9punkt - Die Debattenrundschau

Wie Zucker in heißem Wasser

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.04.2018. In der taz erklärt Sonja Fatma Bläser vom Verein HennaMond, warum das Kopftuch für Mädchen unter 14 an Schulen, aber auch Beschneidung von Jungen verboten werden sollten. Mark Zuckerberg hat bei der Befragung durch amerikanische Abgeordnete eine Menge Nebelkerzen geworfen, analysiert Netzpolitik. Die Menschen wandern von Filterblasen in Echokammern ab, fürchtet die SZ. Eine Gruppe von Autoren und Politikern ruft die Kanzlerin in politico.eu auf, sich von Viktor Orban zu distanzieren.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Sonja Fatma Bläser, die sich selbst vor einer Zwangsheirat rettete und den Verein HennaMond gründete, erklärt im Gespräch mit Heide Oestreich von der taz, warum sie für ein Verbot des Kopftuchs bei Mädchen unter 14 ist: "Der Druck, zu versagen, ist riesengroß. Dieses Kind geht nicht mehr einfach schwimmen, rennt nicht mehr herum und spielt wild. Das Kopftuch ist eine andauernde körperliche und psychische Disziplinierung - und zwar in einem prägenden Alter. Es wird dann zu einer zweiten Haut." Auf die Frage, ob Beschneidung von Jungen dann nicht auch verboten werden müsste, antwortet Bläser: "Ja. Die Beschneidung sollte auch verboten werden. Auf den Jungen liegt doch auch dieser furchtbare Druck: Wer nicht beschnitten ist, ist kein richtiger Mann. Der kann in der Dusche vor den anderen nicht bestehen."

Fatina Keilani berichtet in diesem Zusammenhang im Tagesspiegel, dass in Berlin erneut eine Lehrerin vor Gericht gezogen ist, weil sie an einer Grundschule nicht mit Kopftuch unterrichten sollte. Der Senat lässt sich anwaltlich erstmals von Seyran Ates vertreten.
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Internet

Mark Zuckerberg hat bei der Befragung durch amerikanische Abgeordnete eine Menge Nebelkerzen geworfen, analysiert Alexander Fanta in einem dankenswert ausführlichen Artikel auf Netzpolitik. Eine davon: "Facebook erlaubt seinen Werbekunden auf gruselige Art Zugriff auf einzelne Nutzer und Nutzergruppen. Zuckerberg betonte vor den Abgeordneten, seine Firma verkaufe keine persönlichen Daten an Kunden weiter. Damit verschleiert er aber, dass Facebook seinen Kunden auf verschiedene Arten Zugang ermöglicht und Nutzerdaten zwar nicht direkt verkauft, aber effektiv die Aufmerksamkeit seiner Nutzer basierend auf ihren intimsten Daten vermietet."
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Stichwörter: Zuckerberg, Mark, Facebook

Europa

Eine Gruppe von Politikern, Wissenschaftlern und Autoren, darunter Yascha Mounk und Volker Beck, richtet in politico.eu einen Appell an Angela Merkel, sich gegen Viktor Orban und seine antisemitische Rhetorik zu stellen: "Führende Politikwissenschaftler sind nun überzeugt, dass das Überleben der ungarischen Demokratie in Gefahr ist. Manche glauben gar, dass sie bereits geschleift sei. Und doch haben Sie als deutsche Kanzlerin versäumt, Orbans antisemitische Rhetorik oder Attacken auf demokratische Institutionen zu verurteilen. Schlimmer, die von Ihnen geführte Partei bleibt im Europäischen Parlament Bündnispartner mit Orbans Partei. Obowhl CDU-Abgeordnete des Europäischen Parlaments Orban fortwärend legitimieren, haben Sie nie dazu aufgerufen, den Kurs zu verändern. Dies Schweigen macht Sie zur Komplizin."

Das Desaster um den geplanten Großflughafen BER passt wunderbar zu Berlins Mentalität des Unfertigen, findet Peter Glaser in der NZZ. "Diese ganze Stadt muss sich fragen lassen: Gibt es Berlin überhaupt - oder ist das alles nur Gerede, nur angesagt? Eine städtebauliche Chimäre? ... Die Stadt hat sich längst in multidimensionale Vorstellungen von Berlin aufgelöst wie Zucker in heißem Wasser, wobei die Klischees über Berliner und Berlin eine Art Nothaltegriff darstellen. Berlin gibt es nicht, jedenfalls nicht in der Einzahl, die der Name der Stadt suggeriert. Berlin ist zu groß, um nur eine Stadt zu sein."

Thomas Steinfeld denkt in der SZ über den Zuspruch für die italienische Fünf-Sterne-Bewegung und ihre Idee einer direkten, von Politikern befreiten Demokratie nach. Für die Bewegung sei die versagende und korrupte politische Klasse schuld am Niedergang von Vok und Nation: "Deshalb die Forderung nach absoluter Transparenz in allen politischen Funktionen, deshalb die Abwendung von allem, was an Allgemeinheit und Programm erinnert, deshalb das Ideal einer demokratischen Politik ohne die Inhalte einer demokratischen Politik - ohne Staat und Kapital, ohne den ökonomischen Wettbewerb der Nationen, ohne Gewalt und Militär."
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Geschichte

Shimon Stein, ehemals israelischer Botschafter, und der Historiker Moshe Zimmermann fürchten in der FAZ, dass allein die Präsenz der AfD im Deutschen Bundestag schon dazu führen könnte, die deutsche Erinnerungskultur in Frage zu stellen - über die AfD hinaus: "Es geht um mehr als 'Klartext' auf dem rechtspopulistischen Flügel. Es ist ersichtlich, dass Anregungen aus dieser Ecke nicht automatisch auf Widerstand der Parteien des Establishments und ihrer Wähler stoßen, sondern auch auf zaghafte Zustimmung oder auf den Wunsch, beim Thema Erinnerungskultur der Konfrontation auszuweichen, um Wählerstimmen zurückzugewinnen."
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Ideen

Matthias Lilienthal in München, Chris Dercon in Berlin, Kollegah beim Echo, Uwe Tellkamp und Durs Grünbein in Dresden - die Debatten in der Kultur werden immer verbiesterter, meint Felix Stephan in der SZ. Das hat für ihn damit zu tun, dass die Leute nun nicht mehr nur in Filterblasen, sondern - noch schlimmer - in Echokammern agierten, so Stephan unter Bezug auf den amerikanischen Philosophen C.Thi Nguyen: "Der Aufstieg der Echokammer bringe eine Weltsicht hervor, die einen 'Alles-oder-Nichts-Krieg zwischen Gut und Böse' austrägt. Auf diese Weise versteifen sich lose Interessengruppen zu Agitationskollektiven, die sich in einem erbitterten Verteidigungskampf befinden: gegen das Impfen, gegen den Genderwahn, die Agrarlobby, die Manipulation durch die Mainstreammedien, die Überfremdung. Das Internet hat für jeden Interessenten eine maßgeschneiderte Manson-Family im Angebot - auch wenn es nicht immer zum Schlimmsten kommt."
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Politik

Zur Debatte um die Luftschläge gegen Syrien findet Dominic Johnson in der taz ein paar klare Worte: "Kein auch nur ansatzweise menschlich Denkender kann ernsthaft etwas dagegen einwenden, dass ein blutrünstiger Diktator, der für den Tod Hunderttausender seiner Bürger verantwortlich ist, jetzt weniger Massenvernichtungswaffen herstellen und einsetzen kann."
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Stichwörter: Syrien, Syrienkrieg