9punkt - Die Debattenrundschau

Immortalisten und Biokosmisten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.04.2018. Wenn es der saudische Prinz Mohammed bin Salman mit seinen Reformen ernst meinte, hätte er längst Raif Badawi freigelassen, schreiben zwei Aktivisten in Marianne. Das Philosophie Magazin staunt über Gemeinsamkeiten von Kommunisten und Silicon-Valley-Propheten. Die Debatte über Facebook geht weiter: Das größte Problem ist intransparente und individualisierte Wahlwerbung. Aus der Falle der Religiosität gibt es kein Entkommen, meint Religionssoziologe Hans Joas in der Berliner Zeitung.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.04.2018 finden Sie hier

Europa

Die EU muss unbedingt Druck auf Polen machen, um eine weitere Gleichschaltung der Justiz zu verhindern, schreibt der polnische Menschenrechtsbeauftragte Adam Bodnar in politico.eu - schon sind eine Menge Richterposten mit regimetreuen Juristen besetzt worden. In Polen selbst sei die Schlacht bereits verloren: "Hier liegt die Trennlinie zwischen der regierenden Partei und demokratischen Kräften, die die juristische Unabhängigkeit bewahren wollen - dazu gehören große Oppositionsparteien, juristische Verbände, NGOs und die freie Presse. In dieser Schlacht gewinnt die Regierung, weil es extrem schwierig ist, gegen die Entscheidungen einer parlamentarischen Mehrheit zu kämpfen, die weder auf internationale noch auf heimische Bedenken reagiert."

Politik

Der saudische Prinz Mohammed bin Salman ist unterwegs - jetzt gerade in Frankreich -, um ausländische Investoren zu finden. Er wird als Reformer gefeiert. Wie wär's wenn er mal ein bisschen Rechtssicherheit herstellt und im übrigen endlich Raif Badawi freilässt, fragen Evelyne Abitbol und Brandon Silver von der Kampagne für Badawi in Marianne: "Das Gericht, das Badawi verurteilte, hat seine grundsätzlichsten Pflichten aus Sicht des saudi-arabischen Rechts verletzt. Die Zeugen in seinem Prozess waren inakzeptabel. Sein Anspruch auf rechtliche Unterstützung ist ihm versagt worden, sein Anwalt und Schwager Waleed Abu Al-Khair wurde selbst ins Gefängnis gesteckt. Der Blogger wurde nicht mal über die Anschuldigungen gegen ihn informiert und hatte weder Zeit noch die Mittel, seine Verteidigung vorzubereiten."

Geschichte

Der Historiker Reinhard Rürup, langjähriger Direktor der Berliner Stiftung "Topographie des Terrors", ist gestorben. Götz Aly würdigt den Kollegen in der Berliner Zeitung: "Freundliche Distanz, kühles Urteil, westfälisches Understatement - das waren Tugenden, die der Historiker Reinhard Rürup vorlebte und die ihn von vielen seiner Kollegen so angenehm unterschieden. Eitelkeiten, branchenübliches Platzhirschgetue, Konferenzen-Jetset, die Begründung einer 'Rürup-Schule' - all das blieb ihm ziemlich fremd. In seinen Vorträgen verzichtete er auf jeden Effekt, auf jede kühne Behauptung, er fesselte allein durch Präzision, an guten Tagen mit einer leichten Prise Ironie verfeinert."

Außerdem: In der NZZ stellt Benedict Neff die Ausstellung "Sparen - Geschichte einer deutschen Tugend" im Deutschen Historischen Museum in Berlin vor.
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Stichwörter: Rürup, Reinhard

Ideen

Es gibt kein einfaches Erben, denkt sich Pascal Bruckner, der für die NZZ eine kleine Geschichte der Erbschaft aus amerikanischer und französischer Perspektive bis zu Johnny Hallyday schreibt. "Das hat auch damit zu tun, dass die Moderne den Status der Tradition verändert hat. Im Ancien Régime war die Tradition ein natürlicher Zwang: Es war selbstverständlich, dass die Kinder wie ihre Eltern leben, ihre Religion und ihre Sitten übernehmen - ganz so, wie es seit Generationen geschah. Nach 1789 ist die Tradition, mit Tocqueville gesprochen, zu einer reinen Information geworden. Das hier waren unsere Gebräuche, würde man jetzt sagen und anfügen: Man kann sie weiterführen, ignorieren oder verändern. Dies bedeutet eine gewaltige Freiheit. Das ganze Konzept des Weitergebens wird durch sie infrage gestellt."

Silicon-Valley-Kapitalisten und Kommunisten haben einiges gemeinsam, staunt im Philosophie Magazin Nils Markwardt. Den Wunsch nach Unsterblichkeit zum Beispiel: "Google, dessen Mitbegründer Sergey Brin ebenfalls von der Abschaffung des Todes träumt, nahm 2013 gleich selbst eine Milliarde Dollar in die Hand, um mit Calico ein Institut zur Erforschung der Lebensverlängerung zu lancieren. Dessen Ziel brachte Bill Maris, Ex-Chef von Google Ventures, prägnant auf den Punkt: 'Es geht um eine Star-Trek-Zukunft, in der niemand an vermeidbaren Krankheiten stirbt, in der das Leben fair ist.' Ein faires Leben, das wollten auch die Immortalisten und Biokosmisten (mehr hier). Freilich unter anderen, nämlich kommunistischen Vorzeichen. Dieser losen Gruppe von Intellektuellen war dabei zunächst gemein, dass sie sich vom Werk Nikolai Fjodorows inspirieren ließen. ... Nach Fjodorow müsse die Menschheit eine kollektive technologische Anstrengung unternehmen, um die Natur unter totale Kontrolle zu bringen. Das heißt für ihn vor allem: Der Tod gehört abgeschafft."

Internet

Nicht der Datenschutz ist das Hauptproblem im Cambridge-Analytica-Skandal, sondern so genannte "targeted ads", individualisierte politische Werbung, die als solche manchmal gar nicht zu erkennen ist, schreibt der Datenforscher Thorsten Benner in der taz: "Trotz der wachsenden Bedeutung unterliegt zielgerichtete politische Werbung nicht ebenso zielgerichteter Regulierung. Der mittlerweile suspendierte Geschäftsführer von Cambridge Analytica konnte vor Kunden mit 'nicht zurechenbaren und nicht zurückverfolgbaren Anzeigen' prahlen, weil es in allen Demokratien eine eklatante Gesetzeslücke gibt. Wahlplakate und TV-Spots unterliegen strengster Regulierung. Online-Werbung aber wird nicht erfasst. Ihr Einsatz ist nicht transparent und ihre Wirkweise wenig bekannt."

Christopher Wylie, der den neuen Skandal um Cambridge Analytica als ehemaliger Mitarbeiter der Firma leakte, belegt im Guardian, dass Brexit-Kampagnen sich über die Firma AIQ, die wiederum mit Cambridge Analytica kooperierte, koordiniert haben, und das ist im britischen Wahlgesetz verboten: "Jenseits der Daten gibt es hier zwei Probleme: Überfinanzierung und Koordinierung zwischen Kampagnen. Das Gesetz verbietet Koordination, auch um Scheinidentitäten als Mittel der Überfinanzierung zu verhindern. Im digitalen Zeitalter, in dem politische Kampagnen Facebook als Hauptinstrument einsetzen, ist das schwierig durchzusetzen. Und wenn vier verschiedene Brexit-Kampagnen - Vote Leave, BeLeave, Veterans for Britain und DUP - alle die selbe Datenfirma benutzen, AIQ, dann ist das so gut wie unmöglich."

Religion

Die Menschen werden immer säkularer? Der Religionssoziologe Hans Joas glaubt es nicht. Wenn sie sich von den Kirchen abwenden, suchen sich Menschen eben etwas neues Heiliges, meint er im Interview mit der Berliner Zeitung: "Was ich behaupte, ist die Entstehung immer neuer Sakralisierungen. ... In Umfragen, was ihnen heilig sei, antworten manche Menschen: 'Nichts, da ich keiner Religionsgemeinschaft angehöre.' Aber sie übersehen, dass die Erfahrung des Heiligen etwas universell Menschliches ist. Das lässt sich an den Werten, an denen Individuen sich orientieren, leicht zeigen. Es gilt aber auch für die großen politischen Bewegungen und Weltbilder. Die Kommunisten haben den einbalsamierten Leichnam Lenins oder die rote Fahne kultisch verehrt. Liberale Humanisten halten die Würde des Menschen für unantastbar und bestehen somit auf der Sakralität jeder Person. Selbst dem übelsten Verbrecher, dem grausamsten Terroristen kommt deshalb im Rechtsstaat eine menschenwürdige Behandlung zu. Daran sieht man: Auch das Weltbild des Grundgesetzes enthält Elemente einer - nicht-religiösen - Sakralität."

Der Deutschlandfunk Kultur interviewt die Juristin und Publizistin Liane Bednarz, die gerade das Buch "Die Angstprediger" publiziert hat, in dem sie über rechtsextreme Christen recherchiert. Sie kritisiert die Kirchen, die sich gern als Bastion gegen die AfD geben: "Nach außen hin wenden sich die Kirchen sehr stark gegen Rechtspopulismus,sprechen sich auch sehr kritisch über die AfD aus, jüngst erst wieder Erzbischof Schick in Bamberg, aber mit diesen Christen, die innerhalb der Kirchen gen rechts gedriftet sind und irgendwo in diesem Graubereich jetzt auch teilweise sind, zwischen konservativ und rechts, sucht man eigentlich nicht die Auseinandersetzung, obwohl die Feindbilder, die dort gepflegt werden, in vielen Fällen identisch sind mit dem Feindbildern, die man auch im AfD-Milieu trifft."

Gesellschaft

"Integration bedeutet zwar nicht, wie bei mir, die eigene alte Kultur verkümmern zu lassen - aber die Idee, zwei grundverschiedene Kulturen gleichwertig in sich tragen zu können, ist eine Utopie", erklärt in der Welt Violet Kiani, die als Vierjährige mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland kam. "Will man Zuwanderer erfolgreich in die Gesellschaft einbinden, muss dieses Wissen Grundlage sein. Auch wenn meine Eltern keine gläubigen Muslime sind, kommen sie dennoch aus einem Land, in dem Religion nicht nur in der Moschee stattfindet, sondern sich im Alltag und in Moralvorstellungen widerspiegelt, die mit der westlichen Lebensweise kollidieren. Ich frage mich besorgt, wie die deutsche Politik in den nächsten Jahren die gläubigen Muslime, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, dazu bewegen möchte, Respekt für unsere Lebensweise aufzubringen, wenn schon aufgeschlossene und studierte Menschen wie meine Eltern Jahrzehnte brauchten, um den westlichen Lifestyle nicht kritisch zu beäugen?"
Stichwörter: Integration