9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Taschenbuchausgabe von Candide genügt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.10.2016. Und das Leistungschutzrecht ist doch eine Linksteuer, schreibt Christoph Kappes in seinem Blog. Identitätspolitik führt zur Diskriminierung von Minderheiten innerhalb von Minderheiten, erklärt  Timothy Garton Ash in der Presse. Laut Wiener Zeitung war es womöglich der Ringier Verlag, der die  Népszabadság eigentlich hat fallen lassen. In der Zeit spricht Burda-Vorstand Philipp Welte (nicht) über die prächtigen Renditen im Print: Allen voran betätigt sich Prinzessin Lillifee  als vierte Macht.

Medien

Gestern wurde gemeldet, dass der österreichische Zeitungsunternehmer Heinrich Pecina den Verkauf der ungarischen Oppositionszeitung Népszabadság nun besiegelt hat. Kathrin Lauer von der Wiener Zeitung problematisiert dabei auch die Rolle des Schweizer Ringier-Verlags: "Pecina hat nun seine Rolle als Orbans Strohmann ausgespielt, der er seit langem verdächtigt wurde. Vor zwei Jahren hatte seine VCP die Mehrheitsanteile der Népszabadság von der Schweizer Ringier-Gruppe gekauft, obwohl sich bereits damals regierungsnahe Firmen für das Blatt interessiert hatten. Die Schweizer hätten aus Angst um ihr Image - so kommentieren es die wenigen verbliebenen regierungskritischen Medien in Ungarn - die Zeitung aber bewusst nicht an Orbáns Kreise verkaufen wollen."

In der taz erklärt Tibor Rácz, wer die Oligarchen und Orban-Getreuen sind, die hinter dem Deal stehen.

Durch das von Günther Oettinger geplante europäische Leistungsschutzrecht ist sehr wohl die Linkfreiheit in Gefahr, meint Christoph Kappes in seinem Blog, denn es "bedeutet nicht nur, dass Google zur Nutzung zahlen muss, worüber man vielleicht noch unter Umverteilungsgesichtspunkten diskutieren könnte - die Politik greift ja öfter über Steuern, regulationsbedingte Kosten und Subventionen ein, als sie zugeben will. Es bedeutet auch, dass Nutzern diese Links nicht mehr per Suchmaschine bereitgestellt werden, wenn sich zwei Unternehmen nicht einig werden, nämlich ein Verlag und ein Betreiber einer Suchmaschine."

Europapolitiker unterschiedlicher Fraktionen sprechen sich unterdessen in einer Kampagne gegen die Linksteuer aus:



Der Zeitungsverlegerverband BDZV wendet sich in einer Pressemitteilung gegen diese Kampagne: "Uns ist schleierhaft, aus welchem Grund diese Behauptungen aufgestellt werden."

Im Guardian könnten trotz bereits durchgeführter Sparmaßnahmen weitere Jobs auf dem Spiel stehen, berichtet Alex Spence in politico.eu und skizziert noch einmal die Lage, die nicht nur den Guardian betrifft: "Trotz der Kürzungen ist der Guardian von einem Erdbeben in der Medienindustrie betroffen - ungekannte Verluste in Printeinnahmen kombinieren sich mit stagnierenden Einnahmen aus digitalen Anzeigen, weil die Nutzer immer mehr mobil konsumieren, und Facebook und Google den Löwenanteil der Werbeeinnahmen einstreichen."

Im Interview mit der Zeit macht Burda-Vorstand Philipp Welte verständlich, warum die Printpresse ein solches Bollwerk für unsere Demokratie ist, dass sie unbedingt geschützt und gefördert werden muss. Oder so. "Zeit: Stimmt es, dass die Rendite bei den meisten Zeitschriftenmarken weiterhin zwischen zehn und 30 Prozent liegt? Trotz der Rückgänge bei den Werbeeinnahmen? Welte: Wir reden nie über Gewinn. Zeit: Also kein Dementi. Wo entwickelt sich das Magazingeschäft besonders gut? Welte: Bei Zeitschriften für junge Menschen. Zeit: Die brauchen Erholung von Facebook, Instagram und Snapchat? Welte: Es sind vor allem Zeitschriften für unter Zehnjährige: Prinzessin Lillifee oder Lego und Playmobil. Sie erzählen Geschichten zu Spielzeugwelten oder Figuren aus den Büchern."
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Europa

Im Interview mit der Presse plädiert der der britische Historiker Timothy Garton Ash für eine "robuste Zivilität" im Umgang miteinander und warnt vor immer mehr ausufernden Redeverboten, die auch von Linken immer häufiger gefordert werden: "In Großbritannien etwa begann alles mit der Rasse, dann kam die Religion dazu, dann die sexuelle Orientierung, alles schützenswerte Dinge, aber was kommt als Nächstes? Ein kleiner Scherz: Als Bartträger habe ich immer wieder Vorurteile erlebt, was ist, wenn ich den Bearded Council of Britain gründe? Es ist ein politischer Mechanismus am Werk, bei dem selbst ernannte Führer von Identitätsgruppen um Macht konkurrieren. Das hat auch oft zur Folge, dass Vielfalt eingeschränkt statt gefördert wird, Minderheiten innerhalb der Minderheiten vernachlässigt werden. Der britische Muslim Council etwa ist eine selbst ernannte Vertretung und ziemlich konservativ. Wenn wir diese angebliche Vertretung privilegieren, diskriminiert das säkulare, offen denkende Muslime."
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Ideen

Danilo Scholz verteidigt Carolin Emcke in der taz gegen ihre Kritiker, zumal Adam Soboczynski in der Zeit, der ihr Akademismus vorwarf (unser Resümee): "Liest man ihre Texte, wird jeder Versuch, identity politics gegen die sozialen Fragen auszuspielen, hinfällig. Dass viele das einfach nicht wahrnehmen wollen und sie geflissentlich in die Minderheitenschublade - und in den Augen derjenigen handelt es sich nun mal um eine Schublade - stecken wollen, lässt tief blicken." Allerdings bekennt Scholz auch ein Unbehagen, vor allem bei der Lektüre von Emckes Reportagen, das er an Emckes "emphatisch-einfühlsamem Sound des humanitären Journalismus" festmacht.

Nun weiß es jeder, schreibt die Potsdamer Philosophin Susan Neiman in der Zeit: Heidegger war ein dumpfer und fieser Antisemit. Aber sein Antisemitismus speist sich aus Antimodernismus - und der ist nach wie vor aktuell, auch und gerade in der Linken. Daran sind für Neiman auch Adorno und Horkheimer schuld: "Dabei bedarf es nicht einmal gelehrter Köpfe, um zu wissen, dass die Aufklärung nicht nur komplexer ist als die Karikaturen, die von ihr in Umlauf sind; sie ist diesen Zerrbildern meist diametral entgegengesetzt. Eine Taschenbuchausgabe von 'Candide' genügt, um zu sehen, dass die wichtigsten Einwände gegen die Aufklärung aus dem Herzen der Aufklärung selbst stammen… Sie hält weder die menschliche Natur für vollkommen, noch den Fortschritt für zwangsläufig, weder die Vernunft für unbegrenzt, noch die Wissenschaft für unfehlbar."
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Kulturpolitik

Heute soll in Berlin eine Jury über den Sieger im Wettbewerb für das Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum entscheiden. Niklas Maak wünscht ihr in der FAZ Mut und stellt schon mal die Fragen, die prämierte Entwurf beantworten soll: "Wie will man die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts im 21. zeigen, wie die zum zwanzigsten Jahrhundert auch gehörenden Sparten Tanz, Performance, Happening - die allesamt aus dem White Cube hinaus auf die Straße, ins Leben drängten? Wie kann es ein Gebäude, das sie ausstellt, vermeiden, dass es diese Kunst 'ausstellt' im Sinne von 'abschaltet' - und wie kann es den utopischen Geist, das Gesellschaftsverändernde dieser Kunst aufnehmen?"

Außerdem: Irene Bazinger begleitet Kulturstaatsministerin Monika Grütters für die FAZ bei einer Theaterreise in den Neuen Ländern - oftmals handelt es sich hierbei um die letzten Institutionen, die die Reste der Zivilgesellschaft gegen die ausländerfeindlichen Ressentiments bündeln.

Politik

Der chinesische Antiamerikanismus speist sich aus Nationalismus, Eifersucht auf den Menschenrechtebegriff und wirtschaftlichen Ängsten, schreibt Wei Zhang in der NZZ: "Untersuchungen zeigen, dass sich 70 Prozent der neuen chinesischen Immigranten heute aus finanziellen Gründen in die USA abgesetzt haben. Mit 50.000 Dollar erwirbt man eine Green Card. 46 Prozent der chinesischen Milliardäre beabsichtigen auszuwandern, während 14 Prozent bereits emigriert sind, davon 40 Prozent in die USA."

Hillary Clinton
und ihr "wirtschaftshörige" Konsens sind noch abstoßender als Donald Trump, verkündet Slavoj Zizek im Aufmacher des Zeit-Feuilletons: "Die Botschaft dieses Konsenses an die Linken lautet: Ihr könnt alles kriegen, was ihr wollt, wir behalten uns nur das Wesentliche vor: das ungehinderte Funktionieren des globalen Kapitals."
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