9punkt - Die Debattenrundschau

Was Sprache eigentlich ausmacht

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.03.2016. Im Guardian erinnert sich Timothy Garton Ash mit Überraschung der britischen Kolonialzeit. In der Welt fragt Dan Diner: Zieht uns Russland zurück ins 19. Jahrhundert? Im Tagesspiegel spricht Adam Zagajewski über die polnische Angst vor Fremden. Mit Donald Trump hält nicht der autoritäre, sondern der narzisstische Charakter Einzug in die amerikanische Politik, meint Isolde Charim in der Wiener Zeitung. Die SZ findet, dass Peter Sloterdijk mit Blick auf muslimische Jenseitsvorstellungen differenzieren sollte.

Europa

Man kann Geschichte nicht einfach entsorgen. Deshalb findet Timothy Garton Ash es richtig, dass die Rhodes-Statue in Oxford stehen bleiben darf, auch wenn ihr Vorbild ein ausgewiesener Rassist war. Die Debatte, die einige Studenten ausgelöst haben, fand er jedoch höchst produktiv. Vielleicht, schlussfolgert der 1955 geborene Historiker im Guardian, sollten auch die Briten anfangen, sich ihrer kolonialen Vergangenheit zu stellen: "Natürlich wusste ich, dass die britischen Imperialisten schlimme Dinge getan hatten. Aber ich glaube, es stimmt, dass man heute in Britannien Geschichte studieren und als politisch bewusster Bürger leben kann, ohne mit diesem Erbe besonders konfrontiert zu werden. Die britische Erinnerung an das Empire ist ziemlich wolkig - und das heißt auch gnädig mit uns selbst. Anders als in Deutschland quält man sich nicht mit der Frage, was der eigene Großvater getan haben mochte. Auf eine sehr britische Art sprechen wir einfach nicht darüber." Wie immer bei diesem Thema sind die Kommentare der Guardian-Leser größtenteils erschütternd.

Immer mehr Briten beantragen irische Pässe, damit sie im Fall eines "Brexit" EU-Bürger bleiben, schreibt Esther Addley und zitiert den britischen Bürger Kevin Warnes, der durch seine irische Mutter Doppelstaatler ist und diesen Status nun erneuert: "'Ich habe zwei Kinder und möchte, dass die ihre EU-Staatsbürgerschaft behalten. Sie sollen frei in Europa reisen, leben und arbeiten können.' Sobald er seinen eigenen irschen Pass zurückerhält, wird er die irische Staatsbürgerschaft für seine Töchter beantragen. 'Ohne den Brexit hätte ich das alles nicht getan.'"

Sehr instruktiv reflektiert in der Welt Dan Diner die komplexe geopolitische Lage und das Agieren Russlands, das die Muster des 19. Jahrhunderts wiederholt und Konflikte ausnutzt: "Dass Assad mit russischer Unterstützung gegen das eigene Volk Krieg führe, ist .. nur zum Teil richtig. Im Prinzip führt er inzwischen einen ethnisch-religiös eingefärbten Feldzug gegen die als andere und als feindlich empfundene sunnitische Mehrheit... Die davon ausgelöste gewaltige Fluchtbewegung stellt die Kohäsion der Europäischen Gemeinschaft in Frage. Russland dient der zunehmende Verlust europäischen Zusammenhalts nicht zuletzt dazu, die in die Ukraine, also in seinen Vorhof vorgedrungene Europäische Gemeinschaft zurückzuwerfen."

Im Interview mit Gregor Dotzauer vom Tagesspiegel spricht der Lyriker Adam Zagajewski über die Situation in Polen und die polnische Angst vor Flüchtlingen: "Die Polen haben über viele Jahre keine Erfahrungen mit Fremden mehr gemacht. Besonders in der Provinz geht es noch zu wie im 19. Jahrhundert. Eine liberalere Regierung würde diese Leute vielleicht umstimmen. Die jetzige Regierung aber spielt damit, dass die Provinzler Angst vor allem Fremdartigen haben und warnt zugleich davor."

Weiteres: Der in Oxford lehrende Historiker Oliver Zimmer verteidigt in der NZZ den Nationalstaat gegen die EU vor allem mit der affektiven Bindung zur Heimat. Demnächst soll über das Schicksal der Stasi-Unterlagen-Behörde entschieden werden. Laut Sven Felix Kellerhoff in der Welt, der auch interne und externe Ränkespiele schildert, dürfte die Behörde künftig wohl ins Bundesarchiv aufgehen.
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Medien

Die Medien-Gleichschaltung in der Türkei geht weiter. Gestern kam die Meldung, dass der Staat die Zeitung Zaman von Tayyip Erdogans ehemaligem Verbündeten und heutigem Erzfeind Fethullah Gülen unter staatliche Aufsicht gestellt hat. Inzwischen berichtet der Guardian mit Reuters, dass auch die Redaktionsräume der Zeitung polizeilich gestürmt wurden.

Weiteres: Stefan Niggemeier und Sascha Lobo starten bei Uebermedien ein wöchentliches Podcast "zur Lage der Medien", das sie offenbar mit ihrem Iphone-Mikrofon aufnehmen - es geht in dem einstündigen Gespräch um die sozialen Medien. Traurige Nachrichten bringt Jérôme Lefilliâtre aus Frankreich: Rue89, einst eine Gründung freigestellter Libération-Journalisten und eines der Pioniermedien im französischen Internet, verliert die Hälfte seiner Stellen und wird zum bloßen Technik- und Netzressort der Website des NouvelObs degradiert, zu dem das Blog seit 2011 gehört. Das Feuilleton der Welt soll demnächst keine freien Journalisten mehr beschäftigen, meldet Jens Twiehaus in turi2. Das Ganze scheint zu Stefan Austs neuen Sparmaßnahmen zu gehören.
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Überwachung

In ein paar ganz knappen Worten skizziert Whistleblower Daniel Ellsberg im Gespräch mit Michael Hesse von der FR, was sich seit Nixon geändert hat: "Es ist heute viel schlimmer. Die Verbrechen, die Nixon begangen hat, haben letzten Endes zu seinem Fall geführt. Heutzutage ist es so, dass diese Art von Verbrechen legal ist."
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Gesellschaft

Wie Klischees über Behinderte funktionieren, erklärt die behinderte Journalistin Rebecca Maskos im Gespräch mit Tillmann Bauer von der taz: "Der Klassiker ist die Formulierung 'an den Rollstuhl gefesselt'. Doch das stirbt zum Glück aus. Viele denken trotzdem, einen Rollstuhl zu haben bedeute eine Einschränkung, die einen passiv macht. Das ist natürlich Quatsch. Ein Rollstuhl befreit ja. Wenn ich meinen Rollstuhl nicht hätte, müsste ich getragen werden. Das zeigt, was Sprache eigentlich ausmacht."

Mit bemerkenswerter Ehrlichkeit spricht Inge Jens im Interview mit Tilman Krause in der Welt über die Alzheimer-Krankheit ihres Manns Walter Jens - auch darüber, dass sie ihm die Diagnose Demenz nie mitteilte: "Ich glaube, er hätte es gar nicht verstanden, und ich bezweifle, dass er es hätte aufnehmen wollen. Was hätte es genutzt? Er hatte ja Angst. Die wollte ich nicht noch verstärken. Das Wort 'Demenz' ist zwischen uns nie gefallen.
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Politik

Die neulich verbreitete These vom "autoritären Charakter", den Donald Trump bediene (unser Resümee), will Isolde Charim in ihrer Kolumne in der Wiener Zeitung nicht glauben. Sie sieht bei Figuren wie Trump, Haider oder Berlusconi ganz andere Mechanismen am Werk: "Eines trifft auf alle diese Typen zu: Sie sind alle Exzentriker. Also Leute, die schamlos, öffentlich und sichtbar genießen. Ein Genuss, der sich aus dem Brechen von Tabus, dem Überschreiten von Grenzen speist. Genau darin befriedigt sich die Sehnsucht für das faszinierte Publikum: Er lebt das 'für sie' aus... Dazu braucht es keinen profanen Leistungsträger, weder politische Erfahrung, noch ein Programm. Dafür braucht es nur einen obszönen Narzissmus."

Lesenswert im Guardian: Der südafrikanische Performer Pieter-Dirk Uys lässt seine Figur Evita Bezuidenhout erklären, warum sie eine Rassistin ist und immer eine sein wird. Auch wenn sie jetzt zum ANC gehört.
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Ideen

Michael Stallknecht verfolgte für die SZ einen Münchner Auftritt des zugleich debattenermüdeten und streitlustigen Peter Sloterdijk, der unter anderem ein "Lesen in Zwischenräumen" forderte: "Dass auch ihm das nicht immer gelingt, zeigten ein paar ziemlich nuancenfreie Bemerkungen zum Thema Islam in München. Die Vorstellung von 72 Jungfrauen für jeden Mann im Paradies sei 'Transzendentalpornografie'." Im Tages-Anzeiger liest Guido Kalberer Sloterdijks neues (in den vom Perlentaucher ausgewerteten Zeitungen noch nicht besprochenes) Buch "Was geschah im 20. Jahrhundert".

In Wirklichkeit passt die "Künstlerkritik" am Kapitalismus prima zum Neoliberalismus, meint die Soziologin Alexandra Manske, die diesem Völkchen gehörig zu misstrauen scheint, in der taz: "Im Ergebnis wurden die Grundlagen der Künstlerkritik - Autonomie, Authentizität und die Emanzipation von der bürgerlichen Berufsmoral - zum kapitalistischen Anforderungsprogramm: JedeR soll heute für die eigene Arbeit brennen, Arbeitszeiten nicht so genau nehmen, Geld nicht ganz so wichtig, Selbstverwirklichung dafür umso wichtiger. Diesem kreativen Imperativ haben Kulturschaffende zum Durchbruch verholfen. Eingeschleppt im Zuge der 1968er Bewegung, ist er heute bis in die letzte Pore der Gesellschaft vorgedrungen."

Weiteres: Brigitte Hilmer schreibt in der NZZ zum 150. Todestag des Philosophen Ignaz Paul Vital Troxler.
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