9punkt - Die Debattenrundschau

Die Schwarze Stadtentwicklung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2015. In der FAZ protestiert Roland Reuß gegen die Digitalisierung im Buchwesen. Die FAZ bedauert auch die "bedingungslose Kapitulationserklärung" der Kanzlerin in der Flchtlingsfrage. Die Welt fragt sich, warum Medien in der Frage, wer das Flugzeug MH 17 über der Ukraine abgeschossen hat, immer noch so zögerlich sind. Die Huffpo.fr erklärt, warum man Forderungen des Islamismus nicht im Namen von Multikulti akzeptieren sollte. Die SZ interviewt den Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde.

Kulturmarkt

Das Urteil datiert schon vom April, darum ist es ein Signal, dass das FAZ-Feuilleton den Oberreaktionär der Digitalisierungskritik im Buchwesen, Roland Reuß, zu Beginn der Buchmesse von der Leine lässt, um eine "Kriegserklärung gegen das Buch" anzuprangern. Er nimmt es ganz allein mit "Bibliotheksverband, DFG, BMBF, Google und Konsorten" auf und polemisiert insbesondere gegen die EU-Abgeordnete von der Piratenpartei Julia Reda und den Vorsitzenden des EU-Parlaments (und einstigen Liebling des FAZ-Feuilletons) Martin Schulz. Natürlich ohne ihre Namen zu nennen, wie es sich für ein führendes Feuilleton gehört! Am BGH-Urteil stört Reuß, dass es Bibliotheken erlaubt, Bücher zu digitalisieren (mehr hier) und dass es die Perspektive des Leser stärkt: "Es ist, als könnte die von Google, Amazon, Facebook und den Bibliotheksvertretern von morgens bis abends eingehämmerte, allein relevante Konsumentenperspektive nunmehr unbefragt auch in der Jurisdiktion ein quasi natürliches Monopol für sich beanspruchen - und hier wird es auch in einer Demokratie gefährlich, denn es gibt auch einen Terror der Mehrheit, die Freibier für alle will."
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Medien

Die Hinweise darauf, dass eine russische Rakete das Flugzeug MH 17 über der Ukraine abgeschossen hat, sind erdrückend, und sie verdanken sich im wesentlichen der Open-Source-Recherche des Dienstes Belingcat, schreibt Jörg Eigendorf in der Welt. Um so bestürzender, dass viele Medien in Deutschland immer noch Äquidistanz zwischen der Bellingcat- und der russischen Version suchen. Stefan Niggemeier machte sich die Mühe nachzuweisen, dass Bellingcat bei einigen Fotos der russischen Seite nicht ausschließen konnte, dass sie echt seien und machte so Punkte für die putinophile Seite. Eliot Higgins von Bellingcat "legte daraufhin nach", so Eigendorf weiter in der Welt: "Über Crowdfunding kaufte er Satellitenfotos der betreffenden Tage und verglich sie mit den Bildern des russischen Verteidigungsministeriums. Und siehe da: Es sind nachweislich Fälschungen. Darüber berichteten aber nicht mehr so viele."

Auf Spiegel Online wird auf das Thema recht kursorisch hingewiesen, weil heute im niederländischen Parlament ein Bericht der Ermittler vorgelegt wird: "Wer die Rakete abgeschossen hat, ist bis heute unklar. Die Ukraine erklärt, dass Russland die Maschine abgeschossen hat. Russland macht die Ukraine verantwortlich."
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Internet

Im SZ-Interview mit Jannis Brühl konstatiert Pirate-Bay-Gründer Peter Sunde, der voriges Jahr sechs Monate im Gefängnis saß und vergeblich für das EU-Parlament kandidierte, dass das Internet inzwischen eigentlich Facebook gehört, zumindest aber den USA: "Die Technik selbst ist dezentral, aber die Nutzung - also das, was wir unter Internet verstehen - ist zentralisiert. Das liegt an der Bequemlichkeit - und am Vertrauen. Die Menschen vertrauen diesen Unternehmen ja! Deshalb graben wir ein Loch, das immer tiefer wird. Und wir bringen keine Leitern mit, um wieder herauszukommen."
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Stichwörter: Peter Sunde

Gesellschaft

In Großbritannien sterben die Pubs. Pro Woche schließen im Durchschnitt 30 Lokale, berichtet Tom Lamont im Guardian. Schuld sind natürlich die hohen Mieten und gierige Developper. Dabei waren die Pubs in ihren Anfängen selbst Profiteure des Schreckens: "Die immense Zahl an Pubs in Großbritannien, zwischen 50.000 und 60.000, wird von einigen Historikern auf die Pest zurückgeführt. Im 14. Jahrhundert lebten die Briten, die nicht vom Schwarzen Tod ausgelöscht worden waren, in einem entvölkerten Land, sie verdienten mehr und hatten mehr Zeit, ihr Leben zu genießen. Einige 700 Jahre später schlägt die Plage auf sie zurück. Man kann es die Schwarze Stadtentwicklung nennen."

Andrian Kreye gibt Einblick in das Wesen amerikanischer Eliteunis, die Ruf und Netzwerk zur globalen Markenbildung genutzt haben, wie zum Beispiel die New York University: "Heute ist die NYU eine Universität mit der Expansionsstrategie eines aggressiven Weltkonzerns. Elf internationale Filialen gibt es inzwischen, die beiden größten in Abu Dhabi und Shanghai. Die europäischen Universitäten wirken dagegen oft wie brave Kunsthandwerksbetriebe."
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Stichwörter: Pubs, Eliteuniversität

Ideen

Man sollte im Begriff des Multikulturalismus nicht die "Kulturen" bestimmter gesellschaftlicher Gruppen wie zum Beispiel der Homosexuellen und die Forderungen des Islamismus zusammenfassen, meint die Philosophin Renée Fregosi in der huffpo.fr. Denn die Homosexuellen und Feministinnen kämpften um Gleichstellung und Anerkennung für jeden einzelnen. "Ganz anders die identitären Forderungen des Islamismus. Sie argumentieren immer noch im Namen der Gleichheit, zielen aber nicht auf die Emanzipation des einzelnen, sondern auf seine Bindung an eine Gemeinschaft, die ihn zu einem strikten religiösen Gehorsam und zur Zurückweisung demokratischer Werte verpflichten, besonders was die Gleichheit zwischen Männern und Frauen und die Religionsfreiheit in Bezug auf Blasphemie und Apostasie angeht."

Außerdem: Guido Kalberer unterhält sich im Tages-Anzeiger mit Rüdiger Safranski über Zeit.
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Überwachung

Nun hat"s die Bundesregierung eilig, meldet Markus Beckedahl bei Netzpolitik.org: "Im Schnelldurchgang geht die Vorratsdatenspeicherung durch den Bundestag. Bereits am Freitag soll die anlasslose Vollprotokollierung im Deutschen Bundestag beschlossen werden. Termin für die 2. und 3. Lesung der Vorratsdatenspeicherung ist wahrscheinlich Freitag um 9 Uhr im Plenum. Der nächste Stopp ist dann wieder das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe."
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Politik

Joseph Croitoru freut sich in der FAZ über angebliche Liberalisierungstendenzen in Saudi-Arabien (mehr dazu hier).
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Stichwörter: Saudi-Arabien

Europa

Die Flüchtlinge haben"s im FAZ-Feuilleton auch nicht so gut. Nachdem Jörg Baberowski die "Willkommenskultur" anprangerte (unsere Resümees) und sich Christian Geyer in der FAZ neulich schon sorgte, dass "das Eigene" durch all die Flüchtlinge gefährdet würde (unser Resümee), schreibt Kerstin Holm heute ebendort: "Dass in dieser auch für die europäische Kultur schicksalhaften Phase die mächtigste Politikerin Europas vorab eine Art bedingungslose Kapitulationserklärung abliefert, ist eine historische Zäsur. "

In der Berliner Zeitung macht Götz Aly vor, wie man Statistiken umdeutet: Die Flüchtlinge aus Syrien fliehen in Wahrheit vor den Rebellen, auch wenn Umfragen das Gegenteil behaupten, und deswegen müsse Assad gestützt werden.
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