Efeu - Die Kulturrundschau

Ja bitte, lasst die Welt untergehen

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06.05.2016. Der Freitag entdeckt die zornige Macht des Malers Dieter Krieg. Die Jungle World vertieft sich in eine Studie über die Ästhetik des Plattenbaus. Die FR versinkt in den Augen Kathrin Angerers und vergisst darüber René Pollesch. Die NZZ hört Max Reger und versteht, dass sie nichts versteht.

Kunst


Dieter Krieg, o.T., 2004. Foto: Nikolaus Steglich

Auf ins Allgäuer Vorland, auf nach Marktoberdorf, ruft uns Georg Seeßlen zu, denn dort kann man jetzt den vor 10 Jahren gestorbenen Maler Dieter Krieg wiederentdecken, der zuletzt in den Siebzigern als Vertreter der Neuen Figuration Furore gemacht hatte. Im Freitag schäumt der Kritiker euphorisch vor sich hin: "Krieg malt Dinge, wie man sich vordem höchstens Menschenkörper zu malen getraut hat. Es ist wie das Eintauchen in einen Kosmos der monumental lebenden Dinge ... Hinter jedem Gegenstand lauert ein metaphysisches Problem; Krieg malt nicht irgendeinen Bierdeckel, sondern den des Hofbräuhauses mit der signifikanten Krone; die Toilettentüren, die stets aus den Angeln fallen, tragen nicht umsonst das Herz eingeschnitten. So malt er keineswegs bedeutungslose Dinge; seine Bilder wundern sich über die so unvollkommen verborgene Bedeutung. Sie wundern sich, was aus Bedeutung geworden ist. Das semantisch und bildnerisch Abgetane tut sich mit dem Metaphysischen zusammen und kommt als zornige Macht auf die Leinwand zurück."

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung des Minimalisten Giovanni Anselmo im Castello di Rivoli bei Turin (NZZ), die große Athen-Schau im Liebieghaus in Frankfurt (FR, FAZ), die Johann Andreas Wolff gewidmete Ausstellung in der Graphischen Sammlung in München (SZ) und die große Van-Dyck-Ausstellung in der Frick Collection in New York (FAZ).
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Architektur

Mit Gewinn liest Roger Behrens für die Jungle World Philipp Meusers umfangreiche, zur Rettung der Sowjetarchitektur ansetzende Studie "Die Ästhetik der Platte" und träumt selbst ein bisschen vom verschütt gegangenen sozialen Potenzial der Platte: Der Wohnarchitektur der Sowjetunion ging es "um eine soziale Gestaltung des Raums, die sich auch an Kriterien des realen Humanismus bemisst; dass viele der Plattenbauten gleichsam als historische Ruinen heute bloß noch an realsozialistische Tristesse erinnern, hat, so zeigt Meuser überzeugend, seinen Grund weniger in der Architektur an sich, sondern in der falschen sozialen, das heißt sozialistischen Planungsgewalt, die politisch bekanntlich eben doch nicht auf den realen Humanismus setzte, sondern schließlich auf dieselbe Verwertungs- und Leistungslogik, die auch den kapitalistischen Westen seit dem 19. Jahrhundert beherrscht."
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Bühne


Kathrin Angerers Blick trifft die Rezensenten ins Herz. Foto © Lenore Blievernicht

"I love you, but I've chosen Entdramatisierung" lautet der Titel von René Polleschs neuem, an der Volksbühne in Berlin realisiertem Abend, bei dem es von Film Noir über Pasolini bis zu Tamra Davis Komödie "Half Baked" und Slavoj Zizek viel verdichtetes Diskursmaterial rund um die Liebe und Paarbeziehungen gibt. Die Kritiker verlassen das Haus beschwingten Fußes: Auch von diesem Pollesch-Abend gehe wie stets "ein warmer, samtener Trost" aus, versichert Dirk Pilz in der FR. Offensichtlich sehr verliebt hat er sich an diesem Abend in Schauspielerin Kathrin Angerer: "Die Sätze schaukeln und wippen bei ihr, als seien sie auf hoher See unterwegs, als taumelten sie durch den Kosmos wie verloren gegangene Sterne, verglühende, fremde Kosmen. Einmal schaut sie in die Kamera, schlägt ihre Augenlider nieder und wieder auf, um die Mundwinkel zuckt links ein leises Lächeln und rechts ein sanfter Trauerschauer: Welten erstehen und versinken durch diesen Blick. Wovon sie sprach dabei, ist längst vergessen."

In der FAZ fragt sich Irene Bazinger unterdessen: "Ist das nun Sein oder Schein, Herz oder Schmerz, angewandte Existenzphilosophie oder einfach gehobener Small-Talk für die gebildeten, städtisch alternativen Stände?" Was ihrer eigenen Antwort nach allerdings ohnehin kaum eine Rolle zu spielen scheint, denn "auf jeden Fall ist der Text witzig verdichtet, klug pointiert und die Inszenierung mit dem anarchisch beschwingten Ensemble hübsch anzusehen." Fazit also: Eine "hochintelligente Unterhaltungsrevue in drei Planwagen."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel bietet Rüdiger Schaper einen Überblick über das anstehende Berliner Theatertreffen. Die Komische Oper Berlin testet in der kommenden Saison offenbar diverse neue Dirigenten für den Posten des Chefdirigenten, mutmaßt Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Außerdem hat die Hörspielkritik das Hörspiel des Monats bekanntgegeben: Ausgezeichnet wurde "Tower of Babel", die zweite Hörspielarbeit des Theaterregisseurs Robert Wilson, der darin laut Jurybegründung "vielsprachiges Material aus unterschiedlichen Epochen der Kultur- und Theatergeschichte dergestalt [collagiert], dass weite Assoziationsräume geöffnet werden, die nicht auf der hermeneutischen, sondern allein auf der klanglichen Ebene funktionieren." Beim SWR kann man das Hörspiel derzeit herunterladen.

Besprochen werden eine Wiesbadener Inszenierung von Helmut Oehrings "Agota?" (FR) und Christian Stückls Inszenierung von Goldonis Komödie "Diener zweier Herren", mit der die Ruhrfestspiele eröffnen ("macht Spaß und rauscht durch den Kopf ohne weitere Folgen", bemerkt Egbert Tholl in der SZ).
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Literatur

Juli Zeh räumt ein, im Netz tatsächlich fingierte Ostereier rund um ihren aktuellen Roman "Unterleuten" versteckt zu haben, meldet Sabine Vogel in der FR. Eigentlich wollte der Übersetzer Frank Heibert Musiker werden, doch mit 13, 14 Jahren ereilte ihn seine wahre Berufung, erzählt er im Interview mit der Berliner Zeitung.

Besprochen werden Thomas Jonigks "Liebesgeschichte" (SZ), Rasha Khayats "Weil wir längst woanders sind" (Freitag) und Birgit Vanderbekes "Ich freue mich, dass ich geboren bin" (Tagesspiegel).

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Stichwörter: Juli Zeh, Frank Heibert

Film


Originelle kulturhistorische Landschaft: "Overgames" entwickelt Sog.

In seinem materialreichen Essayfilm "Overgames" geht Lutz Dammbeck unter anderem der Frage nach, inwiefern Gameshows auf ein Psychiatrien erprobtes Repertoire zurückgriffen und in welchem Verhältnis sie zur Re-Education Westdeutschlands standen. In seiner Besprechung für den Freitag hält Fabian Tietke den Film zwar für überschaubar plausibel, aber dennoch für sehenswert. Denn "das Geflecht von Lebensgeschichten und Denkansätzen entwickelt in all seinen Verästelungen auch ohne klare Synthese große Sogkraft. ... Dammbeck gelingt in 'Overgames' die Balance zwischen dem Aufspüren origineller historischer Verbindungslinien und dem abschweifenden Sich-Verlieren in Quellen. Wer sich auf die intellektuelle Reise des Films einlässt und von dem bisweilen arg vorlesungshaften Stil nicht abgeschreckt wird, dem verschafft Overgames die originelle Darstellung einer kulturhistorischen Landschaft."

Weitere Artikel: Auf critic.de empfiehlt Michael Kienzl die (von den Perlentaucher-Filmkritikern Lukas Foerster und Thomas Groh zusammengestellte) Berliner Filmreihe "Komödie der Gammler". Für die Zeit unterhält sich Katja Nicodemus mit Daniel Sponsel, dem Leiter des rapide wachsenden und sich immer größeren Publikumszuspruchs erfreuenden Dokumentarfilmfests München. In der SZ spricht Susan Vahabzadeh mit Schauspieler Ralph Fiennes über dessen (in taz und SZ besprochenen) Film "A Bigger Splash". Mit dessen Regisseur Luca Guadagnino spricht im Freitag Ekkehard Knörer. Außerdem verneigen sich im Freitag Matthias Dell, Andreas Busche, Marcos Ewert und Thomas Groh vor Jean-Paul Belmondo, dessen Sohn ihm gerade einen Dokumentarfilm gewidmet hat.

Besprochen werden Yony Leysers "Desire Will Set You Free" (Jungle World), Ben und Joshua Safdies "Heaven Knows What" sowie Eli Roths Thriller "Knock Knock" (Perlentaucher), Max Zähles "Schrotten" (Tagesspiegel), Catherine Corsinis Liebesfilm "La Belle Saison" (FR) und die vierte Staffel von "House of Cards" (Freitag).
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Musik

In der NZZ hofft Peter Hagmann auf eine Wiederentdeckung des fast vergessenen spätromantischen Komponisten Max Reger. Immerhin gibt es anlässlich seines hundertsten Todestages einige neue Einspielungen, an denen man sein Ohr üben kann: "Reger lässt sich nicht fassen; wer sich seiner Musik nähert, verliert leicht den Boden unter den Füssen. Die eingangs genannte Choralfantasie 'Wie schön leucht' uns der Morgenstern' treibt die Chromatik derart weit, dass einem das Gefühl für eine Tonika gründlich abhandenkommt. Zudem enthält sie eine Fülle an musikalischer Bewegung, die von keiner Orgel hörbar gemacht, aber auch von keinem Zuhörer aufgenommen werden kann - daran lassen weder die lange als vorbildlich empfundene Aufnahme des Organisten Werner Jacob noch die jüngsten Gesamteinspielungen Zweifel, und dies bestätigt der Blick in die Noten."

Antony Hegarty hat sich zur Frau gewandelt und ihr neues Album "Hopelessness" unter dem Namen Anohni veröffentlicht. Ein Going-Trans-Album ist es nicht geworden, dafür gibt es die ganz große Ladung an Schmerz über die weltpolitische Lage. Klaus Walter schüttelt sich in der Jungle World: "Wenn Anohni klageleiernd in die Rolle kindlicher Drohnenopfer schlüpft, dann ist das schlimmer als jeder Elends-Porn." (Auf der Facebookseite des Autors haben sich mittlerweile diverse Popjournalisten zu einer regen und lesenswerten Diskussion dieser Besprechung eingefunden). Für Jan Kedves, der sich für die SZ mit Anohni getroffen hat, ist es dagegen "das raffinierteste Trojanische Pferd, das die Popwelt seit Langem gehört hat: ein Album, das mit elektronisch produzierten, kristallinen Popsongs Dystopien ins Ohr schmuggelt: Klimakollaps, Drohnenkrieg, Überwachungsstaat. Ohne Ironie, hundertprozentig affirmativ: Ja, bitte, lasst die Welt untergehen - je schneller, desto besser!" Auch Pitchfork-Kritikerin Jenn Pelly dankt der Sängerin für den Hinweis, dass "der amerikanische Traum eine Halluzination ist". Hier das aktuelle Video:



Für die taz unterhalten sich Juliane Schumacher und Gaby Osman mit der Beiruter Band Mashrou' Leila, deren Auftritt in Jordanien von den Behörden untersagt wurde. Heute spielt sie in Berlin. Im Interview kommen sie unter anderem darauf zu sprechen, wovon ihr neues Album handelt: Es "enthält viele politische Aspekte, aber subtiler. Vieles auf dem Album dreht sich um Scham. Das ist ein interessantes Terrain, es geht um Fragen, die man nicht offen diskutiert: Warum kann man auf Englisch über Sex reden, aber nicht auf Arabisch? Was bedeutet es, als Mann in der Öffentlichkeit zu weinen, wenn man aus einer Kultur kommt, in der Männlichkeit keine solchen Emotionen erlaubt?"

Weitere Artikel: Dorian Lynskey hat sich für den Guardian mit James Blake getroffen, der gerade ein neues Album veröffentlicht hat. Für die taz hört sich Elias Kreuzmair durch neue, avancierte Elektro-Alben von Martin Stimming, Thylacine und Pantha Du Prince, deren Musik "auf Utopien jenseits des Nachtlebens" abziele. Jens Uthoff porträtiert für die taz den israelischen Experimentalmusiker Gelbart (hier das aktuelle Album zum Probehören). Auf Pitchfork mahnt Laura Snapes, die Hippie-Combo Grateful Dead nicht zu vergessen. Und ihr Kollege Peter Margasek erinnert an die vibrierende Musikszene im Chicago des Jahres 1979.

Besprochen werden Ofrins Album "Ore" (taz) und Bernhard Leitners "Skizzenbuch Notation Ton-Räume" (SZ).
Archiv: Musik