Efeu - Die Kulturrundschau

Die Kunstwelt entschärft das furchtbare Objekt

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07.08.2015. Die FAZ lernt, dass Gewalt stärker ist als Kunst. Die NZZ lässt sich von Filmcutter Walter Murch erklären, warum Flaubert und Beethoven Väter des Films sind. In der SZ hat die Mezzosopranistin Elisabeth Kullman keine Lust mehr, der Selbstfindung von Regisseuren zu dienen. Der Standard tanzt Dabke mit Omar Souleyman.

Kunst


James Bridle, DRONE SHADOW, laufendes Projekt, Realisierung nach Vorlage eines Drohnenschattens, Installationsansicht, Foto: Timo Ohler / Kunst Werke

Ihren Ansprüchen, Gewalt und deren Darstellung künstlerisch zu reflektieren, wird die Ausstellung "Fire and Forget - On Violence" in den Kunst-Werken in Berlin leider nicht gerecht, meint eine sichtlich enttäuschte Antje Stahl (FAZ): Das Reflexionsniveau bleibe weitgehend niedrig, stellt sie fest. So gebe es "sogar echte Granathülsen, arrangiert von dem Künstler Kris Martin, die hier goldschimmernd den Kunststatus einer Form behaupten, die anderswo Menschenleben zerstört. Einmal zum Kunstobjekt erklärt, "verstört" die Granathülse nicht und bricht mit keinerlei Sehgewohnheit, wie immer gern behauptet wird, im Gegenteil: Die Kunstwelt entschärft das furchtbare Objekt."

Mark Siemons unterhält sich für die FAZ mit dem gerade durch Deutschland reisenden Künstler Ai Weiwei unter anderem über das Gerücht, Ai Weiwei habe sich mit seinen Überwachern über Kunsttheorie unterhalten: Er "sagt, die Gespräche mit den chinesischen Staatsvertretern in den vergangenen Jahren hätten ihm geholfen, das besser zu verstehen, was er selbst Kunst nenne. Auf die Frage, ob er sich mit den Polizisten tatsächlich über Kunsttheorie gestritten habe, sagt er: "Ich bin nicht befugt, irgendwem zu erklären, was zeitgenössische Kunst ist. Aber ich bin daran interessiert herauszufinden, was ein neuer Ausdruck und eine neue Kommunikation zwischen Menschen und Bevölkerungsgruppen sein kann.""

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe darüber, was der Ai Weiwei mit seiner neu erlangten Reisefreiheit eigentlich so vorhabe. Bei der achten Momentum-Biennale in Moss betrachtet Sabine B. Vogel für die Presse Tunnelvisionen von 25 Künstlern.

Besprochen werden Danh Vos Ausstellung im Museum Ludwig in Köln (FR), die Ausstellung "Glory Hole" im Salzburger Kunstverein (Standard) und das Festival "Höhenrausch - Das Geheimnis der Vögel" im OÖ Kulturquartier in Linz (taz).
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Film

In Paris sorgt die Indizierung von Garpard Noés neuestem Film "Love", der wegen Sex erst ab 18 zugelassen ist, für Diskussionen. Kulturministerin Fleur Pellerin interveniert bereits beim Conseil d"Etat, um das Verbot zu lockern. Jean-Jacques Aillagon, ehemaliger Kulturminister, twittert:



In einem schönen kleinen Porträt stellt NZZ-Autor Martin Walder den preisgekrönten Filmcutter der New-Hollywood-Regisseure Walter Murch vor, den er in Locarno als Filmphilosoph erlebte, der Flaubert und Beethoven zu den geistigen Vätern des Films erklärte: "Da war einerseits Flaubert, dessen literarischer Realismus dem unscheinbaren Detail metaphorische Bedeutung abgerungen hat. Genau davon lebt auch die Filmmontage. Auf der andern Seite erschloss Beethoven im energischen Erweitern, Verkürzen und Verwandeln der rhythmischen und orchestralen Struktur der Musik neue emotionale Räume. Auch dies ist für den Filmschnitt konstitutiv."

Anlässlich von Dietrich Brüggemanns Rassismus-Komödie "Heil" überlegt der Sozialwissenschaftler David Begrich im Gespräch mit Matthias Dell vom Freitag, warum filmische Auseinandersetzungen mit Nazis oft mit tradierten Klischees hantieren, die von der Realität längst überholt sind: "Interessant wäre der Versuch, nicht die Tumbheit des Ressentiments vorzuführen, sondern die Härte und Authentizität neonazistischer Ideologie zu bebildern. Nazis sind Mörder, keine angemalten Playmobil-Figuren. So was kann man zeigen. Möglichst nah dran an deren Selbstbildern, um dann die Ästhetisierung der Gewalt zu brechen."

FR-Fernsehkritiker Harald Keller empfiehlt den bereits 2012 in der Prä-Snowden-Ära entstandenen, erstaunlich hellsichtigen Arte-Vierteiler "Secret State" (hier in der Mediathek), der für ihn in der besten Tradition britischer, vor brisanten Stoffen nicht zurückschreckender Fernsehkost steht: "Es ist diese Art von intervenierender, zeitgenössischer Fernseherzählung, an der in Deutschland Mangel herrscht. ... Kommende [deutsche] Serien wie "Deutschland 83", "Sedwitz", "Babylon Berlin" haben gemeinsam, dass sie den Blick teils weit in die Vergangenheit richten."

Außerdem: Im neuesten Podcast von critic.de unterhalten sich die Filmkritiker Lukas Foerster, Frédéric Jaeger, Nino Klingler, Ekkehard Knörer und Cristina Nord über aktuelle Kinofilme. Jan Küveler berichtet für die Welt von der Gamescom in Köln. In Rom widmete sich eine Tagung dem Giallo, dem italischen Thriller der 60er und 70er Jahre, berichtet Ulrich Mannes auf artecock. Dunja Bialas (artechock) resümiert die 63. Filmkunstwochen, bei denen es auch Scopitones, Vorläufer der Musikvideos also, zu sehen gab. Die waren zum Teil hübsch exotisch, wie man hier sehen kann:



Besprochen werden Christopher McQuarries "Mission Impossible 5" (taz, Perlentaucher), Alexandre Ajas Horrorfilm "Horns" mit Daniel Radcliffe (Perlentaucher), der Thriller "True Story" mit Jonah Hill und James Franco (FR, artechock), Mark Monheims Coming-of-Age-Komödie "About A Girl" (Tagesspiegel, FR), Gustavo Tarettos Frauenkomödie "Las Insoladas" (Tagesspiegel) und Isabel Coixets Führerscheinkurs-Komödie "Learning to Drive" mit Ben Kingsley (Tagesspiegel, Welt).
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Literatur

Georg Kohler schreibt in der NZZ zum 90sten Geburtstag der Ezra-Pound-Tochter und Dichterin Mary de Rachewiltz. Laila Oudray schaut sich für die taz in der Welt der Slash-Fiction um, einer homoerotisch aufgeladenen Form von Fan-Fiction, die sich unter anderem genüsslich ausmalt, wie es Sherlock Holmes und Dr. Watson miteinander treiben. Seinem Anspruch zum Trotz ist Michael Endes "Jim Knopf", der vor 55 Jahren veröffentlicht wurde, kein antirassistisches Werk, findet Lalon Sander in der taz. Marco Stahlhut porträtiert in der FAZ den indonesischen Meinungsforscher, Politikerberater, Philanthropen, Internet-Star, Mäzen und darüberhinaus auch noch Schriftsteller Denny JA.

Besprochen werden Hanif Kureishis "Das letzte Wort" (Tagesspiegel), Philippe Jaccottets "Sonnenflecken. Schattenflecken" (Zeit), Oliver Sacks" Autobiografie "On the Move" (Zeit), Dana Grigorceas "Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit" (FR), Peter Høegs "Der Susan Effekt" (Berliner Zeitung) und die Erinnerungen des französischen Althistoriker Paul Veyne (NZZ).
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Bühne

Die Mezzosopranistin Elisabeth Kullman erklärt im Gespräch mit der SZ, warum sie für szenische Auftritte nicht mehr zur Verfügung stehen will: "Sänger hätten im Theater fast keinen Spielraum mehr, weil ihnen alles vorgeschrieben werde. Ihr kreatives Potenzial komme kaum zum Ausdruck. ... Oft sei es leider so, dass die Proben mehr der Selbstfindung des Regisseurs als der Verwirklichung des Werks dienten. "Für mich war das immer sehr belastend, sieben Wochen jeden Tag sechs bis acht Stunden zu proben. Zur Premiere bin ich dann leer, nicht nur körperlich kaputt, sondern auch innerlich, seelisch leer.""

Außerdem: Beim Auftakt zum Sommerfestival in der Hamburger Kampnagelfabrik musste Welt-Kritiker Stefan Grund erst eine museale Stunde mit "Available Light" von Lucinda Childs absitzen, bevor es mit Douglas Gordons Videoinstallation "End of Civilisation" interessant wurde.

Besprochen werden Claus Guths Salzburger "Fidelio"-Inszenierung (FR, mehr in unserer gestrigen Kulturrundschau).
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Musik

Christian Schachinger stellt im Standard den syrischen Weltmusikstar Omar Souleyman und dessen neues Album "Bahdeni Nami" vor. Dabke-Tanzmusik ist sein Ding: "Bei hoher Geschwindigkeit ... wird hier mit einem Mann hinter zwei wie ein Krummhorn im Hormonrausch quäkenden Billigsdorfersynthesizern und Gästen an Oud, Saz oder diverser Perkussion zu wogenden und schwingenden Beats Dabke-Musik produziert. ... Ein Duracell-Hase auf Speed malträtiert die Alleinunterhalter-Orgel. Darüber gibt ein mit kehliger Stimme auf Arabisch und Kurdisch vortragender Sänger im Frage-Antwort-Dialog mit den Melodieinstrumenten den Liebesboten und forschen Tanzdiktator."

Die vom Goethe-Institut ermöglichte "Geniale Dilletanten"-Schau im Münchner Haus der Kunst über den deutschen Punk- und NDW-Underground der frühen 80er Jahre findet auch Jesper Petzke (Jungle World) aus vielen, bereits von seinen Kollegen genannten Gründen nicht geglückt. Hinzu kommt bei ihm aber noch, dass es der Ausstellung auch nicht gelinge, ihren durch den Nationalsozialismus einschlägig vorbelasteten Ausstellungsort zu reflektieren: "Es spricht nicht für die Konzeption der Schau, wenn Gabi Delgado-López von D.A.F. den Mussolini tanzt und die Protagonisten in einem eigens produzierten Interviewfilm ihre Verwendung der deutschen Sprache explizit nicht als Hinwendung zu einer Nationalkultur bezeichnen, die damit begonnene Hinterfragung der deutschen Nation aber im musealen Kontext nicht fortgeführt wird."

Weitere Artikel: In der taz macht sich Tim Caspar Boehme angesichts kaum mehr messbarer Absätze von Klassik-CDs in den USA Sorgen um den Fortbestand der Klassik-Abteilungen der Majorlabels. Eric Pfeil verzieht sich ins dunkle Stübchen und frönt süßen Italo-Soundtracks, wie er in seinem Poptagebuch beim Rolling Stone berichtet. Malte Hemmerich berichtet in der SZ von der Bachwoche in Ansbach. Im Tagesspiegel berichtet Gregor Dotzauer vom Auftakt des Jazz- und Improvisationsfestivals "A l"arme" in Berlin.

Besprochen werden zwei neue CD-Editionen mit Martha Argerich (NZZ), eine neue Aufnahme von Bachs h-Moll-Messe (NZZ), Laura Cannells neues Album "Beneath Swooping Talons" (The Quietus, hier eine Hörprobe), das neue Album "Ygg Hurr" der Postrock-Blackmetal-Band Krallice (Pitchfork), das neue Album von Tame Impala (taz), die von Jens Balzer herausgegebenen "Tocotronic-Chroniken" (Skug), das zweite Album der Band Gloria, hinter der sich TV-Ulkmeister Klaas Heufer-Umlauf und Wir sind Helden-Bassist Mark Tavassol verbergen (taz), das neue Album der Maccabees (taz) und ein Konzert von Mick Harvey (taz).
Archiv: Musik