9punkt - Die Debattenrundschau

Nur die Repräsentierten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.02.2017. Die taz referiert einen Terre-des-femmes-Bericht über Frauen in Deutschland, die Opfer von Genitalverstümmelung sind - etwa 48.000, und 9.000 Mädchen sind gefährdet. In der Wiener Zeitung besteht Isolde Charim darauf, dass eine plurale Gesellschaft  säkulare Räume braucht, ohne Kopftuch und ohne Kreuz. Laut SZ weiß Facebook, was Sie über Ihren Chef denken, auch wenn Sie es nicht schreiben. Und die NZZ liest in Bukarest ein Transparent, das auch Westeuropäer mal zur Kenntnis nehmen sollten: "Europa, wir stehen ein für deine Werte. Mit Liebe, Rumänien."

Religion

Isolde Charim hält in der Wiener Zeitung daran fest, dass wir, "um eine pluralisierte Gesellschaft lebbar zu machen, säkulare Räume brauchen. Säkulare Räume wie Gerichte, die sich gemäß säkularer Prinzipien organisieren. Säkulare Räume aber müssen sichtbar säkular sein. Interessanterweise gibt es keine Zeichen für Neutralität. Das aber heißt, sichtbare Neutralität besteht in der Abwesenheit von nicht-neutralen, von sakralen Zeichen. Kopftücher etwa. Aber um nichts weniger auch Kreuze. An den Körpern. Und im Raum. Die zutreffende Behauptung, Kopftücher wären bei Richterinnen nicht zulässig, verkehrt sich in ihr Gegenteil, wenn gleichzeitig Kreuze als 'gewachsene Kultur' 'selbstverständlich' nicht angerührt werden. Das ist nicht gewachsene Kultur, sondern gewachsene Vorherrschaft."

Terre des Femmes und das Bundesfamilienministerium haben eine Studie vorgestellt, nach der in Deutschland heute etwa 48.000 Frauen leben, die Opfer von Genitalverstümmelung sind, berichtet Simone Schmollack in der taz: "Die in Deutschland lebenden betroffenen Frauen kommen vor allem aus Ägypten, Eritrea, Somalia, Äthiopien, Mali und Irak. Die Zahl der geflüchteten Frauen, in deren Herkunftsländern Genitalverstümmelungen praktiziert werden, ist laut Studie in den vergangenen zwei Jahren um 40 Prozent gestiegen." Mehr als 9.000 Mädchen sollen hier laut Terre des femmes gefährdet sein. "Um sogenannte 'Ferienbeschneidungen' zu vermeiden, sollen Eltern und Verwandten gefährdeter Mädchen künftig die Pässe abgenommen werden können. Das geplante Gesetz soll im Frühjahr in Kraft treten."

Und noch ein Bericht, den laut Urs Wälterlin in der taz die australische Regierung herausbrachte: " Zwischen 1950 und 2015 hätten durchschnittlich 7 Prozent aller katholischen Priester Kinder sexuell missbraucht, heißt es darin. In einigen Diözesen seien es 15 Prozent gewesen. In einzelnen Orden, wie dem bekannten St John of God Brothers, hätten sich gar bis zu 40 Prozent der Glaubensbrüder des Missbrauchs schuldig gemacht."
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Überwachung

Die amerikanische Datenwissenschaftlerin Vicki Boykis sorgt gerade mit einem Blogeintrag über Facebook für Aufsehen, berichtet Michael Moorstedt in der SZ. Darin beschreibt sie detailliert die Datensammelei des Unternehmens, die sich nicht auf abgeschickte posts beschränkt: "Das Datensammeln von Facebook beginnt potentiell schon, bevor Sie auf absenden klicken. Während Sie ihren Eintrag schreiben, sammelt Facebook Ihre Tastaturanschläge. Facebook hat diese Daten unlängst benutzt, um Selbstzensur zu untersuchen ... Wenn Sie zum Beispiel schreiben 'Ich hasse meinen Chef, er macht mich verrückt', aber in letzter Sekunde zögern und dies abändern in 'Oh Mann, auf der Arbeit ist es grad echt verrückt', dann weiß Facebook trotzdem, was Sie geschrieben haben, bevor Sie es korrigiert haben" - und sammelt diesen Entwurf.
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Politik

Amnesty International zweifelt an der Friedensfähigkeit des syrischen Präsidenten und Putin-Partners Baschar al-Assad, berichtet Martin Chulov im Guardian: "13.000 Opponenten Baschar al-Assads wurde in einem der berüchtigsten Gefängnisse Syriens innerhalb der ersten fünf Jahre des Bürgerkriegs heimlich gehängt." Die Hinrichtungen seien Teil einer "Ausrottungspolitik, die von den höchsten Ebenen der syrischen Regierung angeordnet" worden sei. Für den Amnesty-Bericht wurden 84 Personen interviewt, die zum Teil in dem Gefängnis gearbetet haben.

Trump Berater Stephen Bannon, der sich einst selbst als Leninist vorgestellt hat, ist jedenfalls gut darin, leninistische Methoden zu kopieren, meint der Historiker Victor Sebestyen im Guardian: "Viel von Lenins politischem Stil und seiner Strategie kann auf die heutige Situation angewendet werden. Er war abhängig von permanentem Konflikt und Drama. Er benutzte absichtlich Schocktaktiken. Er war fast immer tyrannisch, beleidigend und kampflustig. Er trieb seine Gegner mit seiner gewalttätigen Sprache in die Unterwerfung ... Breitbart, die Webseite von Bannon, und die hasserfüllte Sprache der alt-right-Bewegung, sind dezidiert leninistisch im Ton."

Im Interview mit der SZ warnt der Historiker Timothy Snyder: "Wenn Bannon sagt, er wolle den Staat zerstören, dann können sich viele das nicht vorstellen. Ich fürchte, dass die meisten Amerikaner den Ernst der Lage verkennen und das hier für eine weitere rebellische Phase halten."
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Wissenschaft

Leonhard Dobusch unterhält sich für Netzpolitik mit der Sprachwissenschaftlerin Waltraud Paul, die erzählt, wie sich die Zeitschrift Lingua vom Elsevier-Verlag löste, um als Glossa in Open Access wieder aufzuerstehen - Elsevier wollte den Wechsel zu Open Access nicht mitvollziehen. Die Redaktion hatte laut Paul "immer weniger Handlungsfreiheit und musste sich mehr und mehr gegen die Einmischung des Elsevier-Managements... in die wissenschaftlichen Aspekte der Zeitschrift wehren, wie zum Beispiel bei der Wahl neuer Mitherausgeber. Andererseits führte die extreme Profitgier Elseviers zu einem wachsenden Unbehagen sowohl beim Herausgeberteam als auch bei den Linguisten, die - ohne Entgelt! - für Lingua als Reviewer arbeiteten. Da dieselben Linguisten oft in Bibliotheksgremien sozusagen 'live' die gnadenlosen Geschäftspraktiken Elseviers miterlebten, waren sie immer weniger dazu bereit, ihre Zeit und Expertise Elsevier kostenlos zur Verfügung zu stellen."
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Stichwörter: Open Access, Elsevier

Kulturpolitik

Im Gespräch mit drei tazlern erklärt der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, warum er die Gehälter von Intendanten offenlegen will: "Dort, wo öffentliche Mittel eingesetzt werden, besteht auch ein Recht der Öffentlichkeit, zu erfahren, in welchem Umfang und wie diese öffentlichen Mittel eingesetzt werden. Und wir wollen versuchen, mehr als bisher Frauen bei der Besetzung von Spitzenpositionen im kulturellen Bereich zu berücksichtigen und auch die Diversität der Gesellschaft dort zum Ausdruck zu bringen."

Ausführlich äußert er sich auch im Nachtkritik-Interview mit Sophie Diesselhorst und Christian Rakow zum Thema: "Warum soll nicht angesichts der Gehaltsstrukturen im Kunst- und Kulturbetrieb darüber geredet werden, was Leute verdienen, die auf und hinter der Bühne stehen, und ob eine bestimmte Gehaltsstruktur insgesamt angemessen ist. Dabei sage ich auch: Wenn man internationales Spitzenpersonal wie Daniel Barenboim in der Staatskapelle haben will, dann ist es auch angemessen, diesen Leuten ein ordentliches Gehalt zu zahlen."

Europa

In Paris steht der Holocaust-Historiker Georges Bensoussan wegen Volksvehetzung vor Gericht, weil er in Alain Finkielkrauts Radiosendung "Répliques" gesagt hatte, dass muslimische Jugendliche den Antisemitismus mit der Muttermilch aufsaugen. Das Urteil soll im März fallen. Boualem Sansal verteidigt den Historiker in einem Brief an die Richterin, den MicroMega online publiziert: "Die Worte, die in Frankreich gegen Bensoussan ausgelegt werden, werden in Algerien jeden Tag öffentlich gesagt. Zu sagen, der Islam sei mit der Demokratie unvereinbar, heißt nur, das islamische Dogma und die Lehren der Geistlichen zu wiederholen. Für einen Muslim ist Demokratie eine 'bida'a', eine Häresie, eine frevelhafte Neuerung, die mit Nachdruck verurteilt wird. Denn es gibt keine andere Macht als die Allahs. Zu sagen, dass Antisemitismus Teil der islamischen Kultur sei, heißt nur zu wiederholen, was der Koran sagt und was in der Moschee (die vor allem eine Schule ist) und in den traditionellen Familien gelehrt wird."

"Europa, wir stehen ein für deine Werte. Mit Liebe, Rumänien", liest Ivo Mijnssen auf einem Plakat in Bukarest. Die Demonstranten fordern nach wie vor den Rücktritt der Regierung, die ein Antikorruptionsgesetz abschwächen wollte. Ungarn und Polen stehen vielen Rumänen als warnende Beispiele vor Augen, so Mijnssen in der NZZ: "Liviu Dragnea scheint seine Vorbilder gut studiert zu haben, wie der Rückzug des umstrittenen Amnestiegesetzes am Wochenende zeigt. Dass die Demonstranten sich damit nicht zufriedengeben, ist richtig, denn die Konzession ist rein taktisch. Der Chef der PSD illustrierte dies selbst, als er am Montag erklärte, er wolle weiterhin Ministerpräsident werden, obwohl er wegen Amtsmissbrauch verurteilt ist: Für einen Parteibaron wie Dragnea, der seine ganze politische Karriere im wirtschaftlich-politischen Klüngel der PSD verbrachte, passen Gewaltenteilung und eine integre Justiz nicht ins Weltbild; Osteuropas starke Männer kontrollieren Gerichte, und nicht umgekehrt."

"Die Regeln und den Sinn der Demokratie haben in Rumänien offenbar nur die Repräsentierten, nicht deren Repräsentanten begriffen", meint Christian Bommarius in der FR.
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Geschichte

Russland feiert in diesem Jahr hundert Jahre Revolution. Aber wie, ist noch nicht so ganz klar, schreibt Julian Hans in der SZ. Soll man voll Stolz auf die SU das starke Imperium feiern? Oder um die Millionen Menschen trauern, die ermordet wurden? "Der Historiker und Publizist Witalij Dymarskij sieht es so: Die Suche nach Antworten sei deshalb so brisant, weil das neue Russland von Wladimir Putin aus den Scherben widersprüchlicher Ideologien zusammengesetzt sei. 'Es ist eine Mischung aus Konservatismus, Liberalismus, Bolschewismus', sagt er: 'Die Staatsmacht kann sich nicht entscheiden, was in diesem Ideen-Chaos das Wichtigste ist.'"
Archiv: Geschichte