9punkt - Die Debattenrundschau

Wer in zweiter Reihe parkt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.08.2015. In der NZZ benennt der polnische Historiker Wlodzimierz Borodziej , was der Süden und der Osten in der EU fatalerweise gemeinsam haben. Die FAZ zeigt, wie "Sicherheitstechnik" ganz schnell zu Überwachungstechnik mutiert. Die FAZ beklagt auch die Macht der Blogger. Politico.eu erinnert daran, dass der Ukraine-Krieg in Georgien anfing. Die taz begibt sich mit dem Sozialpädogen Christian Spoden in ein Paradies für Pädophile - nämlich ins Kreuzberg der Achtziger.

Europa

Der polnische Historiker Wlodzimierz Borodziej warnt in der NZZ vor einer Teilung Europas in Nord und Süd, wobei er den Osten tendenziell dem Norden zurechnet: "Das Thema Flüchtlinge könnte dem heutigen Europa als Spiegelbild zum Thema Russland dienen: Der Süden ist am ersten mehr als lebhaft interessiert, der Osten am zweiten - in sehr unterschiedlicher Intensität, von den geografisch exponierten, historisch geprüften baltischen Ländern über die indifferente Slowakei bis zum plötzlich russlandfreundlichen Ungarn. Süden und Osten verstehen sich nicht, denn Solidarität gilt in beiden Sphären immer einem selbst, nicht den anderen."

Als VWL-Student absolvierte Bernd Loppow 1983 ein vierwöchiges Praktikum im griechischen Landwirtschaftsministerium, 1986 analysierte er in der Zeit die dabei entdeckten wirtschaftlichen Strkturschwächen, die mittlerweile auch dem IWF aufgefallen sind. "Jeder halbwegs ökonomisch gebildete Mensch hätte damals erkennen können, wie die Situation war", schildert er im Gespräch mit Marvin Schade (Meedia) seine Eindrücke von damals: "Ich habe mich verwundert gefragt, wo die ganzen Beamten sind. Mit der Zeit bekam man mit, dass der eine nebenbei Taxi fuhr, der andere einen Kiosk betrieb. Griechenland ist ein Land mit liebenswerten Menschen. Damals wie heute ist es aber üblich, dass die Politiker Wahlgeschenke in Form von Jobs verteilen. Deshalb ist der öffentliche Dienst total überbesetzt. Es gab und gibt Beamtengehälter scheinbar ohne Anwesenheitspflicht."

Die Grundlagen für die heutige Situation in der Ukraine wurden vor acht Jahren in Georgien gelegt, meint Natalie Sabanadze in politico.eu. Schon damals überfiel Russland ein Land und kündigte den Nach-Wende-Konsens auf. Die Aggression "dauert bis zum heutigen Tag, da Russland dem Waffenstillstandabkommen nicht komplett Folge leistet, sein Militär in den georgischen Regionen in Abchasien und der ossetischen Stadt Zchinwali konzentriert ist, die es mit Stacheldraht vom Rest Georgiens abtrennt. Internationale Beobachter werden nicht geduldet, die ethnische georgische Bevölkerung kann nicht zurückkehren."
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Überwachung

Neue Überwachungstechnik wurde in Form von Videokameras in Paris installiert - und dient offiziell der Sicherheit und inoffiziell dazu, das kleinste Fehlverhalten der Bürger sofort zu belangen, schreibt Niklas Maak in der FAZ: "Wer in zweiter Reihe parkt oder über eine rote Ampel fährt, dessen Kennzeichen wird automatisch erfasst und ein Strafzettel zugestellt. So schafft sich der Staat mit einer Technik, die der Sicherheit der Bürger dienen soll, eine lukrative Einnahmequelle."

Weiteres: In der SZ befasst sich Andrian Kreye mit neuen Prognosetechnikern amerikanischer Geheimdienste.
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Medien

Authentischen Neid auf "den Blogger", der auch noch "selbsternannt" ist, artikuliert FAZ-Herausgeber Berthold Kohler (unter Wiederverwendung der so geistreichen FAZ-Formulierung "Blogwart"): "Er ist transparent wie Milchglas. Er darf alles schreiben, posten und twittern, was ihm ein- und in die Hände fällt. Denn wenn ihm einer krumm oder gar mit dem Staatsanwalt kommt, muss er nur "Angriff auf die Pressefreiheit!" schreien, dann haben die Politiker bis hinauf ins Bundeskabinett schon die Hosen voll, noch bevor der Shitstorm losbricht." Noch mehr Ekel vor dem Bürger, der sich anmaßt, selbst zu denken, hier und hier. Mehr auch im Altpapier.

Im Interview mit der NZZ möchte der Informationsethiker Luciano Floridi zwar keine Zensur, um die digitalen Medien an die Kandare zu nehmen, die seiner Ansicht nach zu viele Enthauptungsvideos zeigen, aber doch "neue rechtliche Strukturen" und "neue ethische Normen, die unabhängig von Gesetzen gelten. Gesetze verbieten gewisse Handlungen, aber es gibt auch Dinge, die wir nicht tun oder nicht tun sollten, weil es sich nicht gehört. Ich sähe gerne eine transatlantische ethische Debatte zu diesen Themen, die dann zu Gesetzen und eventuell zu anderen Geschäftsmodellen der besagten Medien führte."

Auch die Schriftstellerin Sarah Khan macht sich Sorgen darüber, was eine losgelassene Bevölkerung so alles mit ihrer Freiheit im Internet anstellen könnte. Hintergrund: Die Nachrichtenagentur AP hat ihr gesamtes Filmarchiv bei Youtube online gestellt, von 1895 bis heute. Sichten und auswerten sollen es die User, die dafür kostenlosen Zugang erhalten. Ein vergiftetes Geschenk, meint die Khan im Freitag und "eine gute Gelegenheit für all die Verschwörungstheoretiker und Schaumschläger da draußen: Sachliche Irreführungen sind für sie nun, bildhaft untermauert, leichter herzustellen". Als Beispiel nennt sie das Video von Elisabeth II., die als Kind den Hitlergruß nachahmt. "Wie reagierte das AP Archive? Es präsentierte prompt eine Playlist mit weiteren erstaunlichen Hiltergrüßen der 1930er Jahre: Schaut mal, will uns jene Playlist sagen, von den Eisbären im Münchner Zoo (1934) bis zum englischen Fußballteam (1936) erbot die Welt dem späteren Massenmörder und Kriegsverbrecher Hitler den Arm zum Gruße. ... Viele Medien übernahmen nun tatsächlich die Narration von der "gewissen Normalität" des Hitlergrußes in den 1930er Jahren."
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Gesellschaft

"Was war Kreuzberg in den achtziger Jahren?", fragen Nina Apin und Astrid Geisler in der taz den Sozialpädagogen Christian Spoden, und der antwortet: "Ein Jagdrevier. Es lockte sogar Pädophile aus dem Ausland an. Die Täter nutzten die Naivität und den Zeitgeist aus... Die Täter gaben sich als Pädagogen aus, gingen dorthin, wo sie mit ihrem Bedürfnis nach Körperkontakt und Nacktheit nicht auffielen. Ins Schwimmbad, in alternative Projekte - oder zu den Pfadfindern. Nacktheit hatte ja damals auch einen größeren Stellenwert im Alternativmilieu. Ich erinnere mich, dass ein Täter so dreist war, beim Bezirk eine Pflegestelle für Kinder zu beantragen. Und wir wissen bis jetzt überhaupt nicht, wie viele Kinder in dieser Zeit in Pflegefamilien missbraucht wurden."

In Deutschland arbeiten relativ gesehen mehr Frauen als in Frankreich, aber hinter der schönen Zahl verbirgt sich eine unschöne Realität, meint die Soziologin Michaela Kreyenfeld in der FAZ: "Geschönt wird die Statistik zum Beispiel dadurch, dass Deutschland eines der Länder mit den geringsten Geburtenraten in Europa ist. Allein in Westdeutschland bleiben mehr als zwanzig Prozent der Frauen kinderlos. Haben Frauen keine Kinder, sind sie zumeist erwerbstätig."
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