9punkt - Die Debattenrundschau

Das Ypsilon im Landesnamen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.06.2015. Touristen sollten künftig keine Wahrzeichen mehr fotografieren, die urheberrechtlich geschützt sein könnten, warnt Zeit online. Ein anonymer Autor erzählt auf Vice, was es heißt, als Schwuler in Russland zu leben. Courtney Love twittert aus einem Uber-Auto, das von wütenden Pariser Taxifahrern attackiert wurde. Die FAZ sehnt sich nach ein bisschen Transparenz in öffentlich-rechtlichen Sendern.

Urheberrecht


Die Londoner Skyline, urheberrechtskonform geschwärzt. (Foto: Nico Trinkhaus, CC BY-ND)

Müssen Touristen künftig Franco Stella um Erlaubnis bitten, wenn sie ein Foto vom Berliner Stadtschloss auf Facebook posten wollen? In einem Report des Europaparlamentes zur anstehenden Urheberrechtsreform wird die Panoramafreiheit angegriffen - also das Recht, öffentliche Gebäude oder Kunst fotografieren und die Aufnahmen anschließend verwerten zu können, berichtet Torsten Kleinz auf Zeit digital: ""Das Europaparlament vertritt die Auffassung, dass die gewerbliche Nutzung von Fotografien, Videomaterial oder anderen Abbildungen von Werken, die dauerhaft an physischen öffentlichen Orten platziert sind, immer an die vorherige Einwilligung der Urheber oder sonstigen Bevollmächtigten geknüpft sein sollte", heißt es in dem Text... Für Deutschland, Großbritannien und viele andere europäische Länder wäre dies ein erheblicher Rückschritt: Wer sich auf öffentlichem Grund befindet, hat hierzulande relativ freie Wahl, was er fotografiert und kann diese Bilder - auch gewerblich - publizieren." Der Fotograf Nico Trinkhaus hat schon eine Petition zur Rettung der Panoramafreiheit initiiert, die hier unterzeichnet werden kann.
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Gesellschaft

Das Bild, das in deutschen Schulbüchern von Israel vermittelt wird, ist in verzerrendem Maße vom Nahostkonflikt geprägt, der darüber hinaus nicht ausreichend kontextualisiert wird, stellt die Deutsch-Israelische Schulbuchkommission in einem Bericht (hier im pdf) fest, den Ulrich Gutmair in der taz zusammenfasst: "Diese Fokussierung ist nicht den Vorlieben der Redakteure und Autoren der Schulbuchverlage geschuldet, sondern ergibt sich aus den Vorgaben der Lehrpläne, in denen, so sagen die Wissenschaftler, Israel außerdem zu wenig ausführlich behandelt wird. Der Bericht beklagt daher eine "teleologische Engführung" auf eine angebliche "Spirale der Gewalt" genauso wie ein oft wiederkehrendes "resignatives Postulat eines unlösbaren Konflikts"."

(Via Buchmarkt) André Pleintinger übersetzt auf seinem Blog einen Medium-Artikel Hugh McGuires, der an sich selbst eine wahrscheinlich nicht nur ihn betreffende Unfähigkeit zu Lesen feststellt - aus Mangel an Konzentration und ständig zur Verfügung stehender digitaler Ablenkung. "Ich habe dieses Verhaltensmuster nun seit einer ganzen Weile beobachtet. Die Liste der zu Ende gelesenen Bücher war noch niemals so kurz wie im letzten Jahr. Absolut entmutigend, insbesondere weil mein Berufsleben sich um Bücher dreht: Ich launchte LibriVox (freie Public Domain Hörbücher) und Pressbooks (Online-Plattform für die Erstellung von Print- und E-Books), und ich war Mitherausgeber eines Buches über die Zukunft von Büchern. Ich habe mein Leben den Büchern gewidmet, ich glaube an sie, doch ich war nicht mehr in der Lage, sie zu lesen."

Ein anonymer Autor erzählt auf Vice, was es heißt, als Schwuler in Russland zu leben - unter anderem musste er seinen Beruf als Lehrer aufgeben, als seine sexuelle Orientierung bekannt wurde. Die Schulen spielen bei dem Thema eine wichtige Rolle: "Ich glaube, das ganze Schulsystem ist darauf ausgelegt, Schwule als etwas Anderes und Abartiges zu stigmatisieren. Kinder sollen nicht lernen, dass Menschen gleich sind, sondern dass der heterosexuelle Weg der "richtige" und der homosexuelle der "falsche", der kranke ist. Außerdem sollen Männer und Frauen möglichst jung heiraten. Ich kenne selbst viele Männer, die nur verheiratet waren, weil die Gesellschaft, die Familie, das Elternhaus es forderten."

Ein Reporter von Rue89 hat seinen ganzen Mut zusammengenommen und hat die streikenden Pariser Taxifahrer, die ein paar Uber-Autos angezündet und ein paar Uber-Fahrgäste zusammengeschlagen haben, gefragt, was sie selbst an ihrem Service verbessern würden - denn die französischen Taxifahrer sind berühmt für ihre Unfreundlichkeit und weigern sich häufig, Fahrgäste mitzunehmen, wenn sie nicht in die richtige Richtung wollen. Ihre Antworten: ""Wir müssen ein populäres Transportmittel bleiben. Es kommt nicht in Frage, dass wir den Fahrgästen die Türen öffnen." Oder: "Klar gibt es unfreundliche Taxifahrer, aber so etwas kommt in jedem Beruf vor." Und was die Bilder eines zusammengeschlagenen Uber-Fahrgasts in Lyon angeht: Da wollen sie Beweise sehen."

Inzwischen berühmt: Courtney Loves Tweet aus einem angegriffenen Uber-Auto:


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Geschichte

Gerade die Bayern sollten künftig wieder mehr Sympathie für Griechenland aufbringen, fordert Dirk Schümer in einem sehr launigen Welt-Artikel über die Geschichte und Umtriebe des deutschen Philhellenismus: "Der Schwärmerei jener Zeit verdanken wir nicht nur Klenzes neoklassizistische Großbauten in München und Athen, sondern auch so etwas Kurioses wie das Ypsilon im Landesnamen "Bayern" - das verordnete der gräkophile Monarch Ludwig I. seinen verdutzten Bauern und Beamten damals nämlich als Zeichen einer merkwürdigen panhellenenischen Solidarität." Auch damals gab es aber schon Kritiker, informiert Schümer und erinnert an den Autor Jakob Philipp Fallmerayer.

Heute vor siebzig Jahren beschlossen Delegierte von 50 Staaten nach knapp vierwöchigen Verhandlungen die Charta der Vereinten Nationen. Andreas Zumach erinnert in der taz an ihr Zustandekommen: "Zur am 2. Juni 1945 eröffneten Gründungskonferenz in San Francisco reisten die 49 ausländischen Delegationen sämtlich mit dem Schiff über New York an und weiter mit der Eisenbahn an die Westküste. Der US-Geheimdienst hörte sie bereits in den Zügen ab, sowie während der 25 Konferenztage rund um die Uhr in ihren Hotels. So war die US-Delegation immer bestens über die internen Diskussionen und Verhandlungspositionen der anderen 49 Delegationen informiert."
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Medien

Die öffentlich-rechtlichen Sender leben zwar von einer "Demokratieabgabe", aber sie schaffen nicht gern Transparenz darüber, wie sie sie ausgeben. Michael Hanfeld erzählt in der FAZ, dass es die Rechnungshöfe bei den Sendern sehr schwer haben (auch wenn sie jetzt durch den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags gestärkt werden), und er will mehr: "Im Grunde gehören alle Befunde und Rügen der Rechnungshöfe nicht nur in die Hände von Verwaltungsräten und Landespolitikern, sondern ohne Umschweife und vollständig an die Öffentlichkeit. Damit könnten die Sender ihre Glaubwürdigkeit stärken."

(Via turi2) Das wäre ja vielleicht auch eine Idee für die Sender: Die BBC räumt in ihren Radioprogrammen 27.000 Programmstunden frei, auf die sich unabhängige Produzenten bewerben können, meldet der Guardian.
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