9punkt - Die Debattenrundschau

Unberührtheit ist in geistigen Dingen keine Tugend

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.11.2017. Die FAZ stellt die irische Frage. In der FR sucht der Karl-Marx-Biograf Jürgen Neffe nach einem Plan B. Die SZ verteidigt Glyphosat. Die taz begrüßt Silke Maier-Witts Bitte um Verzeihung bei den Schleyer-Angehörigen.  In der NZZ macht der Ökonom Paul Collier die technokratischen Eliten der Mitte-Links-Parteien für das Abdriften der Bevölkerungen in der Provinz verantwortlich.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.11.2017 finden Sie hier

Europa

Kathrin Zinkant verteidigt im Leitartikel der SZ die viel kritisierte Neuzulassung von Glyphosat, die Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) mit seinem Abstimmungsverhalten in der EU durchgesetzt hat. Glyphosat, erklärt sie, ist das am gründlichsten untersuchte Pestizid der Welt: Es wurde nie ein Beweis für eine real erhöhte Krebsgefahr gefunden. Doch gebe es zahllose weit giftigere Pestizide, die nach einem Verbot von Glyphosat auf unseren Äckern gelandet wären: "Und dann? Insgesamt wäre alles beim Alten geblieben. Bloß noch giftiger. ... Die Neuzulassung von Glyphosat ist absurderweise der erste Schritt Richtung Agrarwende. Biodiversitätsforscher, Toxikologen und Experten für nachhaltige Landwirtschaft sagen das schon lange: Glyphosat spiele für den Ackerbau eine Rolle, die man nicht ignorieren dürfe - aber zielgerichtet reduzieren müsse; nach und nach, damit praktikable Alternativen entwickelt werden können." (Ähnlich sieht es die Zeit, die ein kleines Dossier zum Thema zusammengestellt hat.)

In vielen Punkten sind die Briten "mit der Faust in der Tasche" der EU nähergekommen, schreibt Jochen Buchsteiner in der FAZ. Angeblich sind sie jetzt sogar zu höheren Zahlungen bereit (mehr dazu ganz aktuell im Guardian, hier). Bleibt noch das irische Problem, das Buchsteiner in einfachen Worten formuliert: "Wie soll die neue Au­ßen­gren­ze der EU ge­schützt wer­den, wenn nicht durch - ei­ne Gren­ze?" Das Dumme ist nur, dass die Iren das nicht wollen, die darum eine Forderung stellen, die harte Brexiteers erschauern läst: "Dub­lin ver­langt ei­ne schrift­li­che Ga­ran­tie, dass kei­ne har­te Gren­ze auf der irischen In­sel ent­steht, und sieht da­für nur ei­nen Weg: Britan­ni­en - oder we­nigs­tens Nord­ir­land - bleibt Mit­glied der Zoll­uni­on, wenn nicht des Bin­nen­mark­tes."

Endlich spricht mal ein Kenner! Roland Czada, Professor für Staat und Innenpolitik in Osnabrück, legt in der FAZ dar, dass das Grundgesetz, das die chaotischen Zeiten der Weimarer Republik bestens in Erinnerung hat, alle Instrumente für eine Minderheitsregierung bereitstellt - keines davon ist bisher genutzt worden: "die Reservefunktion des Bundespräsidenten, Vorgaben zur Verabschiedung eines Nothaushalts, zum Gesetzgebungsnotstand und, ganz aus den Erfahrungen der Weimarer Republik geboren, zur Möglichkeit der Gesetzgebung und des Regierens in Verbindung mit dem Bundesrat."
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Internet

In der NZZ stellt Felix Simon einen interessanten neuen Filterregler für die eigenen sozialen Medien vor: Gobo, ein Tool des MIT Media Lab. Und so funktionierts: "Der Nutzer verlinkt seinen Facebook- oder Twitter-Account mit der Anwendung, Gobo analysiert dann die Posts der Seiten, denen wir folgen, und macht Gegenvorschläge. Mithilfe verschiedener Schieberegler kann der Nutzer die Filter verändern und lernt so, zu verstehen, wie der eigene Newsfeed zustande kommt - und was ihm unter Umständen entgeht. ... Auf spielerische Art gibt Gobo so nicht nur ein Stück Kontrolle zurück, sondern macht gleichzeitig bewusst, welch gravierende Auswirkungen kleinste Änderungen an einem Algorithmus haben können - ein Klick, und alle Posts von Männern verschwinden, ein wenig am 'Seriousness'-Regler gedreht, und schon erscheinen nur noch Katzenvideos anstatt Artikel über Brexit, Trump und Co." Wer es also ernst meint mit den Klagen über seine "Filterblase", findet jetzt ganz leicht wieder hinaus.
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Überwachung

Markus Reuter verteidigt in Netzpolitik die Aktion des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) vor dem Haus des Rechtsradikalen Björn Höcke. Und ihm gefällt besonders die Inszenierung der Überwachung Höckes bei der Aktion: "Die Aktionskünstler verbinden ihre Überwachung mit einer Kritik am Verfassungsschutz und dessen Rolle bei Aufbau und Existenz der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund. Unter diesen Vorzeichen drückt die behauptete Überwachung des Zentrums künstlerisch Kritik am Versagen staatlicher Institutionen bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus aus."
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Gesellschaft

Die Bild-Zeitung hat ein Treffen zwischen der Ex-RAF-Terroristin Silke Maier-Witt und Jörg Schleyer, dem Sohn Hanns-Martin Schleyers, arrangiert, bei dem Maier-Witt um Entschuldigung bat. Jan Feddersen schreibt in der taz: "Silke Maier-Witt ist die erste aus dem verwesenden RAF-Milieu, die sich ernsthaft an so etwas wie Aussöhnung, Erklärung, Reue und die Bitte um 'Verzeihung' heranwagt - einer wie Peter-Jürgen Boock, auch Teil der RAF während der Schleyer-Entführung und -ermordung, hat zwar öfter Auskunft gegeben zur damaligen Zeit, aber stets in Worten, die kaum als anteilnehmend am Leid ihres Opfers und seiner Angehörigen empfunden werden konnten."

Die SZ bringt eine Seite 3 zum Thema. Und Joachim Käppner kommentiert: "Für andere RAF-Täter bietet das Gespräch, das Maier-Witt und Schleyer nun führten, eine späte Gelegenheit dazu, das Falsche zu erkennen." Ebenfalls in der SZ warnt Gerhard Matzig: Wenn wir unsere Städte immer weiter verdichten, müssen wir sie an anderer Stelle weiten. Sonst werden wir in der Enge verrückt. Jetzt online ist auch der Welt-Kommentar Stefan Austs, der darauf aufmerksam macht, dass nicht nur die Terroristen schweigen, sondern das auch der Staat noch Dokumente unter Verschluss hält.
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Ideen

Marx-Biograf Jürgen Neffe erklärt im Interview mit der FR, warum die Lektüre des "Kapitals" immer noch lohnt: "Bei Marx und Engels kommt man zusammengenommen auf 3000 Untergangsprognosen. Fast schon manisch. Zudem widerspricht es seiner eigenen Lehre. Er hat mehr als jeder andere stets davor gewarnt, dass die Zeit nicht reif sei für eine Revolution. Man kann bei ihm das Händereiben förmlich spüren, wenn er denkt, dass bald alles zusammenbrechen wird. Wir wissen, der Kapitalismus ist nicht zusammengebrochen ist, sondern hat sich immer wieder erholt. Aber seit der Finanzkrise 2007/8 sind auch die Fachleute nicht mehr so sicher, ob das System nicht ein Ende haben kann. Was mich am meisten beunruhigt: Wenn es kollabiert, sollten wir dann nicht einen Plan B besitzen? Davon ist weit und breit nichts zu sehen."

In der NZZ wendet sich Jakob Hayner gegen - wie er findet - pervertierten Forderungen nach Schutzräumen für Menschen, die sich selbst unanfechtbar als Opfer einstufen. "Sowohl das Subjekt der Rede als auch die Rede selbst sollen aller Ambivalenzen entledigt sein. Doch die 'Wurzel der Humanität' ist das Unreine, der Kompromiss. Ohne Berührung mit dem, was man zu verändern gedenkt, wird es keine Veränderung geben. Unberührtheit ist in geistigen Dingen keine Tugend. Der Wunsch nach der reinen Unschuld bringt auch die obsessive Suche nach der unreinen Schuld hervor."

Der Ökonom Paul Collier macht in der NZZ technokratische Eliten, die die Mitte-Links-Parteien in Europa übernahmen, für das Abdriften der der Bevölkerungen in den Provinz-Communities verantwortlich. Europa ist mit schuld: "Durch europäische Hilfsprogramme werden beispielsweise derzeit für jeden Euro, der in die Unterstützung von Menschen fließt, die in ihrer Region bleiben, 135 Euro für die winzige Minderheit der Menschen ausgegeben, die nach Europa kommen. Wir haben so viele Ärzte aus Afrika 'gerettet', dass es inzwischen mehr sudanesische Ärzte in London gibt als im ganzen Sudan." Den Artikel hat die NZZ übrigens dem Online-Journal der Friedrich-Ebert-Stiftung International Politics and Society entnommen. Hier das Original.
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