Efeu - Die Kulturrundschau

Elegante Ängstlichkeit

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27.10.2016. Der Guardian staunt über die bunte, eklektisch-energievolle Kunst Südafrikas. Der Freitag beklagt den Zustand der italienischen Literaturkritik. Der Standard porträtiert den neuen Booker-Preisträger Paul Beatty. Die NZZ besichtigt in den Hudson Yards die Zukunft des Wohnens. In der SZ kritisieren Marc Sinan und Markus Rindt das Auswärtige Amt, das das "Aghet"-Musikprojekt zur Erinnerung an den Völkermord an den Armeniern abgesagt hat.

Kunst


Mary Sibande, A Reversed Retrogress: Scene 1 (The Purple Shall Govern) (2013). Foto: Mary Sibande/Courtesy Gallery MOMO

Einfach brillant findet Guardian-Kritiker Jonathan Jones die Ausstellung "South Africa: The Art of a Nation" im British Museum, die vom Zulu-Speer bis zu moderner Kunst alles vereint, was das Land an visuellem Ausdruck hervorgebracht hat und zugleich, so Jones im Guardian, eine Geschichte von Kampf und Aufopferung erzählt. "Is Sam Nhlengethwa's collage drawing of the death of Steve Biko a great work of art? Who cares? This moving work of protest remembers one of Apartheid's most arrogant murders. It also does happen to be very good art, but this exhibition also defines art to include Nelson Mandela badges, a plate decorated by a Boer prisoner in a British concentration camp, an anti-apartheid calendar and Gandhi's sandals. It is the story of South Africa's people, and art here means all their forms of visual expression."

In der Welt ärgert sich Marcus Woeller jetzt schon über die von Neil MacGregor kurartierte, in London so gefeierte Ausstellung "Germany - Memories of a Nation", die demnächst im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist. Wobei das nicht an MacGregor liegt: "Monika Grütters sagte zur Eröffnung: Die Ausstellung 'kann auch hier in Berlin zum Perspektivenwechsel beitragen und die (angesichts der gegenwärtigen politischen Lage ja gerade sehr aktuelle) Diskussion darüber bereichern, was uns als Deutsche und als Europäer ausmacht'. Man möchte Grütters korrigieren und sagen, sie hätte dazu beitragen können - wenn man die lieblos überarbeitete Schau nicht einfach sich selbst überlassen und ohne Gestaltungswillen in ein paar Räumen im Erdgeschoss der Ausstellungshalle zusammengedrängt hätte."

Besprochen werden die Ausstellung "Uncertain States" der Akademie der Künste in Berlin (Berliner Zeitung) und eine große Schau über Caravaggio und seine Nachfolger in der National Gallery in London (SZ)
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Literatur

Dass es keine italienischen Literaturkritiker waren, die Elena Ferrante enttarnten, und dass erst die US-Kritik das Phänomen Ferrante literarisch wirklich würdigte, ist kein Zufall, meint Andrea Affaticati im Freitag: Der Zustand der italienischen Literaturkritik sei nämlich allenfalls nur noch als grauer Schatten früherer Glanzzeiten einzuschätzen: Spitze Verrisse gebe es kaum mehr - Aufreger halten sich an Themen, nicht an literarischen Kriterien fest, sanfte Interviews rücken zunehmend an die Stelle von Kritiken. "Die Literaturkritik im eigentlichen Sinn hat sich Ende der achtziger Jahre aus dem italienischen Feuilleton verabschiedet. Giovanni Raboni, Luigi Baldacci, Paolo Milano waren die letzten Kritiker von Rang und Namen. ... Das spiegelt sich im vermutlich für deutsche Leser immer noch befremdlichen Umstand, dass keine Zeitung einen festangestellten Kritiker hat. Einerseits kann man es sich nicht leisten, andererseits ist der Kritiker auch nicht mehr so wichtig für das Feuilleton." Klingt vertraut?

Im Standard stellt Bert Rebhandl Paul Beatty vor, den ersten amerikanischen Preisträger des britischen Booker-Preises. Sein Buch "The Sellout" beginne "mit einer höchst eigentümlichen Erwählung: Der Erzähler, ein 'black man', der Wert darauf legt, noch nie jemanden bestohlen oder beraubt zu haben und auch noch nie mit seinem 'gigantischen Penis' öffentlich masturbiert zu haben, wird vom Obersten Gerichtshof der USA darüber informiert, dass sein Fall zur Anhörung kommt. Sein Fall, das ist der eines Opfers von Rassismus in einer Gesellschaft, die sich eigentlich für 'postracial' hält. 'The Sellout' ist ein beißender Monolog, der sich durch ein Dickicht von Vorurteilen arbeitet und auch die Themen von Bewegungen wie Black Lives Matter trifft, allerdings auf höchst kontroversielle Weise, denn Beatty spekuliert über eine neue Sklaverei."

Weiteres: Frédéric Valin vom Freitag tröstet sich nach den "zotigen Allgemeinplätzen", die ihm Peter Sloterdijk in seinem Briefroman "Das Schelling-Projekt" beschert habe, mit Margarete Stokowskis feministischem Band "Untenrum frei", einem Buch wie "ein Ziegelstein, mit dem sich die Milchglasscheiben kruder Vorannahmen zerschlagen lassen."  Im Freitag spricht Maike Wetzel mit Philipp Schönthaler über Storytelling.    

Besprochen werden Ian McEwans "Nussschale" (Tagesspiegel, FR), Mario Vargas Llosas "Die Enthüllung" (ZeitOnline, SZ), Èric Liberges Comic "Post aus dem Jenseits" (Tagesspiegel), neue frankobelgische Comics (Freitag), Ralph Hammerthalers "Kurzer Roman über ein Verbrechen" (Freitag), Wu Mings "Altai" (Freitag), diverse neue Lyrikbände (Freitag) und Christoph Ransmayrs "Cox oder Der Lauf der Zeit" (FAZ).

Mehr aus dem literarischen Leben auf:


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Bühne

In der nachtkritik macht Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, einige Vorschläge, wie sich die Kultur im Ruhrgebiet unter den Vorzeichen von Diversität und digitaler Wende entwickeln könnte. Ein Vorschlag: Empowerment. "Langfristig ist es von Vorteil, die bereits jetzt bestehenden Inseln unterschiedlicher Einwanderszenen so intensiv wie möglich in Berührung mit Milieus zu bringen, die soziale Durchlässigkeit und einen gesellschaftlichen 'Aufstieg' der Zugewanderten fördern, wie dies Doug Saunders in den unterschiedlichen Fallstudien seines Buches 'Arrival City' beschreibt. Die so oft angerufene Idee der "Ruhrstatt" ist vor allem eine solche 'Arrival City' im Sinne Saunders'. Wir können und müssen uns bemühen, unser Europa aus den Augen dieser Neubürger zu sehen und diese Impulse als wertvoll begreifen. Politisches Theater ist heute nicht mehr die Adaption der politischen Probleme aus der Tageszeitung, sondern der Versuch des Empowerments dieser Mitbürger mit Migrationsgeschichte und ihrer für uns wertvollen, auch uns vorantreibenden Lebensgeschichte."

In der FR resümiert Andrea Pollmeier das antirassistische Theaterfestival "Fluchtpunkt Festival" in Frankfurt. Besprochen wird die Uraufführung von Lukas Bärfuss' Stück "Frau Schmitz" am Schauspielhaus Zürich (Welt).
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Film

In der taz unterhält sich Andreas Resch mit den Filmemachern Marcus Vetter und Karin Steinberger über deren (im Tagesspiegel besprochenen) Dokumentarfilm "Das Versprechen", in dem es um die Haysom-Morde geht, für die in den USA der Deutsche Jens Söring seit über 30 Jahren einsitzt. Ob in illegalen Kopien heruntergeladener Serienepisoden oder in den einblendbaren Meta-Informationen bei AmazonVideo: In den globalen Onlinevideo-Kulturen rückt immer mehr filmäußerer Text ins Bild, fällt Bert Rebhandl vom Freitag auf. Tazlerin Carolin Weidner empfiehlt den zweiten Teil der Filmreihe "Aufbruch der Autorinnen II" im Berliner Zeughaus. Am Rande der Viennale konnte sich Patrick Holzapfel für das Blog Jugend ohne Film mit Bertrand Bonello unterhalten. Für die SZ besucht Karoline Meta Beisel die auf handgefertigte Animationsfilme spezialisierten Laika-Studios in Portland. Einen Eindruck von deren Arbeit vermittelt auch diese vor wenigen Wochen von The Verge veröffentlichte Videoreportage:
 


Besprochen werden die Verfilmung von Paula Hawkins' Bestseller "The Girl on the Train" (taz, Tagesspiegel) Scott Derricksons "Dr Strange" mit Tilda Swinton (Welt, FAZ), Eren Önsöz' Dokumentarfilm "Haymatloz" (Welt) und Simon Stones Adaption von Ibsens "Die Wildente" (ZeitOnline).
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Architektur

Andrea Köhler besucht für die NZZ die Hudson Yards in Manhattan. Dort entsteht gerade eine "gigantische Stadt in der Stadt", die die Zukunft des Wohnens prägen will: "Mithilfe von Smart Data, sprich: Tausenden von Sensoren, die von den Einkaufsgewohnheiten bis zur Nutzung von Energie das Verhalten messen, entsteht hier derzeit die Stadt der Zukunft. Das bedeutet nicht allein, dass der großenteils noch im Bau befindliche Hochhauskomplex mit einem ökologisch innovativen Energieversorgungssystem ausgestattet wird, das es via Datenanalyse möglich macht, Temperatur, Beleuchtung und Belüftung zu optimieren, sondern auch, dass die Umgebung jede Regung ihrer Benutzer ausspioniert."
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Musik

Das Auswärtige Amt sorgt sich um Erdogans Empfindlichkeiten! Ursprünglich sollte Marc Sinans und Markus Rindts "Aghet"-Projekt, das sich mit dem Genozid an den Armeniern befasst, im deutschen Konsulat in Istanbul stattfinden. Jetzt hat das Außenministerium den Termin abgesagt - falscher Zeitpunkt, falscher Ort, lautet die Begründung. Für die SZ hat Helmut Mauró mit den beiden Initiatoren gesprochen, die nicht verstehen, warum man Rücksicht nehmen soll auf Erdogans Empfindlichkeiten: "Die Regierung des Kaiserreiches hätte den Völkermord verhindern können, deshalb ist auch Deutschland in der Schuld. ... Damals hat man aus Bündnistreue geschwiegen. Heute sehen wir, dass dies ein schweres Versäumnis war; der Bundestag hat die deutsche Mitschuld am armenischen Völkermord eingeräumt. In den letzten Wochen wurden in der Türkei Zehntausende Menschen entlassen, verhaftet, gefoltert und umgebracht. Dies ist auch möglich, weil wieder Verbündete der Türkei aus strategischen Gründen schweigen. Die Geschichte wiederholt sich auf furchtbare Weise."

Besprochen werden das neue Album von Stoppok (FR), ein Konzert von Dmitri Hvorostovsky (Tagesspiegel) und das neue Album von Leonard Cohen, das laut FAZler Jan Wiele so klingt, "als hätte Elvis ein Gospelalbum in der Hölle aufgenommen."
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