Efeu - Die Kulturrundschau

Man kleidet sich blau und man leuchtet

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21.06.2017. Der Büchner-Preis für Jan Wagner stößt auf einhellige Zustimmung bei den Kritikern, die den Lyriker als virtuos, lässig und jung feiern. Die taz erlebt auf dem Festival Africologne noch einmal, wie Fela Kuti seine Künstlerkommune in mitreißendes Chaos stürzte. Die Welt erkennt bei den in Bonn gezeigten frühen Gerhard-Richter-Bildern auf sinnlichen Zauber in Tateinheit mit intellektueller Kraft. Und auf Dezeen verrät der burkinische Architekt Francis Kéré, warum niemand mit seinem Sommerpavillon der Serpentine Gallery konkurrieren kann.

Architektur



Serpentine Pavilion 2017 von Francis Kéré. Foto: Iwan Baan

Der in Berlin lebende Architekt Francis Kéré aus Burkina Faso hat in diesem Jahr in London den Sommerpavillon der Serpentine Gallery gestaltet. Auf Dezeen hat Jessica Mairs einen Blick auf den Bau geworfen, der zugleich Versammlungsstätte, Baum und bei Regen auch ein Wasserfall ist. Und natürlich in Indigo, denn so zeigt man sich von seiner besten Seite, wie Mairs von Kéré erfahren hat: "'In meiner Kultur ist Blau eine wichitge Farbe. Denn wenn man als junger Mann zum ersten Mal den Traum seines Lebens trifft, dann trägt er seine besten Sachen', erklärt Kéré. 'Und das war früher der blaube Boubou - das traditionelle Gewand. Man kleidet sich blau und man leuchtet, wenn zum Haus seiner Angebeteten kommt. Und jeder weiß, mit dem Typen kann ich nicht konkurrieren, ich bin raus aus dem Spiel." Alexander Menden betont in der SZ, dass es überhaupt der erste Pavillon ist, der von einem Architekten afrikanischer Herkunft gebaut wurde.

In der NZZ feiert dagegen Paul Andreas den chinesichen Architekten und Pritzker-Preisträger Wang Shu, dessen fein proportionierte Bauten die chinesische Architekturtradition mit der Moderne verbinden, den konkreten Orten und dem lokalen Kontext (mehr hier).
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Stichwörter: Francis Kere, Burkina Faso

Literatur

Der Georg-Büchner-Preis geht in diesem Jahr an den Dichter Jan Wagner. "Nach Rainald Goetz und Marcel Beyer wird nun ein weiterer Repräsentant literarischer Geistesgegenwart gewürdigt", freut sich Lothar Müller in der SZ. Und schreibt weiter: "Dem Missverständnis, die Lyrik der Moderne könne nur im Unterminieren und Sprengen der überlieferten Formen voranschreiten, ist er nie aufgesessen. ... Er beherrscht die Kunst, ein Formschema lässig zu erfüllen." Wagner sei "ein Virtuose der Form, der sich selbst am Ton des Mittelalterlichen elegant erprobt und dem es gelingt, an Idole wie Dylan Thomas und Elizabeth Bishop sprachlich anzuknüpfen", würdigt Gerrit Bartels den Dichter im Tagesspiegel. Ebenfalls im Tagesspiegel verbeugt sich Gregor Dotzauer vor Wagner als Meister "epiphanischer Momente", dessen Kunst auch darin bestehe, dass sie "in ihrem Inneren Laute, Silben und Wortraritäten auf der stets mitschreibenden Zunge herumschiebt, bis sich aus Klängen Ideen ergeben und Gedanken Ideen zeugen. Eine möbiusartige Verschlingung des Intellektuellen und des Sinnlichen, die von bestechender Intuition und einem hoch entwickelten Handwerk zeugt."

"Der Autor interessiert sich für klassische Formen, seine Sestinen jedoch schweben unangestrengt", lobt Judith von Sternburg in der FR. Ausgezeichnet werde ein "kluger Magier" und überhaupt werde "der Büchner-Preis jünger", meint Herbert Wiesner in der Welt. Eberhard Geisler besprach in der taz vor wenigen Tagen Wagners jüngstes Buch "Der verschlossene Raum - Beiläufige Prosa", in dem sich Gelegenheitsarbeiten finden - laut Geisler "ein wunderbares Kompendium der Auseinandersetzung mit den Problemständen und faszinierenden Möglichkeiten der zeitgenössischen Dichtung." Deutschlandfunk Kultur bringt online die Radio-Postkarten, die Jan Wagner vor zwei Jahren erstellt hat. Mehr über Jan Wagner auf Lit21, unserem Meta-Wegweiser durch die literarische Blogosphäre.

Weiteres: Im Deutschlandfunk Kultur legt uns Tobias Wenzel auch den in Graz lebenden Autor Fiston Mwanza Mujila ans Herz, der für seinen Kongo-Roman "Tram 83" den Internationalen Literaturpreis des Haus der Kulturen der Welt erhält. Die NZZ bringt eine dystopische Erzählung von Christoph Höhtker.

Besprochen werden Liv Strömquists Vulva-Comic "Der Ursprung der Welt" (Tagesspiegel), Rachel Cusks "Outline" (NZZ), Jess Kidds Krimi "Der Freund der Toten" (FR), Don Winslows "Corruption" (Welt) und Guillaume Bouzards Lucky-Luke-Persiflage "Jolly Jumper antwortet nicht" (Tagesspiegel).
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Kunst


Gerhard Richter, Zwei Fiat, 1964, Öl auf Leinwand, Museum Frieder Burda, Baden-Baden.

Als schlichtweg grandios preist Hans Joachim Müller in der Welt die Gerhard-Richter-Schau im Kunstmuseum Bonn, die zurückkehrt zu den grauen Bildern der frühen Jahren. "Solche Tateinheit von sinnlicher Kraft und intellektueller Würde, von sensualistischem Zauber und nüchterner Gedankenarbeit, macht das Werk einzigartig und gibt ihm Bedeutung weit über die spektakulären Auktionsrekorde hinaus. Anders als so manche Erfolgsmaler seiner Generation hat Richter auch nie die autokratische Selbstinszenierung gebraucht. Sein Werk hat mit den Jahren enorm an Bildmacht gewonnen, aber aufgeladen hat es sich nicht."


Dominic Nahr: Somalia, Mogadischu, 2012. Copyright: Dominic Nahr

Daniele Muscionico wittert in der NZZ den Wahnsinn in den Bildern des Fotoreporters Dominic Nahr, der seit 2008 in den Kriegs- und Krisengebieten Afrikas unterwegs ist und dessen Arbeiten nun die Fotostiftung Schweiz in Winterthur zeigt: "Nahr ist ein Erschütterter und will unsere Immunität erschüttern. 'Die Realität meiner Umgebung ist so stark, dass ich mich ihr nicht entziehen kann.' Er ist dort, wo sich Geschichte ereignet. In der Fotostiftung, der ersten grossen Museumsausstellung in seiner Heimat, ist das der Südsudan, Somalia, Kongo und Mali. Das Heimkommen von Dominic Nahr ist ein leiser Donner."

Besprochen wird die Ausstellung "Österreich Fotografie" in der Wiener Albertina (Standard).
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Design

Der FC Bayern München gönnt sich ein neues, von Daniel Nyaris gestaltetes Logo. Die Unterschiede zum alten muss Gerhard Matzig freilich mit der Lupe suchen: "Erstens wurde die Anzahl der nun auch um exakt fünf Grad veränderten Rauten verringert", schreibt er in der SZ. "Zweitens wurde die Vereinsfarbe Rot sozusagen aufgewärmt - indem der magentaartige, kalte Mischanteil am Rot des breiten Innenrings um eine Nuance reduziert wurde, während das Blau des schmäleren Außenrings um einen Tick intensiviert erscheint. ... Drittens wurden die Proportionen der Buchstaben M (Abstriche zur Mitte hin: kürzer) und C (länger) verändert."

Außerdem: In der New York Times schreibt Elisabeth Paton den Nachruf auf die Modepionierin Carla Fendi.
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Musik

Am Wochenende findet in Berlin das Festival "Ein Traum von Weltmusik" statt. Die taz hat sich aus diesem Grund mit Jutta Koether unterhalten, die dort einen Vortrag halten wird. Ihr Interesse an Weltmusik begann in den Straßen Londons, wo sie Lieder der pakistanischen Community aufnahm. Später interessierte sie etwa "wie angloamerikanische Gitarrensounds in Afrika gelandet und wie sie dort verarbeitet worden sind. Wie stoßen bestimmte kulturelle Konzepte aufeinander und wie reiben sie sich aneinander?" Im Zeitalter der Digitalisierung gestalte sich die Aufdröselung solcher Prozesse allerdings zunehmend schwieriger, da sich "die Art und Weise ändert, wie Materialien getauscht und kommuniziert werden. Ich bezweifle, dass man eine lineare Geschichte von Weltmusik erzählen kann. Die Genealogien werden durcheinandergewürfelt, weil nicht mehr klar ist, wer nun welche Kultur remixt, wer etwas zusammenfügt und mit welchem Ziel - insofern ergäbe der Begriff 'Weltmusik 2.0' Sinn."

Weiteres: Jeremy Allen erinnert auf The Quietus an das vor 25 Jahren erschienene Album "Angel Dust" von Faith No More.

Besprochen werden das kollaborativ erstellte Album "Planetarium" von Sufjan Stevens, Bryce Dessner, Nico Muhly und James McAlister (taz), ein Konzert des Posaunisten Michael Buchanan (Tagesspiegel) und die von John Eliot Gardiner zum 450. Geburtstag von Claudio Monteverdi in Venedig dirigierten Monteverdi-Opern (SZ).
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Bühne


"Finding Fela" beim Africologne Festival.

Dorothea Marcus berichtet in der taz vom Festival Africologne, bei dem Theater immer auch Graswurzelbewegung ist. Der burkinische Choreograf Serge Aimé Coulibaly etwa setzte Tanztheater Kalakuta Republic Fela Kutis Künstler-Kommune ein Denkmal, dem die Welt den Afro-Beat zu verdanken hat: "Fela Kuti feierte da zwar auch manche Drogen-Party oder seine eigene Hochzeit mit 27 Frauen, aber als Aktivist und 'antikolonialistischer Panafrikaner' störte er empfindlich die Abläufe des Regimes. Mit seinen Texten hat er das politische Denken in ganz Westafrika geprägt. Auf der Bühne sieht man, wie die Freiräume zunehmend in Privatwahn und Missbrauch kippen und ihre utopische Kraft verlieren. 'Dekadenz kann Selbstzweck sein', wird als Motto eingeblendet, während Männer Machtfantasien ins Mikro brüllen, Stühle fliegen und sich die Einheit in selbstverliebtes, aber auch mitreißendes Chaos auflöst."

Weiteres: In der Welt stellt Sascha Ehlert die Theatermacher Vegard Vinge und Ida Müller vor, die mit Ibsen-Massakern in Berlin Furore machen. Im Tagesspiegel bilanziert Christina Kaindl-Hönig die Wiener Festwochen, die mit Peter Brooks melancholischem "Battlefield" zu Ende gingen. Als gut gemachte Neuverfilmung lässt Michael Stallknecht in der NZZ Brett Deans Versuch gelten, beim Glyndebourne Festival "Hamlet" als Oper auf die Bühne zu bringen. Ljubisa Tosic porträtiert im Standard den künstlerischen Leiter der Wiener Musiktheatertage Georg Steker. In der SZ verteidigt Moritz Rinke das dramatische Theater Theater gegen seine Leipziger Studenten.

Besprochen werden ein Projekt zu Schillers Dramen-Fragment "Demetrius" von Aljoscha Begrich und Tobias Rausch in Mannheim (nachtkritik) und Marco Arturo Marellis Inszenierung von Debussys "Pelléas et Mélisande" an der Wiener Staatsoper (FAZ).
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