9punkt - Die Debattenrundschau

Am Ende reicht ein simpler Stromausfall

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.11.2015. Thomas Friedman erblickt in der NY Times Zeichen der Hoffnung in Saudi-Arabien. Einige Kandidaten auf begehrte Beamtenposten aber auch, meldet der Guardian. Kamel Daoud schildert im Quotidien d'Oran, wie Algerien auf den Rest des Universums blickt, der jetzt das schwarze algerische Jahrzehnt durchlebt. Außerdem: Die taz thematisiert die "Native Ads" im Spiegel-Ableger Bento. Die FAZ entwickelt Visionen für Museen.

Europa

Die suggestiven "unterstellen Sie etwa"-, "wollen Sie etwa"-, "sind Sie jetzt nicht auf dem besten Wege"-, ihn in die rechte Ecke treibenden Fragen Georg Blumes elegant ignorierend, macht Alain Finkielkraut im Zeit-Interview ganz deutlich, was ihn nach den Pariser Terroranschlägen umtreibt: "Mich beunruhigt nur dieses europäische Sich-gehen-Lassen. Europa ist eine Zivilisation. An uns liegt es heute nicht mehr, sie in die Welt zu tragen. Aber wir müssen sie schützen, weitergeben, verteidigen. Ich fürchte, wir können das nicht mehr."

Man wünscht sich keinen übermächtigen Staat, aber überhaupt kein Staat ist auch keine Lösung. Belgien ist paradoxerweise beides und damit ein exzellentes Beispiel für die Nutzlosigkeit beider Ideologien, lernen wir in der New York Times. Einen Monat vor den Pariser Terroranschlägen hatte die Bezirksbürgermeisterin von Molenbeek eine Liste mit 80 mutmaßlichen Islamisten bekommen, berichtet Andrew Higgins. Darauf standen u.a. Abdelhamid Abaaoud sowie Brahim und Salah Abdeslam, die an den Anschlägen beteiligt waren. "'Was hätte ich denn tun sollen? Es ist nicht meine Aufgabe, mutmaßliche Terroristen zu verfolgen', sagte Ms. Schepmans im Interview. Das, fügte sie hinzu, 'ist Aufgabe der Bundespolizei.' Die Bundespolizei wiederum untersteht dem Innenminister Jan Jambon, einem flämischen Nationalisten, demzufolge Belgien als Staat überhaupt nicht existieren sollte." Brüssel selbst zeigt, wohin solche separatistischen Auffassungen führen: zu "sechs verschiedenen lokalen Polizeieinheiten, einer Bundespolizei ... drei Parlamenten, 19 Bezirksparlamenten und zwei Aufklärungsdiensten..."

Dass mal so ganz nebenbei "eine friedliche Bürgerrevolution, getragen von allen Generationen, vor allem aber der jungen, eine korrupte Regierung gestürzt hat, die bis vor wenigen Monaten unerschütterlich im Sattel zu sitzen schien, ist fast unbemerkt geblieben", schreibt Oliver Jens Schmitt in der NZZ. "Dieses Land ist Rumänien."

Im Interview mit Alice Bota von der Zeit erklärt Mustafa Dschemiljew, Vorsitzender der nationalen Bewegung der Krimtataren, warum seine Leute seit September die Zufahrt vom ukrainischen Festland zur Krim blockieren, statt "um die Krimbewohner zu werben": "Aber es gilt dort heute russisches Recht. Wenn wir etwa ein Referendum anstreben würden, um die Krim zurück in die Ukraine zu führen, dann wäre das nun als Separatismus strafbar. Die Meinung der Bewohner zählt nichts, solange Russland herrscht."
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Politik

Kein Land - außer vielleicht Belgien - wurde in letzter Zeit so scharf kritisiert wie Saudi-Arabien. Hier liegen die Wurzeln des radikalen Islam, hier sitzen viele der Finanziers von Daesh. Thomas L. Friedman hat das Land besucht und bittet in der New York Times, zu differenzieren: Die Vorwürfe treffen zu, aber es gebe erstmals ein Klima für echte Veränderungen. Das liege zum einen an dem 30-jährigen Kronprinzen Mohammed bin Salman, der mehr Demokratie wolle. Und zum anderen hätten sich die Umstände einfach geändert: "Erstens sind die meisten Saudis jünger als 30. Zweitens hat König Abdullah vor zehn Jahre versprochen, er würde jedem Saudi, der das wünsche, ein Studium im Ausland bezahlen. Das führte dazu, dass heute 200.000 Saudis im Ausland studieren (100.000 davon in Amerika). 30.000 kommen jedes Jahr mit westlichen Abschlüssen zurück und treten in den Arbeitsmarkt ein. Man sieht jetzt überall Frauen in den Büros und mehrere Regierungsbeamte haben mir zugeflüstert, wie oft die selben Konservativen, die sich über arbeitende Frauen beschweren, sie heimlich auffordern, ihren Töchtern zu einer guten Schule oder einem guten Job zu verhelfen."

Ein wenig getrübt wird dieses schöne Bild durch folgende Meldung des Guardian: "Saudi-Arabien hat acht Stellen für neue Scharfrichter ausgeschrieben, um der steigenden Zahl der Hinrichtungen - meist durch öffentliche Köpfungen - Herr zu werden." Am Sonntag wurde der 85. Mann in diesem Jahr geköpft.

Daoud Boughezala weist in causeur.fr auf einen Vorfall hin, der in Deutschland gar nicht wahrgenommen wurde, die Köpfung eines Hirten durch Terroristen in den Bergen von Tunesien: "Am Tag des Attentats in Paris wurde der 16-jährige Mabrouk geköpft, nachdem er sich geweigert hatte, die Dschihadisten zu unterstützen. Einer seiner Cousins hat dieses Drama im tunesischen Fernsehkanal Nesmaa geschildert. Sein erschütternder, hier französisch untertitelter Bericht gibt uns einen Hoffnungsschimmer, was den Mut und die Hellsichtigkeit einiger arabischer Jugendlicher angeht. Aus Frankreich und Tunesien kommen zwar große Kontingente der Dschihadisten von Daesh, aber einige widerstehen der Barbarei. Und das nicht nur auf der Terrasse."




In Bahrain, wo der arabische Frühling so brutal unterdrückt wurde wie in kaum einem anderen Land, scheint sich dagegen gar nichts zu verändern. Umso empörter ist in der New York Times Sayed Ahmed Alwadaei, Direktor des Bahrain Institute for Rights and Democracy und gerade aus seinem Land zwangsausgebürgert, dass John Kerry kürzlich die Opposition in Bahrain als "Sektierer" gebrandmarkt hat: "Die oppositionellen politischen Gesellschaften (Parteien sind illegal in Bahrain), haben ganz einfache Forderungen: die Schaffung einer glaubwürdigen unabhängigen Justiz und deutliche Schritte hin zu mehr Demokratie. Weil keine dieser bescheidenen Forderungen in den vier Jahren nach dem Arabischen Frühling erfüllt wurde, entschiedenen sich die oppositionellen Gruppen, die Wahlen zu boykottieren. Nachträglich gesehen war diese Strategie ein Fehler. Sie gab der Regierung carte blanche, nach den Wahlen Oppositionsführer wie Ebrahim Sharif und Ali Salman zu inhaftieren. Menschenrechtler wie Nabeel Rajab wurden willkürlich eingesperrt. Ein anderer Bürgerrechtler, Abdulhadi al-Khawaja, verbüßt eine lebenslange Haftstrafe, ebenso der Blogger und Aktivist Abduljalil al-Singace. Laut einer Koalition aus Menschenrechtsorganisationen in Bahrain sitzen derzeit 4.000 Ärzte, Lehrer, Studenten, Journalisten, Fotografen und andere als politische Gefangene in Bahrains Gefängnissen. Viele wurden gefoltert." Zugleich kämen wichtige Daesh-Unterstützer aus prominenten Bahrainischen Familien, wie etwa der Hassprediger Turki al-Binali.

Kamel Daoud schreibt im Quotidien d'Oran über den seltsamen, aus Immobilismus rührenden Frieden in Algerien und denkt zurück an den mörderischen Bürgerkrieg zwischen Islamisten und Regime in den Neunzigern. "Tugend der Altvorderen, Lebenserfahrung, Verleugnung all der unbekannten Toten, Trauma der Überlebenden verleihen uns heute für den Moment jenen Status eines verschonten Landes. Als könnte man einen Getöteten nicht noch einmal umbringen. Und das macht uns für den Rest der Welt seltsam hellsichtig: das ganze Universum durchlebt jetzt jenes schwarze algerische Jahrzehnt, hat ein Kommentator im Internet gesagt."

Ist der Westen an dem ganzen Schlamassel im Nahen Osten schuld? Unsinn, meint in der Zeit Adam Soboczynski. Wer ist überhaupt der Westen? Die Intervention im Zweiten Golfkrieg etwa war vom UN-Sicherheitsrat abgesegnet und vereinigte in ihren Streitkräften Soldaten aus Amerika, Saudi-Arabien, der Türkei, Ägyptern, Polen, Marokko und Bangladesch: "Wer von einer jahrhundertelangen Frontstellung zwischen Abend- und Morgenland ausgeht, muss überdies ausblenden, dass der Zweite Golfkrieg der erste militärische Großeinsatz der Amerikaner im Nahen Osten überhaupt war, und nähert sich unbeabsichtigt einer der erfolgreichsten Propagandalügen der Islamisten: Der israelisch-amerikanische Kapitalismus unterjoche die arabisch-islamische Welt, die damit zum berechtigten Widerstand regelrecht getrieben würde."
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Gesellschaft

Smart Citys - das bedeutet totale Überwachung. Aber es bedeutet auch ein klimaneutrales Dasein und vor allem: umfassende Fürsorge und Sicherheit. Das lernt Zeit-Redakteur Hanno Rauterberg auf einer Messe in Barcelona. Er schildert diese Vorteile so verführerisch, dass man ihnen schon fast erlegen ist, bis man am Ende des Artikels von einem kalten Guss überrascht wird: "mit der Zahl der Knoten- und Kontaktpunkte vermehren sich auch die potenziellen Schwachstellen. Am Ende reicht ein simpler Stromausfall, um einer Metropole allen Schutz zu rauben. Die empfindsame ist auch die empfindliche Stadt."
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Ideen

Gustav Seibt antwortet im Perlentaucher auf Thierry Chervels Kritik an seinem SZ-Artikel über die "polemogenen" Werte: "Der Wertebegriff ist mir zu relativistisch und zu kulturalistisch (nicht umsonst reden alle Seiten immer von 'unseren', also ihren je eigenen Werten) - auch wenn ich für die Freiheit des Individuums Wahlfreiheit bei Werten ('relativistisch') durchaus an ihrem Platz sehe."
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Stichwörter: Thierry Chervel

Internet

Zur digitalen Revolution hat Europa bekanntermaßen nicht so viel beigetragen. Da könnten wir sie doch wenigstens durch "unser europäisches Selbstverständnis" adeln, meint EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der in der Zeit für eine europäische "Charta der Grundrechte für die digitale Zeit" plädiert. Entwickelt werden soll sie nicht von den Bürgern direkt, sondern von den Vertretern der repräsentativen Demokratie, also von Parlamentariern und Regierungsvertretern, denn schließlich gehe es hier "weniger um den individuellen Schutz vor staatlichen Übergriffen, sondern hauptsächlich darum, die Persönlichkeitsrechte jedes Einzelnen vor privaten Megakonzernen zu schützen". Hm, über diese Behauptung könnte man möglicherweise erst so richtig diskutieren, wenn Edward Snowden irgendwo in Europa Asyl gewährt würde.
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Kulturpolitik

Rose-Maria Gropp und Julia Voss, Kunstredakteurinnen der FAZ, entwickeln aus Anlass eines Symposium drei Thesen zur Zukunft der Museeen. Eine dvon betrifft die Digitalisierung: "Womöglich kann die Digitalisierung zudem Alternativen zum überhitzten Ausstellungsbetrieb schaffen. Institutionen erreichen das jüngere Publikum oft digital besser als mit Ausstellungsangeboten. Der Ausbau von Kunsteinrichtungen zu Medienplattformen wird daher mancherorts sehr ernsthaft betrieben."

Ohne die Süddeutsche Zeitung als Quelle zu nennen (blamable Machtpolitik à la deutscher Feuilletonjournalismus) geht Patrick Bahners in der FAZ auf Vorwürfe gegen die Gurlitt-Taskforce ein, die bisher noch keine wirklichen Ergebnisse gebracht habe (unser Resümee) und nimmt die Vorsitzende Ingeborg Berggreen-Merkel in Schutz: "Einiges von den anonymen Rügen ist manifester Unfug."

Medien

Jahrelang haben sich die großen Medien von den immer billigeren Formaten der Online-Werbung und dem Preisdruck von Google und Mediaagenturen kaputtmachen lassen, nun setzen sie auf "Native Ads", also Werbung, die aussieht wie redaktioneller iInhalt, so wie früher die Thai-Ginseng-Werbung in der Yellow Press. Und das gilt auch für Bento im Hause Spiegel, schreibt Daniel Bouhs in der taz: "Das alles ist eine Gratwanderung. Darüber reden wollen die Bento-Macher bislang nicht. Einem analogen Gespräch entziehen sie sich, auf Twitter reagieren sie allerdings auf entsprechende Fragen und Kritik der Nutzer. Vage heißt es dann, man habe sich 'für dieses Wording entschieden, weil es im Social-Media-Umfeld gelernt ist'. Oder: 'Es ist die erste Werbeform dieser Art, wir nehmen die Kritik ernst und diskutieren das.'" Anlass der Kritik ist ausgerechnet ein (immerhin gekennzeichneter) "Artikel" über Streaming Sticks, der ausschließlich über ein Google-Produkt spricht.
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Urheberrecht

Das Bundesverfassungsgericht befasst sich gerade mit dem Sampling, einer grundlegenden Technik aller modernen Popmusik, die den Nachteil hat, auf Zitaten zu beruhen. Es geht um die Beurteilung eines Urteils des BGH, das kleinste Schnipsel unter Schutz stellte, schreibt Michael Pilz in der Welt: "Der BGH hat mit dem Urteil vor drei Jahren die Musikkultur des freien Samplings und Zitierens soweit eingeschränkt, dass, streng genommen, nichts mehr möglich wäre, was nach Kraftwerk kam. Kein Hip-Hop und kein House. Die Popmusik würde zum großen Rauschen der Plagiatsklagen." Kläger ist übrigens Kraftwerk.
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