Efeu - Die Kulturrundschau

Zuerst die Anamnese

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.11.2015. Im Freitag ruft die grüne Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner den Fernsehanstalten zu: Hört endlich auf, das Filmniveau zu senken. Im Standard erinnert sich die Fotografin Margot Pilz, wie frei man sich als feministische Künstlerin in den 70ern fühlen konnte. Die NZZ lernt in einer Ausstellung, wie online leben uns verändert. Vice spricht mit den Eagles of Death Metal über das Massaker im Bataclan. Die Zeit schwingt die Hüften zum Italo-Eheanbahnungspop von Papst Franziskus und Judith Holofernes feiert Adele.

Film

Im Freitag fordert die grüne Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner, dass das deutsche Kino dem Zugriff der Fernsehanstalten entwunden werden muss: "Brauchen Kreative allen Ernstes staatliche Stellen und Anstalten öffentlichen Rechts, die vorgeben, besser als FilmemacherInnen zu wissen, wie Filme zu sein haben? Im Gegenteil: Sie brauchen UnterstützerInnen, die verstehen, welche Freiheiten und welche Rahmen für die Kreativität förderlich sind. Es wird immer wieder offenkundig, dass Vielfalt verhindert wird und gegen den Willen von KünstlerInnen das Niveau abgesenkt wird."



Mit "Love 3D" hat Gaspar Noé, das letzte Enfant Terrible des französischen Autorenkinos, den ersten 3D-Arthaus-Porno vorgelegt. Auch Janis El-Bira stöhnt im Perlentaucher: Eine gescheiterte Beziehung samt ungewünschtem Nachwuchs tritt "eine spielfilmlange, kein anatomisches Detail aussparende Erinnerungslawine an straffe nackte Körper im goldroten Pornolicht, an Dreier, wilden Klo-, ruppigen Hintertreppen- und schrägen Shemale-Sex [los]. Dazwischen immer wieder: Schreien, Kratzen, Hauen. Alles am Anschlag." Der Film will "ebenso hartnäckig pubertär bleiben will wie sein Held", schreibt Barbara Wurm in der taz. Außerdem hat sich David Steinitz für die SZ mit dem Regisseur getroffen.

Im Freitag wirft Georg Seeßlen währenddessen einen genaueren Blick auf Steven Spielbergs neuen Agententhriller "Bridge of Spies" (mehr dazu hier), der im Kalten Krieg spielt und immerhin auf einem Skript der Gebrüder Coen basiert. Und er wird fündig: Er sieht in dem Film "ein ziemlich klares Statement des liberalen Hollywood zur Zeit. Es besagt, dass Menschlichkeit wichtiger ist als Prinzipien, die Demokratie wichtiger als die Macht." Weitere Besprechungen in der NZZ, der taz, in der Filmgazette und online nachgereicht in der FAZ.

Weitere Artikel: Skeptisch nimmt Felix Stephan von ZeitOnline die Euphorie zur Kenntnis, mit der neue Netflix-Serien wie "Master of None" und "Jessica Jones" als politische Ermächtigungsgesten wahrgenommen werden. Dem Berliner Publikum empfiehlt Tazlerin Carolin Weidner die Zeughaus-Filmreihe "Sturm und Zwang" über einstmals verbotene DDR-Filme. In der SZ schreibt Fritz Göttler über eine Münchner Reihe zum rumänischen Gegenwartskino: "Die schönsten Phantomfilme kommen immer noch aus Rumänien."

Besprochen werden die neue RTL-Serie "Deutschland 83" über Agenten im Kalten Krieg (Eckhard Fuhr ist in der Welt begeistert: Herzschmerz und Action, schwarzer Humor und politische Reflexion, was will man mehr? Lars Weisbrod meint in der Zeit: "'Deutschland 83' ist großartig geworden. Aber wann kann man 'Deutschland 15' im Fernsehen sehen?", weitere Kritiken in Freitag, Berliner Zeitung, Presse), Joel Edgertons Psychothriller "The Gift" (Perlentaucher, Tagesspiegel), David Bernets Dokumentarfilm "Democracy - Im Rausch der Daten" (Freitag), Yared Zelekes "Ephraim und das Lamm" (taz), die Culture-Clash-Komödie "Highway to Hellas" von Aron Lehmann ("herzerwärmend", versichert Barbara Möller in der Welt, ZeitOnline), Pixars Dinofilm "Arlo & Spot" (Welt, SZ), Paolo Sorrentinos "Ewige Jugend" (Welt, FAZ), Dario Argentos auf DVD veröffentlichter Horrorschocker "Opera" aus dem Jahr 1987 (taz), Grímur Hákonarsons "Hrútar - Rams", der beim Zurich Film Festival den Hauptpreis gewann (NZZ) und Marcel Gislers Dokumentarfilm "Electroboy" über das Leben des Schweizer Snowboarders, Models und Internetpioniers Florian Burkhardt (Zeit).
Archiv: Film

Literatur

Wer glaubt, Schriftsteller hätten es leicht, sollte Lutz Seilers Bericht in der Zeit über die Entstehung seines Romans "Kruso" in Rom lesen: "Zuerst die Anamnese: die Geschichte meiner Krankenhausaufenthalte, meiner Unfälle, Knochenbrüche, Kinder, verheiratet, 'was schreiben Sie?'. Ein schwieriger Moment."

Außerdem: Nachdem Berlusconis Mondadori die neun Verlage des konkurrierenden Medienkonzerns RCS Mediagroup geschluckt hat, will Umberto Eco jetzt einen neuen Verlag gründen, meldet die Presse. Anne-Catherine Simon lässt sich für die Presse von Amir Cheheltan erzählen, wie sehr die Perser einst Paris liebten. Für die FAZ trifft sich Tilman Spreckelsen mit dem Kinderbuchautor Jeff Kinney. Und für den Perlentaucher räumt Arno Widmann wieder zahlreiche Bücher von seinem Nachttisch.

Besprochen werden Lotta Lundbergs Roman "Zur Stunde Null" (NZZ), Karl-Heinz Otts Roman "Die Auferstehung" (NZZ), Joseph Kanons "Leaving Berlin" (FR), Sandra Weihs' "Das grenzenlose Und" (FR), Katerina Poladjans "Vielleicht Marseille" (SZ) und Edwidge Danticats "Kein anderes Meer" (FAZ). Außerdem kommt die Zeit heute noch einmal mit einer Literaturbeilage, die wir in den nächsten Tagen auswerten.
Archiv: Literatur

Kunst


Margot Pilz, Das letzte Abendmahl. Hommage à Kremser Schmidt, 1979. Foto: musa, ma7

Der Fotografin und Medienkunst-Pionierin Margot Pilz ist derzeit eine Personale im Wiener Musa gewidmet (mehr hier). Im Interview mit dem Standard spricht sie über ihre Kunst und den Feminismus der 70er Jahre: "Wissen Sie, wie frei wir waren? Sie können sich das gar nicht mehr vorstellen. Wir waren unheimlich frei. Die jetzige Entwicklung in der Gesellschaft ist mir unheimlich, so retrokonservativ, ich spüre das sehr."


Peter Picciani: Soziales Netzwerk, 2014/15. © Pro Litteris, Zürich

Beunruhigt und angeregt kommt NZZ-Autorin Claudia Schwartz aus der Schau "I.ch - Wie online leben uns verändert" im Vögele-Kulturzentrum in Pfäffikon: "Da sind zum Beispiel die Bilder von unfreiwillig veröffentlichter Privatheit, die der deutsche Konzeptkünstler Florian Mehnert mithilfe von Hackern unbemerkt aus zufällig ausgewähltem Smartphoneverkehr überspielte: 'Menschentracks' (2014). Mag das Urteil von Psychologen, wonach wir in den sozialen Netzwerken virtuelle Bilder von uns selbst schaffen, denen wir im richtigen Leben immer weniger genügen, auch nicht wirklich weiterhelfen. Es gibt längst Apps fürs regelmäßige Abschalten, zur Wiederherstellung des vom blauen Licht der Geräte empfindlich gestörten Biorhythmus oder einen Film über 'Das gute digitale Leben': Am Ende dieser Kunstbetrachtung steht reale Sehnsucht."

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung porträtiert Ingeborg Ruthe den Töpfer und Käthe-Kollwitz-Urenkel Jan Kollwitz. In der NZZ denkt Philipp Meier über den Preis und den Wert von Kunst nach. Dem wieder eröffneten Musée de l'Homme in Paris mangelt es an einer "schlüssigen Betrachtungsperspektive", meint ein ratloser Joseph Hanimann in der SZ.

Besprochen werden die Ausstellung "Artist & Empire" in der Tate Britain in London (FR), eine Retrospektive der amerikanischen Künstlerin Carolee Schneemann im Museum der Moderne in Salzburg (Standard) und die Ausstellung "Eine kurze Geschichte der Zukunft" im Louvre ("auf verstörende Weise apolitisch", meint Peter Geimer in der FAZ).
Anzeige
Archiv: Kunst

Bühne

Die Hauspolizei des Bundestags hat gegen Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit Anzeige wegen schweren Hausfriedensbruch erstattet, meldet Martin Kaul in der taz. Ebenfalls rechtlich verantworten müssen sich Theaterleute aus Mainz, die während einer Afd-Veranstaltung bei offenem Fenster so laut gesungen haben, dass laut Polizei das Versammlungsrecht der AfD verletzt wurde, wie Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung informiert. In Dresden unterdessen stemmt sich Regisseur Volker Lösch am Staatsschauspiel in einer neuen Frisch-Inszenierung gegen den Pegida-Irrsinn, berichtet Alex Rühle in der SZ nach einem Probenbesuch. Für die Zeit untersucht Peter Kümmel in Dresden, Berlin und Hamburg, wie das Theater mit der Terrorangst umgeht.

Besprochen werden Benjamin Brittens "Sommernachtstraum" an der Oper Genf (NZZ) und David Hares neues, in London aufgeführtes Stück "The Moderate Soprano" (FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Herbert Grönemeyer ist empört, wie Xavier Naidoo als deutscher Kandidat beim Eurovision Song Contest (ESC) abserviert wurde, meldet die Presse und zitiert aus Grönemeyers Facebookeintrag: "Xavier ist einer der besten und etabliertesten Musiker und Sänger bei uns, weder homophob, noch rechts und reichsbürgerlich, sondern neugierig, christlicher Freigeist und zum Glück umtriebig und leidenschaftlich. Wir brauchen keine Gesinnungspolizei oder Meinungsüberwachung, sondern hoffentlich 80 Millionen verschiedene Köpfe und Wahrheiten."

Weitere Artikel: Für die taz plaudert Carla Baum mit Rocko Schamonis fiktiver Technopionierband Fraktus. Jens Uthoff von der taz unterhält sich mit Miland Petrozza von der Metalband Kreator über Bataclan und die Folgen. In der taz schreibt Klaus Walter zum Tod von Cynthia Robinson.

Besprochen werden John Coltranes "A Love Supreme: The Complete Masters" (Pitchfork), "Mutant" von Arca (Spex), ein Konzert von Uriah Heep (FR) und Jaëls Electropop-Album "Shuffle The Cards" (NZZ).

Außerdem bringt die Zeit eine kleine Musikbeilage. Im Aufmacher feiert Judith Holofernes das Album von Heulboje Adele. Und auf der "Glauben und Zweifeln"-Seite der Zeit untersucht man verschiedene Verbindungen von Pop und Religion, zum Beispiel das Album von Papst Franziskus, "Wake up": Hier "riskiert die Musik einige Hüftschwünge, gelegentlich sanft gebremst durch gregorianische Choräle, stellenweise schimmert Italo-Eheanbahnungspop durch. Ein Papst, der solchen Kompositionen seinen Segen gibt, muss Humor haben", notiert Christiane Florin.

Das Vice Magazine schließlich spricht mit den Eagles of Death Metal über den Anschlag auf das Bataclan:

Archiv: Musik