Efeu - Die Kulturrundschau

Polyfones Spiel der Stimmen

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03.07.2015. Klagenfurt hat einen ersten Favoriten: Nora Gomringer, die Nora Bossong als Journalistin einen Selbstmord recherchieren lässt. Die FAZ hätte sich mehr Sinnlichkeit in der "Homosexulität_en"-Ausstellung gewünscht. Die Hochkultur zeigt gerade mehr soziales Engagement als Pop, stellt Kurator Christoph Gurk in der taz fest. Die Jungle World feiert das Noise-Album von Helm. Die NZZ bewundert Barbara Hannigans Dirigierkunst.

Literatur

In Klagenfurt hat das Wettlesen um den Bachmannpreis begonnen. Ein erster Favorit war Nora Gomringers Text, eine Persiflage auf eine journalistische Reportage, erzählt ein beeindruckter Roman Bucheli in der NZZ: Die Hauptfigur, die tatsächlich existierende Schriftstellerin Nora Bossong, untersucht den Selbstmord eines Jugendlichen und interviewt dazu im Mietshaus des Toten die Bewohner. Dabei trifft sie "auf die seltsamsten Menschen und deren widersprüchlichste Empfindungen. Aus einem vollkommen irrwitzigen polyfonen Spiel der Stimmen geht allmählich dies hervor: Irgendwie haben sie alle den Jugendlichen in den Abgrund getrieben; sie sind der Abgrund, in den der Jugendliche gesprungen ist. Aber die Autorin macht auch die recherchierende Journalistin mit ihrem halb besorgten, halb voyeuristischen Interesse zur Komplizin der Ereignisse - und sie zwingt zuletzt die Leser bzw. die Klagenfurter Zuhörer in die Rolle der Mittäter oder Mitschuldigen, da sie gleichsam an der Entstehung des Textes beteiligt sind: denn erkennbar nur für sie ist dieser Text gerade auch mit seiner vordergründigen Komik verfasst worden."

Auch tazlerin Annabelle Seubert war hingerissen: Nora Gomringer trägt "ihren Text [mit einer Wucht] vor, dass es Bravo-Rufe gibt und der Applaus euphorischer wird als man es für möglich halten würde in diesem stickigen Raum, die Strahlerhitze prallt von oben, die Sommerhitze von außen." Hier die Aufnahme. Und die echte Nora Bossong? Die lacht sich dazu eins. Weitere Berichte in Tagessspiegel und FR. Und hier sämtliche Videoaufnahmen aus Klagenfurt. Und mehr unter dem Hashtag #tddl.

Hier Folge 3 von Wolfgang Tischers Literaturcafé-Podcast aus Klagenfurt:



Verlorene Illusionen beklagt Literaturblogger Fabian Thomas (The Daily Frown) über das eigene Genre: "Literaturblogger leiden unter Gefallsucht: Statt sich als Rezensenten ernst zu nehmen und souverän gegenüber ihrem Gegenstand zu verhalten, wird vertaggt und verlinkt, was das Zeug hält - damit der Verlag ja mitbekommt, was man Schönes über seine Neuerscheinung geschrieben hat. Schließlich muss ja auch Dankbarkeit für das kostenlose Rezensionsexemplar bezeugt werden!" Mara Giese von Buzzaldrins und Birgit von Sätze und Schätze antworten hier und hier.

Nicht viel besser geht es bei den etablierten Kritikern zu, wie die Journalistin Dana Buchzik im Perlentaucher über Wolfram Schüttes Aufruf zu einem Online-Literaturmagazin schreibt: "Die Etablierten sind mit mindestens drei Viertel des Betriebs freundschaftlich verbandelt, werden zu allen Messepartys eingeladen, essen mit den Verlegern Hirschbraten in gediegenen Etablissements und sprechen dabei betroffen über die Verlagskrise, die dringend Einsparungen notwendig macht, etwa bei Volontärsgehältern oder Honoraren für freie Mitarbeiter." Buchzik macht in ihrem Beitrag zu Schüttes Idee den Community-Gedanken stark: "Leser, die sich beteiligen, die produktiv an "ihrer" Zeitung mitwirken und sie als Mehrwert im eigenen Alltag erleben, sind auch bereit, für diesen Mehrwert zu bezahlen."

Weitere Artikel: Für die taz berichtet Canset Icpinar von seinem Treffen mit dem türkischen Schriftsteller Emrah Serbes, der mit seinem neuen Roman eine Hommage an die Gezi-Bewegung geschrieben hat. Kreisch, Jubel, Tirilier: Lars von Törne (Tagesspiegel) freut sich auf die Eröffnung des ersten deutschen Comicmuseums in Schwarzenbach a.d. Saale. Michael Ebmeyer berichtet in der Welt von einem Münchner Lyrikabend mit Pep Guardiola. Der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson wird mit dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet, meldet die NZZ.

Besprochen wird Andrea Gersters Roman "Verlangen nach mehr" (NZZ).
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Architektur

Andrea Köhler besucht für die NZZ in New York den Architekten Santiago Calatrava, der dort gerade unter Beschuss liegt wegen des verzögerten und immer teurer werdenden World Trade Center Transportation Hub. Immerhin werden die New Yorker Ende des Jahres diesen Bahnhof vorzuweisen haben:



Bsprochen wird eine Schau zum Werk der Architekten Durisch & Nolli, in deren Mittelpunkt das von ihnen entworfene Kunstzentrum von Chiasso steht (NZZ).
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Design

Dagny Lüdemann hat für das ZeitMagazin die Gaultier-Ausstellung in Paris besucht, die ab Herbst auch in München zu sehen sein wird.
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Stichwörter: Jean-Paul Gaultier

Kunst

Für Andreas Kilbs Geschmack ist die Ausstellung "Homosexulität_en" im Deutschen Historischen Museum eigentlich viel zu zerstreut und puzzle-artig geraten. Erst mit der Kunst entwickele die Ausstellung fokussierte Intensität, schreibt er in der FAZ. So etwa in der Performance "Becoming an Image" von Heather Cassils: "Die Tonspur zu der Aktion wird über Lautsprecher eingespielt: Keuchen, Stampfen, Stöhnen, Schreien. Cassils, die ihren Körper durch Steroide und Krafttraining in männliche Formen gepresst hat, durfte auch das Ausstellungsplakat gestalten. Es zeigt die androgyne Provokation unserer Zeit: den Athleten als sexuell frei flottierendes Wesen. Was die Ausstellung selbst an Sinnlichkeit vermissen lässt, wird in dieser Homo-Herme Ereignis."

Außerdem: Fast hundert Jahre hat es gedauert, bis Aix en Provence, Geburtsort Paul Cézannes, seinen berühmten Sohn zu würdigen wusste. Und jetzt, wo sie endlich so weit ist, hat die Stadt nicht mal das Geld, das Herrenhaus der Familie zu sanieren, berichtet Peter Kropmanns in der NZZ.

Besprochen werden im Sprengelmuseum in Hannover ausgestellte Fotografien von Andrzej Steinbach, die sich laut Maik Schlüter (taz) "am besten mit eindeutiger Uneindeutigkeit beschreiben" lassen, Pipilotti Rists Ausstellung "Du wirst sorglos sein" in der Kestnergesellschaft in Hannover (SZ) und die diversen Cranach-Ausstellungen in und um Wittenberg (SZ).
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Film

Das Berliner Zeughaus zeigt eine Reihe von Hollywoodfilmen, die im "Dritten Reich" den Sprung nach Deutschland geschafft haben, berichtet Claus Löser in der Berliner Zeitung (dort nicht online, vom Autor aber auf Facebook eingestellt). Im Gespräch für das ZeitMagazin gesteht Mads Mikkelsen Anne Kemper seine aus Jugendtagen bis heute anhaltende Verehrung für Bruce Lee.

Besprochen werden Severin Fialas und Veronika Franz" "Ich seh ich seh" (Tagesspiegel, Perlentaucher, FAZ), Kiki Allgeiers Kinodokumentation "Seht mich verschwinden" über das magersüchtige Model Isabelle Caro (Welt), Jafar Panahis Film "Taxi Teheran" (NZZ), das Porträt "Der Papst ist kein Jeansboy" über den großartigen Hermes Phettberg (Tagesspiegel), Miguel Gomes" beim Filmfest München gezeigten "Arabian Nights" (SZ) und der Animationsfilm "Minions 3D" (Tagesspiegel).
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Bühne

An der Volksbühne und am Hebbel am Ufer hatte Kurator Christoph Gurk seinen Anteil daran, dass Pop sehr selbstverständlich heute auch im Theater einen Raum findet. Im taz-Gespräch wundert er sich allerdings über den Mangel an sozialem Engagement im Pop in Zeiten der Politisierung der Künste: "Lustigerweise ist es wirklich eher die subventionierte Hochkultur, die in die Sphäre des Realpolitischen hineinwirkt. Dabei ist doch gerade Popmusik, schon von ihrer Entstehungsgeschichte her, nur als diasporische Kultur zu verstehen, als eine Folge von Kolonialismus und Verschleppung. Es ist schon verwunderlich, dass dieses Segment, zumindest hierzulande und in dieser Stadt, so stumm im Hinblick auf die Flüchtlingspolitik bleibt. Berlin könnte in dieser Hinsicht von Hamburg lernen."

Weitere Artikel: Peter Theiler wird neuer Intendant der Semperoper: braver Mann, sehr solide, meint Welt-Redakteur Manuel Brug in seinem Blog, "aber dieses wunderbare Musiktheater hätte einen glanzvolleren, international strahlkräftigeren Intendanten verdient." Im Tagesspiegel bringt Sandra Luzina Hintergründe zum Berliner Ballettstreik.

Besprochen werden Sasha Waltz" Inszenierung von Monteverdis "Orfeo" an der Berliner Staatsoper ("Verschmelzung kann echt öde sein", stöhnt Ulrich ling im Tagesspiegel, Berliner Zeitung) und Angélica Liddells bei den "Foreign Affairs" in Berlin aufgeführte Performance "You Are My Destiny" (Tagesspiegel).
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Musik

Max Nyffeler empfiehlt in der NZZ Barbara Seilers DVD-Filmporträt der kanadischen Sängerin und Bühnenkünstlerin Barbara Hannigan, die seit kurzem auch dirigiert - und das, angesichts des autoritären Herumgefuchtels vieler männlicher Dirigenten, mit beträchtlichem subversiven Potential, so Nyffeler: "In der einleitenden Rossini-Ouvertüre lässt Barbara Hannigan die Musiker weitgehend frei spielen. Anstatt den Takt zu schlagen, modelliert sie - im ärmellosen Kleid auftretend - den Klang mit beiden Armen und Händen und liefert stets im richtigen Moment den energetischen Impuls. Die Gestik ist reduziert, der Blickkontakt animierend. Es sieht aus, als ob sie innerlich mitsinge."

Luke Younger hat sich mit dem neuen Album "Olympic Mess" seines Noiseprojekts Helm nicht, wie viele seiner Genre-Mitstreiter, in Richtung Krawalltechno entwickelt, sondern ein ganz im Gegenteil "präzise und filigran komponiertes" Werk vorgelegt, lobt Niklas Dommaschk in der Jungle World. Für die Veröffentlichung zeichnet das Berliner Label PAN verantwortlich, das Philipp Weichenrieder in der taz vorstellt: Das Label sorge "mit einer unverwechselbaren Klangsignatur für Aufsehen. PAN gelingt der Spagat zwischen Clubmusik und Klangkunst. Mit seinem Ansatz bleibt das Label in beiden Sphären Außenseiter." Hier eine Hörprobe aus "Olympic Mess":



Weitere Artikel: In der Jungle World spricht Christina Mohr mit dem Fotografen Paul Zone, der einen Band mit Fotografien des New Yorker Punk- und Glam-Undergrounds der 70er Jahre veröffentlicht hat (einige Kostproben daraus hier). Für The Quietus hat Ben Graham ein Gespräch mit Hans-Joachim Irmler (Faust) und Jaki Liebezeit (Can) geführt. Für Pitchfork spricht Meaghan Garvey mit Miguel. Hakan Tanriverdi klickt sich durch Apples neuen, als Konkurrent zu Spotify in Position gebrachten Streamingservice und freut sich: "Die Tipps werden nicht von einem Computer ausgewertet, sondern eben von Menschen." In der Welt denkt Michael Pilz über den Zustand der deutschen Popmusik nach, wenn Heino und Helene Fischer die Ästhetik der Toten Hosen oder Rammsteins benutzen und Till Lindemann plötzlich Englisch singt.

Besprochen werden die vorletzte Folge von Mozarts Klaviersonaten, die der Pianist Kristian Bezuidenhout auf historischen Hammerklavieren einspielt (NZZ), die Compilation "Art&Sound: Sounds of the Universe 2012-2015" (taz), das Album "Invisible Joy" der Polyversal Souls (Tagesspiegel) und Konzerte von Gregory Porter (Berliner Zeitung), Bobby McFerrin und Pianist Chick Corea (Tagesspiegel) sowie der Alabama Shakes (FAZ).

Wie anders Mozart auf Hammerklavier klingt, kann man hier bei der Fantasie in d (KV 397) nachvollziehen:

Archiv: Musik