Efeu - Die Kulturrundschau

Kein Recht zu verzagen

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03.04.2018. In der Berliner Zeitung sperrt sich Regisseur Christian Petzold gegen die Musealisierung der Vergangenheit. Außerdem bewundert die Zeitung, wie Carsten Nicolai auf immateriellen Lichtstrahlen die Fantasie tanzen lässt. Die taz lernt im Gastspiel von Kirill Serebrennikovs Gogol Theater, wie man den Zwängen der Verhältnisse über unvernünftige Schräglagen entkommt. Die Architektinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara fordern in der SZ schönere Mauern. Die Jungle World fragt sich noch immer, ob Pop tot ist.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2018 finden Sie hier

Film


Franz Rogowski und Paula Beer in Christian Petzolds "Transit"

Bei der Berlinale wurde Christian Petzolds Anna-Seghers-Verfilmung "Transit" gefeiert (hier unsere Kritik), in dieser Woche startet der Film in den deutschen Kinos. Für die Berliner Zeitung hat Cornelia Geißler ein großes Gespräch mit dem Regisseur geführt. Als Inspiration für seine Entscheidung, sein Drama über auf der Flucht vor den Nazis in Marseille gestrandete Flüchtlinge vor der Kulisse der heutigen Gegenwart spielen zu lassen, nennt er Robert Altmans Chandler-Verfilmung "The Long Goodbye": "Altman inszenierte sie in der Gegenwart der Siebzigerjahre, gab aber dem Kommissar ein Auto aus den Vierzigern und ließ ihm auch Moralvorstellungen von damals, die ernüchterte Sicht auf die von Kriegen erschütterte Welt, auf moralisch verkommene Menschen. Und diesen Blick auf die Vergangenheit fand ich so interessant." Im Zeit-Magazin träumt die Schauspielerin Paula Beer, die in Petzolds "Transit" eine Hauptrolle spielt.

Weitere Artikel: Mit seinem Programmschwerpunkt "Pour un autre 68" versuchte das Pariser Dokumentarfilmfestival Cinéma du Réel die französische Perspektive auf das Jahr 1968 durch einen Fokus auf die Ereignisse in anderen Ländern zu erweitern, berichtet Dominik Kamalzadeh im Standard. Schwarze Popkultur ist im Auftrieb, schreibt Frank Herrmann im Standard mit Blick auf den Erfolg der Comedy-Serie "Atlanta" und des Blockbusters "Black Panther". Besprochen wird Rose McGowans Hollywood-Abrechnung "Mutig" - eine "Zumutung", für die Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche jedoch sehr dankbar ist.
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Kunst


Kunst und Quantenphysik: Carsten Nicolais Installation "tele" in der Berlinischen Galerie

In der FR verfolgt Ingeborg Ruthe faszieniert, wie der Künstler Carsten Nicolai in der Berlinischen Galerie mit seinen Installationen Physik in Poesie verwandelt: "Lautlos schicken zwei fast 20 Meter voneinander entfernte Spiegelaufbauten gelbe Strahlen hin und her, die den dunklen Raum markieren wie gespannte Seile, auf denen die Fantasie tanzt. Auf der immateriellen Lichtstraße in der dunklen Halle blitzt und funkelt es alle paar Zentimeter. Lichtstrahlen treffen auf Fotozellen, deren Impulse wiederum die Strahlen neu auslösen. Das sorgt für Magie. Man schaut einem sich selbst reproduzierenden System zu, das ständig Kommunikation erzeugt. Das immaterielle Licht durchmisst und definiert den abgedunkelten Raum. Die elektromagnetischen Wellen breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus. Unser Auge nimmt dies als beständigen, geraden Strahl wahr. Die ganze Erscheinung wird zur Skulptur im dunklen Raum."

Besprochen werden außerdem die große Ausstellung des Fotografen Robert Lebeck im Kunstmuseum Wolfsburg (SZ), die Schau zu Veroneses restauriertem Cuccina-Zyklus in der Dresdner Gemäldegalerie (SZ), eine Kabinettausstellung der Konstruktivisten Hermann Glöckner und Rudolfs Jahns im Frankfurter Städel (FR), Nan Goldins "Irish Landscapes" in der Galerie Kewenig in Berlin (Tagesspiegel), eine Ausstellung im Fridericianum in Kassel über Landgraf Carl, der Hessen nach dem Dreißgjährigen Krieg zu neuer Blüte führte (FAZ) und eine Schau zu Fra Angelico "Heaven on Earth" im Isabella Stewart Gardner Museum in Boston (FAZ).
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Bühne


Semen Shteinberg auf dem Planeten Kafka in Kirill Serebrennikovs Inszenierung am Deutsches Theater Berlin. Foto: Ira Polyarnaya

Seit acht Monaten steht der russische Regisseur Kirill Serebrennikov in seiner Moskauer Wohnung unter Hausarrest. Bei zwei Gastspielen seines Gogol-Theaters in Berlin erlebte taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller ein Theater, dass so poetisch wie politisch Schönheit und Freiheit besingt. Zum Beispiel im Stück "Kafka": "'Kafka' ist eine mit großer Zärtlichkeit auf die Bühne gebrachte Szenenfolge um Figuren, die sich insgeheim mit der Vergeblichkeit ihres Lebens eingerichtet haben. Sie kämpfen nicht gegen die Autoritäten, die sie in enge Konventionen zu pressen versuchen; aber sie entziehen sich deren Zugriff durch unvernünftige Schräglagen, auf der Bühne oft sehr körperlich übersetzt. Ständig stört etwas, fehlen Seiten aus dem Buch, nach dem gespielt werden soll, steht der Protagonist auf dem Tisch oder kriecht darunter wie ein störrisches Kind." In der FAZ proklamiert Kerstin Holm voller Bewunderung für die Kraft dieser russischen Produktionen: "Wenn diese bedrängte Kultur eine derart freie Kunst hervorbringt, hat man hierzulande kein Recht zu verzagen."

Weiteres: In der SZ berichtet Dorion Weickmann über einen Fall von #MeToo am Ballett der Dresdner Semperoper, der sich vor allem aufgrund unprofessionellen Managements zur Katastrophe auswuchs: Der Tänzer, der sich über sexuellen Missbrauch beklagt hatte, wurde entlassen. In Le Monde jubelt Rosita Boisseau noch einmal dem Ballettstar der Pariser Oper zu: Marie-Agnès Gillot gab am Wochenende ihre Abschiedsvorstellung.

Besprochen werden "Gespenster oder Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken" nach Ibsen und Daniel Paul Schreber am Schauspiel Leipzig (Nachtkritik) und David Hermanns Inszenierung von Janáčeks "Aus einem Totenhaus" an der Frankfurter Oper (NMZ, FAZ).
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Archiv: Bühne

Architektur

Die beiden irischen Architektinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara kuratieren die im Mai beginnende Architekturbiennale in Venedig. Im SZ-Interview mit Laura Weissmüller besingen sie die Kunst, schöne Mauern zu errichten: "Wenn Sie als Architekt eine hohe Mauer entwerfen müssen, weil es das Gebäude für eine Bank oder ein Regierung ist, dann werden das die Menschen verstehen, wenn es eine schöne Wand ist. Der Palazzo Strozzi in Florenz ist dafür ein gutes Beispiel: Es ist ein sehr abwehrendes Gebäude, aber umgürtet von einer langen Bank, wo sich alle hinsetzen können. Manchmal geht es gar nicht darum, ob man ein Gebäude betreten oder es benutzen kann, sondern darum, ob man einen Genuss dabei empfindet, wenn man daran vorbeigeht."
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Design

Elisabeth Wagner meditiert in der taz über Form, Wesen und politische Aussagekraft der Perlenkette: "Das Keusche, das Artige, das Verführerische, Lockende. Alle Qualitäten, die der klassische Weiblichkeitsdiskurs in seiner unersättlichen Spaltungslust hervorbringt, lassen sich mit den Perlen assoziieren.  ... Kein Schmuck ist ambivalenter, näher an der Illusion, am Sex als die Perlen. Man muss es gar nicht aussprechen, so selbstverständlich ist die Perlenkette mit den Codes von Gender verknüpft."

Außerdem bespricht Brigitte Werneburg in der taz die Ausstellung "1927. Il Ritorno in Italia" des Museo Salvatore Ferragamo in Florenz.
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Stichwörter: Schmuck, Perlenkette, Gender

Literatur

Besprochen werden Friedrich Christian Delius' Erzählung "Die Zukunft der Schönheit" (SZ), Toni Morrisons "Die Herkunft der Anderen" (Standard), Attila Bartis' "Das Ende" (Freitag), J.M. Coetzees "Die Schulzeit Jesu" (FR), Jörg Magenaus "Bestseller. Bücher, die wir liebten - und was sie über uns verraten" (Tagesspiegel), Graeme Macrae Burnets Krimi "Der Unfall auf der A35" (FR), Stephan Bierlings Biografie über Nelson Mandela (Standard), Ta-Nehisi Coates' Essaysammlung "We were eight years in power. Eine amerikanische Tragödie" (Standard), Flannery O'Connors Geschichtenband "Keiner Menschenseele kann man noch trauen" (FR), Bianca Bellovás "Am See" (Tagesspiegel), Hans Christoph Buchs "Stillleben mit Totenkopf" (Tagesspiegel), Clemens J. Setz' "Bot - Gespräche ohne Autor" (online nachgereicht von der FAZ), Hideo Yokoyamas Kriminalroman "64" (SZ), Wolfgang Matz' "Frankreich gegen Frankreich - Die Schriftsteller zwischen Literatur und Ideologie" (SZ) und neue Kriminalromane, darunter Tom Hillenbrands "Hologrammatica" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans-Joachim Simm über Peter Härtlings "Altes Spiel":

"immerhin und immerher
lockt das nein zur wiederkehr
..."
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Musik

Ist Pop tot? Diese Frage umkreist Georg Seeßlen in seinem neuen Buch, anlässlich dessen die Jungle World ihre Autoren diskutieren lässt. Was das emanzipative Potenzial von Pop betrifft, sieht es eher duster aus, meint Uli Krug in unbedingter Bejahung der von Seeßlen gestellten Frage: "Pop als Taktung des unsichtbar-digitalen Fließbands verfolgt einen überall ... Ein befreiendes Element noch darin, also in der umfassenden 'Aufladung der Unterdrückung mit Lust' (Seeßlen), erblicken zu wollen, dürfte demnach mehr als nur schwerfallen, oder um es in den Worten des Autors zu sagen: 'Es ist also nicht nur so, dass eine wachsende Anzahl von prekarisierten Menschen den der Prekarisierung angemessenen Pop benötigt, sondern Pop seinerseits ist ein Motor der Prekarisierung." Seeßlens Darlegungen wenig abgewinnen kann indessen Kristof Schreuf, der darauf hinweist, dass zahlreiche Popkritiker ganze Karrieren auf dem selbstverkündeten Ende von Pop aufbauten und darüber dennoch alt geworden sind: "Das Ende war also nie das Ende, und jede irgendwann mal erfundene Musikrichtung feiert irgendwo auf dem Globus genau jetzt fröhliche Urständ."

Dirk Peitz fragt sich auf ZeitOnline indessen, wann Musik-Streaming tot sein wird: Den Anlass bietet der heutige Börsengang von Spotify, den Peitz als Krisensymptom deutet - der Anbieter droht, Opfer seines durchschlagenden Erfolgs zu werden: Je mehr Menschen Musik auf Spotify hören, desto höher werden nämlich dank Abgabe pro Stream die Kosten, die durch Abos und Werbeeinnahmen längst nicht gedeckt sind: "Während sich der Jahresumsatz des Unternehmens aus Stockholm in den vergangenen beiden Jahren jeweils um annähernd 50 Prozent erhöht hat auf zuletzt 4 Milliarden Euro im Jahr 2017, hat sich der Verlust von 539 Millionen (2016) auf 1,2 Milliarden Euro (2017) mehr als verdoppelt. Das liegt vor allem an sprunghaft gestiegenen Finanzierungskosten von 974 Millionen Euro. Das Unternehmen braucht dringend frisches Geld, das wenig kostet."


Nachtclub Les Bains Douches, Paris, 1990er Jahre. Gestaltung: Philippe Starck. © Foc Kan

NZZ
-Kritiker Ueli Bernays erlebt in der Schau "Night Fever"  im Vitra Design Museum in Weil, wie in der Clubkultur Hierarchien abgebaut wurden: "Im Zeichen der neuen Tanzeuphorie wird in Klubs das (vorläufige) Ende des musikalischen Frontalunterrichts eingeläutet. Die Hierarchie von Künstler und Publikum fällt. Der Dancefloor rückt in den Mittelpunkt... Andrerseits kann im Underground der Klubkultur auch ein Rassemblement von Minderheiten stattfinden: Disco und vor allem House werden in Gay-Klubs ('Paradise Garage', 'Warehouse') geprägt und gefeiert. Das erklärt, weshalb die sogenannte Raving Society von ihren Wortführern gerne als Modell für Demokratie und Brüderlichkeit verklärt wird."

Weitere Artikel: Im Standard erinnert sich Karl Fluch an das österreichische Duo Heller und Qualtinger, das Ende der 70er vorführte, "dass das Gift und die Galle des Punk in Wien Lebensgefühl waren - als Sodbrand eines tristen Alltags." Andrian Kreye porträtiert in der SZ Shabaka Hutchings' Jazzprojekt Sons of Kemet. Ljubisa Tosic unterhält sich für den Standard mit dem Dirigenten Paavo Järvi. Frederik Hanssen schreibt im Tagesspiegel über den Klavierwettbewerb in Leeds, dessen erste Runde in diesem Jahr in New York, Singapur und Berlin stattfindet. In der Frankfurter Pop-Anthologie denkt Kai Sina über Elvis Perkins' "Heard Your Voice in Dresden" nach.

Besprochen werden ein Claude Debussys "Martyre de Saint Sébastien" mit Daniel Barenboim und der Staatskapelle samt Staatsopernchor (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), Alexander Melnikovs Aufnahme von Klavierstücken auf Instrumenten aus dem 19. Jahrhundert (Zeit), neue Klavier-Alben, darunter eine Rachmaninov-Aufnahme von Nikolai Lugansky (SZ) sowie Metallica-Konzert in Wien (Standard) und ein Möbelkammer-Auftritt in der Berliner Volksbühne (taz).
Archiv: Musik