Efeu - Die Kulturrundschau

Lektion in Freigeistigkeit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.03.2016. Der Standard lernt von der Künstlerin Nilbar Güres, wie sich ein Kaktus emanzipiert. Die köstlichen Schauer des Erhabenen durchdringen die NZZ in Metz. In der FAZ springt Eva Menasse in das eiskalte Wasser ihres eigenen Ichs. Die SZ besichtigt einen Literaturbetrieb, dem auf einmal Gedichte als Leistungsträger dienen sollen. Volker Koepps Film "Landstück" versöhnt den Freitag mit der Idee von der Austauschbarkeit des Menschen. Und Dezeen bewundert die neue Technologie der Mode.

Design


Cape und Rock, aus der Voltage Haute Couture Kollection 2013 von Iris van Herpen und Neri Oxman. Mit dem 3D-Drucker gedruckt von Stratasys. © M. Zoeter x Iris van Herpen. Foto von Ronald Stoops

Morgen eröffnet im Museum of Fine Arts, Boston (MFA) eine Schau, die den Einfluss neuer Technologien auf die Mode zum Thema hat, meldet Dezeen. 60 Kleidungsstücke zeigen, was man heute alles machen kann: Ledercapes, die je nach Licht, Wärme und Wind die Farbe wechseln. Kleider, die sich unabhänging von der Trägerin bewegen, ein lebendiges Kleid, dass Tweets darstellt oder ein interaktives Kleid, dass Bilder aus dem Museum darstellt, die Betrachter mit dem Ipad auswählen können.

Außerdem stellt Dezeen im Interview mit Chefredakteur Nathan Williams das neue, auf Instagram unglaublich erfolgreiche und wirklich sehr schöne Designmagazin Kinfolk aus Portland vor.
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Stichwörter: Instagram

Literatur

Die deutsche Lyrik ist im Wandel begriffen, seit vergangenes Jahr der Leipziger Buchpreis an Jan Wagner ging, schreibt Hilmar Klute in der SZ. Für eine Reportage auf Seite Drei hat er sich auf die Reise quer durch Deutschland begeben und mit Lyrikern, Verlegern und Herausgebern gesprochen. Fazit: Zu beobachten sind Neid, Missgunst, Kritik, aber auch Hoffnungen darauf, dass sich Lyrik fortan besser positionieren lässt. Und: "Ist es nicht unglaublich, wie alle sich an diesem Dichter abarbeiten? Als Jan Wagner den Leipziger Preis bekam, gab es Dresche auch außerhalb der Kollegenwelt. ... Erstaunlich, wie vehement Gedichte plötzlich zu Leistungsträgern gemacht werden, nachdem man sie viele Jahre lang für marginal erachtet hatte. Und fast komisch auch, wie sich manche Kritiker in Rage bringen, wenn ein Schriftsteller etwas schreibt, ohne sich zu vergewissern, ob er deren feuilletonistischen Klassenauftrag erfüllt."

Sehr grundsätzlich um Lyrik geht es heute auch in der FAZ. Dort hält der Dichter Arne Rautenberg ein flammendes Plädoyer für die Aufwertung und Anerkennung von Kinderlyrik. "Letztlich ist das Sensibilisieren für die Poesie nichts anderes als eine Lektion in Freigeistigkeit, die helfen kann, das lustvolle und zwanglose Denken zu fördern. Freier Geist und Spiel sind gute Gefährten, um sich ans Unvorstellbare heranzuwagen."

Außerdem dokumentiert die FAZ Eva Menasses auf dem Abschlussfest des Villa-Massimo-Jahrgangs gehaltene Rede. Das luxuriöseste, da bedingungsloseste Stipendium des deutsche Literaturbetriebs macht sie darin als ein tückevolles Geschenk kenntlich: "Man kann mit dieser Freiheit gar nicht umgehen. Wenn der Alltag zu Hause, das Altbekannte, gelegentlich Klaustrophobie erzeugt, so erzeugt das Jahr in der Villa Massimo Agoraphobie, die philosophisch viel interessantere Angst ... Das Geschenk ist das eiskalte innere Wasser, das in all der Schönheit und dem Luxus zu sprudeln beginnt. Das wahre Geschenk ist die gnadenlose Selbstbefragung, die so unangenehm ist wie das Paradies."

Weiteres: In der FAZ gratuliert Rose-Maria Gropp der Schriftstellerin Silvia Bovenschen zum 70. Geburtstag. Außerdem hat die Zeit Ijoma Mangolds Homestory über Heinz Strunk online nachgereicht (unsere Rezensionsnotizen zu seinem neuen, gefeierten Roman "Der goldene Handschuh" hier).

Besprochen werden Emmanuel Carrères Buch über das Urchristentum "Das Reich Gottes" (Welt), Misha Glennys "Der König der Favelas" (Welt), Norbert Gstreins Roman "Die freie Welt" (NZZ), Ulrich Schmids "Technologien der Seele" (NZZ), Riad Sattoufs Comic "Der Araber von Morgen 2" (taz), Milena Busquets' "Auch das wird vergehen" (FR), Siegfried Lenz' "Der Überläufer" (Tagesspiegel, sowie online nachgereicht von der FAZ), Nis-Momme Stockmanns "Der Fuchs" (FAZ) sowie neue Krimis von Ryan Gattis und Garry Disher (Perlentaucher).
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Kunst


Der spanische Architekt Juan Navarro Baldeweg imaginierte in den siebziger Jahren autonome Ökosysteme in pneumatischen Strukturen, die ebenso vor New York wie in der Arktis den tropenwald retten sollten. Bild: Centre Pompidou, Metz

"Köstliches Erschauern" durchdrang Samuel Herzog in der NZZ in der Schau über das "Sublime" im Centre Pompidou in Metz. Und das lag nicht am Mirabellenschnaps, wie er versichert, sondern an der klugen Konzeption: "Hélène Guenin beschränkt sich auf die Definition von Burke und versteht das Erhabene als jene Mischung aus Anziehung und Abstoßung, die der Mensch im Angesicht der entfesselten Naturgewalten empfindet. Diese Reduktion erlaubt es ihr im Gegenzug, einen weiten Bogen zu schlagen, der zwar bei der menschlichen Auseinandersetzung mit den Mächten von Berg und Ozean beginnt, bald aber bei Fragen der Umweltzerstörung landet."

Im Standard porträtiert Anne Katrin Fessler die in Wien lebende kurdisch-alevitische Künstlerin Nilbar Güres: "Individuen, die sich nicht zwischen zwei vorgegebenen Wegen entscheiden wollen, sondern ihre eigene Richtung einschlagen - so wie sie selbst - tauchen in Nilbar Güreş' Werk immer wieder auf. So eine freiheitsliebende Figur ist auch ihre Kaktee, eine stachelige Heldin, deren skulpturale Gestalt und deren Dornenkleid dank textilen Materials weich geraten ist. Die zähe Pflanze, die in freier Natur zu mächtiger Größe heranwächst, sprengt ihr Blumentopfgefängnis, emanzipiert sich im Laufschritt." (Nilbar Güreş, Escaping Cactus, 2014. Foto: Galerie Martin Janda)

Beeindruckt kommt Christiane Hoffmans aus Thomas Struths Ausstellung "Nature and Politics" im Folkwang Museum Essen, vermisst in der Welt aber ein wenig den roten Faden. In der FR gedenkt Ingeborg Ruthe dem vor 100 Jahren bei der Schlacht um Verdun gefallenen Maler Franz Marc.

Besprochen werden die Ausstellung "Secret Surface" in den Kunst-Werken in Berlin (Tagesspiegel) und eine Ausstellung über die Künstlerfamilie Cranach im Puschkin-Museum in Moskau (Berliner Zeitung, FAZ).
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Musik

In der taz spricht Jens Uthoff mit der chinesischen Popmusikerin Helen Feng von der Band Nova Heart (hier einige Hörproben). Für den Freitag spricht Jürgen Ziemer mit der Elektrokünstlerin Fatima Al Qadiri. Der Nachlass von Claudio Abbado kommt nach Berlin, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Die FAZ hat Eleonore Bünings Bericht von ihrer Reise nach Tokio, wo die Berliner Staatskapelle unter Daniel Barenboim einen Bruckner-Zyklus gespielt hat, online nachgereicht. Die von der Landesbibliothek Dresden erworbenen Materialien zum ersten Klaviertrio von Robert Schumann bieten einen "unvermutet tiefen Einblick in die Werkstatt des Komponisten", schreibt Jan Brachmann in der FAZ.

Besprochen werden das neue Album von Lucinda Williams (FR), neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Fatima Al Qadiri (ZeitOnline), und die Ausstellung "Total Records" im Fotomuseum Winterthur (SZ).

Außerdem: Da staunen die Popjournalisten weltweit Bauklötze: Kendrick Lamar hat gestern überrachenderweise ein neues Album via Spotify veröffentlicht (eine erste Besprechung bringt die Welt). Es heißt "Untitled Unmastered" und übt sich angefangen vom Titel über das nicht vorhandene Coverartwork bis hin zu den unbetitelten Stücken in der Kunst der Informationsverweigerung.
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Bühne

Mit "50 Grades of Shame" dekonstruiert die Gruppe She She Pop an den Münchner Kammerspielen die Geschlechterrollen und -verhältnisse. Das Kritikerinneninteresse an der Veranstaltung wurde im Zuge ebenfalls zerlegt: Was hätte man daraus nicht alles machen können, stöhnt Christine Dössel in der SZ. "Aber nein. Das, was die vier weiblichen und vier männlichen Körperforscher da in 14 Lektionen hübsch schulmeisterlich und in Workshop-gruppendynamischer Cross-Gender-Verteilung auf die Bühne bringen, ist derart brav und unsinnlich und so ohne jede Not, dass man ihnen am liebsten ein Blümchen schenken möchte (für den entsprechenden Sex). Wedekind war ein Extremist dagegen."

Ein bisschen gnädiger, aber ähnlich unzufrieden schreibt Katrin Bettina Müller in der taz. Für sie bleibt das "Weggeblendete eine ungenutzte Brache". Die nachtkritik war gestern freundlicher.
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Architektur








Santiago Calatravas Entwurf der rund 4 Milliarden teuren U-Bahn-Station am Ground Zero.

Der von Santiago Calatrava entworfene Bahnhof beim World Trade Center ist der von den Behörden bestellte "Knalleffekt" geworden, schreibt Peter Richter in der SZ über den Saurierbrustkorb: "Sieht es elegant, schnittig und sehr nach Calatrava aus? Aber wie!" Instagram werde aus den Nähten platzen, prophezeit er.

Schauderhaft findet es Gerhard Matzig in der SZ, wenn sich die Kirchen ab 1. April unter die Obhut von Unternehmensberatern begeben, wenn es um größere Bauprojekte geht: "Schon längst herrscht das Primat der Zahlen über das Terrain architektonischer Qualität. Nun auch in der Kirche, dem letzten Hort der Baukultur? Baukultur ist das Ergebnis von eingehaltenen Kosten, Terminsicherheit und Gestaltungskraft. Baukultur ergibt sich nicht aus dem Fundus der Billigbaumärkte. Baukultur ist vor allem auch ein Überschuss der Baukunst, die auf ein inneres Verstehen jenseits allen 'Managements' und aller 'Optimierung' zielt."

Mehr Toiletten, fröhlichere Farben, doch ansonsten wenig Vielversprechendes: Frederik Hanssens Ausblick im Tagesspiegel auf die nach langer Sanierung im Oktober 2017 den Betrieb wieder aufnehmende Berliner Staatsoper fällt reichlich missmutig aus: "An die Zuschauer (...) hat der Senat als Letztes gedacht."

Weiteres: Die FAZ hat Andreas Platthaus Lobeshymne auf das Len Lye Center in Neuseeland online gestellt. Besprochen werden zwei Ausstellungen über Arno Brandlhuber in Berlin und Zürich (FAZ).
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Film

Still aus Volker Koepps "Landstück"

Mit "Landstück" kehrt der große Dokumentarist Volker Koepp zurück in die Uckermark, die er bereits 2002 im gleichnamigen Film in den Blick genommen hatte. Mit "putzigen RBB-Dokumentationen" hat Volker Koepps Kino allerdings nichts zu tun, versichert uns Matthias Dell im Freitag. Der Kritiker mag vor allem, wie Koepp den Bewohnern der Region begegnet, etwa rüstigen alten Damen, die ihre Männer überlebt haben: "In ihrer Summe verdichten sich die Lebensbilanzen der trinkfreudigen Ladys auf Chroniken, in denen das Leben als Abfolge von mühsamer Arbeit und grundsätzlicher Feierbereitschaft erinnert wird. Gerade das Austauschbare erweist sich hier als das Interessante, weil der Blick in das Gesicht der menschlichen Existenz nicht verstellt ist von der Schminke eines Individualismus, der sich mit der eigenen Bedeutsamkeit über den Umstand seiner Vergänglichkeit täuschen will." Auch FR-Kritikerin Anke Westphal hat sich ganz vernarrt in die Leute, die der Film porträtiert. Weitere Besprechungen in taz, critic.de und der FAZ.

Außerdem gratuliert FAZ-Filmkritiker Andreas Kilb Andrzej Wajda zum Neunzigsten.

Besprochen werden László Nemes' Auschwitz-Drama "Son of Saul" (taz) und Michael Bays Kriegsfilm "13 Hours" (FAZ).
Archiv: Film