9punkt - Die Debattenrundschau

Ein weitgehend nicht vorhandener Common Sense

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.11.2017. Sex, Macht, Gewalt - ein Abgrund! In der taz will Jan Feddersen die Aufregung um Kevin Spacey nicht nachvollziehen. Auch über Tariq Ramadan wird weiter debattiert: Dass er sich nach Vorträgen Frauen in Hotelzimmer bringen ließ, war laut Nouvel Obs offenbar längst bekannt. Wer Toleranz für das Kopftuch fordert, muss muss auch akzeptieren, dass Katholiken gegen die Homo-Ehe sind, fordert der katholische Autor Giuseppe Gracia in der NZZ. Aber das geht nicht, findet Harry Nutt in der FR, denn gegen das Kopftuch sein ist rechts.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2017 finden Sie hier

Gesellschaft

Die französische Debatte um den Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan spitzt sich weiter zu. Caroline Fourest, die mehrfach über Ramadan recherchiert hat und in Fernsehdiskussionen mit ihm stritt, schrieb schon am Samstag in ihrem Blog, dass sie bereits seit 2009 über die Vorwürfe informiert war, aber nicht an die Öffentlichkeit gehen konnte, weil die von Ramadan angeblich vergewaltigten Frauen nicht geklagt hatten. Nun haben sie geklagt und dabei teilweise sehr drastische Details offenbart. Dass Ramadan, der eine Art Popstar der Spiritualität war, aber ihn verehrende Frauen in Hotelzimmern empfing, war seltsamerweise schon längst bekannt, wie "Monsieur Islam" Bernard Godard, ein bekannter französischer Islam-Experte, im Nouvel Obs einräumt: "Dass er viele Mätressen hatte, dass er Dating-Sites benutzte, dass ihm Frauen nach Vorträgen in sein Hotelzimmer geführt wurden, dass er sie aufforderte, sich auszuziehen, dass einige sich widersetzten und er gewalttätig werden konnte, das ja. Aber ich hatte nie von Vergewaltigungen gehört. Ich bin bestürzt."

Die Aufregung im Fall Kevin Spacey ist so groß, dass jetzt sogar die Dreharbeiten zu weiteren Folgen "House of  Cards" vorerst abgebrochen wurden. Jan Feddersen kann das in der taz nicht ganz nachvollziehen: "Wenn jetzt ein erfolgreicher Schauspieler wie Anthony Rapp sagt, er sei als 14-Jähriger vom damals 26-jährigen betrunkenen Kevin Spacey auf dessen Bett gehoben worden, der Jugendliche sich aus der körperlich mächtigen Geste heraus wand, woraufhin Spacey ('House Of Cards') von ihm abließ, dann darf man fragen: Woraus speist sich die Empörung, woraus das öffentliche Staunen?"

Auf der einen Seite Toleranz für das Kopftuch fordern, aber auf der anderen Christen, die gegen die Homo-Ehe oder gegen Abtreibung sind, verteufeln? Das geht nicht zusammen. Und doch zahlen Katholiken, die "offen zum Lehramt der Kirche stehen", oft einen hohen Preis für ihre Ansichten, klagt in der NZZ Giuseppe Gracia: "Sie sinken im öffentlichen Ansehen bis hin zur Ausgrenzung. Diese Gefahr führt zur inneren Zensurschere, besonders bei heißen Eisen wie Familienpolitik, Sexualmoral oder Abtreibung. Das kommt jenen Gruppen entgegen, die Toleranz und Vielfalt predigen, jedoch lehramtstreue Katholiken nicht als Teil dieser Vielfalt zulassen, sondern sie mit Begriffen wie 'hate speech' oder 'Fundamentalismus' exkommunizieren."

Judith Butler hat ein ungutes Gefühl, meldet Harry Nutt in der Berliner Zeitung. Die Heftigkeit, mit der gegen Harvey Weinstein gefeuert wird, könnte nach hinten losgehen. Und so geschehe es ja auch: Schon würden Stimmen laut, die Emanzipation als etwas Universalistisches begreifen - wie Alice Schwarzer oder kürzlich Birgit Kelle - und etwa auch für nicht-weiße Frauen oder Frauen, die von nicht-weißen Männern belästigt werden, Schutz fordern. Dieser Universalismusgedanke scheint in Nutts Augen immer rechts zu sein: "Und so steht der Vorwurf im Raum, dass die Erfolgsgeschichte einer mit allen dekonstruktivistischen Wassern gewaschenen Antidiskriminierungspolitik zu wenig Rücksicht auf das genommen habe, was man 'gesunden Menschenverstand' nennt. Ein weitgehend nicht vorhandener Common Sense ist die offene Flanke, die dieser sozialen Bewegung von rechts zur Ausbreitung verholfen hat. Ganz ungeniert propagieren deren Wortführer eine neue kulturelle Hegemonie von rechts, die anstelle von Minderheitenschutz die eigene verletzliche Seele geschützt wissen will." Frauen der Unterdrückung zu überlassen, weil das nun mal Teil ihrer Religion sei, ist dagegen links, ja?

Weiteres: Ebenfalls in der taz kann es Klaus Hillenbrand  kaum fassen, das die Deutsche Bahn einen ICE-Zug nach Anne Frank benennen will. Auch bif. ist in der FAZ dabei nicht wohl, schließlich "besteht immer der Nexus von Reichsbahn und Deportation in den Tod". Er schlägt statt dessen den Namen "Fritz Bauer" vor.

Internet

Die New York Times hat einige Internetexperten gefragt, wie man Facebook verbessern könnte, um Fake News und Filterblasen zu vermeiden. Die Antworten klingen zum Teil etwas hilflos. Der Medienwissenschaftler Jonathan Albright schreibt: "Der wichtigste Schritt, den Facebook - und mit ihm Instagram, das sich ebensosehr gegen Desinformation, Hate Speech und Propaganda wehren muss - ergreifen kann, ist, den Fokus auf das emotionale Engagement der Nutzer abzuschwächen. Das ist ein harter Vorschlag, denn Milliarden Nutzer haben gelernt, so zu 'reagieren'. Wie wäre es mit einem 'Trust emoji'?"

Eine klarere Forderung hat Tim Wu, Autor einiger wichtiger Bücher über die Digitalisierung: "Facebook sollte ein gemeinnütziges Unternehmen werden. Solche Unternehmen sind verpflichtet, dem Nutzen des Publikums zu dienen, und ihre Führungspersonen müssen das öffentliche Interesse berücksichtigen, bevor sie Entscheidungen fällen. Zuckerberg sagte, dass es das Ziel von Facebook sei, 'Leute näher zusammenzubringen ud eine globale Cummunity zu schaffen'. Wertvolle Ziele, aber leichter gesagt als getan, wenn Facebook immer größere Profite bringen muss und die Plattform immer mehr auf die Bedürfnisse der Werbekunden ausrichtet."

Europa

Den immer noch kursierenden Franco-Vergleich findet Carlos Collado Seidel in Zeit online mit Blick auf die katalanische Krise völlig unangemessen: "Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung, allen voran ihre politische Führung, hat vielmehr sehenden Auges den Weg in die nun eingetretene Konfrontation beschritten. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass sie es angesichts der Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens darauf angelegt hat, sich erneut als 'Opfer' zu stilisieren."
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Ideen

Die Philosophin und Tierrechtlerin Friederike Schmitz erklärt im taz-Gespräch mit Jost Maurin jegliche Nutztierhaltung für illegetim und möchte eine Ernährung ganz ohne tierische Produkte. Der Weg dahin ist ganz einfach. Alle Nutztierarten müssten abgeschafft werden. Und "es braucht einen grundlegenden Kurswechsel und eine umfassende Agrarwende, die Wirtschaftsstrukturen und Machtverhältnisse ändert. Als Gesellschaft wären wir doch leicht in der Lage, eine ökologisch verträgliche Landwirtschaft ohne Gewalt und Ausbeutung zu organisieren - und auch die Früchte fair an alle zu verteilen. Im Moment sind Fleisch und Produkte aus industrieller Landwirtschaft ja auch nur scheinbar günstig. In Wahrheit zahlen wir alle den Preis - in Form von Klimawandel und Umweltschäden."