9punkt - Die Debattenrundschau

Auf der Suche nach einem sanften Selbstbild

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.06.2015. In Berlin-Mitte zeichnet sich die bizarre Betonsilhouette der noch nackten Schloss-Attrappe ab. Heute ist Richtfest: die Feuilletons schwanken zwischen Feierlichkeit und Kritik. Die Welt verabschiedet ein Jahr nach dem Tod Frank Schirrmachers das Feuilleton als Schicksalsort der Debatte. Mit Grauen sehen die Medien zu, wie den MdBs die Gigabytes zwischen den Fingern zerrinnen. Die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk erzählt in freitext die Geschichte ihrer Urgroßväter.

Kulturpolitik


Die Kuppel ist inzwischen fast fertig. Das Foto hat micharl_be unter CC-Lizenz bei Flickr veröffentlicht.

Richtfest beim Humboldt-Forum. Die Feuilletons ziehen Bilanz. Sichtlich genossen hat Jens Bisky (SZ) den neuen, ungewohnten Blick auf Berlins Mitte, der sich ihm hier auf Berlin bot, sodass er fast schon gewillt ist zu sagen: "Hier bitte nichts ausstellen!" Um die zukünftige Einschätzung des Gebäudes macht er sich keine Sorgen: Künftigen Historikern könnte es dienlich sein, "die Mentalität der Berliner Republik zu erklären: überrascht von der Einheit, misstrauisch gegenüber Heilsversprechen und nationalem Auftrumpfen, auf der Suche nach einem sanften Selbstbild, unsicher in der Formgebung. Es wird wohl ein Monument des Hegemons, der keiner sein will, das Symbol einer Macht der Mitte, die auf die beschwichtigende Kraft der Kultur hofft und doch ahnt, dass sie dabei enttäuscht werden wird."

Auch Andreas Kilb (FAZ) findet nach einigen kulturpolitisch kritischen Einwänden über die "Dreiteilung der Nutzungsansprüche" zu einer versöhnlichen Position, die ihm vielleicht beim ebenfalls sehr faszinierten Blick aus dem Fenster gekommen ist: Man "blickt auf die Hauptstadt wie in ein Amphitheater: Die Museumsinsel, der Dom, der Fernsehturm am Alexanderplatz, das Nikolaiviertel, die Friedrichstadt, alles steht auf einmal am richtigen Platz, hat Maß und Proportion... Seinen Inhalt muss das Berliner Schloss erst noch finden, seine äußere Form hat es jetzt bekommen. Es steht nicht mehr zur Debatte. Es steht."

Kritischere Töne dagegen in der Welt: Rainer Haubrich hofft, dass der im Humboldt-Forum angestrebte "Dialog der Kulturen" nicht in ""One World"-Kitsch" ausarten möge: "Das Humboldt-Forum als Volkshochschule, in die man als "eurozentrischer, weißer Mann" hineingeht und als politisch korrektes Weltwesen wieder herauskommt?" Und Marcus Woeller ist mit der architektonischen Wirkung und Aussage nicht zufrieden: "Berlin bekommt ein Gebäude, das von drei Seiten so tut, als sei es ein Schloss, und von einer Seite offenbart, dass es keine Vorstellung hat, was es darüber hinaus sein könnte... Mit seiner Rückkehr hätte es mehr als die Nostalgie befriedigen müssen, sondern auch in die urbane Zukunft wirken können. Doch dort, wo sich das Schloss modern zeigt, etabliert es eine Ästhetik des Egalen."

"Auch wenn es unberlinisch klingt, sei heute mal gesagt: Es ist ein schöner Tag. Richtfest macht Freude", jauchzt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Ebenda unterhalten sich Christiane Peitz und Nicola Kuhn mit Bauherr Manfred Rettig. Für die SZ ist Lothar Müller zu den Museen nach Dahlem gefahren, deren Bestände schließlich ins Humboldt-Forum ziehen werden.

Internet

Das kalte Grausen packt Tomas Rudl bei der Rede, die Angela Merkel auf dem Wirtschaftstag 2015 gehalten hat und in der sie sich im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gegen Datenschutz und Netzneutralität ausspricht. Auf netzpolitik.org bringt Rudl ein Transkript der relevanten Passagen und stellt fest: "Argumente werden gedreht und gewendet, wie man sie gerade braucht: In Sachen Datenschutz müsse sich Europa an die USA angleichen, in Sachen Netzneutralität ignoriert Merkel jedoch freimütig die strengen Netzneutralitätsregeln, die in den USA seit Anfang des Jahres in Kraft sind - ohne, dass die Welt untergegangen wäre."

Twitter sollte sich noch mehr als bisher auf News konzentrieren, meint Farhad Manjoo in einem Blog der New York Times nach der Meldung, dass Dick Costolo von der Leitung des immer noch defizitären Dienstes zurücktritt und der Gründer Jack Dorsey neu wieder antritt: "Twitter leistet seinen Nutzern viele Dienste zugleich. Es ist eine der besten Quellen für Informationen und Witze über Informationen, ein Spielfeld für professioneles Networking und ein großer Hafen für einen der liebsten Zeitvertreibe der Menschheit: Klatsch."

Mathias Müller von Blumencron, Online-Chef der FAZ, wendet sich laut Horizont mit Verve gegen das Facebook-Angebot an Medien, direkt bei Facebook zu publizieren. Horizont zitiert: ""Wir könnten Zeugen sein, wie riesige hochprofitable Konzerne mit ihren unendlichen Profiten aufbrechen, um das zu tun, was bisher eigentlich der medialen Welt, wie wir sie kennen, vorbehalten war, und faktisch und genuin selbst zu Medien zu werden." Man habe Facebook als Interaktionskanal kennengelernt. "Nun plötzlich werden wir aufgefordert, für Facebook direkt zu produzieren, zu einer verlängerten Werkbank von Facebook zu werden.""
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Gesellschaft

Ian Buruma benennt in einem Project-Syndicate-Text in der Welt die altlinke Rhetorik, mit der die FIFA ihre Korruption in Afrika, der Karbik und Asien bemäntelte: "Das ist der irritierendste Aspekt der Fifa unter Sepp Blatter. Die Korruption, der Stimmenkauf, die nach internationalem Prestige dürstenden Fußball-Bosse, die sich mit Medaillen und Auszeichnungen dekoriert in die Brust werfen - all das ist nicht anders zu erwarten. Es ist die Heuchelei, die weh tut." Buruma vergisst allerdings zu erwähnen, dass nicht nur Sponsoren wie Coca Cola das System mit Millionen speisten, sondern auch die öffentlichen Fernsehkanäle vieler Länder.
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Stichwörter: Ian Buruma, FIFA

Ideen

Auf einer Doppelseite geht die FR heute in zwei Artikeln der Frage nach, wie der Zufall die Welt regiert. So regt Arno Widmann an, sich von der Vorstellung zu verabschieden, Geschichte werde von bewusst handelnden Personen gemacht: "Selbst wenn wir sagen können, zum Beispiel die Tagung der G7-Chefs auf Elmau sei bis ins kleinste Detail geplant gewesen, so wissen wir doch, dass nicht nur ein Meteoritenhagel, sondern schon ein überreiztes Nervensystem eines der Teilnehmer das Ganze zu einer Katastrophe hätte werden lassen können. Die Welt, wie sie ist, ist nicht nur ein Produkt dessen, was passiert, sondern noch mehr dessen, was alles nicht passiert."

Selbst die angeblich nach streng mathematischen Prinzipien mit Zahlen, Daten und Fakten operierende Wirtschaftswissenschaft beruht maßgeblich auf Glaubenssätzen und Dogmen, ergänzt der Medienwissenschaftler Jochen Hörisch im Gespräch mit Joachim Frank: "Sie reden von "Schulden", von der "Wert-Schöpfung" und vom "Erlös", von "Krediten" und "Gläubigern". Man trifft sich auf der "Messe". Und bei jedem Einkauf "wandelt" der Kunde ein bloßes Zeichen, den Geldschein, in eine echte Realität, die Ware. Der Theologe erkennt sofort die Parallele zur katholischen Transsubstantiationslehre, nach der im Zeichen des Brotes der Leib Christi gegenwärtig ist."
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Politik

Aktivisten fürchten, dass Raif Badawi heute zum zweiten Mal ausgepeitscht wird. Laut Urteil soll seine Strafe von tausend Peitschenhieben an zwanzig Freitagen vor einer Moschee verabreicht werden, berichtet Jason Burke im Guardian. "Human Rights Watch nimmt an, dass ein zweites Auspeitschen für den morgigen Freitag vorgesehen ist." Das Blog Resonanzboden veröffentlicht einen Text von Badawi - mehr in Efeu.
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Stichwörter: Raif Badawi, Saudi-Arabien

Geschichte

Die ukrainische Autorin Tanja Maljartschuk erzählt im Zeit.de-Blog freitext die Geschichte ihrer Urgroßväter. Der eine wurde von den Kommunisten umgebracht, der andere kämpfte auf der Seite der Nazis gegen die Kommunisten: "Viele seiner Landsleute kämpften noch bis in die fünfziger Jahre als Partisanen gegen das Sowjet-Regime. Sie saßen im Wald in einem Bunker und kamen nachts wie die Geister ins Dorf, um etwas zu essen. Als sie schließlich entdeckt und ermordet wurden, lagen ihre entstellten Körper noch zwei Wochen im Zentrum des Dorfes, bei der Molkerei, damit die anderen gut sehen konnten, was mit den Gegnern des Sowjet-Regimes passiert."
Archiv: Geschichte

Medien

Dirk Schümer, ehemals FAZ, heute Welt, schreibt (unter dem pathetischen Titel "Vermessung der Leere") zum ersten Todestag Frank Schirrmachers: "Ein Jahr nach Schirrmachers Tod gibt es sein Feuilleton als Schicksalsort nicht mehr. Im letzten Zeit Magazin findet sich die Einschätzung der FAZ als einer Zeitung, "deren Feuilletonisten Joachim Fest, Marcel Reich-Ranicki und Frank Schirrmacher jahrzehntelang die Debatten in Deutschland geprägt haben." Das Treffendste daran: das Perfekt "haben"."

(Via Meedia). Das Feuilleton-Blog Der Umblätterer hat ein nützliches Plakat mit den wichtigsten Textbausteinen Jakob Augsteins zu Frank Schirrmacher publiziert. In der SZ erkundet Claudia Tieschky, wie die Politiker die überschüssigen Zwangsgebühren für diie Öffentlich-Rechtlichen - schlappe 1,5 Milliarden Euro - ausgeben werden.
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Überwachung

Seit über vier Wochen ist der Bundestag Ziel eines Hackerangriffs, und solange es nicht gelingt, die Spähsoftware unschädlich zu machen, fließen weiter Daten aus dem Bundestagsnetz ab, berichten Annett Meiritz und Fabian Reinbold auf Spiegel Online: "Bislang abgeflossen sein sollen zwar lediglich Daten "in geringer zweistelliger Gigabyte-Größe", heißt es. Allerdings suchten die Angreifer wohl gezielt nach Systempasswörtern, Word-Dokumenten und lokal abgespeicherten E-Mails. Die Tür ist damit prinzipiell offen, um beliebige Systeme des Bundestages, die Zugangsdaten der Fraktionen, Abgeordneten und Bundestagsmitarbeiter auszuspähen, oder die Administratorenrechte an sich zu reißen."

So unklar wie die Zahl der infiltrierten Rechner - die Angaben schwanken zwischen 20.000 und 15 - ist die Frage, wer dem Bundestag aus dieser Lage helfen soll, schreibt Malte Kreutzfeldt in der taz: "Dass sich das Parlament beim Aufbau seines Computersystems komplett in die Abhängigkeit von Bundesbehörden wie dem Verfassungsschutz oder dem BSI begibt, dürfte auf Vorbehalte stoßen - schließlich ist die Gewaltenteilung zentral für die Demokratie. Und auf große US-Konzerne mag der deutsche Gesetzgeber in Zeiten der NSA-Abhöraffäre vermutlich auch nicht uneingeschränkt vertrauen." Ebenfalls in der taz listen Falk Steiner und Erik Peter noch einmal alle gesicherten Erkenntnisse über den Fall auf.

Wer hinter dem Angriff steht, ist momentan noch völlig offen, aber es gibt einen ersten Verdacht, meldet Lisa Caspari auf Zeit digital: "Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur mehren sich die Hinweise, dass der Hacker-Angriff aus Russland gesteuert wurde. Auch der Verfassungsschutz hält es für möglich, dass ein anderer Staat hinter der Attacke steckt. Er habe die Sorge, "dass es sich um einen Cyber-Angriff eines ausländischen Nachrichtendienstes handelt", sagte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen am Donnerstag." Dazu passt, dass auch die Spur des Hackerangriffs auf TV5Monde nach Russland zu führen scheint, wie L"Express informiert.

Unabhängig von der akuten Attacke wird heute im Bundestag über das "Gesetz zur Erhöhung der Sicherheit informationstechnischer Systeme" abgestimmt, berichtet Anna Biselli auf netzpolitik.org und argumentiert ausführlich, warum das Gesetz in seiner jetzigen Form unzureichend ist. Ihr Fazit: "IT-Sicherheit wird dadurch nicht erhöht, sondern simuliert."
Archiv: Überwachung