9punkt - Die Debattenrundschau

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Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.10.2017. Der Guardian kommt in zwei Artikeln auf die russische Propanda pro Trump in den amerikanischen Wahlen zurück. Die Auflösung der Grenzen zwischen Werbung und Inhalt war dabei ein Hauptproblem, meint Emily Bell.  Der Tagesspiegel trifft auf den krassen Wahn der "Reichsbürger". Im Standard empfiehlt der Kulturhistoriker Wolfgang Müller-Funk, Joseph Roth zu lesen um die Oktoberrevolution zu verstehen. Zeit online bringt ein flammendes Plädoyer für mehr öffentlich-rechtliches Fernsehen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2017 finden Sie hier

Europa

María Victoria Morera Villuendas ist die spanische Botschafterin in Deutschland. Die taz hat sie zum Gastkommentar über die Katalonien-Krise eingeladen. Ihr Hauptargument: "Es sei daran erinnert, dass nach den Regeln der Vereinten Nationen und der internationalen Rechtsprechung die Normen zum Selbstbestimmungsrecht der Völker nur dann ein Recht auf Unabhängigkeit vorsehen, wenn es sich um Kolonialgebiete oder um Völker handelt, die einer Unterjochung, Herrschaft und Ausbeutung von außen unterworfen sind. Das trifft nicht zu auf Katalonien, wo seit 1978 insgesamt 35-mal gewählt wurde."

Der spanische Premierminister Mariano Rajoy hat mit seiner Entscheidung, Neuwahlen in Katalonien schon am 21. Dezember anzusetzen, alle Seiten auf dem falschen Fuß erwischt, konstatiert Diego Torres bei politico.eu, denn die Independentisten müssen jetzt entscheiden, ob sie entweder Jahre unter Direktregierung aus Madrid leben wollen oder den frühen Wahltermin akzeptieren. Die Lage bleibt explosiv, schon heute steht ein erster Test an, so Torres: "Carles Puigdemont und seine Kabinettskollegen müssen entscheiden, ob sie versuchen, heute in ihren alten Büros zu arbeiten. Was wird passieren, wenn die Regionalpolizei den Befehl erhalten hat, den Eingang zu blockieren oder die Gebäude zu räumen, falls die Politiker schon drin sind?"

Paul Ingendaay hält in der FAZ zu dem Konflikt fest: "Die Welt sollte aufhören, den katalanischen Konflikt im Licht der Franco-Zeit zu sehen, denn diese ideologische Konstruktion der Separatisten ist eine Beleidigung einer seit vierzig Jahren etablierten Demokratie."

Mit Bewunderung beschreibt Wolf Lepenies in der Welt die politischen Strategien Emmanuel Macrons: Für Europa sucht er fast poetisch eine neue "große Erzählung", zu Hause wirbt er ganz nüchtern für sein Reformprogramm. Bis jetzt erfolgreich, was auch an seinem Mitstreiter, dem Premier und ehemaligen Bürgermeister von Le Havre Edouard Philippe liege: "Nachdem sich der Front National durch interne Flügelkämpfe selbst gelähmt hatte, blieb als Oppositionsführer nur der Volkstribun Jean-Luc Mélenchon übrig. Dass er es bis heute nicht verstanden hat, zusammen mit den Gewerkschaften die Franzosen in Massen zum Protest gegen die Reform Macrons auf die Straße zu bringen, ist dem klugen Auftreten Philippes zu verdanken. Auch wenn es zu früh ist, bereits ein Fazit zu ziehen: Vielleicht wird bei diesem Reformwerk, anders als in den letzten Jahrzehnten, 'die Straße' und nicht die Regierung weichen."

Gesellschaft

Sebastian Leber hat sich für den Tagesspiegel mit zwei "Reichsbürgern" getroffen - einem Rentner und einer "Generalbevollmächtigten der geeinten deutschen Völker und Stämme". Leber ist zwischen Grusel und Faszination hin- und hergerissen. "Angela Merkel halten sie für eine Jüdin. Helmut Kohl, Christoph Kolumbus, Recep Erdogan? Alles Juden. Das 1871 gegründete Deutsche Reich sei ein Staat 'von Juden für Juden' gewesen, die Flagge eine 'Judenflagge'. Juden seien eine eigene Rasse mit eigenem Körperbau, Adolf Hitler sei der Enkel des jüdischen Bankiers Nathan Mayer Rothschild gewesen... Je länger man Vertretern der geeinten Völker und Stämme zuhört, desto stärker wird der Eindruck, dass die Menschen, die da vor einem sitzen, nicht bloß unter einem imaginierten Weltbild, sondern auch unter sehr ernsten persönlichen Problemen leiden." Trotdem müsse man über sie berichten, meint Leber, laut Verfassungsschutz beträgt die Zahl der "Reichsbürger" inzwischen 15.000.

Internet

Was bei den prorussischen Kampagnen auf Twitter und Facebook am meisten auffällt, schreibt die Internetkritikerin Emily Bell im Guardian, ist, dass sie darauf basieren, die traditionelle klare Trennung von Werbung und redaktionellem Inhalt aufzuheben: "Die sozialen Medien haben ein Geschäft - und ein Vermögen - daraus gemacht, traditionelle Grenzen zwischen verschiedenen Arten von Inhalt auszulöschen. Wo wir einst Propaganda, Pressemitteilungen, Journalismus und Werbung hatten, haben wir nun 'Content'. Wo einst mit Anzeigen und Rabatten geworben wurde, haben wir nun 'Monetarisierung'. Wo wir einst Medienleute, Werbeagenturen und Kunden hatten, haben wir nun 'Partner'. Wo sollte etwas gegegen Partner haben, die ihren Content monetarisieren? Es klingt so nützlich und effizient." Am Mittwoch so Bell, müssen Repräsentanten von Twitter und Facebook vor einem Kongressausschuss über ihre Kooperation mit russischen Hackern aussagen.

"This is not just about America. It's about Britain, too", schreibt Carole Cadwalladr in einem zweiten Guardian-Artikel zum Themenkomplex. Denn die Agentur Cambridge Analytica, die sowohl der Brexit-Kampagne als auch Donald Trump zuarbeitete, ist britisch und wird von einem Etonian geleitet, und die Organisation WikiLeaks, mit der sich Cambridge Analaytica bei der Veröffentlichung von Clinton-Emails zusammen tat, ist auch britisch - die Zentrale liegt in der Botschaft von Ecuador, "nur ein paar Meilen Luftlinie von Cambridge".

Constanze Kurz hält dagegen in ihrer FAZ-Kolumne mit Blick auf mögliche Manipulationen von Wahlcomputern in den USA fest: "Neben dem Bohei um manipulierte Werbung auf Facebook und Twitter gibt es auch handfeste Vorwürfe zu technischer Wahlmanipulation."
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Geschichte

Der Kulturhistoriker Wolfgang Müller-Funk denkt im Standard über die Oktoberrevolution und Trotzki im Exil nach und empfiehlt, Joseph Roth zu lesen, der 1926 in die Sowjetunion gereist war und ernüchtert zurückkam. Roths "geistiges Exil wurde die retrospektive Utopie eines multiethnischen Kaiserstaates, den es so nie gegeben hat. Die Oktoberrevolution von 1917, historischer Widerhall von 1789, war der Archetyp sozialistischer Umwandlungen, die vornehmlich an der kapitalistischen Peripherie stattgefunden haben. Dass diese allesamt so schmählich endeten, hat auch damit zu tun, dass sich nachhaltiger gesellschaftlicher und kultureller Wandel nicht durch dramatische Gesten und Aktionen vollzieht. ... Dass wir nicht mehr an die Revolutionen glauben, die wie in einem magischen Akt alles plötzlich verändern, gehört zu jenen Enttäuschungen, die uns nicht lähmen brauchen, sondern auch ermuntern können."

Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg sitzen im deutschen Bundestag Vertreter einer rechten Partei. Zugleich ergab kürzlich eine Forsa-Umfrage, dass nur noch jeder vierte Deutsche etwas mit dem Begriff Auschwitz verbindet. Im Tagesspiegel warnt der Schriftsteller und Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees Christoph Heubner davor, den Rechten das Reden über Auschwitz zu überlassen: "Was verliert unsere Gesellschaft, wenn das Wissen um Auschwitz aus dem Blick gerät und nur noch als brüllende Metapher und Drohung in der Ideologie der extremen Rechten auftaucht? Die Antwort scheint eine Binsenweisheit: So lange sich vielerorts Gedankenlose, Rechtspopulisten und Rechtsextreme das Wort Auschwitz höhnisch und gewaltbereit auf der Zunge zergehen lassen; so lange hat jeder Bildungspolitiker und Geschichtsdidaktiker die Pflicht, darüber nachzudenken, wie, wann und wo das Wissen um die Ursachen und die Geschehnisse von Auschwitz ergänzt werden sollte."

Medien

Klaus Raab bringt bei Zeit online ein flammendes, wenn auch nicht unkritisches Plädoyer für die öffentlich-rechtlichen Sender. Die wirtschaftlichen Probleme der anderen werden für ihn dabei sogar zum Argument, die öffentlich-rechtlichen Sender noch mehr zu fördern: "Wenn es den Privaten wirklich so schlecht ginge, müsste man die Öffentlich-Rechtlichen doch gerade stärken, damit wenigstens sie ordentlich weiter arbeiten können."

Ideen

Allen, die heute mit Einstecktuch und gepflegtem Deutsch den "Konservatismus" predigen und die wie etwa Alexander Gauland behaupten, die CDU habe ihr Erbe verraten und sei nach links gerückt, bringt Welt-Autor Thomas Schmid in einem kleinen Essay in Erinnerung: "Die CDU hat nie wie ein konservativer Fels in der Brandung der Zeitläufte gestanden. Oft hat sie gebremst, etwa in der Familienpolitik, im Sexualstrafrecht, in der Medien- oder Justizpolitik. Sie hat aber immer nur das Tempo verlangsamt und sich am Ende geschmeidig den gesellschaftlichen Kräften angepasst, die stärker waren als sie. Gern gab sie sich als Erfinderin des Neuen aus."