Efeu - Die Kulturrundschau

Wie eine Einbauküche aus geeister Eiche

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.05.2016. Alles ist jetzt, lernt NYRB vom chinesischen Regisseur Gan Bi. Die FAZ wünscht sich von deutschen Verlagen mehr Engagement für die indische Literatur. Im Standard fürchtet Michael Köhlmeier als Bob-Dylan-Fan die "zersetzende" Kraft der Kritik. Bewundernswert findet die Welt, wie ökonomisch Aribert Reimann in seiner Oper "Lear" Extreme einsetzt. Die Zeit sucht in Saudi-Arabien nach den Freiräumen der Kunst.

Film


Still aus "Gan Bis Kaili Blues"

Absolut hingerissen ist J. Hobermann im Blog der NYRB von Gan Bis poetischen Film "Kaili Bues", der in Locarno lief und jetzt in die amerikanischen und französischen Kinos kommt. Hoberman erkennt in "Kaili Blues" eine ganz neue chinesische Filmsprache, in der Erinnerung fasssbar, gegenstädnlich werden: "Bi ist kaum der erste Regisseur, der mit zeitlichem Raum arbeitet oder der Chronologie durch Simultaneität ersetzt. Es kommen einem gleich Alain Resnais und Chris Marker in den Sinn. Doch Bi ist weniger analytisch, intuitiver. Er stellt 'Kaili Blues' ein Zitat aus dem Diamant-Sutra voran: Alles ist jetzt. Vergangene Gedanken können nicht bewahrt, zukünftige nicht erfasst und gegenwärtige nicht festgehalten werden. Bleib im Flow."

Das Cannes-Jahr 2016 wird nicht nur als Jahr der umstrittenen Juryentscheidungen in die Geschichte des Festivals eingehen, prognostiziert Frédéric Jaeger auf critic.de: Es dürfte auch eines der langweiligsten gewesen sein: "Weit und breit auch kein formal abenteuerliches Werk wie Miguel Gomes' 'Arabian Nights', weit und breit kein Film, der seine Geschichte in die Atmosphäre faltet wie Corneliu Porumboius 'The Treasure'. Alles Beispiele, die in Cannes im letzten Jahr in Nebenreihen liefen und gerade nicht im Wettbewerb. Der Marginalisierung solcher Werke in den vergangenen Jahren folgte 2016 deren Abwesenheit."

Weiteres: Im Artforum huldigt P. Adams Sitney dem schönen und strengen Kino von Jean-Marie Straub und Danièle Huillet. Für die SZ spricht David Steinitz mit Jodie Foster über deren neuen Wall-Street-Thriller "Money Monster".

Besprochen werden John Carneys Musikfilm "Sing Street" (SZ) und Sion Sonos "The Whispering Star" (FAZ).
Archiv: Film

Literatur

In der FAZ schreibt Martin Kämpchen über die Problemlagen der indischen Literatur, die, in 24 Sprachen zersplittert, mangels Übersetzungen schon mit sich selbst kaum ins Gespräch kommt. Auch nach außen hin hapert es: In Deutschland etwa ist das Interesse an Literatur aus Indien nach dem kurzfristigen Hype rund um die Frankfurter Buchmesse im Jahr 2006, bei der Indien Gastland war, rapide abgeflaut: "Selbst moderne Klassiker wie O.V. Vijayans 'Legenden von Khasak' wurden in Deutschland weniger als tausend Mal verkauft. Verlagssprecher konstatieren, dass Indien 'einfach nicht geht'. Ist das Land zu komplex, zu fremd, zu weit weg vom Denken und Lebensstil Europas? Aber wird Literatur aus China oder Japan nicht mit Nachdruck verlegt - und mit Erfolg? ... Tatsache ist, dass sich nach 2006 kein größerer literarischer Verlag aus Deutschland mehr nachhaltig für indische Literatur eingesetzt hat. Kann man nicht Interesse durch vielfältige Werbemittel wecken, Autoren einladen, die neuen Medien bemühen, die Literaturhäuser, die großen Buchhandelsketten?"

Weiteres: Für DeutschlandradioKultur spricht Joachim Scholl mit Judith Hermann über deren neuen Erzählungsband "Lettipark". Außerdem meldet der ORF die Teilnehmer des Bachmannpreis-Wettlesens.

Besprochen werden Burt Glinns Fotoband "Kuba 1959" (NZZ), Peter Longerichs Hitler-Biografie (NZZ), Chico Buarques "Mein deutscher Bruder" (Zeit), Oğuz Atays "Die Haltlosen" (SZ), Colin Barretts "Junge Wölfe" (SZ) und Jean Echenoz' in Frankreich erschienener Roman "Envoyée Spećiale" (FAZ). Mehr Literatur im Netz auf Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog zur literarischen Blogosphäre.

Außerdem bei Nerdcore aufgeschnappt: Ein toller Videoessay über die Qualitäten von Bill Watersons Comicstrip-Meisterwerk "Calvin & Hobbes":

Archiv: Literatur

Architektur

Für die SZ bespricht Joseph Hanimann die Ausstellung "Leben im Lager" in Paris. Im Tagesspiegel porträtiert Simone Reber den Architekten Jürgen Mayer H.
Anzeige
Archiv: Architektur

Musik

90 Millionen Pfund hat Adele für ihren Plattenvertrag mit Sony ausgehandelt, das ist Frauenweltrekord, weiß Michael Pilz in der Welt und lästert: "Wie eine Einbauküche aus geeister Eiche, satiniertem Glas und mit Induktionsherd macht Adeles Musik das Leben wertvoller und angenehmer, ohne dafür noch eine Erklärung zu verlangen."

Weiteres: Im Standard bekennt sich Michael Köhlmeier zu einem unkritischen Bob-Dylan-Fantum: "Ich habe festgestellt, dass Kritik, wenn sie auch wahr ist, Begeisterung auf Dauer zersetzen kann. Das möchte ich nicht." In der New York Times fragt sich Chuck Klosterman in einem sehr unterhaltsamen Text, an welchen Rockmusiker sich die Historiker in 300 Jahren erinnern werden. Für die Washington Post hat Geoff Edgers die Oral History aufgeschrieben, wie Aerosmith und Run DMC mit ihrem Crossover-Hit "Walk This Way" 1986 die Popgeschichte verändert haben. In einem online nachgereichten Zeit-Artikel berichtet Urich Stock von seinem Besuch bei der Jazzpianistin Irène Schweizer. In der großen Reportage auf Seite Drei der SZ fragt sich Martin Wittmann Angst und Bang wie lange es wohl Black Sabbath noch machen werden. Dass die Biografie des Deutsch-Rappers Shindy sogar Thilo Sarrazin und Hitler von den Bestseller-Listen verdrängt hat, erklärt sich Felix Zwinzscher in der Welt mit ihrer ausgeprägten Spießigkeit.

Besprochen werden ein Konzert von Daniil Trifonov mit dem Pittsburgh Orchestra (Tagesspiegel) und die Wiederveröffentlichung von David Bowies Greatest-Hits-Album "Changesonbowie" (Pitchfork).
Archiv: Musik

Bühne


Aribert Reimanns "Lear" an der Pariser Oper. Foto: Elisa Haberer.

Voll auf seine Kosten gekommen ist in der Welt Manuel Brug mit Calixto Bieitos Pariser Inszenierung von Aribert Reimanns "Lear": "Es ist eine griffige, dankbare, schwere, aber eben bewältigbare Partitur der Extreme: immer eng an den dramatischen Inhalt gekoppelt, doch sehr speziell in der ausgepichten Instrumentierung, vor allem auch in der zwischen fahlem Flüstern und exaltierter Melismatik oszillierenden Sprache." In der SZ findet Helmut Mauro die Aufführung "fulminant und erschütternd".

Der Rechnungshof hat seinen Bericht zum Finanzdebakel des Wiener Burgtheaters unter Matthias Hartmann vorgelegt, meldet der Standard mit APA und sieht alle bisherigen Erkenntnise bestätigt: "Es offenbart sich ein Systemversagen, das von der Geschäftsführung im Theater über Kontrollorgane wie Aufsichtsrat und Holdingführung bis hinein ins Ministerium reicht. Für die SZ besucht Egbert Tholl die Proben zur Schwetzinger Inszenierung von Händels Oper "Koma".

Besprochen werden Aufführungen der "Meistersinger von Nürnberg" und des "Barbiers von Sevilla" bei den Glyndebourne Festspielen (FAZ).
Archiv: Bühne

Kunst


Abdulnasser Gharem: In Transit (I-II). From the Series Restored Behaviour, 2010

Jetzt auch online aus der aktuellen Zeit: Ronald Dükers Bericht von seinem Besuch in der Kunstszene Saudi-Arabiens, wo kritische Künstler sich aufgrund der repressiven politischen Situation in Andeutugen und symbolische Verschiebungen im Detail flüchten: "'Wir leben in einer Kultur', sagt Abdulnasser Gharem, 'die vollkommen auf Schriftlichkeit und den Nennwert des Wortes fixiert ist.' Das Imaginäre künstlerischer Bildwelten zu entziffern, dazu fehlt es der konservativen Obrigkeit offenbar an der nötigen Grammatik. Die Kunst der produktiven Missverständnisse? Freiheit durch Ambivalenz? In Saudi-Arabien gilt eine Moschee auch dann als Moschee, wenn sie aus Draht gebaut und Teil einer Kunstinstallation ist. Remodellierung statt Revolution - so verläuft hier der Schleichweg einer freundlichen Übernahme der Kultur durch Ausweitung der Vorstellungszonen."


Joaquín Sorolla, Momentaufnahme, Biarritz, 1906, Joaquín Sorolla, Momentaufnahme, Biarritz, 1906,

Genau das Richtige im Frühling ist offenbar die Ausstellung zum Werk des spanischen Malers Joaquín Sorolla in der Hypo-Kulturstiftung in München, von der Brita Sachs in der FAZ geradezu beschwingt nach Hause kommt: "Die Säle füllen Bilder unbeschwert arbeitender Menschen, farbschillernde Küsten erinnern an Ferien, und Zufriedenheit verströmen die Porträts freundlicher Bartträger und der netten Familie des Künstlers. In den Szenen glückselig in Strand- und Badespaß vertiefter Kinder, im Duett von Licht und Wasser, läuft sein Können zu Höchstform auf. Meisterhaft erfasst der Pinsel optische Verformungen und Verfärbungen der Körper im bewegten Wasser."

Für den Guardian trifft Alex Needham die etwas erschöpfte Künstlerin Tracey Emin, die in Südfrankreich einen Stein geheiratet hat: "Der Stein, sagt sie, ist schön, aus der Steinzeit, ein Monument, er ist so würdevoll und wird mich nie verlassen."

Besprochen werden die Ausstellung "Universal Hospitality" in der Alten Post in Wien (Standard), die Ausstellung "Beautiful Mind. Ein Schmuckstück für Cranach" im Kunstgewerbemuseum Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Kunst und Glaube - Ottheinrichs Prachtbibel und die Schlosskapelle Neuburg" im Schloss Neuburg an der Donau (SZ).
Archiv: Kunst