9punkt - Die Debattenrundschau

In Jogginghose am Kacheltisch

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.08.2015. In der NZZ meditiert Hans Christoph Buch über das Dilemma Europas, das die Flüchtlinge "gleichzeitig aufnehmen und abschieben will". Im Tagesspiegel erklärt James Bridle, wie man Überwachung sichtbar macht. Welt und FAZ fragen, ob Blogger die Privilegien von Journalisten genießen dürfen. In der SZ verteidigt Hermann Parzinger den Begriff des "shared heritage".

Internet

Uli Ries zitiert bei heise.de eine Rede der Internetaktivistin Jennifer Granick, die den Traum eines freien Internets als immer gefährdeter ansieht. Hauptgründe sind für sie Zensur und Überwachung durch Staaten - auch demokratische. "Auch die Passivität, mit der die Web-Nutzer diese Einschränkungen hinnähmen, trage zum langsamen Dahinsiechen bei. Dazu komme, dass es einige wenige Engpässe gebe - Level 3 für Glasfaserverbindungen, Google für Suche und E-Mail, Amazon für Cloud-Dienste und so weiter -, die eine effiziente staatliche Kontrolle und Zensur möglich machen."

Fotos plantschender Kinder und stillender Mütter verstoßen gegen Facebooks Gemeinschaftsstandards, nicht jedoch Hassbotschaften und Mordaufrufe, berichtet Thomas Lückerath in DWDL und fordert, dass soziale Netzwerke Verantwortung für ihre Inhalte übernehmen: "In diesem Fall, könnte Medienregulierung auch endlich mal im Sinne der Nutzer von Bedeutung sein. So wie klassische Medien für ihre verbreiteten Inhalte verantwortlich sind, muss eine vergleichbare Verantwortung auch für soziale Netzwerke gelten. Wer auch immer zuhause in Jogginghose am Kacheltisch sitzt und hasserfüllt seine Kommentare in die Tastatur hämmert - er oder sie füllt technisch gesehen erst einmal ein Eingabeformular auf einer Website aus. Das würde kaum jemand mitbekommen, wenn es nicht vom weltgrößten sozialen Netzwerk Facebook verbreitet, auffindbar gemacht und auch trotz Meldung toleriert werden würde."
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Gesellschaft

Jürg Altwegg erzählt in der FAZ die reichlich giftige Geschichte der Eva Ionesco, die einst von ihrer Mutter Irina zu Kinderpornos gezwungen wurde, aber auch in anderen Filmen als Lolita auftrat. Sie war auch auf einem Spiegel-Cover zu sehen, das der Spiegel inzwischen aus seinem Archiv entfernt hat, so Altwegg. Die beiden streiten sich um die künstlerischen Rechte an den Filmen. Und nun hat Eva Ionescos Lebensgefährte Simon Liberati einen Roman über die Geschichte geschrieben, den Irina verbieten lassen will: "Ein gutes Dutzend Stellen beanstandet sie, vertreten wird sie vom renommiertesten Pariser Anwalt in Sachen Freiheit der Kunst und Persönlichkeitsschutz, Emmanuel Pierrat. Dass in dieser Affäre noch irgendwelche Grenzen - der Gesetze, der Geschmacklosigkeit - übertreten werden könnten, ist doch mehr als fraglich." (mehr in der Complete Review)
Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

Im Gespräch mit Jens Bisky (SZ) verteidigt Hermann Parzinger den Begriff des "shared heritage" gegen Mark Siemons" Kritik in der gestrigen FAZ (unser Resümee) und das Humboldt-Forum gegen den Vorwurf des Kolonialismus: "Es gibt keine einzige Rückforderung, die von staatlicher Stelle vorgetragen wird. Gäbe es sie, würden wir sie prüfen. Unsere Museen sind ja keine Trophäen-Sammlungen voller Raub- und Beutekunst, wie oft unterstellt wird. Als Universalmuseum bietet die Gesamtheit der Sammlungen der Stiftung vielmehr einzigartige Möglichkeiten, die gesamte Welt zu betrachten. Der transparente Umgang mit der Herkunft der Bestände gehört zur Präsentation dazu."
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Europa

In der NZZ denkt der Schriftsteller Hans Christoph Buch über die Flüchtlingsproblematik nach und kommt zum Schluss, dass es keine einfachen Lösungen gibt: "Die in Sonntagsreden beschworenen Menschenrechte gelten nicht oder nur mit Einschränkungen für das, was an den Grenzen der EU passiert, die quer durch unsere Wohnzimmer verlaufen, denn Schengen ist kein realer, sondern ein virtueller Ort, und Europa versucht die Quadratur des Kreises, wenn es gleichzeitig aufnehmen und abschieben will, möglichst im selben Atemzug."

Passend dazu bringt Zeit online eine interessante Infografik über alle 40 im Jahr 2014 von europäischen Flughäfen gestarteten Abschiebeflüge.
Archiv: Europa

Überwachung

Im Gespräch mit Fabian Federl (Tagesspiegel) spricht der Künstler James Bridle, der gerade in Berlin ausstellt, darüber, wie man ein Thema wie Überwachung überhaupt greifbar macht: "Es hat eine Dematerialisierung der Strukturen gegeben. Foucault ging es um Formen der Architektur, des Urbanen. Heute können wir nicht mehr irgendwo hinzeigen und sagen: "Da, das ist Überwachungsarchitektur", weil diese sich in unseren elektronischen Geräten abspielt. Deshalb bestehen Edward Snowdens Enthüllungen vor allem aus Powerpoint-Präsentationen. Wie soll man über etwas reden, das nicht greifbar ist? Ich versuche, solche komplexen Systeme erfahrbar zu machen."
Archiv: Überwachung

Politik

Die Anwesenheit Ai Weiweis regt Christoph von Marschall vom Tagesspiegel zu einer Meditation über die Frage an, wie die Bundesrepublik einst mit Dissidenten aus dem Osten umging - zumeist ignorant: "Hat die Gesellschaft hierzulande nicht deshalb auf die ehrende Heraushebung der Dissidenten verzichtet, weil damit die Herabsetzung der Mitläufer, also der Mehrheit, verbunden gewesen wäre? Ein Risiko in Demokratien."

In der SZ gewährt der Schriftsteller Mahmud Doulatabadi einen Einblick in den Iran in den Wochen nach dem Atomabkommen: "Die Menschen versuchen, sich allmählich aus der Resignation und Perspektivlosigkeit herauszuretten. Das ist der erste Schritt, allerdings ein schwerer. Diese Lage stimmt nicht überein mit dem Eindruck, den die Medien heute über Iran vermitteln, dass nämlich alles in bester Ordnung sei. Genauso wenig traf das zuvor vermittelte Bild zu, Iran werde von sinisteren, dem Westen gegenüber feindselig gestimmten Mullahs beherrscht, denen das Volk unwidersprochen Folge leistetet und sich sonst um nichts anderes kümmert."
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Medien

In der Netzpolitik-Affäre kam mal wieder die Frage auf, ob "selbsternannte" Blogger die Privilegien amtlicher Journalisten genießen dürfen. Medienexperte Wolfgang Schulz meint im Gespräch mit Christian Meier von der Welt, dass die Grenze kaum zu ziehen ist. "Nur massenmediale Öffentlichkeit zwingt alle Beteiligten dazu, sich auf den Skandal um die Ermittlungen gegen die Blogger einzulassen, bis die Affäre schließlich abgeschlossen ist. Aber darüber hinaus erfüllen auch Aktivisten punktuell wichtige Aufgaben und verdienen Schutz."

(Via Metronaut) So richtig warm geworden ist die FAZ doch immer noch nicht mit diesem Internet, das ihren Redakteuren Status und Dienstwagen nahm. Vorgestern sprach sie mit Blick auf Netzpolitik noch von "selbsternannten Blogwarten". Dann beschwert sich Stefan Tomik über die Netzpolitiker: Sie "verfolgen eine eigene politische Agenda, organisieren den Widerstand etwa gegen Vorratsdatenspeicherung und Netzüberwachung. Aufrufe zu Demonstrationen gehören dazu. Darin sind sie Lobbyisten näher als Journalisten."

Falls irgendjemand ihn noch nicht gesehen hat. Hier Anja Reschkes Tagesthemen-Kommentar zu den Flüchtlingen und ihren Feinden.



Und ja, Jon Stewart hat in seiner letzten Show geweint, hält Alex Weprin von Capitalnewyork fest.
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Geschichte

Das Bildungsministerium von Jekaterinburg hat in einem Brief die Schulen und Hochschulen der Region aufgefordert, Bücher der britischen Historiker Antony Beevor und John Keegan aus ihren Bibliotheken zu verbannen, berichtet Shaun Walker im Guardian: "Beevor's work has caused outrage in Russia, particularly his book on the fall of Berlin in 1945, which contains extensive material about rapes carried out by Soviet soldiers against German women... 'Many history scholars believe that these authors mistakenly interpret information about the events of the second world war, contradict historical documents, and are imbued with the propagandistic stereotypes of nazism,' a spokesperson for the regional governor told Kommersant newspaper."

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