9punkt - Die Debattenrundschau

Jeden Tag eine Million Euro

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.09.2016. Kurz vor der Sitzung der VG Wort am Samstag kocht der Streit hoch. Die FAZ, sonst Herold des "Geistigen Eigentums", macht in diesem Fall darauf aufmerksam, dass die Eigentümer auch freiwillig verzichten können.  Das Problem sind nicht ein paar Burkas in Europa, sondern der salafistische Totalitarismus, meint die NZZ. Wired erzählt, wie Google in die Hirne von Terroristen eindringen und sie neutralisieren will.

Politik

Ach, der Berliner Flughafen - ursprünglich sollte er im Oktober 2011 eröffnet werden, seitdem wurden Unsummen in das Teil versenkt, ohne dass bis heute jemand einen konkreten Eröffnungstermin nennen könnte. Im Berliner Wahlkampf spielt das dennoch keine Rolle, der Berliner hat sich an das Milliardengrab gewöhnt, meint Moritz von Uslar in der Zeit mit leicht verzweifelter Luschtigkeit: "Komisch, die derzeitige Nichtöffentlichkeit des BER-Fiaskos hat ja auch etwas Beruhigendes: Die Probleme kommen, die Probleme gehen, am Flughafen wird gebaut. Solange Berlin, Brandenburg und der Bund das Geld haben, jeden Tag eine Million Euro auf der BER-Baustelle auszugeben, so lange können die anderen Probleme in der Hauptstadt ja nicht so groß sein."

Das Problem sind nicht ein paar Burkas in Europa, sondern der salafistische Totalitarismus, dem weltweit Hunderte von Millionen Menschen unterworfen sind, schreibt Toni Stadler in der NZZ: "In Brunei wurde 2014 die Steinigung wieder eingeführt. Auf den Malediven gilt wieder die Scharia als Gesetz. Die Anzahl salafistischer Moscheen und Schulen, finanziert durch die Golfstaaten, hat sich seit 1993 weltweit vervielfacht. Irgendwann um die Jahrtausendwende ist die moderne Welt vor der Macht der Petrodollars eingeknickt. Wann hat ein Präsident, ein Premierminister oder ein Uno-Hochkommissar für Menschenrechte zum letzten Mal die Scharia öffentlich als unvereinbar mit den Menschenrechten bezeichnet?"
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Internet

Oh Gott, Google wird wirklich zum Big Brother und will nun auf die Hirne seiner Nutzer einwirken. Es beginnt damit ausgerechnet bei potenziellen Terroristen, berichtet Andy Greenberg bei Wired: "Jigsaw, die Ideenschmiede von Google - bis vor kurzem als Google Ideas bekannt -, hat im letzten Jahr ein Programm entwickelt, für das es Googles Suchanzeigen-Algorithmus und die Videoplattform Youtube nutzen will, um Rekruten des IS ausfindig zu machen  und letztlich davon abzuhalten, dem Kult apokalyptischer Gewalt in der Gruppe zu verfallen."
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Stichwörter: Islamischer Staat, Google

Medien

Deron Lee interviewt für die Columbia Journalism Review den Medienprofessor Scott Reinardy, der für sein neues Buch "Journalism's Lost Generation -  The Un-Doing of U.S. Newspaper Newsrooms" eine Menge Journalisten interviewt hat: "Ich benutze dieses Wort nicht leichthin, aber ich glaube, man muss von kollektiver Depression sprechen. Die Journalisten verlieren nicht nur ihre Jobs, sie verlieren Karrieren und manche gar ihr Selbstbild."
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Urheberrecht

An einer Stelle möchte FAZ-Redakteur Michael Hanfeld das "Geistige Eigentum", das in dieser Zeitung sonst mit solchem Aplomb verteidigt wird, nun doch ein bisschen in Frage stellen: bei der VG Wort. In seinem Artikel über die kommende Sitzung der Verwertungsgesellschaft und über das Urteil, das Martin Vogel gegen ihre Praxis, ihre Gelder auch an Verleger auszuschütten, erstritt, schreibt Hanfeld: "Auf den ersten Blick könnte man das für einen großartigen Sieg der Autoren und die Sicht des Autors Vogel für einleuchtend halten. Sie lautet: Urheberansprüche an geistigem, gedrucktem Eigentum stehen nur Autoren zu, Verlage haben kein solches Recht. Insofern hätte die VG Wort rechtswidrig gehandelt oder gar, wie eine Gruppe von Vogel-Anhängern im Internet hartnäckig behauptet, das Geld der Autoren veruntreut." Hanfeld präsentiert dann den Vorschlag der VG Wort, dass Autoren ihre "Forderungen gegenüber den Verlagen auch abtreten können".

Wir meinen: Hanfeld betreibt Desinformation. Vogels Stellungnahmen im Perlentaucher erwähnt er nicht einmal. Dafür attackiert er den "Verein freier Journalisten namens 'Freischreiber'" und das Portal Irights.info, dem er ohne Beleg vorwirft, dass es "seit je durch seine besondere Nähe zu den Interessen von Online-Konzernen auffällt".

Hanfeld wirft den "Vogel-Anhängern" vor, die Sitzung der VG Wort am Samstag durch massenhafte Präsenz kapern zu wollen. Aber auch andere Akteure agieren, indem sie sich Blankovollmachten ausstellen lassen, zeigt Ilja Braun auf Twitter:

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Gesellschaft

Warum haben die Deutschen bloß solche Angst vor der Digitalisierung, fragt sich in der Welt Oliver Tuszik, Deutschlandchef von Cisco. Gerade Deutschland könnte so ungeheuer davon profitieren. Wir driften ja nicht in eine virtuelle Welt ab, wie sich das mancher vorzustellen scheint, versichert er: "Das 'Internet der Dinge' ist vielmehr äußerst real und physisch greifbar. Wir reden von Maschinen, Fahrzeugen und Geräten. Alles Dinge, die wir in Deutschland meisterhaft herstellen. Und wir reden von Leitungen, Rechenzentren und komplexer Elektronik. Selbst dort, wo wir nur noch 'virtuelle Güter' handeln, wie zum Beispiel Online-Services, steht im Hintergrund beim Anbieter ein massiver Aufwand an technologischer Ausrüstung. Dieser industrielle, materielle Kern der Digitalisierung wird oft übersehen. Und er ist unsere Stärke ... Wir müssen Digitalisierung als Erfinderthema diskutieren und begreifen."

Patricia Hecht von der taz unterhält sich mit Beatrice Flamingo (Pseudonym) von der Initiative "Für das Leben", die sehr bewusst auch auf ihrer Website die Ästhetik christlicher Fundamentalisten vom "Marsch für das Leben" abkupfert, um durch die Texte deren Botschaft zu brechen: "Wir hoffen, dass die jeweiligen Websites verwechselt werden. Gleichzeitig wollen wir über die Suche bestimmter Begriffe gefunden werden. Wer zum Beispiel Abtreibung, Pränataldiagnostik oder Sterbehilfe googelt, soll möglichst schnell auf unserer Seite landen. Wir hören zum Beispiel von BeraterInnen aus Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen, dass Frauen, die wenig über die sogenannte Lebensschutzbewegung wissen, oft ungewollt auf deren Seiten landen. Diese Leute wollen wir mit unseren Argumenten erreichen."

Ebenfalls in der taz freut sich Jürgen Vogt über eine Liberalisierung des Abtreibungsrechts in Chile. Die sieht dann so aus: "Nach dem aktuellen Gesetzentwurf wäre der legale Abbruch in drei Fällen möglich: bei Gefahr für das Leben der Mutter, wenn der Fötus keine Überlebenschance hat und bei einer Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung."

Warum halten sich die jungen Menschen das Smartphone so seltsam vor die Nase, um hineinzusprchen?, fragt Sascha Lobo in seiner Spiegel-Online-Kolumne. Die Antwort "lautet: Das ist die nächstliegende und natürlichste Position eines Gerätes, in das man hineinspricht - siehe Bühnenmikrofon. Auch die Handposition entsteht aus der Praktikabilität, denn die Normalhaltung des Smartphone ist einhändig vor dem Bauch mit dem Bildschirm nach oben. Zusätzlich entsteht der Vorteil, jederzeit auf den Bildschirm schauen zu können."
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Religion

Der frisch pensionierte Schweizer Pfarrer Peter Ruch plädiert in der NZZ dafür, den Schrumpfungsprozess der Reformierten Kirche als Chance zu nutzen: "Die Kirche wäre dazu berufen, zum moralischen Megatrend eine Alternative zu bieten und den Menschen Hoffnung zu machen."
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