9punkt - Die Debattenrundschau

Yanis, spuck's aus!

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.10.2015. Die taz fragt: Warum ist Warschau ein Hotspot - und Athen eine oligarchische Trümmerlandschaft? Die Zeit erkundet die exklusive Homosexualität katholischer Priester. In der FAZ überlegt die Direktorin der Stuttgarter Staatsgalerie, Christiane Lange, aus dem Kunstmarkt auszusteigen. Die NZZ attackiert mit Ralf Dahrendorf noch einmal Europas Harmonisierungswahn. Und der Freitag empfiehlt gegen zu viel Einvernehmlichkeit weniger Agamben und mehr Rancière zu lesen.

Europa

Die Berliner Volksbühne lud zum europäischen Gipfeltreffen linker Polit-Ikonen mit Yanis Varoufakis, Franco Berardi und Srećko Horvat. Jan Feddersen ärgert sich in der taz über die linke Erbauungsrhetorik, die an allen Realitäten vorbei gehe: "Weshalb ist Warschau mit neoliberalen Werkzeugen ein Hotspot geworden - und Athen ist immer noch eine oligarchische Trümmerlandschaft?" In der Welt meint Mara Delius: "Früher hatte die linksintellektuelle Szene das konsenserpichte ewige Gespräch, nun glich die Rhetorik die einer Gruppentherapiesitzung, bei der alle mit dem Therapeuten ins Bett wollen." Nervend fand Gustav Seibt in der SZ besonders das behäbige Gebaren von Varoufakis: ""Yanis, spuck"s aus!" hätte man dem selbstverliebten Redner immer wieder gern zugerufen. Interessant ist auch der intellektuelle Bankrott der Volksbühne, die ein derart homogenes Podium für Gegenöffentlichkeit hält."

In der NZZ erinnert der in Oxford lehrende Historiker Oliver Zimmer an zwei Essays Ralf Dahrendorfs, in denen der Soziologe und damalige EU-Kommissar den europäischen "Harmonisierungswahn" attackierte: "Die Hauptgefahr erblickte Dahrendorf in der Einebnung von Unterschieden; in undeklarierten Versuchen der Gleichschaltung. In der Politik gehe es um die Akzeptanz ungleicher Interessen, um das offene Ausdiskutieren von Konflikten. Das Verschweigen von Differenzen im Dienste einer Einheitsvision gehöre dagegen zu einem früheren Europa, dessen Geist es zu überwinden gelte: "Das Zweite Europa kann es sich nicht mehr leisten, die Interessen aller seiner Mitglieder so schändlich zu missachten und, wenn überhaupt, so kläglich wahrzunehmen wie das Erste Europa.""
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Kulturmarkt

Es gibt einen Overkill an Zeitgenössischer Kunst, sagt Christiane Lange, Direktorin der Stuttgarter Staatsgalerie, im Gespräch mit Julia Voss in der FAZ. Museen kommen da kaum mehr hinterher und haben nicht genug Etat. Und darum stellt sie die fällige Frage: "Sollen wir sagen, wir machen 2015 die Schotten dicht - und kaufen keine zeitgenössische Kunst mehr? Adäquat sammeln auf dem qualitativen Niveau, wie wir das bislang getan haben, können wir sowieso nicht. Dann sparen wir das Geld lieber, um den Meister von Messkirch zu kaufen oder das Oskar-Schlemmer-Wandbild. Wir schließen damit wichtige Lücken in unserer Sammlung, anstatt dem Kunstmarkt noch Geldbeträge hinterherzuwerfen."

Silvio Berlusconis Verlagskonzern Mondadori wird nun tatsächlich seinen Gegenspieler Rizzoli übernehmen und damit 40 Prozent des italienischen Buchmarktest halten, meldet der ORF. Monatelang gab es von Autoren wie Umberto Eco und Sandro Veronesi Proteste gegen den Zusammenschluss.
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Überwachung

In der taz möchte Meike Laaf nicht in die euphorischen Gesänge zum EuGH-Urteil gegen die amerikanischen "Datenpanscher" einstimmen, obwohl sie es schon richtig findet: "Nur darf man dieses Urteil nicht mit einer Lösung des Kernproblems verwechseln: der anlasslosen Massenüberwachung durch die NSA. Denn: selbst wenn Nutzerdaten künftig innerhalb von Europa gespeichert und verarbeitet würden - und das ist nach dem Urteil noch längst nicht ausgemachte Sache -, ist das Geheimdienst-Netz so eng gespannt, dass die NSA auch weiterhin kaum Probleme hat, an die Daten europäischer Nutzer zu kommen."
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Ideen

Im Freitag empfiehlt Nils Markwardt weniger Giorgio Agamben und mehr Jacques Rancière zu lesen. Der französische Philosoph fordere statt Einvernehmen mehr "Unvernehmen" und weise auf eine wichtige Unterscheidung hin: "Die Unterscheidung von Politik und Polizei. Was wir gemeinhin unter dem erstgenannten Begriff verstehen, verbucht Rancière unter zweitgenanntem. Mit Polizei spielt er nicht nur auf eine bewaffnete Staatsmacht an, sondern vor allem auch auf das, was bis ins 19. Jahrhundert policey hieß und die Gesamtheit gesellschaftlicher Verwaltungswissenschaften meinte. Polizei meint so verstanden die Herrschaft des Einvernehmens, die konsensuelle Verwaltung des Bestehenden durch die, die bereits einen Anteil am Sozialen haben."

In der Zeit macht der marxistische französische Philosoph Etienne Balibar deutlich, welchen Preis die Deutschen seiner Ansicht nach bezahlen müssen, wenn die anderen EU-Regierungen sich solidarisch an der Bewältigung der Flüchtlingskrise beteiligen sollen: "Wir müssen den neoliberalen Trend umkehren, den EU-Haushalt deutlich erhöhen."
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Medien

Die schon im "Innovationsfonds" mit Google-Millionen besiegelte Allianz zwischen Google und manchen Zeitungen scheint sich zu festigen. Für sein Projekt "Accelerated Mobile Pages" (AMP), das das mobile Internet beschleunigen soll, bevorzugt Google Zeitungen als Kooperationspartner, schreibt Jens Twiehaus bei turi2: "Als deutsche Start-Partner spielen FAZ.net und Zeit Online ihre Artikel über Googles Cache-Speicher aus, aus dem sie besonders fix abrufbar sein sollen. Ein Datum für die ersten schnellen Mobilseiten nennt Google noch nicht."

Der Tagesspiegel entschuldigt sich für seine bescheuerte Seite 1 von gestern:


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Gesellschaft

Auf Rue89 berichtet Thierry Bresillon, dass Tunesien tatsächlich über eine Entkriminalisierung von Homosexualität diskutiert.

In einem kleinen Musikspecial der Zeit unterhält sich Thomas Groß mit der chinesischen Popmusikerin Helen Feng, die den Wandel in China so beschreibt: Vor acht Jahren "haben unabhängige Filmemacher Leute auf der Straße nach ihrem Verhältnis zum Staat befragt. Das Ergebnis war niederschmetternd. Demokratie stellte für die Leute keinen Wert dar ... Wenn Sie heute mit einem Taxifahrer über Demokratie reden, wird er zumindest eine Meinung dazu haben."

Das Dossier der Zeit porträtiert die Neonazi-Aussteigerin Heidi Benneckenstein, die sich mit einigen Gleichgesinnten heute öffentlich gegen die Rechten stellt, dabei aber wenig statliche Untersützung findet.
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Religion

Evelyn Finger berichtet für die Zeit von der Familiensynode in Rom, wo konservative Kardinäle, die eine von Papst Franziskus unterstützte liberalere Sexualmoral ablehnen, einen herben Rückschlag erlitten, als sich der polnische Priester Krzysztof Charamsa als homosexuell outete (mehr dazu im Deutschlandfunk). Daneben versucht der schwule katholische Theologe David Berger Finger im Interview zu erklären, warum ausgerechnet so viele homosexuelle katholische Priester jede Änderung der Sexualmoral ablehnen: "Sie wollen, dass Homosexualität weiterhin Todsünde bleibt. Denn viele schwule Priester halten ihr Schwulsein für ganz anders, für besser, reiner, richtiger als die Allerweltshomosexualität. Sie lehnen die Homo-Ehe ab, aber treffen sich in Schwulen-Bars. Sie verachten andere, offen lebende Homosexuelle, um sich eine Illusion von der Exklusivität ihrer eigenen Sexualität zu erhalten."
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