vorwürfen gegen Julia Kristeva nach, die für den bulgarischen Geheimdienst als IM gearbeitet haben soll - als ganz so belanglos wie gestern die NZZ (unser Resümee) sieht er die Vorwürfe nicht: "Laut dem vorliegenden Archivmaterial soll sie namentlich über private Stellungnahmen des damaligen PCF-Chefs Roland Leroy oder die Haltung des Dichters Louis Aragon zur sowjetischen Intervention in der Tschechoslowakei berichtet haben. Pikanterweise ging Kristeva politisch selber auch andere Wege, indem sie sich mit Sollers für das maoistische China begeisterte."
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Geschichte

Die Stadt Trier bereitet sich auf ein Jubiläum vor, das teilweise umstritten sei, berichtet Christoph Schmidt-Lunau in der taz, den 200. Geburtstag des Philosophen Karl Marx: "Zur Eröffnung der großen Landesausstellung am 5. Mai kommt ihr Schirmherr, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Die Ausstellung zeigt Marx' Werk in seiner Zeit. Die Lebenssituation der Menschen in der Industrialisierung des frühen 19. Jahrhunderts steht im Zentrum... Die Maschine zeichnet den Arbeitskreislauf der Industrie und die Akkumulation des Kapitals nach. Karl Marx' bekanntestes Werk, 'Das Kapital', wird so in Szene gesetzt."
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Ideen

Die ewige Fehde zwischen der Ost- und Westküste der USA spaltet auch die konservativen Intellektuellen und Leo-Strauss-Anhänger in zwei Lager, berichtet Marc Neumann in der NZZ. Stein des Anstoßes ist Donald Trump. Ist er nun der Retter oder der Bestatter der Republikanischen Partei? Während die Ostküstler laut Neumann in Trump die "'Causa Efficiens für den Zusammenbruch' der Republikaner" ausgemacht haben, sehen die Claremonter im Westen in ihm "die politische Rückbesinnung auf einen genuin amerikanischen Föderalismus, wie er... den Gründern der USA vorschwebte... Damit einher geht ein Kulturkrieg, also der Widerstand gegen eine sich als linksliberal verstehende Kultur, die von staatlichen Institutionen hervorgebracht und begünstigt wird. Beliebteste Prügelknaben der Claremonter sind hierbei die von Political Correctness und Gender-, Rassismus- und Kapitalismuskritik dominierten Hochschulen und Geisteswissenschaften. Es ist offensichtlich, wie sehr Trump den Claremontern als Geschenk des Himmels erscheinen musste."
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Gesellschaft

Die Bürgerrechtsbewegung hat in Form von "Black Lives Matter" überlebt, schreibt Bernd Pickert in der taz fünfzig Jahre nach dem Tod Martin Luther Kings: "Wichtigstes Thema ist heute: eine Begegnung mit der Polizei überstehen, ohne erschossen zu werden." Knapp tausend Menschen sind laut Washington Post im letzten Jahr bei Polizeieinsätzen von Schüssen der Polizisten getötet worden, darunter 223 Afroamerikaner.

Der französische Amerika-Historiker Pap Ndiaye sagt im Gespräch mit Nicolas Bourcier von Le Monde: "Martin Luther King war ganz gewiss nicht ein 'Onkel Tom' oder Jasager, der bereit war, jeden Kompromiss einzugehen, wie ihn radikale schwarze Aktivisten karikierten. Aber er war auch kein Revolutionär, denn er stützte sich auf die politischen Institutionen seines Landes, von dem er nur Treue zum universalistischen Versprechen der amerikanischen Revolution erwartete. King war überzeugt, dass Amerika sich besinnen kann."
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