9punkt - Die Debattenrundschau

Das Christliche ist für das Konservative geradezu konstitutiv

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.03.2018. In der SZ erklärt Samuel Salzborn, warum Rechtsextreme Muslime hassen und den Islam lieben. Außerdem blickt die SZ mit Wehmut auf jene Zeiten zurück, als Autos noch "Capri" und "Ascona" hießen. Jörg Metes resümiert bei den Ruhrbaronen die Reaktionen von Lamya Kaddor und ihrer Unterstützer auf den Vorwurf, sie habe ein Zitat von Necla Kelek systematisch verfälscht. Spiegel Daily macht Reformvorschläge für die Öffentlich-Rechtlichen. Und die FAZ sieht die SRG vor der "No Billag"-Abstimmung kritisch.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Im SZ-Interview mit Alex Rühle erklärt der Berliner Antisemitismusforscher Samuel Salzborn, warum Verschwörungstheorien meist Judenhass enthalten, inwieweit sich rechtsextremer und islamischer Antisemitismus berühren und weshalb die rechtsextreme Szene Muslime ablehnt, zugleich aber angezogen ist von Islamismus: "Da gibt es eine starke Ambivalenz, einerseits eine rassistisch begründete Abwehr, die mit der Zuwanderung nach Europa zu tun hat, die aus Sicht der extremen Rechten abzuwehren ist, und gleichzeitig eine große Faszination für die Rigiditätsvorstellungen im Islam. Die antisemitische Orientierung prägt das Weltbild, der Rassismus wendet sich dann gegen die Zuwanderung. Man könnte auch sagen, für die Rechten ist der Islam in Europa ein Problem, außerhalb Europas aber erhält er viel Zustimmung. Das bringt die Neue Rechte dann mit ihrem verharmlosenden Etikett des Ethnopluralismus auf den Punkt."

Ein wenig wehmütig blickt Gerhard Matzig in der SZ auf das veränderte Verhältnis der Deutschen zum Auto: Einst "heiliges Sakrament" und Lustobjekt, werde es heute mit Umweltverschmutzung und Terroranschlägen assoziert und ziehe den Hass auf sich: "Es ist ein Jammer, was aus dem Sehnsuchtsort Auto, dieser großen Utopie der Moderne, wurde. Das Auto war neben der Industrialisierung und der Elektrifizierung jenes Versprechen, das vor allem dem Individuum galt. Das Auto war das Sinnbild für die persönliche Utopie der Freiheit. In Deutschland, kaum hatte sich der Brenner mit dem VW-Käfer als bezwingbar erwiesen, sprach das Fernweh aus Modellnamen wie 'Ascona' oder 'Capri'. Die Hoffnung auf ein anderes Ich sprach anderswo aus dem 'Mustang', der das triste Leben im amerikanischen Vorort wieder zum wilden Westen machen sollte."

Europa

Das Blog aktuality.sk, für das der ermordete Journalist Jan Kuciak arbeitete, wird vom Springer Verlag und Ringier betrieben. Springer-Vorstand Mathias Döpfner kommentiert den Mord in der Welt und schreibt, dass sich Kuciak der Gefahr bewusst gewesen sei: "Es gehört zu den wenigen tröstlichen Aspekten dieser Tragödie, dass am Ende ausgerechnet die Digitalisierung dabei hilft, die Pläne der Mörder zu durchkreuzen. Ján Kuciak hatte die (Zwischen-)Ergebnisse seiner Recherchen digital und dezentral so abgelegt, dass im Fall seines Todes Vertrauensleute darauf zugreifen können. Und genau das geschieht nun."

Ideen

Über Jahre hat die Religionslehrerin Lamya Kaddor, die als Gründerin des Liberal-Islamischen Bundes und Autorin zu einiger Prominenz gelangte, ihre religionskritische Diskursgegnerin Necla Kelek mit einem falschen Zitat verleumdet. Aufgedeckt hat es Jörg Metes bei den Ruhrbaronen, ergänzt wurde die Recherche von Thierry Chervel im Perlentaucher (unsere Resümees). Weder Kaddor noch ihre Unterstützer - etwa Jakob Augstein oder Volker Beck - haben sich entschuldigt oder sind von ihrer Position abgerückt. Metes resümiert ihre Reaktionen bei den Ruhrbaronen. Kaddor sah sich sogar selbst als die Verfolgte: "Dafür, dass sie Opfer einer Kampagne sein soll, erhält sie bemerkenswert wenig Beistand. Jenseits von Facebook und Twitter erhält sie überhaupt keinen. Den einzigen förmlichen Text, der zu ihrer Verteidigung erscheint, muss Kaddor sich am Ende selber schreiben. 'Sie fragen sich', beginnt dieser Text, 'warum ein Zitat nach sieben Jahren plötzlich wieder zum Thema wird?' - Kaddor ist der größte Troll von allen; das letzte Mal, dass sie selbst das Zitat zum Thema gemacht hat, ist gerade zwei Monate her."

Der CSU-Politiker Alexander Dobrindt bleibt in der Welt bei seinem Projekt einer "konservativen Revolution": "Das politisch umzusetzen verstehe ich als Aufgabe von CSU und CDU. Die schon in gebückter Haltung, halb entschuldigend geführte vermeintliche Richtungsdebatte zwischen konservativ und christlich führt dabei in die Irre. Das Konservative und das Christliche sind keine Gegensätze, sondern bilden eine unauflösbare Einheit, denn das Christliche ist für das Konservative geradezu konstitutiv."
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Internet

Im Zeit-Gespräch mit Elisabeth Kagermeier erklärt der Sicherheitsexperte und Informatiker Hannes Federath die Hintergründe zum Hackerangriff auf das Regierungsnetzwerk - "Hundertprozentige Sicherheit gibt es im Netz nicht" -  und denkt über die Notwendigkeit völkerrechtlicher Regelungen, um vor Krieg zu schützen, nach: "Die Drohnenangriffe der Amerikaner in Pakistan und im arabischen Raum haben das Bewusstsein dafür geschärft, dass sich Täter und Opfer nicht mehr physikalisch gegenüberstehen müssen. Ebenso ist es bei Cyberangriffen. Die Täter - egal ob Soldaten oder Geheimdienstler - sind quasi Teil eines Geschehens, das sich wie ein Computerspiel anfühlt. Da ist es durchaus naheliegend, solche zwischenstaatlichen Cyberangriffe völkerrechtlich ähnlich zu ächten wie etwa Angriffe mit Landminen. Die werden ausgelegt, ohne dass die Verantwortlichen kontrollieren, wer dadurch später zu Schaden kommt."

Außerdem: Angesichts der einsilbigen Kommunikation der Regierung haben Kai Biermann und Katharina Schuler in der Zeit Zweifel, ob der Hackerangriff schon unter Kontrolle gebracht wurde. Dirk Baecker betrachtet das Thema Künstliche Intelligenz in der NZZ aus systemtheoretischer Sicht und mit Verweis auf Niklas Luhmann, bei dem ja im Grunde schon alles gesagt sei.

Geschichte

Der Filmemacher Michal Jaskulski spricht im Interview mit Paul Toetzke vom Freitag über seinen Film "Bogdans Reise", der ein Massaker von Polen an Juden mit siebzig Toten im Jahr 1946 thematisiert (in diesen Tagen ist er im Babylon Berlin zu sehen). Zu dem neuen polnischen Geschichtsgesetz, in dem Aussagen über den Holocaust reguliert werden sollen, sagt Jaskulski: "Ich befürchte, die aktuelle Situation versetzt uns 15 bis 20 Jahre zurück. Aber sie berührt natürlich auch die Debatte innerhalb Polens. So wie das Gesetz formuliert ist, entscheidet nun ein Richter, was wahr und was nicht wahr ist. Bisher haben das Wissenschaftler getan. Also, was ist jetzt die ultimative Wahrheit: Die Wahrheit, die die meisten Polen nicht kennen oder die Wahrheit, die von der Politik diktiert wird?"

Politik

Wir müssen die Industrien in Entwicklungsländern "sanft" auf den neuen Stand der Technologie bringen, faire Preise für Exporte einführen und die Menschen für einen Beruf vor Ort ausbilden, um Korruption, soziale Unruhen und Bürgerkriege zu verhindern, fordern der Philosoph Georg Kohler, der Politikwissenschaftler Wolf Linder und die Soziologin Verena Tobler Linder in der NZZ. Aktuell sei vor allem die Sozialstruktur desaströs: "Keine Aus- und Weiterbildung am Arbeitsplatz, keine Gewerkschaften, keine Mittelschicht, keine Klassenbildung, dafür religiöse und ethnische Auseinandersetzungen, mafiöse Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt. Und es gibt keine Mehrheit von Erwerbstätigen, welche die Risiken von Arbeitslosigkeit, Kranken und Alten mildern könnte durch eine von allen finanzierte Sozialversicherung. Kurz: Es fehlt alles, was bei uns einst Entwicklung möglich gemacht hat."

Medien

Die Verteidigung der Öffentlich-Rechtlichen gegen die Angriffe der Rechtspopulisten läuft meist auf die Feier des bloßen Status quo hinaus. Gideon Böss will das bei Spiegel daily nicht einsehen und macht den Vorschlag, dass die Gebühr auf freiwillige Zahlung umzustellen sei: "Die Befürworter des bisherigen Systems warnen davor, dass ein Ende des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einen enormen Schaden für die demokratische Debattenkultur haben würde. Warum sollte das so sein? Viel mehr spricht aus dieser Befürchtung ein Mangel an Vertrauen in die Öffentlichkeit und in die privatwirtschaftlichen Medienhäuser- und anstalten."

Die Abstimmung zu "No Billag" an diesem Sonntag ist Folge eines Referendums vor drei Jahren, als mit denkbar knapper Mehrheit die Umstellung auf "Zwangsgebühren" für die SRG beschlossen wurde, bringt Jürg Altwegg in der FAZ in Erinnerung. Aus ihrem knappen Sieg damals habe die SRG aber keine Konsequenzen gezogen, sondern immer weiter ihrer Tendenz zur Expansion nachgegeben, und sie hat die "Admeira" gegründet, "zusammen mit der halbstaatlichen Swisscom und dem Verlag Ringier. Admeira verarbeitet die Daten der User, Zuschauer, Leser für ihre Vermarktung in der zielgerichteten Werbung. Die Vermischung von privaten und staatlichen Interessen und die Wettbewerbsverzerrung sind ein Sündenfall, wie ihn die Schweiz kaum je erlebt hat."