9punkt - Die Debattenrundschau

Ein guter halber Liter Champagner

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2015. In der Zeit bewundert Boris Johnson die übernatürlichen Kräfte Winston Churchills. In der NZZ sieht Sonja Margolina das Gespenst Felix Dserschinskis auf Moskau zu marschieren. Gene Demby beschreibt in NPR.org, wie es ist, schwarz zu sein und in Mainstream-Medien über Rassismus zu berichten. In der Zeit sehnt sich Navid Kermani nach einer intakten Volksfrömmigkeit. Patente bringen keine Innovation, fürchtet der Economist.

Kulturpolitik

Den informativsten Nachruf über Khalid al-Asaad, den bekanntesten Archäologen aus Palmyra, der von den IS-Milizen öffentlich enthauptet wurde, schreibt Ben Hubbard in der New York Times: "Wie viele syrische Professionelle war Asaad ein Mirtglied der herrschenden Baath-Partei. Das half ihm sicher, den Job zu bekommen, den er über jahrzehnte ausübte, aber seine intime Kenntnis der Stätte machte ihn für ausländische Forscher unentbehrlich. "Jeder, der in Palmyra forschen wollte, musste über Khalid al-Asaad gehen, sagt Amr al-Azm, ein syischer Professor der Geschcihte und Anthropologie des nahen Ostens an der Shawnee State University in Ohio. "Er war Mister Palmyra.""

Italiens Kulturminister Dario Franceschini besetzt den Chefposten der Uffizien erstmals mit einem Ausländer, dem Deutschen Eike Schmid, und verfährt bei anderen Museen ähnlich, um dem Bürokratismus dieser Instutionen etwas entgegenzusetzen, berichtet Regina Kerner in der FR. Der Widerstand der alten Mandarine ist groß: "Nicht wenige Kritiker werfen Franceschini vor, er wolle die Museen in Disneylands verwandeln. Andere bemängeln, er sei zu ausländerfreundlich. Der Kunsthistoriker Tomaso Montanari meckerte, die Liste der neuen Direktoren sei mittelmäßig, wirklich herausragende internationale Fachleute hätten sich gar nicht beworben." Einen Einwand lässt Kerner allerdings gelten: Mit der Geldknappheit werden auch die deutschen Chefs zu kämpfen haben.

Geschichte

In Russland feiern die Helden der Stalin-Diktatur fröhliche Wiederauferstehung, berichtet Sonja Margolina in der NZZ. Die Statue von Felix Dserschinski etwa hat gute Aussichten, auf ihren angestammten Platz vor dem Moskauer KGB-Gebäude, von dem sie 1991 entfernt worden war, zurückzukehren: "Moskauer Kommunisten haben Unterschriften für ein Referendum gesammelt, das über die Rückführung entscheiden soll. Anders als während des Chruschtschowschen Tauwetters steht er heute für die Idee des Ausnahmezustandes und für die starke Hand und erscheint eher als eine "Reinkarnation" Stalins, so glaubt der Historiker Pawel Poljan. Noch schaffen es seine Denkmäler nicht bis nach Moskau. Doch in der Provinz sind sie bereits auf dem Vormarsch."

Londons Bürgermeister Boris Johnson hat gerade ein Buch über Churchill veröffentlicht - aber nicht, weil er sich mit ihm vergleichen will, erklärt er in der Zeit: "Churchill war nicht nur der Retter der freien Welt, er war zudem ein ganz und gar außergewöhnliches Individuum. Auf eine Art besaß er übernatürliche Kräfte, die die meisten von uns sich nicht vorstellen können. Er funktionierte anders als jeder normale Mensch. Sein Kraftstoff bestand aus einer hyperdynamischen Mischung aus Alkohol und Tabak. Ein guter halber Liter Champagner pro Tag war normal für ihn. Dazu natürlich Wein und Brandy zu den Mahlzeiten und sieben bis acht fette kubanische Zigarren am Tag. Es gibt keinen Politiker, der zum Abend essen regelmäßig so viel trank wie Churchill und danach so hart arbeiten konnte. Gerade abends lief er zu Höchstform auf und diktierte seine Zeitungsartikel und die zahlreichen Geschichtsbücher, für die er den Nobelpreis für Literatur bekam." (Mehr zum Buch in der Welt)

Außerdem: In Basel soll Nietzsche mit einem Brunnen und einem Preis geehrt werden, meldet Uwe Justus Wenzel in der NZZ.
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Gesellschaft

Die Hasskommentare gegen Flüchtlinge auf Facebook sind gefährlich, denn Online-Hetze kann zu Gewalt führen. Doch Sascha Lobo kennt einen Weg, das zu verhindern, schreibt er in seiner Spiegel-Online-Kolumne. Er beruft sich dabei auf Forschungen der amerikanischen Internetforscherin Susan Benesch, die bei Hassstimmungen im Netz vernünftiges, massives, aber nicht hassvolles Gegenreden empfiehlt: "Dabei kommt es darauf an, Hass gerade nicht mit gleicher Münze zu beantworten, so emotional naheliegend das auch sein mag. Stattdessen zitiert Benesch den norwegischen Premierministers Stoltenberg angesichts des rechtsradikalen Terroranschlags mit 77 Morden auf Utøya: "Wir werden Hass mit Liebe beantworten"."

Für die taz liest Rudolf Walther eine Studie des ehemaligen FR-Chefredakteurs Wolfgang Storz zum Universum der rechtssextremen Medien und Websites.

Prostitution
kann man nicht einfach abschaffen - jedenfalls ist das in 2000 Jahren nicht gelungen - deshalb sollte man sie liberalisieren und den Prostituierten ein Leben jenseits der "überständigen Logik zweideutig geregelter Randständigkeit" bieten, meint Gustav Seibt im Aufmacher der SZ.

Der Iran hat ein ähnliches Problem mit dem Alkohol, berichtet Amir Hassan Cheheltan in der FAZ. Zwar stehen auf Alkohol trinken 80 Peitschenhiebe und beim dritten Erwischtwerden gar der Tod, "doch berichten manche Quellen von mehr als 200.000 Personen, die in Iran im Handel mit Spirituosen tätig sind. Anderen Quellen zufolge werden in Iran jedes Jahr mehr als achtzig Millionen Liter Alkohol konsumiert. Wie die Drogenbekämpfungsstelle bekannt gibt, vergehen von der telefonischen Bestellung eines alkoholischen Getränkes jeder beliebigen Marke bis zur Lieferung nur siebzehn Minuten. Die Motorradkuriere, welche diese Getränke im furchtbaren Teheraner Straßenverkehr express dem Kunden ins Haus bringen, heißen Mundschenk."
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Politik

China kann die Weltwirtschaft nicht retten, meint Josef Joffe angesichts eines um die Hälfte gesunkenen chinesischen Wirtschaftswachstums in der Zeit: "Das Demografie-Desaster wirkt langfristig, die Krise des chinesischen Staatskapitalismus ist heute." Daron Acemoğlu vom Massachusetts Institute of Technology, erklärt auf der Folgeseite im Interview, warum auch er die Wirtschaft Chinas ohne politische Liberalisierung eher pessimistisch beurteilt und verweist als Beispiel auf Südkorea: "Auch dort haben staatsnahe Konzerne die Wirtschaft dominiert. Das hat einige Zeit funktioniert, aber irgendwann nahm die Korruption überhand. Als sich das Land dann öffnete, hat es technologisch enorme Fortschritte gemacht."

Auch das Dossier der Zeit widmet sich China - nämlich Chinas Liebe zu deutschen Autos. Und Slavoj Zizek kommentiert im Feuilleton windungsreich die Kapitulation der Syriza-Regierung vor den Forderungen der EU.
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Religion

Im Interview mit der Zeit erklärt Navid Kermani anlässlich seines neuen Buches "Ungläubiges Staunen", warum ihn das Christentum und seine Kunst so faszinieren. Und warum seiner Ansicht nach die Ärmsten oft die Tolerantesten sind: "Je weiter Sie in die Dörfer vordringen, je weniger aufgeklärt also die Menschen sind (lacht), desto weniger haben die Menschen ein Problem mit dem anderen Glauben. Das habe ich oft erlebt, in Südamerika genauso wie in Indien oder Ägypten. Die Volksfrömmigkeit erschien mir oft toleranter. Die Wortführer des Fundamentalismus sind stets die Studierten. Die Elenden geben allenfalls den Mob, der aufgestachelt wird oder heute in Syrien und im Irak zum Kanonenfutter wird."
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Medien

Bisher war die Arbeitsteilung in amerikanischen Medien so: Ein Schwarzer wird von der Polizei getötet, ein wohlmeinder Weißer aus der besser gestellten Mittelschicht berichtet darüber. Nun aber berichten immer mehr schwarze Reporter, deren Empfindungen Gene Demby in einem lesenswerten Essay für npr.org schildert. Er zitiert unter anderem seinen Kollegen Trymaine Lee von MSNBC: ""Wir können in keiner Blase leben. Wir versuchen ja gerade die Blasen aufzuschlagen. Wir müssen uns mit diesem Stoff anders als die anderen auseinandersetzen." In Fällen wie denen von Freddie Gray oder Walter Scott, die auch ein Bruder oder Onkel des Reporters sein könnten, braucht es eine besondere kognitive Gymnastik um durchzukommen. "Wir müssen uns permament mit diesen Dingen auseinandersetzen", sagt er."

In der FAZ beschreibt Anna Gyapjas die deprimierende Situation der Medien in Ungarn. Die Traditionsmedien haben sich Google als Feindbild auserkoren - aber inzwischen sind sie abhängiger von Facebook, das vielen Nachrichtenquellen mehr Klicks bringt als Suchkonzern, berichtet die Presse.
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Urheberrecht

Patente mögen manchmal den Innovatoren und oft den Platzhirschen einer Industrie nützen, aber insgesamt nützen sie dem Fortschritt kaum, schreibt der Economist in einem längeren Hintergrundstück, das ganz in der libertären Tradition des Blattes steht. Selbst in der Pharma-Industrie, die Medikamente mit ihren Patenten superteuer macht, rät der Artikel unter Bezug auf Forschungen von Michele Boldrin and David Levine zu Skepsis: "Bis 1967 konnten deutsche Pharmakonzerne nur die Methode patentieren, mit der sie zu bestimmten edikamenten kamen, nicht die Fformel der Medikamente selbst. Jeder konnte Kopien der Medikamente verkaufen, wenn er eine andere Methode fand. Und doch, sagen Boldrin und Levine, haben deutsche Frmen mehr Innovationen gebracht als britische (erinnern sie sich an Aspirin)."
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