9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Maxi-Packung Hartkekse

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.08.2015. Die IS-Milizen haben den Chefarchäologen von Palmyra, Khaled Asaad, enthauptet, meldet Spiegel Online. Slate.fr zieht aus einem neuen Buch über den Völkermord an den  Armeniern paradoxe Lehren. Fünfzig Jahre nach dem großen Frankfurter Auschwitz-Prozess zieht Werner Renz vom Fritz-Bauer-Institut in der taz Bilanz. Journalismus im Netz ist eine Riesenenttäuschung mit vielen Möglichkeiten, meint die Medienwoche. Naturapostel brauchen S-Bahnanschluss, lernt die Welt in einer Ausstellung.

Politik

Die IS-Milizen haben den Chefarchäologen von Palmyra, Khaled Asaad, enthauptet, meldet Spiegel Online: "Die Terroristen stellten den Körper an einer Straßenkreuzung im Ort zur Schau. Augenzeugen berichteten, inzwischen hänge die Leiche an einer der antiken Säulen, deren Erhalt der Forscher sein Leben gewidmet hatte... Seit der Eroberung der Stadt drohte der IS mehrfach mit der Zerstörung der antiken Stätte."
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Gesellschaft

Jahrhundertelange Ausbeutung durch die Afrikaner selbst und anschließend die Kolonialmächte sowie jahrzehntelanges Versagen der eigenen Eliten nach der Entkolonialisierung macht der senegalesische Schriftsteller Abasse Ndione in der SZ für die Armut und Perspektivlosigkeit in Afrika verantwortlich: "Der beste Beweis für das Scheitern in allen Bereichen - Gesundheitswesen, Bildung und Unterrichtswesen, Wasser- und Stromversorgung, Beschäftigung, Landwirtschaft - sind die Tausenden jungen Menschen, die wie die Sklaven vom 15. bis 19. Jahrhundert in den Schiffsladeräumen zusammengepresst versuchen, nach Europa zu gelangen. In einem Land wie Senegal kommen jedes Jahr 200 000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Höchstens 25000 finden einen Arbeitsplatz. ... Unter all diesen verzweifelten Jugendlichen sieht man niemals das Kind eines Ministers, Abgeordneten oder auch nur eines hohen Beamten. Es handelt sich ausschließlich um Söhne von Bauern, Fischern, Pastoren, Arbeitern, Arbeitslosen - um Söhne von armen Leuten. Sie sind es, die nicht genug zum Essen, zum Studieren, für die medizinische Versorgung haben."

Es macht keinen Spaß, ein Naturpostel zu sein, wenn man ein Rufer in der Wüste bleibt, hat Tilman Krause in einer Potsdamer Ausstellung zur Geschichte der Jugendbewegung festgestellt: "Gleich zu Beginn der Ausstellung ist darum eine große Landkarte aufgestellt. Und siehe da: Rund um die Reichshauptstadt reiht sich ein Hotspot der Weltverbesserer und Gesundheitsapostel, der Wanderprediger und ganzheitlichen Zivilisationsskeptiker an den anderen. Übrigens immer schön mit S-Bahnanschluss nach Berlin."
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Kulturpolitik

Nach der taz fürchtet jetzt auch Thomas Brock in der NZZ um das Nationalmuseum von Bosnien-Herzegowina. Seit 2011 ist es für Besucher geschlossen; Pförtner, Gärtner, Wissenschaftler arbeiten seitdem ohne Gehalt: "Die Museums-Vizedirektorin Marica Filipovic ortet das Problem maßgeblich in der bosnischen Kulturpolitik: Man habe geklagt, um zu klären, wer für das Museum eigentlich verantwortlich sei, sagt die Ethnologin, ein Urteil stehe aus. Dem Museum fehle eine rechtliche Grundlage, denn das Abkommen von Dayton habe die Kulturhoheit auf die Landesregierungen, die Entitäten, übertragen und so auch die kulturelle Teilung des Landes zementiert... Offiziell, so Filipovic, gehe es um die Finanzierung, tatsächlich aber sei das Museum politisch nicht gewollt."

In der SZ fragt Jens Bisky, ob man zur Belebung des Berliner Kulturforums wirklich einen gigantischen Masterplan braucht, oder ob es nicht auch einfach ein bisschen Seele täte: "Inmitten der großartigen Kultureinrichtungen gibt es derzeit nur einen urbanen Ort: einen Imbiss mit ein paar Plastikstühlen. Dort trifft man ständig Leute, hier können sie ausruhen, Zeitung lesen, trinken, auf ihre Taschentelefone starren, flirten, meckern - was Städter eben so tun."
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Geschichte

Fünfzig Jahre nach dem Frankfurter Auschwitz-Prozess zeichnet Werner Renz vom Fritz-Bauer-Institut in der taz nach, welch verheerenden Folgen die Urteile für die Strafverfolgung von NS-Tätern hatten. Denn die Richter forderten, den Angeklagten konkrete Einzeltaten nachzuweisen. Der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer wollte dagegen das Verbrechensgeschehen in ­Auschwitz als "eine Tat" betrachten: "Wer an einer Funktionsstelle im Vernichtungsapparat tätig gewesen war, leistete auch ohne Nachweis eines konkreten Tatbeitrags zumindest Beihilfe. Die Konsequenz dieser vom Gericht und vom Bundesgerichtshof im Fall ­Auschwitz verworfenen Rechtsauffassung... wäre gewesen, Hunderte von SS-Leuten, die die Frankfurter Strafverfolgungsbehörde ermittelt hatte, als Verbrechensbeteiligte zur Rechenschaft zu ziehen."

Gaëlle Verdy liest für Slate.fr Mikaël Nichanians Studie "Détruire les arméniens - Histoire d"un génocide", die beansprucht, alle heute zur Verfügung stehenden Informationen zum Genozid an den Armeniern zu resümieren. Dazu gehören einige überraschende Einsichten: "Das erste Paradox liegt in der fast konstanten Treue der Amernier zum Regime. Das zweite Paradox findet sich auf Seiten des Osmanischen Reichs. Die türkischen Führer suchen den Anschluss an die Moderne, die gerade in den von den Armeniern ausgeübten Berufen liegt (Berufen im Handel, den Finanzen, im Buchhandel und so weiter), da ihnen andere Berufe wegen ihrer Isolierung in der Gesellschaft verwehrt waren. Mit dem Genozid trennen sich die türkischen Führer also von der Moderne ab und verhindern die Entwicklung des Landes."
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Medien

Journalismus im Internet ist eine einzige Enttäuschung, schreibt Ronnie Grob zum Auftakt einer Reihe über das Thema in der Schweizer Medienwoche: "Ich hätte nicht erwartet, dass es soweit kommt. Aber vielleicht muss ich einigen Kritikern des Internets recht geben. Denn die großen, mit der Explosion von Möglichkeiten im Internet geschmiedeten Träume konnten bisher nicht erfüllt werden. Viele der solche Visionen hegenden kreativen Geister leben stattdessen fast prekärer als in Vor-Internet-Zeiten."

In ihrer taz-Kolumne freut sich Silke Burmester sehr über die Ankündigung von Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer, nicht mehr nur darauf zu warten, dass Frauen den Weg nach oben von allein schaffen: "Das sind Bekenntnisse, die es selbstverständlich werden lassen, dass Frauen, die das Spiegel-Gebäude betreten, ein Kompass ausgehändigt wird. Eine Maxi-Packung Hartkekse und dass diese Frauen einen Beutel As­tronautennahrung bekommen, deren Haltbarkeitsdatum nicht vor dem Jahr 2045 abläuft."
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